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Yasuko Imai (1)

Vor dem Tagesanbruch für Frauen
Ein sozialhistorischer Essay

Imai Yasuko

"Wenn wir nicht unsere eigene Geschichte studieren und über sie berichten, werden die Frauen in alle Ewigkeit in den verschiedenen Formen des Sklavendaseins gefangen bleiben und die mühsam erworbene Freiheit wieder verlieren".

Josephine Donovan: "Feministische Theorie"(2)


Die unterwürfigsten Frauen der Welt

In Japan gibt es eine extreme Männerherrschaft (danseishijô-shakai). Aber bemitleidenswert und für die heutige Zeit unbegreiflich nennt man die Situation der japanischen Frauen nur im Ausland. Wenige von ihnen bemerken, wie tiefgehend ihre Probleme sind. Das hat Gründe.

Edwin O. Reischauer berichtet, wie ihn in seiner Jugendzeit stark beeindruckt habe, daß die japanischen Ehefrauen der zwanziger Jahre einen Schritt hinter ihrem Mann gingen, als ob sie sich vor ihm fürchteten(3). Auch in der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre, die Zeit, in der mein Gedächtnis einsetzt, gingen die Frauen hinter ihren Ehemännern her.

Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es immer noch genug Frauen, die sofort nach einer mittleren Ausbildung einen Mann heirateten, den die Eltern aussuchten, Hausfrau wurden und selbstlose Hingabe (mushi no kenshin) für die höchste Tugend einer Frau hielten.

Viele junge Frauen von heute sind sicher der Meinung, daß wir Japanerinnen emanzipiert geworden sind, weil wir studieren, lieben und vor der Ehe berufstätig sind und daß wir mit dem Erreichten zufrieden sein könnten.

Aber waren sich denn die Frauen der zwanziger und dreißiger Jahre ihres Unglücks bewußt? Wahrscheinlich nicht. Diese Frauen verglichen ihre Situation nämlich mit jener in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, bevor die Modernisierung Japans begann.

Und die Frauen um 1870? Sie wiederum konnten sich noch an die eben erst zu Ende gegangene Edo-Zeit (1603-1868)(4) erinnern, in der die Lage der Frauen viel schlimmer war.

Der erste englische Botschafter, Alcock, der 1859 nach Japan kam, beklagte, daß man in Japan keine Frauen treffen könne außer Prostituierte und Frauen der Unterschicht - vor allen Dingen keine unverheirateten Mädchen(5). Wenn wir heute im Fernsehen sehen, daß in den islamischen Ländern auf den Straßen nur Männer sind, ist sicher vielen unbehaglich zumute. Vor 130 Jahren war es in Japan ebenso.

Daß die Japaner ein schwaches Gedächtnis für sie unangenehme Fakten der eigenen Geschichte haben, ist am Beispiel des Zweiten Weltkriegs ersichtlich. Der Standpunkt: „Bis zur Edo-Zeit war alles bestens", beherrscht daher derzeit die Wissenschaft, die Intellektuellen und die Massenmedien. Die Männer, die diese Bereiche im Griff haben und die Frauen, die ihnen glauben, bilden die Basis der erwähnten japanischen Männerherrschaft.

Der portugiesische Missionar Luis Frois landete 1563 in Japan und faßte den Unterschied zwischen der europäischen und der japanischen Kultur in einem kleinen Buch zusammen(6).

Die japanischen Frauen, wie er sie darstellte, zeigten sich freier als die zeitgenössischen europäischen Frauen. Während in Europa die jungen Frauen Wert auf ihre unbefleckte Ehre legten, schätzten die japanischen Frauen Jungfräulichkeit nicht hoch ein. In Europa gehöre der Besitz des Ehepaares beiden, in Japan aber besitze die Frau ihr eigenes Vermögen. Manchmal verleihe sie es mit hohen Zinsen an ihren Gatten. In Europa gehe der Mann vorne und die Frau hinter ihm, aber in Japan gehe die Frau vorne und der Mann hinter ihr. Undsoweiter.

Damit erfaßte Frois leider nur die letzten Lichter der eben zu Ende gehenden matrilinearen Gesellschaft (bokeishakai).

Die Gesetze, die im 15. und 16. Jahrhundert von den Militärkommandanten jeder Region beschlossen wurden, erwähnen ausdrücklich, daß die Tötung (satsugai) der Ehefrau und des Ehebrechers Pflicht der Familie des Ehemannes sei. Und auch das japanische Wort mekake, das die zweite Frau bezeichnet, kam im 16. Jahrhundert auf. Die heutigen Japaner glauben, mekake sei einfach die Geliebte des Mannes gewesen, aber sie gehörte innerhalb des Ehesystems zur Familie und lebte mit der Frau unter einem Dach.

Der spanische Kaufmann Avila Giron, der ebenfalls zu dieser Zeit in Japan lebte, berichtete, daß die Japaner eine Ehefrau töten könnten, wenn man nur beobachtet, wie sie mit einem anderen Mann spricht(7).

Ungefähr 20 Jahre später schreibt ein holländischer Kaufmann namens Francois Caron:

,,In Japan darf ein Mann, wenn er sieht, daß seine Frau mit einem anderen Mann in einem Zimmer mit geschlossener Tür ist, Mann und Frau töten, auch wenn gar nichts passiert ist".(8)

Im frühen 17. Jahrhundert hatte der Militärkommandant Ieyasu Tokugawa in Edo eine erbliche Regierung eingesetzt. Damit begann die 260 Jahre dauernde Edo-Zeit, und die Tokugawa-Verfassung trat in Kraft.

Diese machte Liebe für Frauen (onna no renai) zu einem Verbrechen, das der Ehemann, unabhängig von der sozialen Schicht, mit dem Tod bestrafen konnte.

Liebe war natürlich für verheiratete Frauen verboten, aber auch für Nebenfrauen, Witwen, unverheiratete Mädchen, Dienstmädchen, Prostituierte - kurzum, für alle Frauen.

Natürlich war es unmöglich, sexuelle Liebesgefühle bei Frauen auszurotten. Hinrichtungen, weil Frauen ihre Männer betrogen, wurden in der späteren Edo-Zeit seltener. Aber es kam immer noch vor. Vor allen Dingen war es einfach, das Verbot der geschlechtlichen Liebe von Frauen zu einem Verbot jeder Art von Widerstand der Frauen zu erweitern.

Zum Beispiel brachte um die Mitte des 18. Jahrhunderts ein Bauer seine Frau um, die ihm in Worten widersprochen hatte. Das Gericht gab dem Gatten recht.

Auf diese Art und Weise wurden die japanischen Frauen zu den ,,unterwürfigsten Frauen der Welt" (sekaiichi jûjunna onna) gemacht.

Die Welt von Mann und Frau wurde völlig getrennt. Eine normale Frau kam mit Männern nicht in Kontakt. ,,Die Männer sind draußen, die Frauen drinnen (otoko wa soto, onna wa uchi)". Diese Formulierung aus dem antiken China wurde in der Tokugawa-Zeit ein geflügeltes Wort unter den männlichen Intelektuellen. Dahinter standen konfuzianistische Meinungen über die Rolle von Mann und Frau und über das Verhältnis der Geschlechter. Sie dominierten damals und wirken bis heute nach.

Der Verfasser des Buches "Kagyôden" (Überlieferungen von Familienbetrieben)(9) schreibt in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts: Wenn außerhäusliche Arbeit für die Frauen im Dorf unvermeidlich sei, solle man vermeiden, daß ein Mann und eine Frau zu zweit arbeiten. Auf einer Darstellung in einem Lehrbuch für den Elementarunterrricht aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts ist folgende Szene abgebildet: Ein männlicher Lehrer unterrichtet kleine Kinder aus der Kaufmann-Schicht. Die Sitze der Knaben sind in der vorderen Hälfte des Klassenzimmers, die Sitze der Mädchen sind in der hinteren Hälfte. Das Bild ist mit dem Werbetext versehen: ,,Schulen Sie, liebe Eltern, Ihre Kinder unbesorgt bei uns ein, denn in dieser Schule sind die Mädchensitze und die Knabensitze durch einen Vorhang getrennt."(10)

Prostitutionsparadies

In Japan gab es ursprünglich keinerlei Philosophie oder Religion, die sexuelle Bedürfnisse unterdrückt oder kriminalisiert hätte.

