Ruth Linhart | Japanologie | Biographieprojekt Imai Yasuko


Herbst in Hamamatsu, ein Reisetagebuch

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Kabuki in Tôkyô

25. November, Dienstag

Noch einmal zu Hamamatsu: Vorgestern Nacht, in meiner letzten Nacht in Hatsuoichô, läutete um zirka zwei Uhr das Telefon. In der Früh teilte mir Frau S. mit, dass die Schwiegermutter nun doch gestorben sei! Am Abend hatte sie mir mit japanischer Höflichkeit noch gesagt, dass „dank mir" die Mutter noch am Leben sei. Diese brave Frau hat gewartet, bis ihr Tod mir keine Unbequemlichkeiten oder Ängste mehr bereitet! Tatsächlich war ich aber schon eigenartig berührt und schluckte im ersten Augenblick ungläubig. Frau S. ließ sich vom Ausflug in die Berge nicht zurückhalten, und zeigte mir den schwarzen Begräbnis-Anzug, den sie für Herrn S. ins Wohnzimmer hängte – falls er heimkäme, bevor sie zurückgekehrt sei.

Wie versprochen brachte mich der Sohn zum Bahnhof, mit dem riesigen blauen Schlitten der Familie. Der Sohn ist sehr dünn und hat rötlich gefärbte Haare, was bei der japanischen Jugend äußerst en vogue ist. Zum Autofahren setzte er sich eine Brille auf, und er fuhr sehr umsichtig. Vorher stand er rechtzeitig auf und räumte den Kofferraum des Autos aus.

Also, nach der Beziehung zwischen Müttern und Söhnen kann man weder die Mütter noch die Söhne beurteilen. Der Bursche ist sicher ein netter Kerl, wenn auch etwas introvertiert. Und Frau S. ist überhaupt nicht so zänkisch, wie der Tonfall ihrer Gespräche mit dem Sohn.

Als Abschiedsgeschenk gab mir Frau S. außer dem Affen ein kleines Kuvert mit, ich solle es erst in Wien anschauen. Natürlich öffnete ich es noch in Hamamatsu. Es ist die Hälfte der Summe drin, die ich ihr fürs Wohnen gab. Das finde ich nett. Und eine Telefonkarte, die ich hier in Tôkyô verwenden sollte.

Ô-ame - großer Regen - in Tôkyô. Es ist zehn Uhr vormittags und es schüttet draußen, sodass ich meinen ursprünglichen Plan, jetzt schon fort zu gehen und ein bisschen herumzuflanieren, rückgängig gemacht habe. Aber in einer halben Stunde muss ich dann sowieso nach draußen. Ich gehe ins kokuritsu gekijô, ins Staatliche Theater, Kabuki schauen.

Gestern war ich im Kabukiza, dem nur für diese traditionelle japanische Theatergattung vorgesehenen Theatergebäude, und sah folgende Stücke:

Moritsuna Jinya (Moritsunas Battle Camp), einer der größten Klassiker des jidai-mono-Genres, das sind historische Stücke. Es ist ein Stück mit haarsträubender Samurai-Logik. Abends werde ich mehr darüber schreiben.

Dann gab es zwei Tänze und schließlich einen Ausschnitt aus Shin­ju ten no Amijima (Der Doppelselbstmord in Amijima). Viele sehen dieses Stück von Chikamatsu Monzaemon, der von 1653-1724 lebte, als sein Meisterwerk an. Gestern wurde nur der erste Akt geboten:

Die Geisha Koharu bekommt einen Brief von Osan, der Frau des Jihei, der seit drei Jahren mit ihr liiert ist. Koharu und Jihei haben vor, beim nächsten Treffen gemeinsam zu sterben. In der rigiden Gesellschaft der Tokugawa-Zeit ist dies die einzige Möglichkeit für ein Liebespaar, zusammenzukommen. Wenn ich mich recht erinnere, dürfen Liebende, die zusammen in den Tod gegangen sind, sich zu zweit auf einem Lotusblatt sitzend den Freuden des Paradieses hingeben.

