Ruth Linhart | Japanologie | Biographieprojekt Imai Yasuko


Herbst in Hamamatsu, ein Reisetagebuch

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Im heißen Wasser unter dem Ahornbaum

23. November, Sonntag

In diesem Tatami-Zimmer mit den großen dünnen Schiebefenstern ist es so frostig, dass mir die Brillen anlaufen! Für größere Kälte und wohl auch Hitze eignet sich dieser Raum schlecht. Nicht umsonst wohnt die Familie im ersten Stock, schläft auf Betten und hat keine rasselnden Rollläden vor ihren Schlafzimmerfenstern.

Es ist Sonntag früh, mein letzter Tag hier, und ich genehmige mir noch ein bisschen Muße zum Schreiben. Am Abend habe ich vielleicht keine Zeit, wegen Packen etc.


Hebi – Schlangen: Frau S. sprach gleich am Anfang meines Aufenthaltes davon. Ich glaube, es war im Zusammenhang mit meinem ersten Aufräumen hier, als es um Spinnen und Kakerlaken ging. Damals meinte sie, dass es draußen, vor dem Haus, in dem Streifen „Wald", Schlangen gebe, aber dass die nicht in die Häuser kommen. Und dass sich die Schlangen vor den joggenden Leuten schrecken.

Sie erzählte mir von einer Freundin, die, wie in Japan üblich, das Bettzeug im Freien auslüftete. Als sie am nächsten Morgen aufwachte, hing eine Schlange halb aus dem Futon. Diese war während des Lüftens ins Bettzeug geschlüpft und so ins Zimmer gelangt. Beide, die Schlange und die Freundin, seien sehr erschrocken, lacht Frau S..

Unlängst ließ sie das Fenster ihres Autos offen und sagte: „Schlangen werden jetzt wohl keine ins Auto schlüpfen, es ist schon zu kalt!"

Wenn ich an die Literatur denke, so kommen mir Schlangen in den Häusern nicht sehr unwahrscheinlich vor. Erst vor nicht allzu langer Zeit las ich eine Biographie, in der von den vielen Schlangen in den Schlupfwinkeln des Hauses berichtet wurde.

„Erinnern Sie sich an unseren Besuch des Tôji, damals 1969?" fragte ich U. san vorgestern am Flohmarkt auf dem Gelände dieses Tempels. „Wie uns der alte Mann dort gesagt hat, dass die Pagode voll Schlangen ist, die dort wohnen?" Sie erinnerte sich.


Noch einmal zur Nabelschnur der Frau Imai, die ich eines Abends aus der kleinen Schachtel aus Paulownia-Holz holte.

Ich sehe Imai san mir gegenüber sitzen, an dem langen Tisch des Heimes, an dem gegessen oder mit Besuchern geplaudert wird. In dem künstlichen Licht. Draußen ist es früh dunkel, alle Vorhänge sind geschlossen. Das Abendessen haben wir hinter uns. Bald wird sie der Schwester läuten und die wird sie aufs Klo setzen, für die Nacht umziehen. Dann wird sie noch bis spät in die Nacht am PC arbeiten, oder lesen oder liegen und fernsehen. Sie muss alle drei Stunden die Parkinson Tabletten nehmen, um halb zwölf Uhr nachts die letzte. Bis dahin bleibt sie meistens auf.

Sie sitzt mir gegenüber, von diversesten Krankheiten in die Zange genommen, auf siebzig Jahre zurückblickend. Und in meiner Hand ist das braune Stückchen etwas, das ihre Nabelschnur ist. Ein Rest des Babys, das in einer Aprilnacht des Jahres 1933 auf die Welt gekommen ist.

Wie nichts schrumpfen diese siebzig Jahre zusammen. Eine Sekunde, vom Wind verweht. Sie ist mir immer rätselhaft, die Zeit. Die sich im Nachhinein auffalten lässt wie ein nicht enden wollender Fächer, und im vorhinein unübersteigbar erscheint. Gleichzeitig ist ein ganzes Leben nicht mehr als ein Stückchen Nabelschnur in der Hand. Es ist nur etwas für sich selbst. Solange man bewusst am Leben ist, vielleicht, solange sich jemand für einen interessiert, solange ist das eigene Leben und alles, was darin vorgekommen ist, von Bedeutung. Aber wenn man tot ist oder zu Lebzeiten, wenn das Gedächtnis sich ausschaltet, dann ist es so, als ob das ganze Leben nie gewesen wäre.


