Ruth Linhart | Japanologie | Biographieprojekt Imai Yasuko


Herbst in Hamamatsu, ein Reisetagebuch

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Tempura und Kräutertee

27. November, Donnerstag

Wir befinden uns in Kumamoto auf Kyûshû. Ein alter Herr wird vorgestellt. Er hält Kühe und trinkt viel Milch, und darum hat er noch sechsundzwanzig eigene Zähne. Man sieht alle. Weiters taucht er jeden Tag in das heiße Wasser einer onsen, einer Thermalquelle. Dann beobachtet man eine Gruppe alter Leute, mit denen er, das Gesicht zur Morgensonne gewendet, turnt. Der nächste Beitrag im Fernsehen bringt uns zu einer Tagung zum Thema katakori, das sind verspannte Schultern, und wir erfahren, wie man diese behandelt.

Vorher, in den Nachrichten, war ein Block eingeblendet, der zeigte, wie sehr alte Leute in den heutigen japanischen Wohnungen gefährdet sind. Ein Experte wurde dazu befragt. Das Erstaunliche war, dass die alten Leute dadurch gefährdet sind, dass die Möbel zu hoch sind – und mir tut das Kreuz weh, weil sie zu nieder sind. Sie sind heute höher als sie früher waren, weil die jungen Japaner und Japanerinnen – wegen geänderter Ernährungs- und Lebensgewohnheiten - immer größer werden. Diese Tatsache fällt mir hier in Tôkyô besonders in den öffentlichen Verkehrsmitteln stark auf, denn da hat man Muße, die fremden Leute zu betrachten. Jedenfalls sah man die animierte Darstellung einer alten Dame im Kimono, die nicht zur hinteren dritten Platte des Küchenherdes gelangen konnte, ohne sich zu gefährden. Früher gab es anscheinend nur Herde mit zwei Platten vorne nebeneinander, und die Herde waren niedriger. Außerdem rechnen die Hersteller heute nicht mehr mit langen Kimono-Ärmeln, die leicht Feuer fangen können!

In dem Fernsehbeitrag wurden die Familien aufgefordert, aufzupassen, dass die alten Leute sich wegen dieser Änderungen in den Lebensgewohnheiten nicht verletzen.

Man sah auch die hübsche Altstadt von Kanazawa, der größten und schönsten Stadt des Hokuriku-Distrikts. Dieser liegt auf der dem Japanischen Meer zugewandten Seite von Honshû. Ein älterer Herr führte vor, wie dort die Pflanzen im Freien winterfest gemacht werden, indem man sie mit Strohmänteln umwickelt. Das nächste Mal möchte ich gerne nach Kanazawa fahren und meine Erinnerungen an den Kenrokuen-Park und die blühenden asagao - Morgenwinden - auffrischen. Aber es soll Frühling sein, mit Kirschenblüten! Und Hans soll mit dabei sein. Auch jetzt wäre es lustiger zu zweit, obwohl ich mich allein sehr wohl fühle und keinesfalls als eine komische Ausnahme. Beim Frühstück sehe ich sehr viele alleinstehende Frauen.


Heute frühstückte ich etwas früher, und da befand ich mich vor allem unter mittelalterlichen Männern in ihren dunkelblauen und dunkelgrauen Anzügen. Es dürfte sich um Kollegen aus einer Firma gehandelt haben, denn alle schienen sich zu kennen.

Ich beobachte, dass sehr viele Gäste, wenn auch nicht alle, das japanische Frühstücksangebot wählen, misoshiro – Misosuppe, Reis, nori – getrocknete Meeresalgen, salzige Gemüse, Fisch, Fleisch, umeboshi – das sind Salztrockenpflaumen, die äußerst sauer schmecken, aber auch äußerst gesund sein sollen. Fast alle nehmen nachher Kaffee, und manche Gäste essen zu den japanischen Speisen Brot.

(Im Fernsehen ist jetzt ein Beitrag über kanpô, die altchinesische Medizin. Die wird empfohlen, wenn ich es recht verstehe. Also die Chinesen reüssieren damit auch in Japan!)

Am Frühstücksbuffet gibt es Milch zum Trinken, reine Milch, und ich sah nicht wenige Herren im Anzug sich ein Glas Milch genehmigen. Milch gilt als Energiespender und gesund – siehe den Fernsehbeitrag über den alten Herren mit vollständigem eigenen Gebiss.