Wenn in einem solchen Land die Frauen aus dem Blickfeld verschwinden, ist es leicht möglich, daß Frauen in der Vorstellung der Männer zu Wesen werden, die nur zur Erfüllung ihrer erotischen Bedürfnisse geschaffen sind.

Frauen einer Gesellschaft, die an sexuelle Freiheit gewöhnt ist, folgen - noch dazu unter äußerster Armut - schnell den Bedürfnissen der Männer.

Es war im 16. Jahrhundert, daß die Prostituierten (baishunfu) plötzlich im Vordergrund der japanischen Geschichte traten. Die Angehörigen des Militäradels (bushi) begannen, ihre Frauen und Nebenfrauen ins Haus einzusperren. Sie erfreuten sich sowohl in der Heimat wie im Krieg an Prostituierten, die auch singen, tanzen und musizieren konnten. Das waren die sogenannten geinin-shôfu (wörtlich: Künstlerinnen-Prostituierte). Gut kalkulierende Kaufleute forderten von den Behörden die Genehmigung für öffentliche Bordellstraßen.

Die Tokugawa-Regierung gestattete 1617 die Gründung eines öffentlichen Bordellviertels in Yoshiwara in Edo. Die Regierung dachte wohl, dadurch in Edo den Ort sexueller Freuden auf Yoshiwara begrenzen zu können, aber die Unterdrückung der Prostitution durch Gestattung der Prostitution ist in jedem Land eine absurde Politik ohne Aussicht auf Erfolg. In Edo war das eine besonders absurde Politik. Denn die Bevölkerung der frühen Edo-Zeit bestand zum Großteil aus Militär auf Dienstreise und pendelnden Kaufleuten und Bauern. Sogar noch um die Mitte des 18. Jahrhunderts betrug der Anteil der weiblichen Bevölkerung von Edo nur 35 Prozent. Eine Nacht mit einer Luxusprostituierten kostete anfangs in Yoshiwara soviel wie heute ein Auto.

Eine konzessionierte Prostituierte (kôshô) an einem solchen Ort anzubieten, ist so, wie wenn man ein Rudel verhungerter Wölfe den Geruch von Fleisch riechen läßt.

Die Lage wurde immer schlimmer, je mehr man in Edo die Jagd auf die Privat-Prostitution verstärkte. Während man die Prostituierten, die ihre Tätigkeit mit künstlerischen Darbietungen kaschierten, die geinin-shôfu, festnahm, tauchten in der Stadt Frauen auf, die in Bädern Prostitution machten. Überall in Edo schossen Bädern aus dem Boden.

In die Häuser der Samurai wurden außerdem normale Mädchen gerufen, die Instrumente spielten, sangen und tanzten und auf diese Weise die Prostituierten, die Kunstdarbietungen vorführten, imitierten. Das war die Geburtsstunde der geisha, die später zur "Repräsentantin" der japanischen Frau gemacht wurde!

Als die Regierung die Bäder verbot, verlagerte sich die Prostitution in Teehäuser und Restaurants. Als nächstes quollen die Hotels der Vorstädte von Frauen über, die zugleich Prostituierte und Zimmermädchen waren.

Die festgenommenen Geheimprostituierten wurden nach Yoshiwara geschickt. Durch das größere Angebot sank der Preis der öffentlichen Prostitution, und der Kreis der Konsumenten erweiterte sich schließlich bis zur Unterschicht.

Das Auffallendste am Prostitution-System der Edo-Zeit war dessen bemerkenswerte Quantität. Das führte dazu, daß Japaner unbewußt nicht nur Prostituierte, sondern jede Frau als sexuelles Objekt betrachten.

Zu Ende der Edo-Zeit soll es nur in Edo 60 000 Prostituierte (bei einer Bevölkerung von 600 - 700 000) gegeben haben.(11)

In Yoshiwara allein arbeiteten zu Ende der Edo-Zeit 5000 Prostituierte. Dieses Yoshiwara war ein winziger Fleck von 200-300 m in jede Himmelsrichtung. Auf die Zahl der Gäste weist unter anderem ein Bericht vom Oktober 1855 hin. Damals wurden die Bordelle provisorisch betrieben, weil Yoshiwara nach einem Erdbeben abgebrannt war. In vier Monaten besuchten das Bordellviertel fast 700 000 Männer. Solche ,,Prostitutionparadiese" gab es überall in Japan, auch in Dörfern und speziell entlang von Reiserouten.

Natürlich war nicht nur die große Zahl ein Problem, sondern auch die sozialen Verhältnisse, in denen die Prostituierten lebten. Die meisten von ihnen wurden von ihren Eltern in die Prostitution verkauft. Damit sich das Geld, das den Eltern gezahlt wurde, amortisierte, wurden die Mädchen ausgenützt und schlecht behandelt.

Die Leichen der Frauen, die mit dem Tod bestraft wurden, die sich umbrachten, die an Unterernährung und Krankheiten starben, wurden in den nächsten Tempel geschickt. Diese Tempel wurden nagekomidera (Wegwerf-Tempel) genannt. Ein solcher Tempel ist der Seikaku-ji-Tempel in Tôkyô. Die Knochen dort sind die Überrreste der schönen Frauen, die man auf den japanischen Holzschnitten (ukiyo-e) sieht.

Japaner tragen, wenn sie traditionell gekleidet sind, tabi genannte Socken. Ein Blick auf die ukiyo-e zeigt, daß konzessionierte Prosituierte (kôshô) und Animierdamen (geisha) der zweiten Hälfte der Edo-Zeit keine tabi trugen. Das war für sie verboten, auch im Winter. Auf diese Art und Weise mußten sie ihren besonderen Stand zeigen.

Es wußte also jeder Bescheid über die wahre Lage der Dinge. Aber wenn sich Menschen an etwas gewöhnt haben, hören sie auf, diesen Umstand als Unglück zu betrachten. Derzeit ist in Japan die Meinung gängig, daß die Prostituierten der Edo-Zeit gar nicht besonders unglücklich waren. In der Edo-Zeit war es selbstverständlich und bis vor 30 Jahren wunderte es niemanden, wenn arme Eltern ihre Töchter verkauften - was sogar heute noch vorkommen mag.

In diesem Klima entstand in Japan ein eigenartiges Phänomen, an dem Sigmund Freud seine Freude gehabt hätte.

Ab dem Anfang des 19. Jahrhunderts breitete sich in der Unterschicht die Sitte aus, in Wohnungen Penis-Modelle aufzuhängen und Penis-Modelle im Schrein als Opfergabe zu geben. Die ,,phallizistischen" Gebete lauteten ungefähr so: ,,Bitte laß mich einen guten Mann (beziehungsweise eine gute Frau) treffen und bitte laß mich nicht an Syphilis erkranken..."

Da man damals nichts dabei fand, wenn ein Mann beim Besuch in einem anderen Haus die Frauen dort sexuell belästigte, waren nicht einmal die Frauen der Mittelklasse, die nur in ihrem Haus lebten, vor sexuellen Belästigungen sicher.

Darum zogen sich die Frauen nach der Begrüßung der Gäste sofort zurück. Wurde ein Gast lästig, machte man kein Aufheben, um den Gast nicht zu beschämen. Auch heute noch sind sexuelle Belästigungen - zum Beispiel in vollen Straßenbahnen - gang und gäbe.(12)

Prostituierte werden die besten Ehefrauen

Es gab es nur eine Methode für konzessionierte Prostituierte, ihrer Notlage zu entkommen: Ein Mann zahlte ihre Schulden und nahm sie im Status der Nebenfrau bei sich auf. War eine solche Veränderung für die Frauen auf jeden Fall ein Glück?

Das Eheleben der Edo-Zeit war für Frauen grausam. Trotzdem verbreitete sich im Nachkriegsjapan die Auffassung, daß es nur die Militärschicht war, in der Frauen unterdrückt wurden, und daß die Frauen der Bauern und der Kaufleute frei gewesen seien.(13)

In der Folge entstand die Theorie, daß das Patriarchat sich erst durch die neuen Machthaber der Meiji-Zeit (1868-1912), die aus der Samurai-Schicht stammten, auf die gesamte japanische Gesellschaft ausgebreitet hätte. Gehören also die Männer, die ihre Töchter (als Prostituierte) veräußerten und selbst mit Begeisterung Prostitutierte aufsuchten, nicht zu den ,,japanischen Patriarchen"?

