Ruth Linhart | Japanologie | Biographieprojekt Imai Yasuko


Herbst in Hamamatsu, ein Reisetagebuch

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Altersheim Garten Eden

27. Oktober, Montag

Hier in Hamamatsu blühen besonders strahlende blaue asagao, Prachtwinden. Ich wohne in einer schmalen japanischen Wohnstraße, wie es so viele, so unendlich viele in Japan gibt. Mit Einfamilienhäusern rechts und links, die ganz anders ausschauen als bei uns, viel kleiner und mit ineinander geschachtelten pagodenartigen Dächern, mit Vorsprüngen und Minigärtchen rundherum. Sie haben ihre Eingänge durchwegs an der namenlosen Straße. Rund um jedes Häuschen blühen Blumen, zumindest gibt es einen kleinen Ahornbaum wie direkt vor meinem Fenster. Der sollte sich eigentlich während meiner Anwesenheit rot färben.
"Heuer ist das bunte Herbstlaub spät daran", sagte Frau S. "Aber Sie bleiben bis Ende November, das sollte sich ausgehen." Das bunte Herbstlaub heißt auf Japanisch momiji.

Im Seireimikatahara-byôin, dem Krankenhaus unmittelbar neben dem Altenheim Garten Eden, steht in der Eingangshalle eine beeindruckende weiße Orchidee mit zahllosen Blüten, sie hat sicher hundert Stämme. Auf Imai sans tszukue, dem Schreibtisch, blüht Enzian, allerdings versteckt hinter dem pasocon.

Imai san ließ sich heute von mir spazieren führen. Ich tat das gern, aber ich fühlte mich sehr angestrengt, nach dem Marsch neben Frau S. zur Busstation beim Apita-Kaufhaus. Ich schleppte die Reisetasche mit den Aufnahmegeräten, die ich dann noch gar nicht verwendete, und Frau Imais Fotoalbum, das sie mir vor drei Jahren geborgt hatte. Es war richtiggehend heiß.

Überall gibt es Supermärkte. Supermärkte und Durchzugsstraßen sind die Landmarken, an denen ich mich orientieren kann. Am Abend, nach fünf Uhr, wenn es dunkel wird, leuchten kaum Lampen, alles wirkt finster und melancholisch. Eine Sorge war heute mein knurrender Magen. Das Essen im Heim klappt erst ab übermorgen.


Ich überlege mir, was es für Imai san bedeutet, in allem und jedem von anderen abhängig zu sein, sie, die derartig selbstständig durchs Leben gegangen ist. Sie hat schon ein eigenartiges Schicksal: so stark auf Unabhängigkeit erpicht und auf Freiheit, von klein auf, und dann von ihrem Körper zunehmend in Fesseln gelegt, bis zur totalen Abhängigkeit von anderen.

Zum Glück ist sie finanziell unabhängig und kann sich Leute leisten, die sie an- und ausziehen, vom Stuhl auf das Bett heben und umgekehrt. Die sie füttern und die sie baden, die ihr die mikan – die Mandarinen - schälen und die Notizbücher suchen. Sie legt sehr viel Wert auf hübsche Kleidung. Heute trug sie ein grünes gehäkeltes Jäckchen. „Aus China", sagte sie. Und eine Armbanduhr mit einem Uhrband aus Bernstein. Nachdem sie für die Nacht umgezogen worden war, lag eine Bernsteinbrosche auf dem Boden, in Form eines Kätzchens. Am Finger trug sie einen Bernsteinring.

Sie ist umgeben von Büchern, von CDs, von Videos. Aber eigentlich ist das Zimmer so klein, und sie hat so wenig Platz für all das Geistige, das in ihr und um sie ist.

Die Pflegerinnen sind jung, es gibt auch Pfleger. Ich beobachtete den ziemlich bulligen Typ, der sie nach dem hirune, dem Nachmittagsschlaf, schwupp, in den Rollstuhl setzte, schnell und leicht, gekonnt. Anschließend zog er ihr das Jäckchen über. Vor dem Einschlafen am Abend versorgte sie ein hübsches Mädchen.


Nach dem Abendessen kam Imai san langsam in ihrem Rollstuhl angefahren, zu dem Aufenthaltsraum vor ihrer Zimmertür, wo ich auf sie wartete. Sie isst nicht im großen Speisesaal neben dem Haupteingang. Das sei ihr iya, zuwider.