(Jetzt werden Briefe verlesen? Man sieht auf einer Zeichnung, wie sich Schulterverspannungen auswirken. Sogar an Appetitlosigkeit und Müdigkeit können sie schuld sein, aber vor allem strahlen die Schulterverspannungen auf die Nervenenden beim Genick aus.).


Gestern erzählte Frau K. über ihren alten Papa, dass er seinerzeit vor dem Zweiten Weltkrieg am gakusei undô, an der Studentenbewegung, teilgenommen habe. Was gab es damals für ein gakusei undô? Ich glaube, jede linke Bewegung von jungen Leuten wird unter diesem Begriff eingeschlossen. Ihr Vater sei von marxistischen und kommunistischen Ideen beeinflusst worden. Ihr Elternhaus war sehr frei und modern. Auch ihr Mann war im gakusei undô engagiert und politisch links ausgerichtet. Das dürfte schon in die Zeit um 1960 hineingereicht haben, als Imai san sich für die Studentenbewegung begeisterte und gegen die Verlängerung des Sicherheitsvertrages mit Amerika kämpfte. Die Familie von Herrn K. sei aber im Gegensatz zu ihm selbst äußerst konservativ. Eine wesentliche Frage für diese war, ob eine Frau, die studiert hat, denn überhaupt kochen kann! Nach japanischem Brauch muss Frau K. zu all den buddhistischen Sterbetagen die ganze Familie des Ehemannes herbeirufen. Heuer war der dritte Sterbetag. Die nächste Feierlichkeit wird zum fünften Sterbetag fällig. Ich fragte, wo diese Zusammenkünfte stattfinden. Sie sagte, dass sie und ihr Mann mit Tempeln und dergleichen nie etwas zu tun hatten und nicht religiös gewesen seien, darum komme der obôsan, der buddhistische Priester, direkt ans Grab.

Sohn und Mutter K. haben seit einiger Zeit einen Hund. Er wurde herren – oder besser frauenlos, weil sein Frauchen starb. Er soll ziemlich groß sein, vier Jahre alt und sehr brav. Ich sagte, dass ich sie beneide, und erzählte vom durch eine Katzenhaar-Allergie erzwungenen Abschied von meinen beiden Katzen.

Beim Spaziergang durch die Straßen mit Geschirrgeschäften sahen wir einen Mann, der per Rad vier Hunde an der Leine ausführte, mittelgroße Hunde mit braunen langen Haaren und spitzen Ohren. Sie liefen dicht gedrängt und im Gleichschritt neben dem Rad her.


Das tägliche renzoku terebi dorama – Fortsetzungsfernsehdrama – nach acht Uhr früh gab ich mir heute auch. Als ich längere Zeit in Japan lebte, war das ein fixer Termin. Die Geschichte drehte sich um den Schwarm eines Mannes für eine hübsche Dame im Kimono. Möglicherweise hatte er sogar ein Verhältnis mit ihr. Jedenfalls spielte das Ganze in einem Kaffeehaus. Ich erinnere mich von früher, dass diese Fortsetzungsdramen oft in Wirtsfamilien angesiedelt waren. Die Ehefrau des Mannes war über den Seitensprung ihres Gatten sehr traurig. Er kam sich entschuldigen, sie aber lehnte das ab, und als Methode, nicht zu weinen – auch als sie wieder allein war – hielt sie sich die Nase zu. Wieder etwas gelernt!