Osan bittet Koharu, der Familie halber auf ihren Liebsten zu verzichten, und unter vielen Tränen ist Koharu dazu bereit. Jihei seinerseits, der nicht versteht, warum die Geisha plötzlich nicht mehr mit ihm sterben will, wähnt einen Nebenbuhler als Grund. Nun tritt Jiheis Bruder auf, um ihn von seiner Geisha wegzulocken. Am Ende des ersten Aktes scheint er mit diesem Vorhaben Erfolg zu haben. Doch das Drama nimmt, wie schon der Titel des Stückes sagt, seinen tödlichen Lauf. Die Geschichte basiert übrigens auf einer wahren Begebenheit.


Im Kabuki werden die Gefühlshöhepunkte äußerst in die Länge gezerrt, und ich saß schon auf Nadeln, denn ich wollte vor zehn Uhr ins Hotel zurückkommen, um mir noch eine Flasche Wasser zu kaufen. Ich hatte vergessen, dass man im Hotel mit Getränkeautomaten vierundzwanzig Stunden versorgt ist! Auch die anderen Besucher stürzten wie besessen aus dem Kabukiza-Theater, wahrscheinlich, um nicht allzu spät nach Hause zu kommen. In Tôkyô sind die Heimwege von der City in die Wohnviertel zum Teil äußerst langwierig.

Jedenfalls war der Theaterbesuch sehr schön, ich erwarb ein japanisches und ein englisches Programm, earphone und in Würdigung von Hamamatsu ein unagi bentô – eine Abendessen mit gedünstetem Aal. Das Ganze kostete inklusive Sitz rund 4200 Yen, zirka 35 Euro.

Heute früh schaltete ich den Fernseher ein. Wovon war die Rede? Vom dai-jishin! Vom großen Erdbeben. Es drehte sich um Sicherheitsmaßnahmen gegenüber den Tsunami, den großen Wellen, und man sah den Hafen von Tôkyô. Ein angenehmes Gefühl macht so ein Thema nicht. Noch dazu, wo der Fluchtweg, der gleich neben meinem Zimmer ins Freie führt, zugesperrt scheint. Ich wohne am Ende eines sehr langen Ganges, und der Fluchtweg in die andere Richtung ist dementsprechend weitläufig und unübersichtlich.

Übrigens habe ich das Zimmer 539, ein Supereinzelzimmer, wie mir ein Blick in die Zimmer auf der anderen Seite des Ganges gezeigt hat. Die sind viel winziger. Mein Zimmer ist so groß wie ein Zweibettzimmer – was immer noch nicht wirklich geräumig ist, aber es steht nur ein Bett herinnen, und so ist Platz für Tisch und Sessel! Leider ist dieser Tisch, auf dem ich schreibe, so niedrig, dass mir schon wieder das Kreuz weh tut.

Das Frühstücksbuffet im Hotel Floracion Aoyama ist sehr einladend, mit westlichem und japanischem Angebot, und kostet 1200 Yen, zirka zehn Euro. Aus dem Zimmer kann man nicht telefonieren. Ich verstehe das, alle Leute haben ein Handy, sodass ein Zimmertelefon obsolet geworden ist. Aber ich habe keines! Hier bin ich vielleicht entschuldigt, weil ich eine gaijin – eine Ausländerin – bin, also auf jeden Fall etwas hen - komisch.

Hans rief in der Früh an, er wird von der Rezeption ins Zimmer vermittelt. Ich muss vom öffentlichen Telefon in der Hotelhalle anrufen. Das war leider kaputt! Aber das internationale Telefon ging, und so konnte ich meinen Flug tashikameru – bestätigen.


Es ist abends, eigentlich schon nachts. Ich sitze mit gewaschenen Haaren auf dem Bett und versuche auf dem niederen Tischchen meine Notizen zu schreiben.

Seit gestern früh sollte ich alles systematisch nachtragen.