Zwei Historikerinnen, und zwar Yasuko Tabata und Hiroko Nishimura, haben kürzlich aufgezeigt, daß sich das japanische Patriarchat im ländlichen Bereich vom 12. und 13. Jahrhundert an - also eher früher als in der Samurai-Schicht - herausgebildet hat. Was sie schreiben, erscheint mir sehr plausibel.Demnach besteht kein Grund zur Annahme, daß die Einstellung zu Frauen bei Bauern und Kaufleuten gemäßigter war als in der Militär-Schicht der Samurai. Ein Buch vom Anfang des 18. Jahrhunderts über das Leben auf dem Lande (Hyakushô-bunryôki - Bericht über den Bauernstand) erklärte Unterwürfigkeit und Fleiß zur Pflicht der Bauersfrauen. ,,Jede noch so arge Ehe ist besser als in die Prostitution verkauft zu werden. Frauen müssen dankbar sein, daß ihre Eltern sie nicht verkauft, sondern verheiratet haben. Deswegen müssen sie auch ein schlimmes Eheleben aushalten." Die Männer des Bauerndorfes belehrt dieses Buch: „Seit nicht nett zu euren Frauen in der ersten Zeit der Ehe. Redet so wenig wie möglich mit ihnen. Denn wenn ihr ihnen am Anfang ein süßes Gesicht zeigt, machen sie ein Getöse, wenn ihr euer Herz einer anderen Frau zuwendet.“(14)

Oder ein anderes Zitat. Im Buch "Shikidô-ôkagami" (Der große Spiegel des Liebesweges), das ein Kaufmann aus Kyôto in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts geschrieben hat, steht:

,,Von allen Frauen am wenigsten Freude macht die Ehefrau. Aus Rücksicht auf die Eltern, welche die Hochzeit beschließen, kann man sich nicht einfach scheiden lassen. Eine Nebenfrau ist bequemer, weil man sie jederzeit hinauswerfen kann. Aber das auch nur, bevor Kinder da sind. Am besten ist doch eine Prostituierte. Man muß sich nicht um Schwangerschaft und Geburt kümmern. Mag man sie nicht mehr, braucht man nur zu gehen."(15)

Wo gab es für diese Ehefrauen Freiheit?

Überdies konnten Männer jederzeit mit Scheidung drohen. Um die Mitte des 17. Jahrhunderts erlassene Gesetze befahlen den Bauern, ihre Frauen, soferne sie nachlässig und faul waren, zu verstoßen. Das Scheidungsverfahren bestand praktisch nur darin, daß der Mann der Frau den Scheidungsbrief übermittelte. Die Scheidungsrate im Volk war bis zur Exekutierung des 1898 beschlossenen Bürgerlichen Gesetzbuches so hoch wie heute in den Ländern mit der höchsten Scheidungsrate.

Frauen, die von sich aus das Haus des Mannes verließen, hatten bis vor zirka 25 Jahren keinerlei Existenzsicherung und mußten meistens die Kinder im Haus des Gatten zurücklassen.

In der Militär-Schicht war sowohl bei der Eheschließung wie bei der Scheidung die Erlaubnis der Behörde nötig. Frauen hatten eine gesicherte Existenz, weil Scheidung nicht einfach war.

Allerdings war bei den Samurai das Zusammenleben mit einer Nebenfrau üblicher als in den anderen Klassen. Eine Frau, die von sich aus dem Gatten eine Nebenfrau empfahl, war das Ideal.

Je höher die soziale Schicht war, desto stärker wurde diese Forderung. In der Schicht der Feudalherren bürgerte es sich ein, daß die Ehefrau mit 30 eine Nebenfrau auswählte, dem Gatten gab und sich selbst ,,vom Bett zurückzog". Die Nebenfrau trat ebenfalls mit 30 von ihren ,,Pflichten" zurück.(16)

Wie das Eheleben aber auch ausah, die Frauen waren verheiratet. Ein anderes Leben kannten sie nicht. Männer heirateten, wie in der berühmten Abhandlung über "Die hohe Schule der Frauen"(17) (Onna daigaku) deutlich wird, weil sie Nachkommen brauchten und jemanden, der ihre Eltern bediente.

Um das Ende des 17. Jahrhunderts breitete sich der Gedanke der Aufrechterhaltung des ,,Hauses" (ie) der männlichen Linie bis in die Unterschicht aus. Die für ihre selbstlose Hingabe berühmte japanische Frau wurde geboren.

Frauenerziehung und Frauenarbeit dieser Zeit hatte nur die Ausbildung zur Braut und Ehefrau nach japanischer Art zum Ziel.

Die Frauen - ausgenommen jene der unteren Sozialschichten - erhielten ab dem Alter von sieben Jahren Ideen über Unterwürfigkeit, Fleiß und Gebärpflicht in der Art der vorhin erwähnten Frauentheorien sowohl zu Hause wie auch in Privatschulen in die kleinen Köpfe gehämmert.

Die Töchter wohlhabender Eltern mit viel Freizeit lernten als Vorbereitung für die Ehe nähen, Seidenspinnerei und weben. Um die Umgebung des zukünftigen Gatten der Ober- und Mittelschicht zu verschönern, nahmen sie Unterricht in Teezeremonie, Blumenstecken, Musik, Malerei und alter Literatur.

Arme Mädchen oder Töchter von Eltern, die das als sinnvoll ansahen, also die Mehrheit der Mädchen, wurden Dienstmädchen in Häusern höherer Gesellschaftsschichten. Dort erhielten sie von der Hausfrau oder von einem vorgesetzten Dienstmädchen Unterricht in Haushaltstechniken und Höflichkeitsregeln, zuweilen auch in Teezeremonie, Blumenstecken und ähnlichem. Sie bekamen den Brautunterricht als Hausmädchen.

Dies sicherte für die Seite, bei der das Mädchen arbeitete, eine billige Arbeitskraft; der arbeitenden Seite gab man unentgeltlich ein Zeugnis, das die Voraussetzungen für eine gute Heirat verbesserte. Jede soziale Schicht profitierte davon, und so wurde diese Art von Brautschule in der zweiten Hälfte der Edo-Zeit in ganz Japan allgemein üblich.

Auch mit Beginn der Moderne blieb das Ziel der Frauenbildung und Erziehung die Ehe. In der Seidenfabrikation und Textilindustrie sammelte man Mädchen, die Heirat als Endstation vor sich sahen, als billige Arbeitskräfte. Sie legten damit den Grundstein für die Kapitalakkumulation der frühen Moderne Japans.

Es passierte also nichts anderes, als daß man den geschilderten sozialen Usus der Edo-Zeit im Stil der Moderne fortführte. Das heißt, man trennte den Ort der Ausbildung und den Ort der Arbeit und setzte beide neu zusammen.

Dieses Erbe beherrscht auch das Nachkriegsjapan und verzögert die Befreiung der Frauen, macht aber gleichzeitig Japan reich.

Im heutigen Japan träumen weniger als 30% der Mädchen unter dreißig von einem Leben als ,,Nur-Hausfrau". Für die Mehrzahl gilt: ,,Wenn es möglich ist, möchte ich meine Berufstätigkeit lebenslang fortsetzen." Aber wegen des Konservativismus der gleichaltrigen Männer-Generation und durch die ungünstigen Voraussetzungen am Arbeitsplatz reduziert sich die Zahl derjenigen Frauen, die sich die Berufstätigkeit - unter der vagen Bedingung ,,Wenn es möglich ist" - zum Ziel gesetzt haben.

