Ruth Linhart | Japanologie | Biographieprojekt Imai Yasuko


Herbst in Hamamatsu, ein Reisetagebuch

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Eine Station am Tôkaidô

28. Oktober, Dienstag

Ich wusste, dass ich Heimweh haben werde. In der Früh war ich trüb gestimmt, dann lockerte sich meine Laune auf. Heimweh ist ähnlich wie Liebeskummer. Nicht, dass ich total überwältigt werde davon, aber es nagt am Herz.

Ich bin heute seit dem Morgen allein hier, ich habe geduscht und Haare gewaschen, und gefrühstückt. Dann bin ich in die Richtung gegangen, die Frau S. mir angesagt hat, zu dem store, dem Supermarkt, dessen Namen ich vergessen habe. Gleich vorne beim bus-stop habe ich ein Ramen-Nudellokal entdeckt, und allerhand andere Geschäfte.

Wir wohnen in einer stillen Straße. Parallel dazu bietet ein Wäldchen, ein dünner Streifen Bäume, Gelegenheit zum Joggen. Tatsächlich dient dieser schmale Grünstreifen in erster Linie dazu, die Wohnsiedlungen von der breiten Durchzugsstraße, die vom Stadtzentrum aus der Stadt hinausführt, abzugrenzen, beziehungsweise den Autolärm abzudämpfen.

„Früher war hier, im Norden der Stadt, arechi, Brachland, Wüste, nichts wuchs", erzählte mir Frau S.. Später begann man, die Gegend landwirtschaftlich zu nutzen, viel Tee wurde angepflanzt. Nach dem Zweiten Weltkrieg hat sich die Stadt bis hierher ausgebreitet. Imai-sans Altersheim Garten Eden liegt schon außerhalb von Hamamatsu. Wo das Schloss von Hamamatsu ist, wo Imai-san früher wohnte, wo sich ihre Universität befunden hat, das weiß ich alles nicht, obwohl ich schon einige Male in Hamamatsu war, aber immer als „blinder" Gast. Das heißt, ich musste mir nie allein einen Weg suchen, sondern wurde immer begleitet bzw. geführt.


Jedenfalls trete ich aus dem Haus, gehe fünf Minuten oder weniger nach rechts und komme zu einer größeren Straßenkreuzung, an der ein kleines Einkaufszentrum liegt. Auf unserer Seite befindet sich ein riesiger Drogeriemarkt, das yakiniku-Restaurant, das Ramen-Lokal, und die Station des Busses Nr. 100, der mich nach Seireimikatahara-byôin bringt, zum Krankenhaus des Heiligen Geistes von Mikatahara.

Wenn ich mich von diesem nächsten Einkaufszentrum nach links wende, kann ich die schmale Durchzugsstraße, die die Stadtautobahn kreuzt, entlanggehen, eine Viertelstunde schmale Asphaltstraße, die von weiteren schmalen Durchzugsstraßen gequert wird. Wohnhäuser, Geschäfte, auch manches Grün begleiten diesen Spaziergang. Meistens auf Rädern, manche in Autos, so sind Hausfrauen zum Einkaufen unterwegs. Fast alle tragen topfförmige Hüte und weite halblange Kleiderschürzen, im Stil angelehnt an die traditionellen Haori-Jacken.


Ohne seine Industrie würde Hamamatsu wahrscheinlich auf keiner Landkarte aufscheinen. Zwar liegt Hamamatsu am einstmals malerischen Tôkaidô, der berühmten Straße von Edo, wie Tôkyô früher hieß, nach Kyôto. Diese Route ist dank der Holzschnitte von Hiroshige und Hokusai auch Westlern ein Begriff. Hamamatsu war die 29. Station und lag genau auf der Hälfte des Weges zwischen neuer und alter Hauptstadt. Aber so wie die anderen Schönheiten dieser Strecke im Beton untergegangen sind, so erinnert auch in Hamamatsu nur mehr wenig an die Vergangenheit.

Zwar liegt die Stadt am Pazifischen Ozean und der breite Dünengürtel ist berühmt für die Schildkröten, die hierher zum Brüten kommen. Aber ich weiß nicht, wie es möglich ist, zu diesem Strand zu gelangen. Das muss man schon wissen, sonst irrt man zwischen Fabrikgebäuden, Hafenanlagen und Durchzugsstraßen herum.