Aber ich fange mit heute Abend an. Ich aß zu viel. Gestern begann ich schon damit, in Hamamatsu am Bahnhof mit Kaffee und Toast, hier nach der Ankunft Sandwich und Lindenblütentee, wobei der auf der Speisekarte in Französisch angeschrieben ist. Das Speiselokal im Hotel heißt Voila und ist auf Französisches spezialisiert. Der Name des Hotels ist Floracion Aoyama. „Aoyama" bezieht sich auf das Stadtviertel, „Floracion" soll französisch sein, klingt aber eher spanisch.

Die ganze breite Avenue Omote Sandô, die vom Meiji-Schrein bis zum Aoyama-Friedhof führt, ist in französisches Licht getaucht. Aber das Café des Prés mit der eleganten Glasfront und den köstlichen Croissants, in dem ich einmal mit Hans frühstückte, scheint zu einer Art Mc Donalds verkommen. Abends aß ich übrigens im Voila ausgezeichnetes Risotto mit Pilzen und Meeresfrüchten. Die Krebse sind hier viel köstlicher als bei uns.

Nach diesem japanisch-französischen Reisgericht brauchte ich Bewegung. Jetzt am Abend hatte es fast zu regnen aufgehört, es war stockfinster, auch hier wird es vor fünf Uhr dunkel. Aber in Tôkyô glitzert alles. Um sieben oder acht Uhr, da pulsiert das Leben noch, Lichter blitzen überall, und riesige Leuchtreklamen bedecken ganze Häuserfronten. Gestern, als das Kabuki aus war - das Kabukiza steht im Ginza-Viertel mitten im Zentrum - hätte ich Lust gehabt, mich noch in den Lichterrausch der Nacht hineinzustürzen.

Die kleinen Einzelzimmer auf der anderen Seite des Ganges haben alle den Blick hinaus auf das Glitzerpanorama von Tôkyô. Hier in Aoyama ist eine mondäne Wohngegend mit vielen ein- und zweistöckigen Häusern. Aber am Horizont leuchten Hochhäuser der Stadtviertel Shinshuku, Shibuya oder Ginza? Jedenfalls erstreckt sich am Horizont eine Silhouette von Wolkenkratzern, die funkeln wie Weihnachtsbäume.


In der unmittelbaren Umgebung des Hotels entdeckte ich bisher fast keine Geschäfte, abgesehen von einer überraschend großen Anzahl ausgeflippter Friseure. Eine schmale Straße führt zur Omote Sandô, die früher ein Pilgerweg zum Meiji-Schrein war und heute die eleganteste Einkaufsstraße von Tôkyô ist. Unmittelbar in der Nähe ist sie ganz schmal und rechts und links begrenzt von sündteuren Textilgeschäften. Preise sind fast nirgends angeschrieben. Wo das Sträßchen vom Hotel in die Omote Sandô mündet, reckt sich ein riesiger Eiswürfel empor - ein viele Stockwerke hohes Gebäude aus Glas, das tatsächlich einem Eiswürfel gleicht, oder besser noch vielen ineinander übergehenden Eiswürfeln. Dieses Haus gab es vor drei Jahren noch nicht. Durch die verzerrten Glasscheiben sieht man, dass zumindest in den unteren Stockwerken Schuhe und Taschen großräumig und mondän angeboten werden.

Ich schaute, ob das Yokmok Café noch existiert. Vor sechs Jahren führten uns mein Studienkollege Sh. und mein Professor F. hin. Vor drei Jahren freute sich Kerstin, die schwedische Freundin, in dem Edelcafé mit den teuren Preisen, in dem man Heißes trinken muss, weil die Atmosphäre so eisig ist. Jokkmokk ist eine Stadt im nördlichen Schweden, und man baut dort im Winter Häuser aus Schnee und Eis.

Ja, das Café gibt es noch, und die Serviererinnen glaubten schon, ich wolle hinein und zuckten in meine Richtung.