Sie planen zwar nach der Kindererziehung den Wiedereintritt in den Beruf, aber nur Teilzeit-Arbeitsplätze und Varianten davon sind leicht zu finden. Die japanische Art der Teilzeit-Arbeit bildet in Wirklichkeit das Fundament der Männergesellschaft, die auf diese Weise das traditionelle Hausfrauenbewußtsein der Japanerinnen hunterprozentig ausnützt: Die Arbeitszeit ist gewöhnlich so lang wie bei einer ,,full-time"-Stelle, der Lohn übersteigt nicht den einer Mittelschulabsolventin, soziale Garantien fehlen. Übrigens gab es die Ursprünge solcher körperlicher Kurzzeit-Lohnarbeit von Hausfrauen unter schlechtesten Bedingungen ebenfalls bereits in der Unterschicht der Edo-Zeit.

Trotzdem betrachten heutige junge Frauen, weil Liebesheirat für sie das Normale geworden ist, diese Verbindung von zwei Traditionen, die sie in eine Sackgasse führt, als Abonnement für das Glück - wenn es sich auch als Halluzination herausstellt. Die männlichen japanischen Intellektuellen erklären leichthin, daß die Struktur der kapitalistischen Gesellschaft billige Arbeit verlangt und daher Wurzel allen Übels ist. Vielleicht hoffen sie, auf diese Weise zu verhindern, daß die Japanerinnen die historische Wahrheit bemerken.

In Japan wurde sogar in Bordellen Frauenerziehung dieser Art durchgeführt. Als Lebensziel stellte man Prostituierten das Leben als ,,Hausfrau" beziehungsweise ,,Nebenfrau" hin und versuchte sie damit zu Fleiß im ,,Dienst" zu motivieren.

Der zeitgenössische ,,Große Spiegel des Liebesweges" (Shikidô ôkagami) behauptet, daß öffentliche Prosituierte die besten Ehefrauen werden.

,,Eine Prostituierte kennt sich besser als jede andere Frau in den Techniken aus, wie sie dem Mann schmeicheln kann ohne ihn zu reizen, sie weiß mit Gefühl für das Geld einen Haushalt sparsam und ohne Verschwendung zu führen und sie fürchtet den Mann".(18)

Die japanischen Frauen spielen mit, indem sie die egoistischen Wünsche der Männer erfüllen und sich bemühen, ihren Launen zu entsprechen. Viele japanische Frauen halten auch heute noch beim Lachen die Hand vor den Mund, als ob sie sich schämten. Über den Ausgangspunkt dieser Sitte ist im zitierten ,,Spiegel des Liebesweges" nachzulesen. Sie lernten dies als ,,bescheidene weibliche Art zu lachen" kokett einzusetzen.

Auch der Shimada-Haarstil der Braut bei traditionellen Hochzeitsfeiern stammt von den Prostituierten, und auch das traditionelle weiße Hochzeitsgewand hat seinen Anfang im Nachtgewand der Frauen von Yoshiwara.

Frauen, die durch die Gewalttätigkeit (bôryokusei) der Männer zu Tod oder Unterwerfung genötigt worden waren und sowohl die wirtschaftliche wie auch die geistige Unabhängigkeit verloren hatten, blieb nur eine Möglichkeit, um zu überleben: Da sie von den Männern abhängig waren, mußten sie diese bei guter Laune halten.

So wurde ,,die Hausfrau" das Ideal der japanischen Frauen. Und alle japanischen Frauen, deren Ziel es war, Hausfrau zu werden, lernten von den Prostituierten.

Auch in Japan findet sich die Trennung weiblicher Rollen, die in der katholischen Tradition durch Eva (die Prostituierte) und Maria (die Hausfrau) - zwei Seiten einer Medaille - verkörpert werden.

Wenn nicht die Kriegsschiffe verschiedener Länder die Öffnung Japans erzwungen hätten, würden wir japanische Frauen womöglich auch jetzt noch wie in der Edo-Zeit leben. Wenn eine Sklavin unter Sklavinnen lebt, bemerkt sie nicht, daß sie selbst Sklavin ist.

Auch die Frauen damals glaubten - ebenso wie die heutigen japanischen Frauen -, daß ein Frauenleben so beschaffen sei müsse wie sie es kennen.

Nur eine einzige Frau, Makuzu Tadano (1763-1825), hörte in der Edo-Zeit zufällig über das Heiratssystem zu Anfang des 19. Jahrhunderts in der weißen Gesellschaft und bemerkte, wenn auch nur ansatzweise, das Unglück der japanischen Frauen. Das war vor 120, 130 Jahren sozusagen der Nullpunkt, von dem aus wir japanische Frauen unseren Weg begannen.

Natürlich ist es einfach, in den Äußerungen der viktorianischen Europäer und Amerikaner ebenfalls Geschlechterdiskriminierungen ausfindig zu machen. Aber sogar diese erschraken über die japanische Situation. Zum Beispiel sagte ein Franzose bei einer 1873 in Paris eröffneten internationalen orientalistischen Tagung: ,,Ich habe kein Vertrauen in die Bemühungen der japanischen Aufklärung, solange nicht die Erziehung der Frauen beginnt, und die Unabhängigkeit und Würde der Frauen gesichert wird."(19)

,,Hauptfrauen" und ,,Feministen"

Männliche Intellektuelle in Japan verbreiten, daß die gegenwärtige japanische Geschlechtsdiskriminierung von der herrschenden Schicht der Meiji-Zeit (1868-1912) hervorgebracht worden sei. Sie wollen damit folgendes ausdrücken:

Das, was schlecht an der Moderne ist, ist der Kapitalismus, und die Bösen sind die Europäer und Amerikaner, die den Japanern den Kapitalismus aufgezwungen haben.

Auch den japanischen Männern zu Anfang der Moderne fiel eine ähnliche Rechtfertigung ein. Sie verkündeten, daß wir unter dem Einfluß der Frauenverachtung des Konfuzianismus so geworden seien und, daß es der Konfuzianismus sei, der schlecht ist.

Wenn der Konfuzianismus wirklich schuld ist, warum sind dann die Frauen in dessen Ursprungsland China derzeit bei weitem emanzipierter als die Japanerinnen? Wie erklärt man die Tatsache, daß sie auch vor der Revolution bei weitem kraftvoller durch die Geschichte gegangen sind?

Wer wie die japanischen Männer glaubt, selbst immer richtig zu handeln und immer die Schuld bei anderen sucht, der sieht natürlich keinerlei Ursache, die derzeitige Lage von Frauen und Männern zu verändern. Und weil die japanischen Frauen ,,die unterwürfigsten Frauen der Welt" sind, lassen sie sich von männlichen Argumenten sehr einfach zum Schweigen bringen.

Ich möchte nun kurz auf das japanische Wort ,,Hausherrin" (shufu) in Entsprechung zu "Hausfrau" und den Gebrauch des Wortes "feminist" eingehen.

Die heutigen Japaner halten ,,shufu" und "Hausfrau" für dasselbe. Aber das ist nicht richtig.

Nur der zweite Teil des Wortes ,,shufu", nämlich ,,fu" - oder ,,tsuma" gelesen-, heißt ,,Ehefrau". Das ,,shu" deutet auf auf den Sinn von ,,Oberhaupt der Frauen des Hauses" (Hauptfrau) hin.

"Shufu" ist ein Wort, das auf den hohen Status der ersten Ehefrau hinweist, und zwar in einer Zeit, als in der Familie zwei Frauen waren. Voraussetzung für den Status der "richtigen" Ehefrau ist die Existenz einer Nebenfrau. Die Nebenfrau war auch die Dienerin der Hauptfrau, sodaß "shufu" auch "Chefin", "Vorgesetzte", "Herrin" des Gesindes bedeuten kann. Ursprünglich stammt das Wort aus der chinesischen klassischen Literatur, und die Japaner zu Anfang der Moderne, die eine Grundausbildung in Chinesisch hatten, kannten seine Bedeutung.

Die Japaner lernten im Kontakt mit dem Westen auch den Begriff ,,Hausfrau" kennen. Da es damals in der europäischen und amerikanischen Familie Dienstmädchen gab, benützten diejenigen, die die europäische Familie in Japan vorstellten, wahrscheinlich das Wort "shufu" als Übersetzung für "Hausfrau", und das Wort bürgerte sich ab der Mitte der achtziger Jahre des 19. Jahrhunderts in dieser Bedeutung in Japan ein.