Zwar liegt westlich von Hamamatsu ein großer See, der Hamana-ko, von dessen köstlichen Aalen man in ganz Japan schwärmt. Dorthin allein einen Ausflug zu machen, ist ebenfalls ein naiver Gedanke. Es gibt sicher ein schönes Plätzchen an diesem See – nur wo? In Hamamatsu habe man nach dem Krieg einfach alles Alte niedergerissen und neu gebaut, sagt Frau S.. Den neuen Stadtkern werde ich besuchen. Den Bus dorthin kenne ich schon. Aber der Ausflug zum Pazifischen Ozean wird sich am Vormittag nicht ausgehen, und so werde ich höchstwahrscheinlich vier Wochen die meiste Zeit in meiner farblosen betonierten Umgebung zubringen, die allerdings von unbebauten und landwirtschaftlich genutzten Flächen durchbrochen ist.


Abends. Heute fand ich wirklich nicht nach Hause! Ein sehr netter Herr namens Suzuki hat mich schließlich mit in sein Haus genommen und von dort Frau S. angerufen, die mich mit dem Auto vor dem hatsuoi hôikuen, dem Kinderhort von Hatsuoi, abholte. Hatsuoichô heißt das Viertel hier.

Der Kinderhort, bei dem mich Frau S. aufklaubte, ist höchstens fünf Gehminuten von ihrer Wohnung entfernt. Aber wie soll ich mich auskennen, wenn sich auch sonst niemand auskennt?

Keiner, den ich fragte, und ich fragte einige, konnte mir helfen. Warum gibt es hier keine Straßennamen oder wenigstens praktikable Hausnummern? Ich nahm heute Abend, als ich von Imai san heimfuhr, den Bus Nummer 40, weil der nicht, wie der Bus Nr. 100 nur einmal, sondern öfters in der Stunde fährt. In diesem Fall muss ich beim depâto – dem Kaufhaus - von Apita aussteigen und zirka zwanzig Minuten zu Fuß gehen. Anfang schien alles zu klappen. Ich überquerte die dortige Ausfallstaße, fragte eine ältere Frau sicherheitshalber nochmals nach dem Weg, die begleitete mich sogar ein Stückchen. Ich gelangte unbeschadet bis zur Hatsuoi-Volksschule und wusste, dass ich jetzt gleich beim Haus von Frau S. ankommen sollte.

Aber hier war ich mit meinem Latein am Ende. Ein düsteres Straßengewirr, das mit der Karte, die mir Frau S. vom Internet ausgedruckt hatte, nichts zu tun hatte, abgesehen davon, dass ich bei dem schlechten Licht auch mit Brille kaum etwas entziffern konnte.

Ich war echt ein bisschen verzweifelt. Es wird mit den Straßenlampen gespart, um acht Uhr sind die Gassen menschenleer, es ist ein Glück, wenn überhaupt ein Mensch auftaucht. Wäre Herr Suzuki, der im Dunklen joggend unterwegs war, nicht auf die intelligente Idee gekommen, das Telefon einzusetzen, würde ich immer noch in den alptraumartigen Gassen voller schattenhafter Häuschen mit Vorgärten herumirren. Morgen muss ich mir das Haus und die Gegend rundherum genau anschauen.


Heute hat Imai san auf mich schon gewartet, weil ich eine halbe Stunde später kam als gestern. Sie hatte auf ihrem Bett allerhand Sachen liegen. Fürs erste musste ich ihr helfen, die Dinge vom Bett wegzuräumen. Das war gar nicht so einfach, denn sie ordnete auf Japanisch an: „In das Fach", oder „Unter den Kasten" und wurde relativ ungeduldig, wenn etwas nicht sofort funktionierte. Ich wusste oft nicht, was sie meinte. Schließlich kenne ich mich bei ihr nicht aus, und Sprachschwierigkeiten gibt es auch.


Dann sagte sie, sie wolle heute über die Schulen erzählen, die sie besucht hat, und schon begann sie, mir die Namen der Schulen herunterzuraspeln, in der Erwartung, ich könne diese beim ersten Anhören in fehlerfreiem Japanisch niederschreiben. Ich bat sie, mir eine Liste der Schulen ebenso wie der Namen ihrer Familienmitglieder und Freunde zu machen, mithilfe des pasocon, denn ich würde sehr oft das richtige japanische Schriftzeichen nicht wissen und alles würde voller Fehler sein.