Abends, und die Welt zeigt sich anders: Im „Abschiedslook".

Wenn ich mich auch auf zu Hause freue, so ist der Abschied doch traurig, und es ist wieder ein anderes Stück vom Herz, das weggerissen wird und hier bleibt. Imai san und T. san und A. san und O. san

Ich höre S. san im Wohnzimmer herumgehen. War sie schon im Bad? Sie hat sich ein Säckchen mit Rosenblättern zurechtgemacht und gesagt, dass sie mit dem Sohn konkurrenziert, wer als erster ins Bad kommt. In Japan benützen alle Familienmitglieder nacheinander dasselbe Badewasser (wobei sie sich allerdings vorher außerhalb der Badewanne waschen).

Frau S. hat sich die Haare mit einem Tönungs- oder Färbungsmittel eingerieben, sodass die grüne Strähne wieder leuchtet. Morgen fährt sie der Freundin helfen, deren handgemachte Soba ich heute Abend kostete. Sie züchtet in den Bergen, zirka fünfzig Kilometer von Hamamatsu entfernt, Schafe. Während ich die Soba, beteuernd wie gut sie seien, in die o-tsuyu genannte Soße tauchte und dann in den Mund zog, erzählte mir Frau S. alles Mögliche über deren Herstellerin. Der Sohn saß ebenfalls am Tisch und aß. Die beiden kriegten Gyôsa, Fleisch und Tomaten und Lachs und misoshiro - Misosuppe. Der Sohn schlug die ganze Zeit die Augen nieder. Er soll mich morgen zum Bahnhof bringen. Er selbst äußerte sich trotz Anwesenheit nicht dazu, als seine Mutter mir das versprach. Frau S. erklärte mir, dass Soba aus speziellem Soba-Getreide gemacht werden. Sie unterscheidet die drei Getreidearten soba - Buchweizen, mugi – Weizen und o-kome - Reis. Von jedem gebe es alle möglichen Sorten. Und die besten Soba bestehen aus hundert Prozent Buchweizenmehl, aber das sei sehr schwer zu verarbeiten, und meistens werde das Buchweizenmehl mit mehr oder weniger Weizenmehl vermischt. Diese Soba, die ich gerade schlürfte, seien vom heurigen Soba-Mehl gemacht und mit zwanzig Prozent Getreide angereichert. Ich fragte nach der Zusammensetzung der tsuyu, die wirklich gut schmeckte, merkte mir jedoch die Antwort nicht. Zum Schluss goss Frau S. mir den restlichen „Soba-Saft" in mein tsuyu - Schälchen, und ich trank das Ganze aus.


Heute war wieder so viel los und ich hörte so viele Geschichten, die interessant zum Aufschreiben wären! Es ist fast ein Glück, dass ich nicht alles verstehe und oft nicht mehr aufpasse, weil ich schon müde bin.

Die Tochter der O. san ist über die drei Feiertage – Samstag, Sonntag und Montag, der ist Feiertag – nach Okinawa zum Schwimmen und Tauchen geflogen. „Das machen die jungen Leute jetzt."

Ich fragte, ob alle Damen bereits in Okinawa gewesen seien. Imai san antwortete nicht, dürfte aber nicht dort gewesen sein, sonst hätte sie es erzählt. Yôko san war dreimal mit Schulklassen in Okinawa. A. san war dort und erzählte, dass sie ein schlechtes Gewissen habe, zum Vergnügen nach Okinawa zu fahren. Das sei so stark mit dem Krieg und japanischen Opfern verbunden. Auf diesen südlichen japanischen Inseln, die zwischen Kyûshû und den Philippinen liegen, fanden zu Ende des Zweiten Weltkriegs die längsten und schwersten Kämpfe statt, und es starben dort zahllose Japaner. Mit Hawaii gehe es ihr anders, meinte Frau A. Hawaii griffen die Japaner im Dezember 1941 an und lösten damit den Einstieg der USA in den Zweiten Weltkrieg aus.

Yôko warf ein: „Mit Korea ist es auch so." A. san sagte darauf, sie sei in Korea geboren, das war bis 1945 kokuminchi – japanisches Gebiet. Sie möchte eigentlich schon lange einmal dorthin fahren, wo sie geboren wurde, aber sie habe sich dazu noch nicht überwinden können.