Die japanischen Männer wollten nun Hausfrauen, die wie westliche "shufu" sowohl die Verantwortung für die Kindererziehung wie für die Haushaltsführung, für die Arbeiten in der Küche, die Ernährung und die Bewirtung von Gästen hatten, aber mit den Männern auch liebevolle und intellektuelle Gespräche führten, wofür sie im Westen von ihren Gatten verehrt wurden.

Bis dahin hatte in Japan der Ehemann einen Teil dieser Aufgaben. Er gab der Familie und den Bediensteten ins Detail gehende Anweisungen für die Hausarbeiten. Nun bemerkten die Männer, daß es einfacher war, die Verantwortung für die praktischen Geschäfte den Frauen zuzuschieben.

Für die unterwürfigen japanischen Frauen bedeutete das mehr Arbeit. Die besondere japanische Sitte, daß Ehemänner der Ehefrau den Lohn übergeben, hat damals ihren Ursprung.

In Japan ist ,,shufu" ursprünglich also nichts anderes als "die Herrin der Frauen" eines Hauses, aber im Bürgerlichen Gesetzbuch von 1898 wurde die Nebenfrau aus dem Heiratssystem eliminiert. Man hörte auf, klassische chinesische Literatur zu lesen, und so geriet die ursprüngliche Bedeutung des Wortes in Vergessenheit.

An der japanischen Ehefrau haftete nun die gesamte Verantwortung für das Haus, zusätzlich zur althergebrachten Fessel der uneigennützigen Hingabe an die Familie.

Mit dem Wort ,,feminist" bezeichnet man in Japan einen Mann, ,,der gegenüber Frauen freundlich ist", ,,ein Mann, der Frauen verehrt".

Die Vorgeschichte dazu beginnt 1860. In diesem Jahr fuhren zirka 170 Samurai als Mitglieder einer Gesandtschaft zur Ratifizierung eines Wirtschaftsvertrages nach Amerika. Sie waren entsetzt - gingen doch die Frauen auf der Straße und überdies noch Arm in Arm mit Männern! Dabei waren diese Frauen keine Prostituierten! Auch bei der Ratifizierung des Vertrages, bei öffentlichen Einladungen und in Privathäusern, auf dem Arbeitsplatz, am Lehrerpult und im Krankenhaus bei der Krankenpflege - überall Frauen! In keinem Haus gab es eine Nebenfrau. Männer und Frauen heirateten in der Kirche, indem sie einander Liebe schworen. Frauen studierten sogar. Bei gesellschaftlichen Anlässen überließen die Männer den Frauen die Sitzgelegenheiten, sie baten beim Rauchen um die Erlaubnis der Frauen und brachten ihren Ehefrauen Getränke. Die Mitglieder der Delegation schrieben ihre Beobachtungen nieder, und nun staunten die Männer in Japan selbst. Die Japaner nahmen zwar zur Kennntis, daß eine Modernisierung ihres Landes auch bedeutete, die Situation der Frauen ein bißchen ändern zu müssen, etwas wie ,,ladies first" war aber jenseits ihres Verständnisses.

Seit man aus dem Bericht der diplomatischen Mission vernommen hatte, daß ,,in Amerika Männer die Frauen verehren", war das ein Diskussionsthema japanischer Männer von intellektuellen Größen bis zum einfachen Volk. 1875 fand ein Japaner namens Hiroyuki Katô eine für japanische Männer typische Interpretation:

,,Die Männer in Europa und Amerika schmeicheln den Frauen aus dem niedrigen Antrieb heraus, die sexuelle Aufmerksamkeit der Frauen auf sich zu ziehen, und deswegen lassen sie sich von den Frauen unterdrücken." (20)

Die japanischen Männer waren durch diese vortreffliche Erklärung beruhigt. Aha, die europäischen und amerikanischen Männer sind in Wirklichkeit mit ihren eigensinnigen Frauen arm daran. Katô forderte die japanischen Männer außerdem auf, rechtzeitig darauf zu achten, daß die Frauen in Japan durch die Frauenemanzipation nicht ebenso wie in Europa allzu stark würden.

Die Japaner, die es mit der Modernisierung eilig hatten, vertieften sich in philosophische Bücher und lernten dabei auch die Existenz des Feminismus im 19. Jahrhundert kennen. Feminismus wurde mit jokenron (Diskussion über Frauenrechte) übersetzt. Die Vorstellungen darüber waren, wie zu erwarten, völlig zusammenhangslos.

Alles, was es in Japan nicht gab, wurde unter jokenron (Feminismus) eingeordnet, von der Forderung nach politischen Rechten für Frauen über Gedanken zur Rolle der Hausfrau als ,,weise Mutter und gute Ehefrau" (ryôsai kenbo), wie sie damals im Westen üblich war, bis zur Sitte des ,,ladies first".

Die japanischen Männer importierten nur, was ihnen selbst angenehm war. ,,Es ist zu begrüßen, wenn Frauen ihre Rechte ausweiten und kluge Mütter bzw. liebevolle Ehefrauen werden, aber die Japanerinnen sollen niemals ihre traditionelle Unterwürfigkeit verlieren." Das war im großen und ganzen die japanische Reaktion auf den Begriff ,,Feminismus".

Entscheidend wurden folgende Worte, die Kikue Yamakawa (1890-1980) 1928 äußerte: "Der Feminismus verehrt Frauen aufgrund ihres Geschlechts."(21)

Yamakawa war eine Aktivistin der marxistischen Frauenbewegung, und dieser Satz war nicht mehr als ein Teil der Kritik am Feminismus, welche die marxistischen Frauen damals übten, denn ihrer Meinung nach war ,,jede Art von Befreiung Teil des Klassenkampfes".

Die Begriffsverwirrung lag nicht bei Yamakawa, weil sie aber eine in der gesamten Frauenbewegung besonders verehrte Theoretikerin war, verbreitete sich dieser eine Satz aus dem inhaltlichen Zusammenhang gerissen. Er wurde mit in Japan gängigen Legenden über westliche Männer verschmolzen und wird auch heute noch in diesem Sinn verwendet.

Liebe von Frauen - ein Tabu

Wenn sich die Verhältnisse ändern, ändern sich - unabhängig von den Plänen der Männer - auch die Frauen. Die 1868 etablierte Meiji-Regierung erließ 1872 den ,,großen Befehl", daß alle Frauen ,,nach draußen" gehen und in Schulen lernen sollten.(22)

Dahinter stand der Gedanke, daß ,,Japan zurückgeblieben ist, weil die japanischen Frauen, vor allem die Mütter, dumm sind. Machen wir die Mütter der nächsten Generation klüger!". Wie positiv sich dieser Befehl trotzdem auf junge willensstarke Frauen auswirkte, hat Kikue Yamakawa lebendig in den Notizen über ihre Mutter hinterlassen. Um dieselbe Zeit peilte Ginko Ogino (1851-1913) den Beruf einer Gynäkologin an. Sie wurde die erste Ärztin Japans. Selbst litt sie an einer Geschlechtskrankheit, mit der sie der Gatte, von dem sie sich scheiden ließ, angesteckt hatte. In demselben Jahr floh Rin Yamashita (1857-1939), die erste Malerin im westlichen Stil, aus ihrem Heimathaus, wo man ihre Heirat beriet, zum Studium nach Tôkyô.

Welche Bedeutung für Frauen der Zugang zur Bildung hatte, wird an den beiden berühmtesten Feministinnen dieser Zeit, der Dichterin Akiko Yosano (1878 -1942) und der Schriftstellerin Haru Hiratsuka (Pseudonym Raichô Hiratsuka, 1886-1971) deutlich. Beide gehören zu einer Generation, für die Bildung bereits selbstverständlich war. Beide wurden berühmt durch erotischen Tratsch, was besonders typisch für Japan ist. Das Bedürfnis von Frauen nach sexueller Liebe (seiai e no ishi) war grundsätzlich noch bis 1945, bis zum Kriegsende, tabu.

Die Skandale der beiden erweckten heftige Kritik der Umwelt. Akiko, Tochter einer alten Kaufmannsfamilie, beschrieb in ihrer ersten Gedichtsammlung Midaregami (Aufgelöstes Haar) den Verlauf ihrer Liebe zum verheirateten Dichter Tekkan Yosano, der später ihr Mann wurde. Akiko verließ ihre Familie und ging zu Tekkan (1901). Weder der Vater noch der ältere Bruder verziehen Akiko, und die Bande mit ihrer Herkunftsfamilie blieben das ganze Leben durchschnitten.

