Ruth Linhart | Japanologie | Biographieprojekt Imai Yasuko


Herbst in Hamamatsu, ein Reisetagebuch

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Hamamatsu, 25. Oktober, Samstag

Das erste Mal wird es ernst. Ich sitze nach diesem langen Reisetag im Yukata, dem japanischen Schlafrock, auf dem Boden vor einem niederen Tischchen, und übe mich an meinem neuen Reise-PC. Ich wundere mich, wie froh ich bin, mich mit dem heimatlichen „Pezi" beschäftigen zu können. Es ist fast, als ob Hans mit wäre. Mir wird auch klar, warum Alexandra David Néel ihre Reiseberichte oft als Briefe an ihren Mann verfasst hat. Das gibt Wärme und Zugehörigkeitsgefühle! Und die hat vielleicht sogar eine so große Reisende und Schriftstellerin wie „Alexandra" gebraucht!


Das Erstaunliche ist, dass es mir ganz normal vorkommt, in Japan zu sein. Als wäre ich kaum weg gewesen.

Als das Flugzeug endlich die neuntausend Höhenmeter dichten Wolken durchstoßen hatte und wir am Flughafen Narita gelandet waren, da war ich nicht so berauscht von der Rückkehr auf die japanische Erde, wie früher oft, wenn ich in Japan ankam. Ich fühlte mich müde, aber erfreut, dass alles so glatt gegangen war. Natürlich geht mir Hans ab. Es ist, als ob ein Stück aus dem Herz zu Hause geblieben wäre, und das tut weh.

Aber ich habe es trotzdem genossen, hier zu sein. Nicht euphorisch, sondern schläfrig und mit gleichmütiger Genugtuung: Ich bin wieder in Japan!

Alles ist wie es war. Die Pagode von Narita ragt noch immer aus den Bambuswäldern, und die Dächer der Einfamilienhäuser, an denen der Narita Express auf seinem Weg vom Flughafen nach Tôkyô vorbeisaust, sind immer noch mit blauen Schindeln gedeckt.

Vor dem Shinkansen, dem superschnellen Expresszug, der mich vom Bahnhof Tôkyô nach Hamamatsu bringen wird, wartet wieder die Putzbrigade. Viele abgearbeitete ältere Frauen, in Rosa, vom Häubchen bis zu den Socken. Vielleicht sind die Uniformen noch kitschiger als vor drei Jahren.

Die öffentlichen WCs haben noch immer das rosa Schild für die Frauen und das hellblaue für die Männer. Es gibt noch immer das gemischte Angebot aus „western-style" Klos und japanischen Klos, die an die italienischen erinnern. Die kôshû-denwa, die öffentlichen Telefonapparate, stehen noch genau so öffentlich herum, ohne dazugehörige Kabine wie bei uns, aber sie sind nicht grellgrün wie sie früher waren, wenn ich mich recht erinnere, sondern mausgrau. Das Telefonieren ist noch genau so einfach und billig wie eh und je.

Der Bahnhof Tôkyô ist derartig voll von Leuten und Lärm, dass ich ganz betäubt davon bin. Immer wieder glaube ich nach meiner Ankunft in Japan, es sei irgendetwas Bedeutendes los. Aber es ist nur das ganz normale Aufkommen.

Durch den Zug wandern wieder die Imbiss- und bentô - Verkäuferinnen mit ihren Jausenwägen. Bentô, das sind die Schachteln mit Mahlzeiten, Reis, Gemüse, ein bisschen Fisch, je nach Geschmack.


Und der Fuji-san, der bei uns Fujiyama heißt, steht auch noch.

Als ich das letzte Mal mit Hans und K.s hier war, habe ich ihn nie so deutlich gesehen. Heute war kein schönes Wetter, sondern grauer Himmel. Und auch der Fuji war grau, dunkelgrau. Aber majestätisch und gut erkennbar.

Die Meeresbuchten des Tôkaido. Früher führte die Straße von Tôkyô nach Kyôto an traumhaften Stränden entlang. Da ich aber schon weiß, dass viel von der einstmals so schönen pazifischen Küste verschandelt wurde, regt mich das nicht mehr auf. Im Gegenteil, ich freue mich, dass ab und zu das Meer zwischen den Gebäuden, Brücken und Straßen durchblinkt. Im Badeort Atami scheint man viele hohe Hotels dazu gebaut zu haben.