Bei der Kreuzung Omote Sandô – Aoyama-dôri bog ich nach rechts und fiel gleich in ein Papiergeschäft, in dem es Kuverts und kozutsu­mi-setto gab, ein Set mit Packpapier, Schnur und Klebestoff zum Einpacken von Paketen. Der Verkäufer erklärte mir, dass bei der übernächsten Ampel ein Postamt sei, und ich ging so weit. Dann auf der anderen Straßenseite zurück. Überall laden auch am Abend die zur Straße hin offenen Obstgeschäfte ein. Die mikan kosten 350 Yen, und ich habe am Nachmittag im Nobelsupermarkt Kinokuniya mikan um sage und schreibe 850 Yen gekauft!

Dann ging ich noch die Omote Sandô weiter in Richtung Meiji-Schrein.


Diese Gegend ist voll Erinnerungen. Mit S. war ich hier nie.
Damals, zu Ende der sechziger Jahre, war diese Gegend vielleicht noch keine solche Attraktion wie in den vergangenen zehn, fünfzehn Jahren, oder zu teuer für Bezieher eines kleinen Stipendiums. Ich überlegte auch, wann ich zum ersten Mal in diesem Hotel geschlafen habe, als es noch das schlichte Haus Aoyama - Aoyama Kaikan - war, mit einem großen Speisesaal, in dem es eher militärisch zuging, ohne Dusche in den Zimmern, aber dafür mit einem japanischen Gemeinschaftsbad o-furo. 1992 war das Haus Aoyama schon zum Aoyama Floracion Hotel mutiert.

Das nächste Mal war ich 1997 mit Hans hier. Wir haben in dieser Gegend die ersten Fließband-Sushi gegessen, wir waren beim Meiji-Schrein und fuhren mit dem Bus in der Gegend herum, auf der Suche nach einem Schallplattengeschäft, in dem ich Musik für meine Söhne finden würde, aber es gelang uns nicht. Ich hatte noch nie das Glück, die von meinen Kindern gewünschte Musik aufzutreiben. Hans und ich waren in Akihabara, das Elektronik-Viertel nervte mich, und die Nerven erholten sich im Ueno-Park, wo wir im berühmten westlichen Lokal Ueno Seiyôken unter blühenden Kirschbäumen Curry Reis aßen, der in Japan als westliches Essen gilt. Und wir waren in Kamakura beim großen Buddha und in Hayama auf der Miura-Halbinsel und mit den Sh.s am Tama-Fluss, einem Schwesternfluss der Donau, überall zum Zweck, den Anblick des Fuji san zu erhaschen, aber es sollte uns nicht gelingen.

Gestern, am Feiertag kinrô kansha no hi – dem „Tag des Dankes der Arbeit", den es seit 1948 gibt - überquerte der Shinkansen bei der Einfahrt nach Tôkyô den Tama-Fluss, und ein paar Augenblicke waren die großen und kleinen Fischer zu sehen, die im Wasser standen und die Kinder, die am Ufer Drachen nachliefen.


Ich eilte also die große Omote Sandô auf und ab und fand nicht nur das Fließband-Sushi-Geschäft, sondern auch den Oriental Bazar noch existent. Die Omote Sandô ist eine breite Straße mit Bäumen, sie will den Pariser Boulevard Saint Germain des Prés nachahmen. In der Zwischenzeit ist sie zur Fußgänger-Zone geworden, und man findet alle berühmten französischen Designer hier - lauter ausländische bekannte Namen, riesige Geschäfte, nichts für normale Menschen. Das macht die Straße auch ziemlich steril. Aber dahinter und dazwischen öffnen sich überall die schmalen Gassen von Tôkyô mit verheißungsvoll blinkenden Schildern, und es gibt jede Menge kleine Lokale und Cafés. Viele Leute, die auf der Omote Sandô flanieren, wirken sehr unjapanisch, fast blonde Frauen, elegant oder ausgeflippt gestylt. Auch echte Ausländer kommen vor.

