Ruth Linhart | Japanologie | Biographieprojekt Imai Yasuko


Herbst in Hamamatsu, ein Reisetagebuch

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Das rote Familienalbum

30. Oktober, Donnerstag

Eigentlich passiert gar nicht viel, aber trotzdem ist jeder Tag gestopft voll, und ich bin am Abend ziemlich erschöpft.

„Inaka" sei unsere Wohngegend, sagt Frau S.. Inaka, Land, hat in diesem Fall einen eher abwertenden Beigeschmack. „Tsumaranai", sagt Frau Imai über Hamamatsu, unbedeutend, nichtssagend, langweilig heißt das.

Heute war ich mit ihr in der Gegend des Heimes spazieren. Die Sonne schien, der Wind wehte nicht mehr. Es war mild bis heiß. Wir spazierten an Kaki-Bäumen mit leuchtend orangen Früchten vorbei, und an einem mannshohen rosa blühenden Rosenstock. Wallisische Schneebälle, die so gut duften, wuchern hier an der Straße entlang.

Auch die Wandelröschen wachsen üppig. In der Umgebung des Altersheimes gibt es viele landwirtschaftliche Flächen und Gärtnereien, die zum Komplex des Seireimikatahara-Krankenhauses, des Krankenhauses zum Heiligen Geist von Mikatahara, gehören.

Die ganze Gegend dort ist christlich „durchsetzt". Wir kamen an einem neuen Kaffeehaus vorbei, das nur drei Stunden mittags offen hat und Café Norde heißt. Imai san meinte, das sei ein Name aus der Bibel, aber mir fiel dazu nichts ein.

Wir gingen zuerst Richtung protestantischer Kirche, dann passierten wir Kartoffel- und Krautfelder und ein Feld mit Büschen, deren Blätter weiß-grün gesprenkelt sind. Ihre Äste werden zum Blumenstecken, Ikebana, verwendet. Melonen und satsuma-imo, Süßkartoffeln, wachsen hier. Die hielt ich für kleine Bananen! Imai san nannte mir ein kigo, das mit den satsuma-imo zu tun hat, eines der Jahreszeitenwörter, die in der japanischen Dichtung eine so wesentliche Rolle spielen. „Tau auf den Blättern der Süßkartoffel", oder so ähnlich. Immer wieder kamen wir an Plastikgewächshäusern vorbei. Auch die nashi, riesige, gelbe japanische Birnen, die mit großen schwarzen Schriftzeichen zum Versenden angeboten wurden, waren unter Nylon versteckt.

Ich schob Imai sans Rollstuhl am Rand der Autostraße entlang, ein bisschen nervös wegen des Autoverkehrs. Obwohl ich die Gegend als eben eingeschätzt hatte, stellte sie sich als hügelig heraus. Bei der Birnenplantage senkte sich die Straße plötzlich. Frau Imai wollte, dass ich mit ihr den Weg bergab verfolge, aber ich verweigerte das. „Dann muss ich den Rollstuhl wieder hinaufschieben, das ist zu anstrengend", sagte ich. Hinunterzufahren schreckte mich aber noch mehr. Vor meinen inneren Augen entglitt mir der Rollstuhl, und die zusammengekrümmte Figur der Imai san landete irgendwo im Straßengraben.

Doch der Spaziergang blieb geruhsam, es war angenehm warm auf der Haut, wir sahen exotische Früchte wie mikan, die japanischen Mandarinen, und blühende Blumen. Das war schön, immerhin ist es Ende Oktober, und in Wien lag Schnee, als ich fort fuhr.

Imai san sagte: „Als ich von Sapporo nach Hamamatsu übersiedelte, konnte ich es zuerst gar nicht glauben, dass um diese Zeit hier so viele Blumen blühen, Blumen, die es zum Teil in Sapporo überhaupt nicht gibt."

Auch, dass es im Winter warm ist, verwunderte sie. Das Klima ist südlich. Aus dem Bus sehe ich bunte Bougainvilleas und leuchtende Trichterwinden – wie am Mittelmeer. Natürlich gibt es auch Palmen, viel Bambus und am Straßenrand hoch gewachsene goldfärbige Blu­men, wie sie meine Schwester zum Färben der Wolle verwendet hat.


Zurück vom Spaziergang befragte ich Imai san weiter anhand des roten Familien-Fotoalbums, das sie mir vor drei Jahren nach Wien mitgegeben hat. Hans hat in Wien alle Fotos dupliziert.

Dieses Album hat die Mutter Yasukos angelegt. Chronologisch geordnet sieht man zuerst das miai shashin der Mutter. Das ist die Fotografie, die im Zuge der Eheanbahnungsgespräche potentiellen späteren Ehemännern bzw. deren Verwandten oder Bekannten gezeigt wird. Als nächstes folgt das Hochzeitsbild der Eltern, der Vater westlich nach der Festtagsmode der dreißiger Jahre gekleidet, die Mutter in einem schwarzen Kimono mit Pflanzenornamenten am Saum. Das folgende Bild zeigt bereits drei Generationen: die Adoptiveltern der Mutter, die Eltern Yasukos und zwei kleine Mädchen, Yasuko auf dem Schoß der Mutter, die Schwester Yumiko auf dem Schoß der Großmutter. Dann folgen eine Reihe Bilder der vierköpfigen Familie. Damals fotografierte man noch nicht mit eigener Kamera, sondern suchte ein Fotoatelier auf. 1939 gibt es ein Bild mit drei Mädchen, in der Zwischenzeit war nämlich die Schwester Kaneko geboren worden. Und schließlich folgte endlich ein Knabe, Bruder Kotarô. Das Fotoalbum begleitet Yasuko san bis zur Universität.