Das Reisen ist in Japan noch immer ein Genuss, alles ist toll organisiert und klappt wie am Schnürchen.


„Wollen Sie nicht über T. sensei schreiben statt über Imai sensei", fragte Frau O. Sein Fall ist anscheinend auch für Japaner ungewöhnlich.

Ich war neugierig, wie T. san jetzt aussieht, und als er am Bahnsteig von Hamamatsu zu meinem Wagon gelaufen kam, bemerkte ich, dass er sich wirklich verändert hat. Er hatte ein Kopftuch umgebunden. Nicht wie die Musliminnen, sondern ein kleines, hinten am Nacken geknüpft. „Das benützt er, um die Glatze zu verdecken", fiel mir ein. Und außerdem ist sein Gesicht runder geworden. Er sieht schon aus wie ein Mönch. Auch seine Frau, die lächelnd herbeieilte, schaute ganz anders aus, als ich sie vom letzten Treffen in Erinnerung habe, sie ist viel dünner geworden.

Wir fahren zum Einfamilienhaus der O.s, wo eine „kleine Willkommensfeier" für mich und eine Wiedersehenfeier für den Freundeskreis ausgerichtet wird.

„Und Sie müssen jetzt bald wieder weg, in einer Woche oder so?" frage ich T.

san.

„Ja, am 28, in einen anderen Tempel zu einer weiteren Schulung."

Ein halbes Jahr Ausbildung im berühmten Zen-Tempel Eihei-ji in der Präfektur Fukui hat er schon hinter sich. Shûkaku heißt das. Schulung, Training. Was T. san darüber erzählt, klingt in meinen Ohren wie ein Bericht aus einem Rechtradikalen-Camp. Von den Feinheiten seiner Geschichten habe ich gar nicht alles verstanden. Aber dass es sich um ein hierarchisches und feudalzeitliches Abrichtungsritual handelt, das er über sich ergehen lassen musste, das scheint offensichtlich zu sein. Viele seiner Kollegen hätten aufgegeben. Erschwert wurde die Zeit dadurch, dass er weitaus der Älteste war und ein halbes Jahr lang seine Familie nicht kontaktieren durfte.

„Sie waren doch gerne Lehrer, warum haben Sie mit Fünfzig Ihren Beruf aufgegeben und wollen buddhistischer Priester werden?" frage ich ihn.

„Die Tempelgemeinde hat meinem Vater vor seinem Tod Geld für eine neue Gebetshalle nur unter der Bedingung zur Verfügung gestellt, dass ich sein Nachfolger werde."

Ob er, der seit seiner Jugend keinen Kontakt mehr mit seinem Elternhaus hatte, diesbezüglich gefragt worden ist, weiß ich nicht. Jedenfalls ist er dadurch ins japanische Netz gegenseitiger Verpflichtungen geraten.

„Es ist ein Opfer für die Gesellschaft, und ich habe mich entschlossen, diese Aufgabe zu übernehmen", sagt er. „Ich sehe es auch als Herausforderung, als Möglichkeit, in meinem Leben noch einmal etwas ganz anderes zu versuchen. Ich hatte die Wahl, so gemütlich weiterzuleben wie bisher oder diese Herausforderung anzunehmen. Ich habe das Neue gewählt."

Beim Abschied meint er: „Wenn Sie das nächste Mal nach Japan kommen, können Sie mich hoffentlich schon in meinem Tempel besuchen".

Derzeit ist die Nachfolgefrage anscheinend noch nicht gelöst und ein Rechtsanwalt am Werk. Dieses Mal soll ich ihn in dem Tempel besuchen, in dem er in ein paar Tagen seine Ausbildung zum Tempelpriester fortsetzen muss.

„Wie lange wird das dauern?"

„Ich weiß es nicht."


Herr O. , der Hausherr, erwähnt Herrn Y., ein nicht anwesendes Mitglied des Freundeskreises. Der habe auch etwas Gutes tun wollen, und es seien nur Schwierigkeiten für ihn herausgekommen. In seinem Fall habe es sich um Probleme mit der nepalesischen Regierung gehandelt.

Ich erinnere mich, dass Y. , ein Arzt, viele nepalesische Gastarbeiter, die in den Industrien von Hamamatsu arbeiten und dort nicht krankenversichert sind, umsonst behandelt hat. Als wir beim letzten Japan-Aufenthalt im Gästezimmer seines kleinen Spitals schliefen, bewunderte ich viele nepalesische Nippsachen, alles Geschenke der dankbaren Patienten. Hat er nicht davon gesprochen, dass er in der Pension gemeinsam mit einem nepalesischen Arzt ein Krankenhaus aufmachen wolle? Vielleicht handeln die Andeutungen Herrn O. s davon?