,,Was bedeuten die Eltern, was bedeutet der richtige Weg, wenn mein Herz hochschlägt aus Liebe zu dir!"

schrieb sie in einem berühmten Gedicht.

Mit ihrem Verhalten fragte sie die Umwelt: ,,Warum sollen wir Frauen nicht lieben?" Sie ließ sich davon nicht beirren, daß ganz Japan ihr Verhalten mißbilligte, und setzte so einen deutlichen Schritt in Richtung Frauenbefreiung.

In Haru Hiratsukas Fall passierte folgendes: Ein Romanschriftsteller forderte von ihr: ,,Liebe mich!" Sie antwortete: ,,Ich liebe dich nicht". Der Mann drohte daraufhin: ,,Ich töte dich." Sie antwortete: ,,Solange ich lebe, werfe ich mich nicht weg. Wenn du mich töten willst, töte mich". Der Mann tötete sie nicht. Daraufhin fuhr sie mit diesem Mann in die Berge. Als sie zurückkam, wurde sie von der Polizei aufgegriffen (1908). Der Mann beschrieb diese nicht verwirklichte Liebe in einem Roman, der in einer Tageszeitung in Fortsetzungen erschien. Die Leute rissen sich um diese Zeitung. Auch im nächsten Roman behandelte der Mann denselben Vorfall, und Haru erzürnte über die Art, wie er ihn beschrieb. Im ersten Roman wird Haru als frigide Frau, die von Geburt an kein sexuelles Verlangen kennt, als "Frau aus Eis" beschrieben. War schon diese Interpretation ziemlich komisch, so ist die Haru des zweiten Werkes voll sexuellem Verlangen. Der Autor beschreibt, wie er einen Anfall ihrer Nymphomanie mit der Kraft des Zen-Buddhismus unterdrückt!

Daß die wirkliche Haru darüber empört war, ist selbstverständlich. Dieser Zorn war ein Motiv für die Herausgabe von "Seitô" (Blaustrumpf), der ersten emanzipatorischen Zeitschrift in Japan.(23)

Mit der Herausgabe von Seitô setzte sie sich neuerlich dem Hohn der Umwelt aus. Das motivierte sie erst richtig zu ihrer Mission als Vorkämpferin gegen die Frauendiskriminierung. Haru verbreitete in ganz Japan: ,,Ich bin eine neue Frau". Anlaß für die Publikation der ersten feministischen Zeitschrift Japans war also die Unfähigkeit der damaligen japanischen Männer, zu begreifen, daß es auf der Welt Frauen gibt, die unabhängig davon, ob sie einen Mann sexuell begehren oder nicht, seine Wünsche doch mit dem Hirn ablehnen. Das war im Jahr 1911.

So begannen sich Frauen zusammenzuschließen. Neben Harus Geschichte erschien in der ersten Nummer von Seitô auch ein Gedicht von Akiko, die sich schon vorher einige Male über Frauenprobleme geäußert hatte. In der Folge dieses Zusammenschlusses trat auch Fusae Ichikawa (1893-1981), ebenfalls eine berühmte Feministin, auf. Hiratsuka und Ichikawa arbeiteten zusammen, und allmählich weiteten sich die Aktionen von Frauen zu einer Bewegung aus.(24)

Die Frauenbewegung hatte vier Schwerpunkte:

1. Die Bewegung zur Abschaffung der Prostitution. Dafür kämpften Ochimi Kubushiro (1882-1972) und andere, vor allem Anhänger des Christentums.

2. Hiratsuka und Ichikawa kämpften für ein Gesetz, das eine Ehebeschränkung (kekkon-seigen) für geschlechtskranke Männer vorsah.

3. Die Ablehnung des ,,ie"- (Familie, Haus)- Systems wurde durch Hiratsuka selbst verkörpert. Sie lebte mit ihrem Partner ohne Eheformalitäten zusammen. Innerhalb dieser Bewegung wurde von Yayoi Yoshioka (1871-1959) und anderen eine Revision der Bestimmung über das ie im Bürgerlichen Gesetzbuch gefordert.

4. Die Bewegung für eine Geburtenkontrolle, zu der vor allen Dingen Shizue Kato (1897- )den Anstoß gab.

Bis 1945 litten die Japanerinnen vor allem unter der offenen Untreue, unter der Prostitution, unter der nahezu grenzenlosen Unterdrückung durch die japanischen Patriarchen (kafuchô), unter der Familie (ie) sowie unter Not und schlechtem Gesundheitszustand als Folge vieler Geburten.

Außerdem bemühten sich Kikue Yamakawa und andere um eine theoretische Struktur der Frauenemanzipation und um die Organisierung der berufstätigen Frauen. Itsue Takamure (1894-1964) schloß sich zwanzig Jahre in ihr Haus ein, um die Geschichte der Frauen niederzuschreiben und Yuriko Miyamoto (1899-1951) schilderte in ihrem Roman Nobuko (1924) eindringlich den Druck, dem die Ehefrau auch in einer Liebesehe vom Ehemann her ausgesetzt ist und den harten Kampf der Ehefrau, wenn sie aus der Ehe ausbricht. Andere forderten die Öffnung der Universitäten für Frauen. An der Spitze der Bewegung für das Frauenstimmrecht (fujin sanseiken) stand Fusae Ichikawa.

Leider benützten die Frauen in der Frauenbewegung vor dem Krieg auch immer wieder ihre Energie, um sich gegenseitig Böses nachzusagen, was soweit ging, daß sie oft das eigentliche Ziel aus den Augen verloren. Demgegenüber beeindruckte der Zusammenhalt der ,,Männerallianz", allerdings nur beschränkt auf die Frauenforderungen.

Ich frage mich, ob in den Jahren vor 1945 zwischen den japanischen Soldaten, die beim Überfall auf Asien einen Schwarm Prostitutierte mitnahmen und den Mitgliedern der kommunistischen Partei, die zwar die ,,Befreiung der japanischen Bevölkerung" auf ihrem Banner trugen, die weiblichen Parteimitglieder aber zu Haushälterinnen, genauer gesagt zu Dienstmädchen mit ,,sexueller Benützung" machten, in den Ansichten über Frauen irgendein Unterschied bestand. Bald - zur Zeit, als die Männer den Krieg in China ausbreiteten - wurde der Großteil der Frauen in die Frauenbewegung der Männer eingegliedert und die eigenen Aktivitäten der Frauen brachen zusammen.

Mir fällt dazu ein, daß Virginia Woolfe über die Einheit von Geschlechterdiskriminierung und Faschismus gesprochen hat.

... daß Frauen Menschen wie Männer sind

Am 18.8.1945 beschloß das oberste Gremium der japanischen Polizei für die in naher Zukunft erwarteten amerikanischen Besatzungssoldaten besondere Prostitutionseinrichtungen zu schaffen. Im Rahmen eines Firmenunternehmens, das auf gemeinsamen Investitionen der Regierung und von in der Prostitution tätigen Geschäftsleuten beruhte, wurden über Zeitungen in großem Ausmaß Prostituierte rekrutiert. Das war die erste offizielle Handlung nach dem Krieg, die unsere japanischen Männer in Richtung weibliche Landsleute setzten.

Auf der anderen Seite überreichte eine Woche später Fusae Ichikawa gemeinsam mit früheren Mitkämpferinnen wie Taki Fujita (1898-) der Regierung ein Forderungspapier für das Frauenstimmrecht. Der damalige Premierminister soll gesagt haben: ,,Ich denke darüber nach", aber diese vage Zusage blieb folgenlos.

Ichikawa und andere präsentierten ihre Forderung auch dem nächsten Kabinett, sie wurde aufgenommen und passierte das Parlament. Zu diesem Zeitpunkt war Japan schon von Amerika okkupiert.