Frau T. erklärte nun sehr viel über die Küche von Okinawa, in der sich chinesische Einflüsse, japanische und neuerdings auch amerikanische mischten. Sie habe für eine Klasse, die dorthin fährt, einen Einführungsvortrag halten müssen.


Diese Unterhaltung fand während des Essens statt. Aber nun chronologisch zum gestrigen Tag, zum Ausflug ins Thermalbad Yuya-onsen.

Es befindet sich in der benachbarten Präfektur Aichi. Die heißen Quellen dort sind vor 1200 Jahren von einem wandernden Weisen entdeckt worden. Dieser Mann fand heraus, dass ihm das Wasser die Gabe zu fliegen verlieh. Heute beschränkt man sich darauf, dem Natriumchlorid enthaltenden Wasser die Heilung von Rheumatismus, Arthritis und Schmerzen zuzuschreiben. Im 18. Jahrhundert war Yuya-onsen Station an einer wichtigen Durchzugsstraße, aber seit den 1950-ern liegt es abseits der großen Verkehrswege, sei es mit dem Auto oder der Bahn, sodass es zwar ein Geheimtipp für die Bewohner der Region ist, aber von Ausländern kaum aufgesucht wird, wie Imai san versicherte.


Um halb zehn holten mich Frau A. und Frau T. ab. Frau T. erzählte, dass sie jetzt jeden Abend mit ihrem Mann im Kasuisai-Tempel telefonieren darf, das heißt, er ruft sie seinerseits an und spricht mit leiser Stimme zu ihr, damit die Kollegen nichts verstehen können.

Während der Fahrt zur Imai sensei überlegte A. san, wie man die sensei am besten befördern solle. Die Idee, Imai san mitzunehmen, stammt von O. san. „Wenn wir das jetzt nicht machen, werden wir es nie mehr tun," soll sie gesagt haben, „Denn wir werden selbst auch immer älter."

Imai san saß fix und fertig in einer schönen Hose und einem dicken Pullover in ihrem Rollstuhl und wartete. O. san kam bald. Man einigte sich, dass Imai san auf dem Vordersitz des Autos von T. san sitzen sollte, angeschnallt und mit einem aufgeblasenen Polster um den Hals, der ihren Kopf stützen würde. Sie nahm auch die Tablette gegen Übelkeit, die ich gestern gekauft hatte. Auch die anderen Tabletten wurden überprüft, die die Schwester schon hergerichtet hatte. Einige Fläschchen mit der süßen Flüssigkeit, die die sensei immer trinkt, wurden eingepackt, und noch dieses und jenes. Dann wurde sie in das Auto gehievt, ein zusammenklappbarer Rollstuhl des Garten Eden wurde in den Kofferraum gestellt, ich und Frau A. fuhren auf den hinteren Sitzen mit. Bald wollte Imai san das Fenster aufmachen, aber die beiden anderen erinnerten sich, dass ich Zugluft nicht vertrage, sodass das Fenster geschlossen blieb. Beim ersten Behinderten-WC am Weg wurde Imai san, weil sie oshikko – soviel wie „lulu" - musste, ausgepackt und aufs Klo bugsiert. Schließlich fuhren wir weiter.

Aber was heißt „fuhren"? Es war stop-and-go Verkehr, denn heute ist Sonntag, es war zirka elf Uhr vormittags, und es schien, als ob alle Bewohner Hamamatsus in die grünen Berge im Norden strömten, wo es onsen, Thermalbäder, und momiji, verfärbte Herbstblätter, gibt. Statt einer Stunde dauerte die Fahrt mehr als zwei Stunden.

Irgendwann sagte Frau Imai: „Ich muss brechen!" Yôko san fuhr rasch an den Straßenrand, ein Sackerl wurde hektisch gesucht, A. san hielt es Imai san hin. Man schlug mir vor, mich zu O. san ins Auto zu setzen, dann könne man für Imai san das Fenster aufmachen, und ich stimmte gerne zu. Bei einem der zahlreichen michi-eki, Straßenbahnhöfe oder Raststellen, wo schon hunderte Autos parkten, bog Frau T. wieder ab. Ah, die sensei muss nochmals aufs Klo! Wir parkten auch und stiegen aus. Vor der Toilette, welche kein Behindertenklo war, wartete eine Schlange Menschen, Yôkos Auto war nicht mehr zu sehen. „Sie werden weitergefahren sein, weil es hier unmöglich ist, oshikko zu machen!"

