Ruth Linhart | Japanologie | Biographieprojekt Imai Yasuko


Herbst in Hamamatsu, ein Reisetagebuch

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Das Biographieprojekt

29. Oktober, Mittwoch

Langsam vergeht mein Jetlag, ich werde am Abend wieder müde und werde es nicht aushalten, täglich bis ein Uhr aufzubleiben.
Heute klappert alles, denn es geht ein scheußlicher und kalter Wind, obwohl ich vor dem Fortgehen glaubte, es würde sehr heiß sein. Die Luft war klar, aber schneidend. Ich zog mir viel zu wenig an und hoffe, dass ich mich nicht verkühlt habe, denn ich habe ziemlich gefroren. Ich habe auch die shutter, die Rolläden vor den Fenstern, schon wieder hinaufgezogen, weil mir das Klappern auf die Nerven geht. Der kalte trockene Wind aus dem Nordwesten wird hier übrigens „karakkaze – trockener Wind" genannt.


Frau Imai begrüßte mich mit: „Ich habe geglaubt, du kommst gar nicht mehr." Dabei hatte ich ihr gestern erklärt, warum ich heute erst um halb zwei komme. Aber vielleicht hat sie es vergessen. Wir sprachen von ihren Büchern über Ishikawa Takuboku. Ich fragte sie, wie ich zu jenen kommen könnte, die ich nicht besitze und welche ihrer Schriften ihrer Meinung nach am wichtigsten sind. Sie meinte, ich solle in furuhonya, in Antiquariaten, nachschauen.

„Als Wissenschaftlerin bin ich nur in Bezug auf Takuboku gefragt und anerkannt", sagte sie. „Das ist das japanische System: Einer ist für etwas zuständig und das sein ganzes Leben – siehe Iwaki Yukinori und seine biographische Arbeit über Takuboku. Ich habe viel anderes geschrieben, aber ohne dazu aufgefordert worden zu sein."
Weder bestellte man bei ihr Artikel über Yosano Akiko oder Saitô Mokichi, japanische lyrische Größen, mit denen sie sich wissenschaftlich befasste, noch über das Frauenthema.

„Über Frauen habe ich erst nach dem Jahr in Wien, 1976 bis 1977, zu schreiben begonnen. Einzig und allein Watanabe Sumiko, die eine Anthologie von Kurzgeschichten japanischer Schriftstellerinnen geplant hat, hat bei mir angefragt. Für dieses Buch habe ich die erste literarische Geschichte, die in der Meiji-Zeit von einer Frau, nämlich Shimizu Shikin, geschrieben wurde, kommentiert. Sie heißt `Kowareta yubiwa´ (Der kaputte Ring)."

Nach ihrer Heimkehr aus Wien 1977 habe sie „fleißig über den niederen Status der japanischen Frauen, über ihr Unglück geschrieben", sagt sie. „Aber das wurde in Japan nicht angenommen. Im allgemeinen ist es so, dass alle schreiben sollen, welche Fortschritte die japanischen Frauen gemacht haben." Sie erwähnt Ueno Chizuko, eine bekannte Frauenforscherin und feministische Wissenschaftlerin. „Die spricht gern abstrakt über den Status der japanischen Frauen. Ich habe lieber Konkretes über die japanischen Frauen geschrieben. Meine Zielgruppe waren meine Studentinnen. Ich habe versucht, ihnen ein grundlegendes Wissen über den Status japanischer Frauen zu vermitteln. Aber ich betonte, wie schlimm die Situation der japanischen Frauen ist. Das will niemand hören, sondern nur, wie fleißig die Japanerinnen kämpfen – isshokenmei tatakau. Daher wurde ich nicht berühmt auf diesem Gebiet."

Schließlich erzählt sie noch, dass Ishikawa Takuboku, der Dichter, der ihr Leben und Werk wesentlich bestimmt hat, sie schon in der Grundschule faszinierte. Imai Yasuko besuchte die Grundschule Anfang der vierziger Jahre des 20. Jahrhunderts zur Zeit des „Großen ostasiatischen Krieges". Damals wurde Takuboku, der als linker Dichter gilt, wahrscheinlich nicht sehr hoch geschätzt. War es doch die Zeit des rechts gerichteten nationalistischen Regimes und des japanischen Imperialismus.


Irgendwann gelang es mir heute, Imai san meine Website zu zeigen, beziehungsweise die Vorstellung des Biographieprojekts „Imai Yasuko – ein Leben gegen den Strom" auf dieser Website. Sie sagte, es sei kekkô, also okay. Und sie druckte für mich ihren gerade fertig gestellten Artikel über Takuboku aus, den eine literarische Zeitschrift für eine Sondernummer über Takuboku von ihr erbeten hat.