„Tasukete kure, tasukete kure", „Helft mir, helft mir!" winselte die 104-jährige Frau, die mitten im Speisesaal in einem Rollstuhl hing. Die Pfleger sagten, sie solle ein bisschen warten. Aber sie hörte nicht auf: „Helft mir, helft mir bitte, zu Hilfe, zu Hilfe." Und ein anderer oder eine andere stöhnte ebenfalls. Am Nachmittag fiel mir eigentlich kein Stöhnen auf. Als ich ging, war es nach sechs Uhr. Imai san lag bereits im Bett, die Füße dick gefascht. Sie sagte, wenn ich gegangen sei, werde sie sich wieder an den pasocon setzen, und ich solle ihr noch eine mikan schälen und zum Essen vorbereiten.

„Ich muss noch eine Liste der Leute schreiben, denen ich das Buch schicken soll und mir überlegen, wie ich die Bücher verkaufe. Das hat mir Frau S. angeschafft", sagt sie und lacht.

„Bücher schreiben ist ja leicht", sage ich, „aber Bücher verkaufen ist schwer…".

Ich scherze, aber bei mir denke ich, sie sollte sich mit dem Verkaufen der Bücher nicht zu sehr unter Druck setzen lassen. Es reicht, dass es publiziert wird und dass sie es selbst zahlt.

Anfangs war ich heute bei Imai san etwas verzweifelt. Ich werde schnell müde, leide auch noch am Jetlag, und hungrig und durstig wie ich war, kam mir mein Vorhaben nicht machbar vor.

Für Imai san steht natürlich ihr eigenes Buchprojekt jetzt ganz im Vordergrund. Man hat ihr gesagt, sie bekäme das Buch zugeschickt, um die Farbe des Deckblattes zu beurteilen. In dieser Sache wurde Imai san von einer Frau vom Verlag angerufen, in dem das Buch erscheint. Das hat sie sehr beschäftigt, und ich musste diese Frau zurückrufen.

„Sag ihr, dass…," befahl mir Imai san. Ich wendete ein, dass sie selbst auf Japanisch ihre Anliegen besser ausdrücken kann als ich und daher selbst mit dieser Dame sprechen solle.

Ein Problem ist, dass in dem Zimmer so wenig Platz ist, und der vorhandene Platz ist übervoll belegt. Ich weiß nicht, wohin ich meinen PC stellen soll, sobald ich mit den Aufnahmen anfange. Vorläufig stelle ich Fragen zu Fotos aus dem Leben von Frau Imai.

Übrigens stieß ich auf der Suche nach Frau Imais Notizbuch auf die Noten des Mundharmonika-Clubs, die sie gestern gesucht hatte. Sie hatte die Absicht, daran teilzunehmen. „Das soll für die Lunge gut sein!" Sie war nur einmal dort. „Die Mundharmonika war ziemlich teuer".


Obwohl Imai san mir allerhand erzählt hat, bin ich irgendwie unzufrieden, was die heutige Recherche betrifft. Unter anderem hat sie über ihren Aufenthalt als Doktoratsstipendiatin in Tôkyô 1960 berichtet und über die Unterschiedlichkeiten ihrer beiden Literaturprofessoren Naruse Masakatsu und Yoshida Seiichi und wann und warum sie aufgehört hat, Klavier zu spielen. Sie hat auch das Schicksal von Ishikawa Takuboku, dem Dichter, über den sie einige Bücher und ich meine Dissertation geschrieben habe, mit Herrn T., dem angehenden buddhistischen Priester aus dem Freundeskreis, verglichen. Auch Takuboku war der älteste Sohn, sein Vater war Priester, Takuboku verließ sehr früh seine Heimat und ging nach Tôkyô, um dort ein großer Dichter zu werden. Das spielte sich zu Anfang des 20. Jahrhunderts ab. Als Takuboku krank wurde, hat der Vater Geld aufgenommen oder etwas aus dem Tempel verkauft, ohne die Pfarrgemeinde, die dankasan, zu fragen. Er wollte mit diesem Geld dem Sohn aus der Patsche helfen, verlor aber deswegen schließlich selbst seine Arbeit und wurde samt der Familie quasi aus dem Tempel vertrieben.