So fuhren auch wir neuerlich los. O. san versuchte nun, das keitai denwa – das Handy - zu benützen, das sie von A. san ausgeborgt hatte, merkte aber bald, dass sie nicht wusste, wie es zu bedienen sei und dass sie außerdem die handy-Nummer der T. san nicht wusste. Wir fuhren also ohne Kontakt mit T. san weiter. Schließlich landeten wir im Hotel namens Hazu in dem Ort Yuya-onsen. Ich dachte mir seit geraumer Zeit, dass der Ausflug eigentlich sowohl für die sensei wie für die anderen ziemlich strapaziös ist und wunderte mich, dass sie nicht schon längst umgedreht hatten. Aber das o-furo in der onsen – das Baden im Thermalbad – hat offenbar für Japaner und Japanerinnen eine Faszination, die ich nicht entsprechend nachvollziehen kann. Der Tag ist blau und sonnig. Wir befinden uns in einem grünen Tal. Die steilen Berge rechts und links der Straße sind bewachsen mit sugi und take – japanischen Zedern und Bambus. Die gelb und rot verfärbten Blätter anderer Baumarten und die orangen Kaki-Früchte werfen Farbflecke auf das dichte Grün. Ein Fluss oder besser Bach – der Urekawa - schäumt. Das Hotel Hazu klebt in mehrstöckigen Terrassen über diesem rauschenden Fluss. Warum setzen wir uns nicht auf eine Terrasse und genießen die Landschaft, statt uns ausziehen zu müssen und vor dem Essen samt der sensei ins Wasser zu stürzen? wundere ich mich innerlich.


A. san, T. san und Imai san erwarten uns schon ungeduldig beim Hotel, denn die Zeit, die uns zum Baden zur Verfügung steht, wird knapp. Vor dem Baden muss Imai san neuerlich „oshikko", aber es gibt, wie es Frau S. prophezeit hatte, kein Behindertenklo. So wird das Unterfangen für alle Beteiligten ziemlich mühsam. Schließlich landen wir gegen dreiviertel ein Uhr im Vorraum des Frauen-o-furo. Um ein Uhr ist Wechsel. Das heißt, bis ein Uhr dürfen die Frauen hier baden, ab ein Uhr die Männer. Es gibt einen weiteren Baderaum, aber da dieses Bad schöner ist, wird einige Male am Tag getauscht – einmal steht es den Frauen zur Verfügung, dann wieder den Männern, ein durchaus übliches Verfahren in japanischen Badeeinrichtungen. Die Attraktion dieses Bades ist der Zwergahornbaum am Rande des Pools, dessen Blätter im Gegenlicht noch immer grün strahlen. Außerdem hat man hier aus dem Wasserbecken einen wundervollen Blick auf die romantische Berglandschaft.

Wir haben es also ziemlich eilig. Yôko san fällt ein: „Wir brauchen unbedingt einen coin locker, ein Schließfach, für unsere Sachen." Hier im Vorraum des Bades gibt es keines.

„Ich bleibe hier sitzen und passe auf die Sachen auf. Ich brauche nicht ins Bad," sage ich. Totales Staunen. Ungläubig und verdutzt schweigen die anderen kurz, dann drängen sie, ich müsse auf jeden Fall auch ins Wasser. Aber ich beharre auf meinem Angebot.

Yappari hankô da wa –offensichtlich will sie nicht", resigniert T. san. Ich merke, das ich mich wieder einmal unmöglich benehme.

Nun reißen sich nur die drei Japanerinnen die Kleider vom Leib und bemühen sich alsdann, jede sich ein Handtüchlein vor den Busen haltend, gemeinsam mit mir, Imai san auszuziehen. Schließlich sitzt auch sie splitternackt im Rollstuhl. Ich stoße die Tür zum Baderaum auf, und die vier verschwinden hinter den angelaufenen Glastüren.

Als ich dann alleine auf der Holzbank im Vorraum warte, fühle ich doch etwas Bedauern, dass ich bei dem Badevergnügen nicht dabei bin. Da stürzt die nackte A. san heraus, sie bräuchten mich. Ich eile in den Baderaum, aber ich bin ja im Gewand, meine Strümpfe sind schon nass. Kurz entschlossen ziehe ich mich in Sekundenschnelle doch noch aus. Nun bin auch ich kollegial nackt und helfe, Frau Imai zum zweiten Mal ins heiße Wasser zu tauchen. Im japanischen Bad wäscht man sich wie schon gesagt außerhalb des Beckens und schließt diese Prozedur dann, bereits gesäubert, mit einem Wohltubad im dampfend heißen Wasser ab.