Sogar im Hotel saß heute früh ein ausländisches Ehepaar. Ich dachte mir, es wäre mein Vorrecht, hier einzige Ausländerin zu sein!

Aoyama ist kein durchschnittliches japanisches Stadtviertel, aber es ist Großstadt, es lebt, pulst, braust und tobt. Nach den Wochen in Hamamatsu war ich richtig glücklich in diesem Megastrudel.


In Brotgeschäften sah ich dunkles Brot! Im Supermarkt Kinokuniya, in dem ich, glaube ich, noch nie war, obwohl er so berühmt ist, gibt es jede Sorte Müsli. Aber ich kaufte nichts - außer den unverschämt teuren Mandarinen. Im Kinokuniya muss man in den ersten Stock, um zu zahlen! Natürlich ist das ein Trick, damit man noch mehr einkauft als man vorhat. Und dann gibt es eine Rolltreppe, über die man mit Einkaufswägen und Kinderwägen nicht darf. Ich nehme an, es existiert irgendwo in dem Gebäude ein Aufzug. Anders als am Tôkyô-Bahnhof, wo es keinen gibt, nur eine Rolltreppe. Mit meinem Gepäck war das ein ziemlicher „Tschach".


Das heutige Kabuki-Drama hieß „Kumo ni magou Ueno no hatsuhana", auf Englisch „Kochiyama and Naozamurai". Der Autor des Stückes ist Kawatake Mokuami (1816 - 1893), und es entstand Ende des 19. Jahrhunderts. Die gesamte Aufführung ist – das ist ungewöhnlich – nur diesem einen Stück gewidmet. Ich hatte einen besseren Platz als gestern im Kabukiza, und zahlte 2500 Yen. Das verdanke ich Frau S., die für mich bestellt und mich bei der Platzauswahl beraten hat. Im Kabukiza konnte ich nicht vorbestellen, sagte zumindest Frau S., dort hätte ich die Karten bis zwölf Uhr mittags holen müssen, und da saß ich noch im Zug.

Das Drama „Kumo ni magou Ueno no hatsuhana" dreht sich um eine berühmte Diebsbande und um zwei Frauen. Die eine ist die Tochter einer Geldverleiherin, die beim Fürsten von Matsuei „lady in waiting", also eine Art Hofdame ist. Der Fürst, ein Bösewicht, will sie als Geliebte, obwohl sie mit einem Mann verlobt ist, der das Geschäft der Mutter weiterführen soll. Die andere ist die berühmteste Geisha von Yoshiwara, dem Vergnügungsviertel in Edo. Sie, Michitose, liebt einen jungen Mann aus der Diebsbande. Einer der beiden Helden ist dieser Naojiro, der andere ist Kochiyama, ebenfalls ein Gauner. Beide werden vom beliebten Schauspieler Matsumoto Koshirô verkörpert. Kochiyama geht, verkleidet als Priester, zu dem Fürsten und presst dort die Geldverleiherstochter frei. Im letzten Akt dreht sich alles um Naojiro, der auf der Flucht vor der Polizei ist, und um seine Liebste Michitose, die aus Sehnsucht zu ihm krank geworden ist. Er besucht sie noch einmal, und es gibt eine Szene, in der die beiden sich körperlich berühren. Für Japaner, die das so selten machen und kaum jemals in der Öffentlichkeit, ist so eine Szene wahrscheinlich noch erregender und bewegender als für unsereins.

Die Bilder für das Auge waren wunderschön, auch die Musik, die anscheinend sehr berühmt ist.