Nacht. U. san hat einen weiten Weg nach Hause, ungefähr eine Stunde. Sie fährt mit der Inogashira-Linie von Shibuya aus. Ich sagte ihr, dass ich daran gedacht habe, den Eifukuchô – übersetzt heißt das „Bezirk des ewigen Glücks" - zu besuchen, wo ich 1968 und 1969 mit S. gewohnt habe. Sie schlug vor, dass wir bei meinem nächsten Japan-Aufenthalt zusammen hinfahren. Der Gedanke daran ist „natsukashii" – ein sehr häufig gebrauchtes Wort in Japan, das schwer zu übersetzen ist, obwohl das Gefühl der wehmütigen Sehnsucht nach etwas schönem Vergangenen auch bei uns bekannt ist. Wir bemühten uns beide, uns zu erinnern, wie es in der Umgebung dieser Wohnung, die uns Frau U. beschafft hatte, damals ausgeschaut hat. Jetzt ist dort sicher alles verbaut, wo seinerzeit zwischen dem kleinen Geschäftsviertel an der Station der Inogashira-Linie und dem buddhistischen Tempel nahe bei unserer Siedlung freie Flächen waren. Herr W., der alte Herr, der uns die Zweizimmer-Wohnung von zweiundzwanzig Quadratmetern vermietete, habe ein Buch über das Samurai-Wesen geschrieben, weiß U. San.

Ich sehe noch die rot blühende Quitte vor mir, als wir bei der Wohnungsbesichtigung das große Fenster auf den kleinen japanischen Garten hinaus öffneten. Da fühlte ich mich sofort zu Hause. Eine der beiden Töchter übte oft Koto, die japanische Wölbbrettzither, was man besonders an Sommerabenden hörte. Ich glaube, wir wurden von ihr einmal zu einem Konzert und zu einer Teezeremonie eingeladen. Jetzt ist die Teezeremonie anscheinend wieder sehr modern, nachdem sie in den Jahrzehnten dazwischen eher wenig Interesse erweckt hatte.


Der Abend mit U. san war schön. Ich ging ihr entgegen, traf sie jedoch nicht, und als ich ins Hotel zurückkam, saß sie schon in der Lobby und erwartete mich! „Linhart sama" sagte der Kellner sich höflich verbeugend, als ich mit U. san ins Lokal Voila eintrat. Wir aßen ein Tempura-Menü und tranken ein Glas Wein, nachher gönnten wir uns ein desâto (petits fours) und haab tii (Kräuter Tee, U. san Kamillen, ich Verveine-Tee). Ich freue mich, dass sie mich sie einladen ließ.

Ich hoffe, dass sie wirklich nächstes Jahr im Frühling nach Wien kommt. Sie ist die einzige der japanischen Freunde und Freundinnen, die kommen kann. Imai san ist zu krank, die anderen sind beruflich eingespannt, K. san und ihr Sohn haben zu wenig Geld, und das Ehepaar T. muss sich um das Tempelerbe kümmern.


Wir haben alles Mögliche geplaudert, über gemeinsame Bekannte aus früheren Jahren. Morgen hat U. san ein Treffen der dôsôkai – des Absolventinnenvereins ihrer Universität. In Japan werden die Schul- und Studienkontakte lebenslang gepflegt, und es gibt sogar Treffen mit den Kollegen und Kolleginnen aus dem Kindergarten.

U. san erwähnte, dass sie die letzten Jahre, als sie Schuldirektorin war, ein Dienstauto zur Verfügung hatte, und der Chauffeur sie in der Früh abholen kam. „Erai ne – nobel, nicht wahr!"

Frau U. fragte mich übrigens, welche Bücher ich gekauft habe, und ich wusste nur mehr drei. Mein Hirn ist ein Sieb mit großen Löchern. Da ich alle schon geschickt oder verpackt habe, kann ich nicht einmal mehr nachschauen. Ich habe mir zwar die Zahl der Pakete gemerkt, aber nicht aufgeschrieben, welche Bücher ich schickte. Ich erinnerte mich momentan nur an das Buch mit Texten von Kaibara Ekken, dem die Autorenschaft an der traditionellen Erziehungsschrift für japanische Frauen „Onna daigaku – Hohe Schule der Frauen" zugeschrieben wird, an den Band vier des „Genji monogatari“, der „Erzählungen vom Prinzen Genji" und an den Band Gedichte von Saitô Mokichi, der auch „Enyû – In der Ferne" enthält, eine Sammlung von Tanka, in denen er seinen Wien- und Österreich-Aufenthalt kommentiert. Übrigens machte mich U. san darauf aufmerksam, dass Saitô Mokichi am Aoyama-Friedhof begraben ist!