Während die drei sich um Imai san bemühen, plantsche ich ein bisschen herum. Aber es ist gleich ein Uhr oder schon ein Uhr, und keine Zeit für Muße (die doch der eigentliche Zweck dieser Badeübung sein soll). Die drei anderen setzen Imai san auf ein großes Handtuch und schwupp wird sie wieder hinein in den Rollstuhl geschwungen. Erst jetzt bekomme ich mit, dass es meine Aufgabe ist, das nasse Handtuch in Windeseile unter dem Körper der Imai san herauszuziehen.


Abtrocknen folgt, Anziehen. Die Badefrau drängt. Die drei Freundinnen weisen auf Imai san, die Badefrau drängt trotzdem. „Die Männer warten bereits." „Sollen sie doch kommen," sagen die Damen. Aber die marschieren erst an – drei an der Zahl –, als wir samt Rollstuhl das Bad verlassen.

Es folgt ein sehr hübsches japanisches Essen mit schönem Blick auf die Landschaft und freundlich dahinplätscherndem Geplauder – siehe oben. Schließlich trinken wir Kaffee bzw. matcha – grünen Pulvertee. Ich bitte die Frauen um ein paar Verse und schiebe ihnen zum Beschreiben die Essensunterlage aus Japanpapier hin.


Frau O. schreibt:

Yuya-onsen – onna gonin no – momiji no yu
Yuya onsen – fünf Frauen – im heißen Wasser unter dem Ahornbaum".


Frau A. schreibt:

Mina de haitta o-furo tanoshikatta na
Was für ein Vergnügen war es, mit allen zusammen ins Bad zu steigen."


Und Frau T. dichtet:

Momiji wa ima hitotsu – oyu wa kokochi yoshi – Imai sensei mo yururi
Der Ahorn ist noch nicht ganz rot - wie angenehm im heißen Wasser - auch Imai sensei ist entspannt".


Wie gut, dass ich doch dabei war, im heißen Pool, wenn auch noch so kurz, sonst hätte ich das ganze gemeinschaftliche Erlebnis zerstört. Wo ich doch schon vorige Woche verweigert habe, dem hotokesama, dem heiligen Buddha, meine Referenz zu erweisen!


Schließlich geht es durch den sinkenden Nachmittag wieder Richtung Hamamatsu: Die silbernen Büschel des Suzuki Grases – zu deutsch vielfingriges Stielblütengras - und die Silhouetten der Bambusbäume und Zedern und Kaki schweben im Gegenlicht. „Suzuki und takibi – Herbstfeuer in den Gärten -, das ist für mich Herbst auf dem Land", sagt Frau O. träumerisch.

Wir fahren an vielen Feldern vorbei. Frau O. erklärt mir, dass es in der Gegend von Hamamatsu nur eine Reisernte gebe. Im April werde der Reis ausgesetzt. Jetzt seien die Felder zwar grün, aber dabei handelt es sich um eine Gründünger-Pflanze. Weiter im Süden habe man zwei Reisernten.


Sie erzählt auch, dass sie gemeinsam mit anderen Frauen Bücher der berühmten englischen Kinderbuchautorin Enid Blyton übersetzte, die sich immer noch bestens verkaufen, zum Beispiel „The Twins at St. Clare´s", „Claudine at St. Clare´s" undsoweiter. Damals, als die Kinder klein waren, und jede der Freundinnen im Zuge der Versetzung ihrer Männer in eine andere Stadt musste, hätten sie sich einmal im halben Jahr zu einer gakushûkai – zum gemeinsamen Arbeiten am Enid Blyton-Projekt - getroffen, mit allen Kindern. Am Tag hätte man sich mit den Kindern beschäftigt und in der Nacht an den Übersetzungen gearbeitet. Als Autorennamen wählten sie Saeki Kimiko, ein Pseudonym, in dem Zeichen aus den Namen der fünf Übersetzerinnen enthalten sind. Später übertrug sie mit einer Freundin gemeinsam zwei Geschichten von D. H. Lawrence ins Japanische, die sie aber im Eigenverlag herausbringen mussten.


Zurück im Garten Eden endgültiger Abschied von Imai san. Sie hat es schon eilig zum Abendessen, heute zum ersten Mal wieder im großen Aufenthaltsraum mit allen anderen.