Als ich am Abend heimkehrte, fragte mich Frau S., warum ich zeitlich zwischen zwei Bussen kam. „Ich war noch im Supermarkt." Dass ich auch im yakiniku-Restaurant neben der Busstation einkehrte und wieder heraus floh, das sagte ich ihr nicht. Lauter junge Leute als Gäste und, wie mir schien als Yakuza, japanische Gangster, verkleidete Kellnerinnen, denn sie waren von oben bis unten in Schwarz gehüllt. Essnischen aus grobem Holz, die Einrichtung sollte sicher Assoziationen mit einem Rinderstall hervorrufen. Yakiniku ist roh serviertes Fleisch, das man in der Mitte des Tisches brät. Laute Musik dröhnte. Die Kellnerin war beflissen, aber so sehr mich auch der Hunger plagte, und der Gedanke, vor Familie S. mit einem Brot vorlieb nehmen zu müssen, so schnell verging mir in diesem Lokal die Lust auf eine Mahlzeit, die hier bestenfalls zu zweit nett ist. Obwohl ich schon an einem Einzeltischchen Platz genommen hatte, erhob ich mich plötzlich wieder, die kleine Kellnerin eilte mir bestürzt nach.

In unmittelbarer Nähe habe ich bisher kein anderes Lokal entdeckt. Ich wollte aber vom Heim in die Nähe meiner Wohnadresse fahren, denn ich weiß nicht, ob ich vom Apita-Kaufhaus, in dessen Umgebung es sicher mehrere Lokale gibt, hierher im Dunklen zurück finde. Und wen frage ich dann? Niemand kennt sich aus. Der Bursch, den ich beim Spital um den Bus Nr. 100 fragte, der kannte ihn nicht, obwohl die Station tatsächlich nur ein paar Meter weit entfernt war.


Heute rief ich U. san in Kôbe an, sie ist etwas jünger als Imai sensei, also Ende sechzig, und hat mein japanisches Leben von Anfang an begleitet. Sie sagte, sie sei erst gestern aus Tôkyô gekommen und habe daher erst jetzt meinen Brief gelesen. Sie habe seit April jeden Tag Sonntag, denn sie sei seither in Pension, nur gerade im Oktober und November habe sie viel zu tun. Ich sagte, dass ich auch nach Kyôto oder Kôbe kommen könnte, um sie zu sehen. Sie werde sich das durch den Kopf gehen lassen und mich wieder anrufen.

Frau S. hat mich eingeladen, für Emails ihren PC zu benützen. Ich nahm das Angebot an und schrieb Emails an Hans, die Söhne, die Schwester, Freundinnen. Es ging sich genau aus: Als ich das letzte Email versendet hatte, kamen die beiden Männer des Hauses zurück und ich verschwand.


Vorher saß Frau S. vor dem Fernseher und wartete auf die beiden. Der Sohn arbeitet derzeit für dieses Sportfest und ist schrecklich arm, sagt sie, denn er muss ganz früh fort und kommt ganz spät zurück. Heute holte ihn der Vater ab. Herr S. ist kein Techniker bei der Fa. Sch. aus Luzern, wie ich dachte, sondern ein Vertreter, oder Verkäufer. „In drei Jahren geht er in Pension", erzählte mir Frau S. Er mag Maschinen nicht und mag sich deshalb auch mit dem PC nicht befassen. Im Haus sei sie selbst am meisten mit dem PC vertraut, sagt sie.

Es ist vielleicht das erste Mal in Japan, dass ich nicht nur mit Lehrerinnen und Lehrern oder aufwärts in der akademischen Laufbahn verkehre. Die Familie S. sind keine Intellektuellen. Sie gehören zum japanischen Mittelstand mit Eigenheim und Auto. Der Parkplatz neben dem Haus reicht sogar für zwei große Autos.

Frau S. hat mir ziemlich klare Grenzen gezogen, was meine Mitbenützung ihrer Wohnung anlangt, ist aber gleichzeitig sehr zuvorkommend. Nur, Spiegel hat sie mir keinen gebracht, obwohl ich andeutete, dass ich einen brauche. Haare waschen werde ich morgen vormittags. Sie hat angekündigt, dass sie morgen um halb acht Uhr das Haus verlassen wird.

Die Hokkaidô-Reise wegen der todkranken Mutter scheint nicht mehr aktuell zu sein. „Es geht ihr wieder etwas besser", sagte Frau S. heute Abend.


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