Im letzten Akt schneite es! Schnee und unglückliche Liebe! Das gehört zusammen. Ich habe einmal einen Artikel über Schnee und Literatur geschrieben, und dafür habe ich die Geschichte der Gemüsehändlerstochter Osan, ebenfalls aus einem berühmten Kabuki-Stück, zitiert sowie den Roman „Schneeland" (Yukiguni) von Kawabata Yasunari. Auch heute schneite es romantisch, gleichzeitig stand die Liebe der beiden schönen jungen Leute unter einem schrecklichen Unstern. Die Trennungsszene geht mit viel Wehklagen und Schwanken des Körpers vor sich. Michitose hält sich den langen Kimono-Ärmel vor das Gesicht, um die Tränen anzudeuten. Sie fleht Naojiro an, dass er sie umbringt, ehe er sie verlässt, um wahrscheinlich nie mehr wiederzukehren. Doch Naojiro weigert sich.

All die schönen Mädchen im Kabuki sind übrigens Männer. Aber das ist nur an der Stimme zu merken. Ihre Bewegungen sind weiblicher als die von wirklichen Frauen. Das ist eben die überhöhte Darstellung des Kabuki, das auch deshalb so faszinierend ist, weil es starken Realismus mit einer völlig ritualisierten und unnatürlichen Darstellungsweise verschmilzt. Und dann sind da die farbenprächtigen Kostüme und poetischen Bühnenbilder! In einer Szene wird Kochiyama nächtens in einer Sänfte daher getragen. Ein Konkurrent Naojiros um die Gunst Michitoses ist sich sicher, dass Naojiro in der Sänfte ist und bedroht ihn mit seinem Schwert. Der aus seinem Schlaf erwachte Kochiyama ruft aus, er habe im ersten Augenblick geglaubt, er sehe die Sterne funkeln. Und mit einem Mal wird der Hintergrund der Bühne zu einer weiten mondbeleuchteten Landschaft voller Reisfelder.


Das Stück „Der Liebesselbstmord bei Amijima", aus dem ich gestern einen Ausschnitt sah, wird übrigens mit einer ken-Szene eröffnet. Jan-ken-pon, Stein, Schere, Papier. S. hat mindestens ein Buch über dieses Spiel geschrieben. Auch dieses Stück war sehr farbenfroh, was die wunderschönen Kimonos anlangt. Diese langen Kimonos, die die Frauen nachschleifen mussten, hemmten ihre Bewegungsfreiheit. Zusätzlich trugen sie Getas, hölzerne Sandalen, mit sehr hohen Absätzen, und riesige Frisuren. Imai san erwähnte, dass die Chinesinnen mit den gebundenen Füßen noch schlimmer dran waren als die Japanerinnen. Ich sehe hier höchstens einen graduellen Unterschied!


Das erste Stück der gestrigen Aufführungsserie war überhaupt ein Hammer. In „Moritsuna Jinya" ging es um die Samurai-Ehre im Konflikt mit Kindesliebe, Elternliebe und Großelternliebe. Das Hin- und Hergerissensein zwischen giri und ninjô, zwischen Pflicht und Gefühl, ist der Hauptnährstoff japanischer Dramatik und Literatur.

Zwei Brüder kämpfen auf gegnerischen Seiten. Der eine Bruder sucht den anderen auf, um ihn um Nachsicht für sein Kind zu bitten, das von den Leuten des Bruders gefangen genommen wurde. Der um Schonung gebetene Bruder ist empört, weil der andere Bruder mit so einer Bitte nicht nur sich selbst unmöglich macht, sondern die ganze Familie in Schande bringt, denn die Pflicht gegenüber dem Feudalherren überwiegt in der Samurai-Ethik turmhoch die Verpflichtungen innerhalb der Familie oder gar persönliche Zuneigungen. Er ruft daher die Großmutter des Kindes, die gemeinsame Mutter der beiden Brüder, schildert ihr die Lage und befiehlt ihr, den Buben – also ihren Enkel - zu töten oder ihn dazu zu bringen, sich selbst zu töten. Nur so kann die Familienehre gerettet werden.

Das Bübchen erscheint und ist goldherzig. Er spielt auch richtig gut. Das geht natürlich nahe. Eine Frau in meiner Nähe weinte.