„Auf Wiedersehen", Verbeugungen, Dank, und Rührung.

„Jetzt kommen Tränen", vermutet Frau T.. Aber es gibt keine Tränen. „Sayônara" und „Passen Sie gut auf sich auf", auch zu Frau O., die in die andere Richtung davon fährt. Frau A. und Frau T. bringen mich „nach Hause" zu Familie S. Wieder Verbeugungen, ein Ziehen im Herzen, ein Winken und dann sind sie mit ihrem Auto verschwunden.


Nach dem Abschied von den Frauen will ich noch nicht in mein Zimmer zurück, sondern spaziere zum Drogeriemarkt vorne an der Straße, wo ich immer auf den Bus Nr. 100 gewartet habe, und dann zurück und hinüber zu der Hatsuoi-Volksschule. Es ist schon dunkel, um halb sechs Uhr, aber vorne beim Drogeriemarkt geht es noch hoch her. Dort war es auch am ersten Abend sehr hektisch, als mich Frau S. überall hin schleifte, weil sie glaubte, dass sie sofort nach Hokkaidô zur okâsan, zur Herrn S.s Mutter, fahren müsse. Vor wenigen Minuten hat sie mir mitgeteilt, mit einer Verbeugung, dass „okagesama de – dank mir" die okâsan, die Schwiegermutter, noch nicht gestorben sei. Sie liegt noch immer im Spital, aber sie lebt und das sei ureshii – das mache sie froh.


Bei meiner Ankunft vor vier Wochen kam es mir in dem mit Neonröhren ausgeleuchteten Drogeriemarkt entsetzlich hell und grell vor. Es hat sich nichts verändert, aber da es das letzte Mal ist, dass ich durch die Reihen mit den zahllosen japanisch angeschriebenen Toilettenartikeln, Waschpulvern und Lebensmitteln schlendere, bin ich milde und melancholisch gestimmt. Immer wieder dieses Gefühl: „Es ist nichts zu ändern!" Ich möchte nicht hier bleiben und jeden Tag mit dem Bus zu Frau Imai ins Altersheim fahren, aber es ist trotzdem eine Trennung, ein Ende, ein Verlust. Es tut mir weh, daran zu denken, dass Imai san, diese energische stolze Frau, bis zu ihrem Tod im Rollstuhl zwischen den dementen alten Leuten leben muss.

Heute im Auto während der Fahrt zur Yuya-onsen erzählte Frau A., dass sie einen Nachmittag irgendwo ehrenamtlich gearbeitet habe, und sie nahm die Worte „eine bemitleidenswerte Siebzigjährige" in den Mund. Da klang plötzlich Imai sans Stimme empört vom Rücksitz nach vor: „Watashi mo nanajûsai desu ga, watashi wa kawaisô de wa nai - Ich bin auch schon siebzig, aber ich bin nicht bemitleidenswert."


Als ich vom Rundgang durch den Bezirk nach Hause komme, klopft Frau S. an meine Schiebetüren. „Ruto san, Ruto san!" Sie drückt mir einen Affen aus Stoff in die Hand. Das nächste Jahr steht im Zeichen des Affen aus den chinesischen Tierkreiszeichen. Der kleine Affe hat schwarze glänzende Augen, ein helles Gesichtchen und einen hellen Bauch. Er trägt ein ärmelloses Jäckchen aus buntem Brokat und schaut leicht nach vor gekrümmt neugierig von unten zu mir herauf. Besonders an ihm sind seine großen etwas abstehenden Ohren. „Den schenke ich Hans!" rufe ich aus, denn Hans ist im Tierkreiszeichen des Affen geboren. „Nein, nein, der gehört Ihnen, den müssen Sie behalten, der ist für Sie, ein Andenken an die Zeit in unserem Haus."


Anmerkungen

Fotos | 25.10| 26.10| 27.10| 28.10| 29.10| 30.10| 31.10| 1.11| 2.11| 3.11| 4.11| 5.11| 6.11| 7.11| 8.11| 9.11| 10.11|
11.11| 12.11| 13.11| 14.11| 15.11| 16.11| 17.11| 18.11| 19.11| 21.11| 22.11| 23.11| 25.11| 26.11| 27.11| 28.11

Ruth Linhart | Japanologie | Biographieprojekt Imai Yasuko Email: ruth.linhart(a)chello.at