Sie erinnert sich gerne an ihre Schulzeit, und sie ging gerne in die Schule, das merkt man ihr an. Vor der Grundschule besuchten sie und ihre ältere Schwester einen Kindergarten. „Das war damals nicht gewöhnlich!"

Die Schullaufbahn der Imai san begann im April 1940 – in Japan fängt das Schuljahr auch heute noch im Frühling an – und endete 1952. Im April 1952 wechselte sie an die Hokkaidô-Universität. Während der Schuljahre Yasukos veränderte sich das Schulsystem gewaltig. Stand die Schule bis 1945 im Zeichen des „Großen ostasiatischen Krieges", so war in den Jahren nachher die amerikanische Besatzungsmacht das bestimmende Element. Den Übergang von der reinen Mädchenschule zur Koedukation empfand Imai san als wichtigen Einschnitt in ihrem Leben.

1946 kam Imai Yasuko aber vorerst von der Grundschule in die damals noch existierende „Höhere Mädchenschule der Stadt Sapporo" (Sapporo chôritsu kôtô jogakkô). 1947 trat ein neues Schulgesetz in Kraft, das die Koedukation anpeilte. In Sapporo verwirklicht wurde dieses erst 1950.

„Das war der wirkliche große Wechsel", sagt Imai san. „Im vierten Jahr der Mädchenschule wurde diese abgeschafft und die Schülerinnen und Schüler wurden neu aufgeteilt. Ich kam in die Sapporo nishi kôtôgakkô, in die Oberschule Sapporo West." Hier traf sie mit Shibata Seiichi zusammen, einem Mitschüler, der großen Einfluss auf sie haben sollte.


Ein besonderer Höhepunkt der Schulzeit ist in der Erinnerung von Imai san aber die arubaito, die Ferialarbeit in der Buchhandlung Maruzen in Sapporo. Maruzen ist die Buchhandlung mit ausländischen Büchern, die der Dichter Ishikawa Takuboku sogar in einem seiner Gedichte erwähnt hat. Sie existiert immer noch mit Filialen in ganz Japan. Yasuko arbeitete hier gemeinsam mit ihren Schulfreundinnen in einer der ersten Winterferien nach dem Krieg. Das muss zirka 1947 gewesen sein.

`Hataraku no wa yappari rippa na mono da´, dachten wir. `Arbeiten ist wirklich etwas Schönes!´ Ich kaufte mit dem Geld, das ich verdiente, Gedichte von Shimazaki Tôson und meine erste Sammlung von Takubokus Tanka und ein Album und einen hübschen Gürtel für ein Kleid, den ich schon lange gerne haben wollte. Das Geld und der Kontakt mit allen möglichen Leuten waren nett. Und die Buben aus der Mittelschule kamen uns anschauen. Wir waren Schülerinnen aus einer berühmten Mädchenschule. Dass die Mädchen von dort arbeiten, hat die Buben herbeigelockt, unter dem Vorwand natürlich, dass sie etwas kaufen wollen. Es war schon nach dem Krieg, und die Erwachsenen sagten nicht viel, auch wenn wir die Schuluniform manchmal nicht trugen oder statt der schwarzen bunte Socken anhatten. Wir drehten uns sogar die Haare ein!"


Während Frau Imai erzählte, kam die Sachertorte an, die ich ihr aus Wien schicken ließ, und das Probeexemplar ihres Buches „Onnatachi no yoake mae", „Frauen vor dem Tagesanbruch", das ihr Verlag übermittelte. Um sechs Uhr stand der Masseur in der Tür. So gab es einen plötzlichen Aufbruch. Das ist schade, denn Imai san war heute gut drauf. Gestern lag sie ja im Bett, als ich kam und als ich ging, heute nichts dergleichen. Wir aßen gemeinsam und das war nett, auch wenn ich mich bei den Dienstleistungen, die sie von mir wollte, wiederum eher ungeschickt anstellte. Das Essen im Heim kostet etwas mehr als 900 Yen, zirka sieben Euro.


Hans ruft mich jetzt täglich an, während ich bei Frau Imai bin.


Anmerkungen


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