Sie wusste auch, dass die Stadt Tôkyô sich überlegt habe, den Aoyama-Friedhof zu einem normalen Park zu machen und die Gräber zu verlegen, aber derzeit sei die Nachfrage nach diesen Gräbern enorm gestiegen. Für ein Grab gebe es hunderte Anwärter und das, obwohl der Grund für ein Grab issenman en kostet – das sind über den Daumen gepeilt 80 000 Euro. Kann sein, dass dies sogar eine Null zu wenig ist! Zur Bestätigung lese ich in einer Zeitung, dass das Angebot an Friedhofsflächen in Tôkyôs Mitte gestiegen ist. Aufgrund der fallenden Büromieten seien die Mieten für Wohnungen ebenfalls zurückgegangen und dadurch sei es manchmal attraktiver, keine neuen Gebäude zu errichten, sondern die Flächen in Friedhöfe umzuwandeln!


Heute war ein trüber und eher kalter Tag. Morgen soll es wieder regnen! Im Fernsehen sprechen sie von haken – Entsendung - und jieitai – Selbstverteidigungstruppen, vom Zeitpunkt der Entsendung in den Irak und dass es derzeit im Irak ziemlich sicher sei. Aha, nun muss Premierminister Koizumi doch Truppen in den Irak schicken. Präsident Bush lässt sich nicht mit Geld abspeisen und setzt ihn wahrscheinlich stark unter Druck.

In Japan ist die Stimmung in Hinblick auf den Irak-Krieg und zu Kriegen überhaupt, wie mir scheint, anders als bei uns. Das hängt wahrscheinlich mit der Angst vor Nordkorea zusammen, das atomare Drohgebärden setzt. Dass Österreich, wie Deutschland und Frankreich nicht mit dem Angriff der USA auf den Irak einverstanden waren, stieß öfters auf verwunderte Gesichter. Der Experte, der im Fernsehen gerade befragt wird, spricht nun von einer „sugoku abunai jôtai", einer äußerst gefährlichen Situation!

Mein vorletzter Abend in Japan - wenn nur alles gut geht! Sogar Hans sprach heute am Telefon davon, dass hoffentlich kein Erdbeben und kein Terrorakt und kein Flugzeugabsturz meine sichere Heimkehr verhindern wird …

Erst unlängst fand in Istanbul ein verheerender Anschlag mit hundert Toten statt, der englische Botschafter kam um – als Präsident Bush bei Premierminister Blair in London auf Besuch war.


Höhepunkte des heutigen Tages war außer dem Essen mit U. san wahrscheinlich der Tabi-Kauf im Takashimaya. Tabi sind die weißen japanischen Socken mit der abgetrennten großen Zehe, die man zu Getas, den japanischen Holzsandalen, trägt.

Ich fuhr mit der U-Bahn bis zur Station Nihombashi im Chûô-ku, dem „Zentralbezirk" Tôkyôs, in dem sich das berühmte Ginza-Viertel befindet. Dieser Bezirk gehörte im alten Edo zur „Unterstadt", Shitamachi, Hier war das Zentrum der Kaufleute und Handwerker, und auch heute noch ist es der zentrale Einkaufsbezirk. Als „ersten Bezirk" sieht man aber den benachbarten Chiyoda-ku an, in dessen Mitte sich das Gelände des Kaiserpalastes befindet, das „grüne Herz von Tôkyô". Der Chiyoda-ku ist also sozusagen das politische Zentrum des Landes, der Chûô-ku das wirtschaftliche.

Die U-Bahn-Station Nihombashi hat einen Ausgang direkt im Takashimaya, dem Marktführer und dem nobelsten Kaufhaus von Japan, in dem, wie mir Frau U. früher einmal erzählte, auch die Kaiserin einkaufen geht. Gleich im Parterre gibt es einen auffallenden Bereich mit Glitzerschmuck der Firma Swarovski. Ich suche die Katzenbrosche, die Imai sensei hier gekauft hat, aber ich entdecke sie nicht.

Daher wende ich mich fürs erste auf die andere Straßenseite ins Maruzen.

Mit der Buchhandlung Maruzen, die schon 1869 gegründet wurde, besteht eine sentimentale Verbindung. Von meinem ersten Japan-Aufenthalt an war diese Buchhandlung, die auf Bücher in ausländischen Sprachen spezialisiert ist und eine Fundgrube für Bücher über Japan war, ein Stück Heimat. Dass auch mein Dissertationsdichter Takuboku in seinem Gedicht „Das Haus" von einer Buchsendung aus dem Maruzen träumt, verstärkt diese Beziehung noch.