Auch die Mutter des Bübchens taucht auf und will, dass der Bub flieht. Aber die Tante des Bübchens fängt diesen Brief ab, und sie ist entrüstet über diesen Vorschlag, der die Familienehre zerbröseln will. Alle sind todunglücklich darüber, dass sie so grausam sein müssen. Sie weinen und klagen lautstark, aber es geht nicht anders. Die Oma klärt den Buben über die Sachlage auf. Der ist schon ein kleiner Krieger und ist mit seinem Tod einverstanden, nur will er vorher noch einmal Mama und Papa sehen. Die Mama sieht er tatsächlich durch das Tor hindurch. Bei ihrem Anblick überlegt er es sich und bittet die Oma herzerweichend, ihn zu verschonen.

Nun kommt die Nachricht, dass der Vater des Kindes, der Bruder auf der Feindesseite, angegriffen hat, um das Kind freizukriegen, aber er sei dabei umgekommen. Der lebende Bruder muss den abgeschlagenen Kopf vor seinem Kriegsherren identifizieren. Das sind wieder tränenreiche Szenen, denn obwohl sie verfeindet sind, lieben sich alle, und obwohl die Ehre im Vordergrund steht, werden die Herzen von Trauer zerrissen.

Kaum wird der Kopf des Toten ausgepackt, stößt sich der Kleine im rituellen Selbstmord das Schwert in den Bauch. Jetzt hat er ja den Papa gesehen und kann sterben. Alle loben ihn überschwänglich, die Oma und die Tante und die Mutter, weil er so tapfer ist. Aber der Onkel erkennt, dass der vor ihm liegende Kopf nicht seinem Bruder gehört. Er entschließt sich zu sagen, dass es sein Bruder ist, um den Tod des Kleinen nicht zu entwerten. Kaum verzieht sich sein Kriegsherr zufrieden, verkündet er, dass er sich jetzt auch umbringen muss. Aber er konnte nicht anders, als seinem Bruder auf diese Weise zu einer weiteren Möglichkeit zu kämpfen zu verhelfen, und zwar aus Bewegung und Begeisterung über das Kind, das sich deswegen umgebracht hatte, um dasselbe zu erreichen. Denn natürlich hat der Bub gemerkt, dass der Kopf ein fremder Kopf ist.

Der Kleine hat sich in der Zwischenzeit endlich das Schwert aus dem Bauch gezogen und ist entschlafen. Ich fürchtete schon, dass sich der Onkel jetzt auch noch vor unser aller Augen entleibt, aber zum Glück wird er von seinem Bruder daran gehindert, der plötzlich aufgetaucht ist und ihm sagt, besser als Selbstmord zu begehen sei es, ehrenhaft in der Schlacht umzukommen.

Hat es in Japan wirklich Kindersoldaten gegeben? Auch der Sohn des Bruders, der sich am Schluss umbringen wollte, stürzte sich in einer winzigen Samuraiausrüstung, die herzig ausschaute, mit Schlachtrufen ins kriegerische Getümmel.

Im Programm lese ich, dass diese Geschichte der beiden Brüder in die Kamakura-Zeit im 13. Jahrhundert verlegt wurde, in Wahrheit aber mit dem Beginn der Tokugawa-Herrschaft zu tun hat. Da das Stück als Kritik am Tokugawa-Clan ausgelegt werden konnte, wurde es vorsichtshalber zeitlich zurückgereiht.


Heute am Abend rief ich S. san in Hamamatsu an, aber sie war nicht zu Hause, und auch der Anrufbeantworter war nicht eingeschaltet. Sie dürfte zum Begräbnis nach Hokkaidô gefahren sein. Imai san erreichte ich. Mit K. san vereinbarte ich für morgen ein Rendezvous. Wenn ich hier das Fenster aufmache, strömt lautes Rauschen herein - die Klimaanlage des Wohnhauses nebenan als nächtliche Geräuschkulisse.


Anmerkungen

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Ruth Linhart | Japanologie | Biographieprojekt Imai Yasuko Email: ruth.linhart(a)chello.at