Frau Y. fliegt übrigens morgen nach Schweden, zu ihrer Tochter, die ihren Mann dorthin begleitet hat, und konnte deshalb nicht am heutigen Fest teilnehmen. Ein zweites Enkelkind kommt demnächst, und Großmutter Y. – es ist schwer, sich vorzustellen, dass diese vielseitig engagierte und stark beschäftigte Frau auch Oma ist - wird die Tochter einige Wochen unterstützen. Traditionell ist es eigentlich so, dass die Töchter vor der Geburt zu ihrer Mutter zurückkehren, und ich glaube, das machen noch immer viele junge Frauen.


Es gab Sukiyaki, ein japanisches Fleischgericht, das auf dem Tisch zubereitet wird, und anderes Köstliches. Die Gäste brachten selbst gemachte Speisen mit. Bemerkenswert ist, dass man hier zum Essen so wenig zum Trinken bekommt, so ferne man nicht beim Alkohol zugreift. Vor dem Aufbruch gab es ein Schälchen Tee …

Herr O., der für seine Firma oft im Ausland ist, vertrat parallel zum steigenden Alkoholspiegel immer vehementer die Ansicht, dass die Japaner in den Augen der Europäer und Amerikaner kulturelle Hinterwäldler seien. Und überhaupt bestand er darauf, dass bei uns – im Westen, seiyô ni - alles besser sei, kulturell wenigstens. Zuerst sagte ich nur Höflichkeiten darauf, später wurde ich ein bisschen differenzierter. „Ja, die alten Stadtkerne in Europa sind wirklich meistens schöner als die japanischen Stadtzentren", gab ich zu.

Am Schluss wollten meine Gastgeber, obwohl ich bereits mindestens zweimal eingeschlafen war – ich habe durch das Fliegen eine ganze Nacht verloren – über die bedenkliche politische Situation in Österreich Bescheid wissen. Unser neues Asylgesetz wird anscheinend sogar in den japanischen Zeitungen verrissen – ob aber die Japaner nicht noch strenger sind, das müsste ich erst recherchieren!

Ich sagte jedenfalls, dass das neue Asylgesetz meiner Meinung nach in Wirklichkeit nur eine der vielen unsozialen Sparmaßnahmen im Zuge der globalisierten Marktwirtschaft sei, und lenkte auf japanische Fragen um. Auf ihre Diskussion über die „Selbstverteidigungsarmee" jieitai und die heiß diskutierte Reform des § 9 der Verfassung, den so genannten „Friedensparagraphen". Daraufhin wurde es für eine Willkommensfeier fast zu ernst.

Herr T. war eingeschlafen und wäre um ein Haar umgekippt, wenn ich ihn nicht aufgehalten hätte, und das war das Signal zum Aufbruch.

Frau T. und Frau A. wollen mit mir einmal in eine onsen, ein Thermalbad, fahren – das wäre nett!

Nun noch ein Wort zur Reise von Wien nach Tôkyô. Dass ich mir und meinem Sitznachbarn im Flugzeug die Unbequemlichkeit mit meinem Fensterplatz antat, hat sich kaum rentiert, denn es gab meistens eine dicke Wolkendecke. Aber bevor das Morgenrot auftauchte, flogen wir lange an einer riesigen, unsystematisch in die Dunkelheit hinein geschleuderten Stadt vorbei. Ihre Lichter funkelten, darüber leuchteten viele Sterne. Es war sicher Beijing. Und ich glaube, wir haben auch die Chinesische Mauer überquert. Beleuchtungen entlang einer gewundenen Linie. Das war sehr erhebend. Vor drei Jahren stand ich dort unten.


Mein Zimmer für die erste Nacht in Japan: Nach Heuschober duftende Tatami (Reisstrohmatten), die Schmucknische Tokonoma mit einem schönen Bild und einer Rose in einer kleinen Vase, Futon-Matratzen zum Schlafen, und die dazu passende Bettlampe, die am Boden neben dem Kopfkissen steht, weiters noch ein niedriger Tisch und ein Zabuton-Sessel mit Lehne.


Hans hat angerufen, der Schatz.


Anmerkungen

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