Frau U. berichtete, dass die Maruzen-Filiale in Kôbe unlängst geschlossen wurde. Schon in Kyôto war mir ein altmodischer gelbstichiger Hauch über dem vielstöckigen Buch-Eldorado aufgefallen. Und auch die Zentrale in Tôkyô wirkt irgendwie finster. Der frühere internationale Glanz ist blind geworden. Ich kaufe nur einige Bücher über japanische Küche, die ich den Kindern mitbringe, und autobiographische Erinnerungen der Schauspielerin Sawamura Sadako an das alte Asakusa „Coming of Age in Pre-war Tôkyô", die ich mir als Lesestoff zugelegt habe. Denn die Biographie über die Kämpferin in Frauenfragen und Politikerin Katô Shidzue, die 2001 hundertvierjährig starb, habe ich ausgelesen und eingepackt. Während ich etwas enttäuscht in den nicht überquellenden Regalen herumstöbere, fällt mir ein, um wie viel bequemer es ist, Bücher per Internet von zu Hause aus zu bestellen!


(Im Fernsehen ist die Rede vom französischen Jahrhundertwein. Wir befinden uns bei einem Weinbauern in Burgund. Er sagte „Konnichi wa" zum japanischen Fernsehpublikum und veranlasst die japanische Interviewerin zu einer Degustation.
Die Japanerin scheint eine `connaisseuse´ zu sein und lobt den Tropfen).


Nach dem Besuch des Maruzen kehre ich wieder ins Takashimaya zurück, und suche die Musik-Abteilung auf. Dort kennt man die CD mit Tamami Tono, einer jungen Japanerin, die auf einer für die traditionelle gagaku-Musik spezialisierten Flöte moderne Musik macht, nicht, obwohl sie in einer Zeitschrift, die auf Englisch für Japan wirbt, angepriesen war. Ich hoffte, damit bei meinen Kindern auf Wohlwollen zu stoßen.


Im Takashimaya stelle ich fest, dass ich in dem Secondhand-Kimono-Geschäft in Hamamatsu, am Flohmarkt in Kyôto und gestern beim Oriental Bazar sehr billig gekauft habe. Ein seidener Obi, wie ich ihn gestern um 1500 Yen erstand, kostet hier mindestens 8000 Yen. Ratlos, was ich meinen Söhnen mitbringen soll, entschließe ich mich, ihnen Tabi-Socken zu kaufen. Die können sie zumindest als Hauspatschen verwenden. Das ist ein Theater, bis die Verkäuferinnen recherchiert haben, welche japanische Größe der französischen Schuhgröße 45 und 42 entspricht! Dafür haben sie nämlich eine Tabelle. Aber die Frauen in dunkelblauer Uniform sind in dieser Abteilung wohl schon Komplikationen mit Ausländern und Ausländerinnen gewohnt und nach langem hin- und her ziehe ich mit den gewünschten blütenweißen Socken ab. Die Tabi im Takashimaya kosten soviel wie die drei Seidenjacken, die ich in Hamamatsu gekauft habe!

Schließlich tauche ich ins Untergeschoß des Kaufhauses, wo ein unübersehbares Meer an Lebensmitteln angeboten wird, und finde tatsächlich die kuri-kinton , die Kastanienkuchen aus der Präfektur Gifu, die mir bei Frau S. so gut geschmeckt haben. Ich kaufe auch eine Packung mit vier weichen hoshigaki, getrockneten Kakifrüchten, und zwei kleine Schachteln mit o-senbei, Reiskeksen. Ich bin zwar sehr zufrieden, dass ich die ausgefallenen Köstlichkeiten erwerben konnte, aber etwas besorgt über den Transport. Doch dann fällt mir die energische Freundin F. ein, die damit sicher keine Probleme hätte und ich fasse Mut. Schon allein wegen des Gepäcks muss Hans beim nächsten Mal mitkommen. Er hat ja für den Flug auch zwanzig Kilo frei, und die nützt er nie aus.