" Wir haben die Frauenrechte bekommen, weil wir den Krieg verloren haben", sagte Shizue Kato, und Taki Fujita stellte fest: "Die japanischen Frauen erhielten demokratische Rechte durch die Macht des G.H.Q." (Okkupations-Hauptquartier) (aus: Kiyoko Nishi: ,,Japanische Frauenpolitik unter der Besatzung")(25).

Diese Sicht der Geschichte kann nicht genug betont werden.

Die folgenden Zeilen sind eine Rückerinnerung an das dörfliche Leben vor dem Krieg. (Zur Zeit der Kriegsniederlage betrug die bäuerliche Bevölkerung etwa 50 %). Auch das Leben in der Stadt, wo ich aufwuchs, unterschied sich davon nicht grundlegend. Ohne die Niederlage des Krieges wäre es für die japanischen Frauen unmöglich gewesen, aus dieser Situation auszubrechen.

"Zum Beispiel war es sogar bei Kindern so, daß die Mädchen nicht vor den Buben ins Bad gingen...

Beim Essen gab man warme und gute Sachen den Männern, die Reste den Frauen. In manchen Familien aß die Frau nicht, bevor nicht der Mann zu essen aufgehört hatte...

Bei Versammlungen und Beratungen waren nur Männer. Wenn eine Frau einmal den Mann vertrat, tat sie den Mund nicht auf. Wenn sie ihre Meinung sagte, hieß es: ,,Was eine Frau sagt, gilt nicht... Was die daherredet...

Schon die kleinen Mädchen wurden gegenüber den Buben als dumm hingestellt.

Bei Hochzeitsfeiern hatten die Frauen, die Braut ebenso wie die Heiratsvermittlerin, die untersten Sitze...

Als nach Kriegsende Buben und Mädchen zusammen in die Schule gingen, waren alle, die in der Meiji-Zeit geboren worden und am Land erzogen waren, entsetzt und besorgt und man erwartete stürmische Zeiten."

(Kenkichi Kusumoto: ,,Leben auf dem Dorf")(26)

Fast alle japanischen Frauen waren vor 40 Jahren tief bewegt, als sie zu erkennen begannen, daß Frauen gleiche Menschen wie Männer sind. (Man darf darüber nicht lachen. Das ist wahre japanische Geschichte).

Welchen Widerwillen ein Teil der japanischen Männer gegenüber der Frauenemanzipations-Politik der Besatzungsmacht fühlte, zeigt ein Ausspruch, den jeder Japaner über 40 kennt: ,,Was nach dem Krieg stärker geworden ist, sind Strümpfe und Frauen".

Die Männer damals wiederholten diesen Satz immer wieder mit einem breiten Grinsen. Sie wollten damit ausdrücken: ,,Frauen sind, wie stark sie auch werden, Dinge, die Männer zertreten und wegwerfen, so wie auch die Strümpfe am Schluß zerreißen und weggeworfen werden. Die Amerikaner haben ihre Zeit sinnlos verschwendet."

Wahrscheinlich verstanden nicht wenige Frauen jenen geschmacklosen Ausspruch in seiner wahren Absicht. Aber auch, wenn die wahre Absicht unklar blieb, freuten sich die Frauen nicht, gesagt zu bekommen:"Ihr seid Strümpfe". Um diesem Unbehagen zu entkommen, gab es für Frauen nur zwei Möglichkeiten: Entweder, die Behandlung als Strümfe zu vermeiden indem sie den Anschein vermieden, eine ,,starke Frau" zu sein, und ohne großen Unterschied zur Zeit vor dem Krieg die ,,schwache Frau" weiterzuspielen. Der andere Weg heißt, sich zu entschließen, eine wirklich starke Frau zu sein, die sich nicht wie ein Strumpf behandeln läßt.

Die meisten Frauen, die fürchten, von den Männern abgelehnt zu werden und in der Folge ,,den Paß für das Leben" nicht zu erhalten, wählen die erste Möglichkeit.

Als ich zu Ende der Besatzungszeit 1952 auf die Universität kam, waren an der literarischen Fakultät dieser staatlichen Universität (Recht und Wirtschaft inbegriffen) unter 245 Studierenden 17 Studentinnen; vier von ihnen üben ihren Beruf noch aus - drei der vier sind unverheiratet; die übrigen 13 heirateten und gingen in die Familie. An diesem einen Beispiel wird deutlich, wie die Frauenpolitik der Besatzung bei den Japanern ankam.

Obwohl fast die meisten Maßnahmen der Besatzung in bezug auf Frauen Wurzeln faßten, dauerte dieser Prozeß sehr lange. Und das, obwohl alle diese Dinge bereits vor dem Krieg Forderungen der japanischen Frauen gewesen waren und es für sie einen Nährboden gegeben hatte. Dabei handelte es sich um das Frauenwahlrecht, Abschaffung der Prostitution, Abschaffung des traditionellen ,,ie"-Familiensystems, die Verankerung des Gedankens, daß Heirat und Scheidung dem Willen der betroffenen Frau zu entsprechen hätten, die Verankerung des Elternrechtes der Mutter, die Verbreitung von Wissen über Empfängnisverhütung, die Koedukation von der Volkschule bis zur Universität und noch mehr. Was nicht vorbereitet worden war, funktionierte auch mit amerikanischer Unterstützung nicht.

Ein Beispiel: Sofort nach der Kriegsniederlage wurde der gemeinsame Unterricht in Hauswirtschaft für Buben und Mädchen von der Volkschule bis zur Oberschule eingeführt. Ich kann mich noch gut erinnern, wie sehr dies bei Eltern und Lehrern Widerwillen erregte. Es war wohl ein unvermeidlicher Widerstand, wenn man die tiefe Verwurzelung der japanischen Hausfrauen-Tradition in Betracht zieht. Gestützt auf diesen Widerstand führte die Unterrichtsbürokratie in einem Zeitraum von fünf bis zehn Jahren nach Ende der Besatzung Haushaltsführung auf ein obligatorisches Fach für Mädchen zurück. Wir Nachkriegsfrauen verhinderten das nicht.

Oder: Obwohl das offizielle Prostitutionssystem verschwand(27), hat der offene Enthusiasmus japanischer Männer für die Prostitution bis heute noch nicht abgenommen. Die Forderungen der japanischen Frauen nach Zerstörung der öffentlichen Prostitution, die mit den Körpern von armen Frauen Geschäfte macht, erreichten nicht die Basis des Problems.

Wenn uns nicht das Glück des ,,UNO-Jahrzehnts der Frau" widerfahren wäre, würden die japanischen Frauen ohne Zweifel noch immer im Dunklen kämpfen.

Zu Ende der Zehnjahresfrist, gerade noch rechtzeitig, beschloß Japan das Gesetz für gleiche Chancen von Frauen und Männern (Gleichbehandlungsgesetz, danjo-byôdô-kintôhô)(28) , das mit dem Arbeitsparagraphen des Vertrages über die Abschaffung der Frauendiskriminierung übereinstimmt.

Wenn ich den heftigen Widerstand der Männer, von denen einige sogar fürchteten, daß ein solches Gesetz den Untergang Japans bedeuten könne, mit dem ärmlichen Inhalt des entstandenen Gesetzes vergleiche, ist das eher zum Lachen als zornig sein.

Das Gleichbehandlungsgesetz brachte eine Aufteilung der Arbeitswelt der Frauen, hielt aber an den diskriminierenden Bedingungen fest.

Denn das Gesetz erleichtert nur solchen Frauen den Zutritt zur Männerwelt, die wie Männer die Familie negieren und nur die Arbeit wichtig nehmen. Strafbestimmungen gegenüber Geschlechtsdiskriminierungen am Arbeitsplatz fehlen ganz.

Auf der anderen Seite hat das Gleichbehandlungsgesetz doch Positives für Frauen gebracht, weil es ihnen die Möglichkeit eröffnet, in allen Berufssparten, in denen Frauen bisher unerwünscht waren und in allen Bereichen der Administration zu arbeiten. Demzufolge hat ein Teil junger ehrgeiziger Frauen begonnen, den Druck der Umgebung zu ignorieren und diese harte Herausforderung anzunehmen.

Am wesentlichsten ist aber, daß durch die langen öffentlichen Diskussionen über dieses Gesetz japanische Frauen jeden Alters erfuhren, daß es Ideen wie ,,Gleichheit von Mann und Frau bei der Anstellung" oder ,,Recht auf Arbeit für Männer und Frauen" gibt. (Viele Frauen hatten so etwas bisher nicht einmal gedacht.)