Besonders liebe ich die Fotos der kleinen Yasuko. Sie lächelt auf keinem einzigen Bild - im Unterschied zu der älteren Schwester - , sondern schaut immer tiefernst, manchmal fragend oder fast vorwurfsvoll. Das erste Bild, auf dem sie lächelt, zeigt sie mit ihrer jüngeren Schwester. Yasuko sitzt auf einem Sessel, mit einer aufgeschlagenen Zeitschrift in der Hand, hinter ihr auf der Sessellehne die Schwester. Beide Mädchen haben hochgeschlossene Blusen an, Yasuko hat lange Zöpfe. Imai san meint, das sei im zweiten Jahr an der Universität gewesen, 1953.

Auf zwei Fotos trägt Yasuko einen Kimono. Eines davon zeigt sie allein, vor dem Elternhaus. Sie schaut eher unglücklich in die Gegend. Auf dem anderen ist sie bei der Hochzeitsfeier einer Freundin abgebildet, umrahmt von Freundinnen.

„Der Kimono, den ich angehabt habe, war von meiner Mutter, lila und mit einem Muster aus Glyzinien. Ja, ich trug gerne Kimonos. Aber ich hörte damit auf, weil es mir zu umständlich war." Ich habe Imai san nie im Kimono gesehen.


Zum ersten Mal, seit ich da bin, nahm Imai san wieder an den nachmittäglichen Rehabilitationsübungen teil. „Die helper san hat sich nicht getraut, mich zu rufen, weil du da bist!"

Die Anrede „herupa san" würde bei uns wohl „Schwester" entsprechen. Die meisten Pflegerinnen verneigen sich freundlich, wenn ich am frühen Nachmittag durch die Säle und Gänge zu Frau Imai marschiere, auch einige der alten Leute heben interessiert ihre Köpfe.

Imai san und ich essen zu zweit an dem langen Tisch im Aufenthaltsraum vor ihrem Zimmer. Sie hat alle möglichen Löffel und Gabeln, die ungewöhnlich gebogen sind und ihr die Zufuhr der Nahrung in den Mund erleichtern. Vor dem Essen hat sich schon ein gewisses Ritual herausgebildet. Ich muss ihr Besteck zurechtlegen, ihr eine Schürze aus Nylon umhängen und die Schüsselchen so herumrücken, dass sie leicht dazukommt. Nach dem Essen muss ich die Tabletts in den Gemeinschaftsraum tragen und ihre Sachen vom Tisch in ihr Zimmer zurückräumen. Meistens muss ich auch die Medikamente aus der Hülle drücken. Je nachdem, welche oder welcher helper san gerade Dienst hat, sind die Medikamente auf dem Tablett mit dem Abendessen vorbereitet oder nicht. Das Vi­tamin-C-Pulver auf eine durchsichtige Oblate zu schütten, diese zu einem Stanitzel zu formen und Imai san das Ganze mit den Fingern in den Mund zu stecken, sodass das weiße Pulver nicht verstreut wird, das verlangt schon einiges Geschick!


Heute redete Imai san wieder viel beim Essen und erzählte detailreich über den linken Schulfreund, dessen Name bereits früher fiel. „Shibata Seiichi ist ein wichtiger Mensch für mich deswegen, weil er in mir soziales Bewusstsein, das Interesse für die Gesellschaft geweckt hat."

Was war heute sonst los? So ein Tag, an dem man auf Tatami aufwacht, ist ja auf jeden Fall ein besonderer Tag, auch wenn eigentlich nichts Besonderes passiert. Vorhin sah ich beim Waschbecken das erste gokiburi dieses Japan-Aufenthaltes. Blatta orientalis, Küchenschabe oder Kakerlake heißt das auf Deutsch. Vorgestern war eine große Spinne oberhalb des Waschbeckens. Ich bete, dass diese Tiere nicht in mein Zimmer kommen. Aber noch mehr bete ich, dass kein Erdbeben kommt. Als ich auf dem Weg zum Apita-Kaufhaus die Brücke über die Schnellstraße überquerte, musste ich besonders intensiv an Erdbeben denken!

Heute ließ ich mir von Frau S. zeigen, wie man die Waschmaschine bedient. Das ist sehr einfach. Noch immer, wie vor dreißig Jahren, wird nur mit kaltem Wasser gewaschen! Dadurch wird natürlich viel Strom gespart. Aber wahrscheinlich haben es die Waschmittel in sich. Eine Viertelstunde Waschdauer, kaltes Wasser, und schon sollen die Sachen sauber sein!

Frau S. bastelt als Hobby japanische Puppen. Vielleicht hat sie auch die gemacht, die bei mir im Zimmer stehen. Wenn sie sie selbst gemacht hat, alle Achtung!


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