Nun möchte ich den Ausflug mit einem hotto keiki – einem heißen Pfannkuchen – beschließen. In den vergangenen Wochen hätte ich oft und oft Gelegenheit gehabt, diese zur japanischen Köstlichkeit gewordene Spezialität aus dem angelsächsischen Raum zu speisen. Heute geht mir der Wunsch nicht in Erfüllung.

Ich spaziere zum Tôkyô-Bahnhof und erforsche dort, zu welchem Eingang mich übermorgen das Taxi auf meinem Weg zum Flughafen bringen muss. Der Bahnhof Tôkyô ist ein Reich für sich selbst. Eine ganze Stadt von Bahnhöfen. Ich besorge mir auch gleich eine Sitzreservierung – für den Zug um acht Uhr früh.


( Morgen wird in Hokkaidô die Sonne scheinen, erzählt die Wettervorhersage im Fernsehen. Bei uns in Tôkyô wird es regnen und der Einfluss des Taifun Nummer 21 wird zu bemerken sein. Das auch noch! Ich dachte, die Taifune sind im Spätherbst nicht mehr relevant! )


Auch in der Omote Sandô finde ich kein Lokal, das hotto keiki anbietet. Mir brennt schon der Magen vor Hunger, denn ich fuhr mindestens eine halbe Stunde mit der Yamate-Schnellbahnlinie, die zum JR-Konzern gehört, vom Bahnhof Tôkyô zur Station Harajuku. Ich wollte wenigstens einmal in Tôkyô meinen Japan Rail Pass ausnützen! Bei einem Café namens „Sejour" gebe ich klein bei, bestelle Kaffee mit Marmelade-Toast und schaue aus dem ersten Stock auf das Leben und Treiben des pariserisch angehauchten Boulevards. Gegenüber ist eine Baustelle mit Monsterkränen, die mit Plakatwänden abgedeckt ist. Von diesen Plakatwänden schauen die Hauptpersonen des Filmes „The last Samurai" zu meinem ersten Stock-Platz herüber: Tom Cruise, Sanada Hiroyuki und Koyuki.


(In Tôkaimura hat es einen Unfall gegeben? Dort ist ein Atomkraftwerk! Fernsehen ist für die Nerven wirklich nichts. Diesen Abend hörte ich ausnahmsweise nichts von Erdbeben, aber Terrorakte, Taifun und ein Unfall im Atomkraftwerk, das reicht auch! Ich drehe das Fernsehen ab, um mir nicht noch den Rest der Nerven aufrühren zu lassen). Ich drehe das Fernsehen ab, um mir nicht noch den Rest der Nerven aufrühren zu lassen).


Zurück im Hotel rastete ich, verpackte weiter Bücher, um sie morgen zur Post zu bringen und schaute dabei ein Fernsehfamiliendrama an:

Eine junge Frau kommt nach Hause, hochschwanger, und will daheim ihr Kind zur Welt bringen. Die Mutter ist gar nicht angetan davon, denn die Tochter gehört jetzt zur Familie der Homma und sollte daher dort das Kind gebären. Aber der Papa ist begeistert. Der Vater kocht und sagt, er werde sich um Tochter und Baby kümmern. Die Mama meint nämlich, dass sie ein Restaurant haben und daher nicht daheim bleiben können, um nach dem Rechten zu sehen. Man sieht auch die Schwiegerfamilie. Dort kommt gerade eine Tochter, die sich scheiden lässt, mit ihren Kindern ins Elternhaus zurück. Es geht um Schwiegermütter und Schwiegertöchter, um Eltern und Kinder und um den Papa, der zum Großvater wird und sich dabei ganz anders benimmt als bei der Geburt seiner eigenen Kinder. Die Mutter wirkt „tsumetai- kühl", freut sich dann aber doch über die neugeborene Enkelin und scheint letzten Endes alles richtig gemacht zu haben. Die Töchter sind ziemlich verwöhnt, während die braven Schwiegertöchter verhärmt dreinschauen.


Als ich Frau U. entgegenging, schaute ich mir zum ersten Mal Preise in den Auslagen von Aoyama an. Ein Kleid kostete zum Beispiel 136 000 Yen. Das ist gut und gern tausend Euro.


Anmerkungen

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Ruth Linhart | Japanologie | Biographieprojekt Imai Yasuko Email: ruth.linhart(a)chello.at