Seit dem Anfang der achtziger Jahre, als dieses Gesetz Gesprächsthema wurde, haben sich viele Frauen im ganzen Land zu Wort gemeldet. Einige waren erst jetzt auf diese Probleme aufmerksam geworden, andere hatten sich diese Fragen schon lange gestellt: ,,Warum ist es schlecht, wenn auch Frauen lebenslang arbeiten möchten?" ,,Was ist schlecht daran, wenn Frauen nicht mit den traditionellen Rollen als Mutter und Ehefrau zufrieden sind, sondern sich auch ein eigenes Leben wünschen?" Die nächste Stufe des "Erwachens" war eine logische Folge:

,,Warum sollen nur Frauen Haushalt und Kindererziehung und die Betreuung der alten Menschen übernehmen?" ,,Warum spricht man von Glück für Frauen, wenn sie von einem Ehemann tyrannisiert werden, der zwar den Gehalt zu Hause abgibt, aber sonst nichts für sie tut?" ,,Wie kann es ohne wirtschaftliche Eigenständigkeit geistige Unabhängigkeit geben?" ,,Ist es in Ordnung, daß Frauen, die die Hälfte der Bevölkerung, nur dazu da sind, sich um das Leben der Männer zu kümmern?"

Die intellektuelle Weiterentwicklung der Frauen durch die gesetzlichen Änderungen nach dem Krieg, durch die Teilnahme an der universitären Ausbildung und durch die vermehrte gesellschaftliche Präsenz in der Folge des Gleichbehandlungsgesetzes wird bewirken, daß die japanischen Frauen in absehbarer Zeit nicht mehr so sein werden wie heute.

Die Situation der japanischen Frauen ist nicht besonders optimistisch zu beurteilen, das dürfte aus den bisherigen Ausführungen klar geworden sein. Frauen sind zwar in den achtziger Jahren mit ihrer Stimme an die Öffentlichkeit getreten, aber noch leise, und vielleicht können sie nicht alle hören.

Gerade vor einigen Tagen hat eine 25jährige Chinesin gesagt: ,,Ich verstehe die japanischen Frauen nicht. Sie denken überhaupt nicht, was sie selbst werden wollen, sondern machen das, was sie bei den anderen sehen: sie gehen in die Oberschule, dann auf die Universität und werden dann Hausfrau."

Wenn ich sage, daß die Frauen sich verändern werden, meine ich, daß immer mehr bewußte Frauen ihre unglückliche Realität - die so unglücklich ist, daß viele sie nicht einmal als "Unglück" wahrnehmen - ohne Ausflüchte zur Kenntnis nehmen und versuchen werden, sich selbst als Einzelindividuum zu ändern.

Schon jetzt haben Frauen, die in der Bürokratie tätig sind oder feministische Theoretikerinnen angefangen, auf unbekannte Frauen Einfluß auszuüben. Ehefrauen zeigen ihren alten Ehemännern, wie sie selbst kochen können. Ehemänner, die kein Verständnis für ihre Frauen haben, werden zur Scheidung gezwungen. Mädchen protestieren in der vollen Straßenbahn lautstark gegen sexuelle Belästigung, und manche Frauen reden bei jeder Gelegenheit mit jedem aus ihrer Umgebung über Frauenprobleme.

,,Resignation ist die Schlußfolgerung von Dummköpfen", sagt die junge Schriftstellerin Keiko Ochiai. Ich persönlich erinnere mich, wie ich vor 14 Jahren in der Wiener Oper bei den Arien der "Madame Butterfly" Tränen in Gedanken an Japan vergossen habe: ,,Wie arm sind wir doch, wir japanischen Frauen... "

Wenn ich ehrlich bin, so war ich bis zu dem Jahr, in dem ich das europäische Leben beobachtete, eine von jenen Japanerinnen, die das eigene Unglück nicht bemerken. In der Zwischenzeit ist es mir aber langweilig geworden, daß wir ,,die armen Frauen der Welt" sind. Die Wahrheit über unsere Situation auszusprechen, ist der erste Schritt der Veränderung, und deshalb taucht am Ende des Tunnels ein Licht auf. Wenn die Wahrheit nicht ausgesprochen wird, bleibt das Ziel der nötigen Umwälzungen unverständlich. Der Titel dieses Essays ,,Vor dem Tagesanbruch" lehnt sich an den Titel eines in Japan berühmten Romans an.(29)

Dieser Roman bezeichnet das Japan knapp vor der Modernisierung zwischen 1853 und 1886 als ,,vor dem Tagesanbruch". Es ist wohl überall so, daß Frauen die Geschichte anders erleben als Männer. Die Zeit "vor Tagesanbruch" für Frauen sind jene 100 Jahre und ein paar Jahrzehnte, die vergingen, seit Makuzu Tadano Zweifel am Eheleben der Japaner hegte.

Für japanische Frauen fängt erst jetzt allmählich das Morgenlicht zu scheinen an.

Die Literaturangaben der unten folgenden Anmerkungen beziehen sich auf die Literaturliste des Buchs "Onna da kara", 477-487


(1) Sämtliche Eigennamen werden nach europäischer Art und Weise in der Reihenfolge Vorname – Familienname geschrieben.

(2) Koike 1988:4

(3) Vgl. Kunihiro 1979

(4) Die Edo-Zeit wird nach der Adelsfamilie der Tokugawa, welche die politische Macht innehatte, auch Tokugawa-Zeit genannt.

(5) Vgl. Yamaguchi 1962

(6) Vgl. Okada 1965

(7) Vgl. Sakuma et.al. 1965

(8) Vgl. Koda 1967:144

(9) Vgl. Nôsangyoson-bunka-kyôkai (Hrsg.) 1978: 203

(10) Vgl. Tejima 1971:160f

(11) Vgl. Numata et.al.1968

(12) Seit 1989 ist in Japan das Thema „Sexuelle Belästigung“,vor allem am Arbeitsplatz, in der Öffentlichkeit zum Thema geworden.

(13) Die Gesellschaftsordnung der Edo-Zeit umfaßte vier Stände: Militäradel, Bauern, Handwerker, Kaufleute. Darüber standen der Tennô und die Feudalfürsten (daimyô), darunter die Paria-Schicht der eta und hinin, außerhalb Ärzte, Gelehrte und Klerus.

(14) Nakamura 1975: 268 u. 255

(15) Noma 1961: 437 u. 441

(16) Dieses Thema behandelt Enchi Fumiko in ihrem Roman „Onnazaka“ (deutsch: Die Wartejahre), vgl.Morizaki und Literaturliste

(17) Onna daigaku takarabako (Schmuckkästchen der Hohen Schule der Frau), meist nur Onna daigaku (Hohe Schule der Frauen) genannt, ist eine Fibel für Mädchenbildung aus dem Jahr 1716, der Verfasser ist wahrscheinlich Ekiken Kaibara (1630-1714).

(18) Noma 1961: 443

(19) Matsuda 1979:200

(20) Vgl. Kato 1875: 160

(21) Zu Kikue Yamakawa vgl. Tanaka 1982: 172

(22) 1872: Gesetz für die allgemeine Schulpflicht

(23) Zu Seitô vgl. Neuss 1971

(24) Zur japanischen Frauenbewegung vgl. Mae 1990

(25) Nishi 1985: 69 u. 88

(26) Kusumoto 1977: 85-87

(27) Die Prostitution wurde 1956 verboten; bereits 1938 wurde sie in 17 Präfekturen untersagt. Vgl. Mae 1990.

(28) Vgl. Linhart/Wöss 1990, Neuss-Kaneko 1990

(29) Tôson Shimazaki (1872-1943): Yoake mae (Vor Tagesanbruch), 1929/35


* Der Essay ist ein Auszug aus:
Ruth Linhart, Onna da kara- Weil ich eine Frau bin – Liebe, Ehe und Sexualität in Japan,
Reihe Frauenforschung, Band 16, Wiener Frauenverlag (jetzt Milena-Verlag), Euro 21,50, Wien, 1991, 419-444


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