Im Bus fahren jeden Abend dieselben drei Schülerinnen mit, wahrscheinlich vom Schulkomplex des Heiligen Christopher, der sich neben dem Spitalskomplex zum Heiligen Geist und dem Altersheim Garten Eden ausstreckt.

„O Tannenbaum, o Tannenbaum". Diese Melodie erklang plötzlich im Bus. Sie kam vom Handy einer der Schülerinnen. Diese SMS-Handies mit Fotoapparat, die alle hier haben, schauen aus wie aufgeklappte Puderdosen. Die Leute sitzen da, als ob sie dauernd in einen Handspiegel starren würden. Auch Herr T. und Frau T. haben so eines, und auch Frau S.. Da gab es bei der Zugsfahrt von Tôkyô nach Hamamatsu im Shinkansen die Szene mit der weißhaarigen Frau im gepflegten Kostüm, die den jungen Mann neben ihr immer wieder ansprach. Der hatte die Stöpsel eines Walkmans in den Ohren und ein Handy, auf das er starrte, in der Hand. Er lächelte zwar höflich in Richtung der alten Frau neben ihm, und er nahm sogar kurzzeitig die Stöpsel aus den Ohren, aber es war klar, dass es ihn überhaupt nicht interessierte, dass sie nach Hamamatsu zu ihrer älteren Schwester fuhr. Mir war sie schon in Tôkyô am Bahnhof aufgefallen, weil sie in traditioneller Sitzweise am Boden kauerte, aber ein elegantes Kostüm anhatte, während die meisten alten Frauen doch Kimonos tragen. Die alte Frau hatte auch einen ungewöhnliches Kurzhaarschnitt, wirkte aber in ihrem Betragen trotz der städtischen Aufmachung eher wie eine „einfache Frau vom Land".


Mit der Kommunikationstechnik klappte es heute nicht. Während des Gesprächs mit Frau Imai wartete ich innerlich eine Stunde auf Hansis Anruf, bis ich Frau Imai fragte, ob ihr Telefon in Ordnung sei. Es stellte sich heraus, dass es überhaupt nicht funktioniert. Wir versuchten, ein Email an Hans zu schicken. Das ging auch nicht. Bei Frau S. zu Hause wiederum funktioniert meine yahoo-Email-Adresse nicht, obwohl es am ersten Abend den Anschein hatte, und ich mich schon darüber freute.

Frau S. hat mir angeboten, mithilfe ihrer Adresse ein Email zu schicken und bemühte sich auch, die Vorwahlnummer von Österreich herauszukriegen, was nicht leicht war, denn bei der Telefonauskunft war nichts Richtiges zu erfahren. Im Zuge dieser Gespräche sind wir darauf gekommen, dass das Telefon der Frau Imai nicht kaputt ist, sondern dass das Internet eingeschaltet war, daher konnte man nicht telefonieren!


Heute früh, als ich aus meinem Zimmerchen kam, sagte S. san: "Ihr Handtuch hat so gestunken, ich habe es gewaschen!" Schluck. Nach dem ersten Schock erbat ich mir von ihr Wäsche zum Wechseln, denn nur dann könne ich meine Sachen zufriedenstellend waschen!

Herr S. ging gegen halb neun aus dem Haus. Ich schaute ihm aus dem Fenster nach und hätte ihn beinahe nicht erkannt. Seit dem Sonntag Abend habe ich ihn ja nicht mehr gesehen, nur gehört. Er trug einen beigen Anzug und eine Aktentasche, die Haare waren gestriegelt. Er stieg in ein riesengroßes dunkelblaues Auto, das hinter dem weißen, mit dem Frau S. fährt, auf dem Parkplatz neben dem Haus stand.

Jetzt in der Nacht ist er wieder unterwegs, um den Sohn abzuholen. Frau S. hat mir gerade erzählt, dass er angekündigt hat, heute sei seine Arbeit in Hamamatsu zu Ende, aber nun wolle er morgen auch noch bleiben. Aus Sorge um den Sohn, den er morgen in der Nacht wieder von seiner Arbeitsstelle abholen will.


Heute vormittags habe ich staubgesaugt und mir die Umgebung des Wohnhauses sowie den Weg zum Apita-depatô eingeprägt, das Nachbarhaus mit den Chrysanthemen-Töpfen, die Hatsuoi-Volksschule und den Wasserspeicher der Stadt.


Anmerkungen


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Ruth Linhart | Japanologie | Biographieprojekt Imai Yasuko Email: ruth.linhart(a)chello.at