Ruth Linhart | Japanologie | Biographieprojekt Imai Yasuko


Herbst in Hamamatsu, ein Reisetagebuch

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Auf der Feuertreppe

22. November, Samstag

Die beiden Damen U. san und Imai san bzw. ihr Leben ähneln sich auf den ersten Blick: Beide sind Universitätsprofessorinnen, beide sind ungefähr gleich alt und jetzt in Pension. Die Mutter beider Frauen stammt aus einer Samurai-Familie und ein naher Vorfahre von beiden war ein hoher Beamter der Meiji-Zeit und Gouverneur einer Präfektur – Imai sans Vorfahre war Gouverneur von Sapporo, U. sans Großvater war Gouverneur von Nara. Beide sind alleinstehende ältere Damen. Und beide interessieren sich für das Ausland, speziell für Europa.

Also es ist gar nicht wenig, was sie gemeinsam haben. Und doch sind sie grundlegend verschieden. Imai san trägt ihr Alleinsein wie einen Orden auf der Brust. „Ich bin allein, unabhängig, habe abgelehnt zu heiraten." U. san war zu wählerisch. Sie wäre sicher eine liebevolle Frau, Mutter und Oma geworden. Etwas leicht Melancholisches umgab sie früher, das sich in den Jahrzehnten zwischen Heiratsalter und Pensionsalter aber aufgelöst hat.

An der Kônan-Frauenuniversität war sie fünfzehn Jahre tätig, davor Lehrerin in Matsumoto in Shikoku. Und davor war sie viele Jahre Sekretärin der Japanisch-Österreichischen Gesellschaft.

U. san ist ein Mensch, der für andere Leute aufgegangen ist, eine äußerst hilfsbereite Person. Sie war der „Engel" für viele Jahrgänge österreichischer Austausch-studenten, denen sie in Japan so gut sie konnte die Wege ebnete.

Sie selbst stand unter dem Schutz des Matsuda sensei. Er war ein großer Boss in der japanisch-österreichischen Beziehungswelt, ein Universitätsprofessor, dem alle neuen österreichischen ryûgakusei – AustauschstudentInnen - vorgestellt wurden und der seine Hand über sie hielt. Auch wir wurden einige Male in sein großes Haus in einer vornehmen Tôkyôter Wohngegend eingeladen. Mich schüchterte dieser große Boss immer sehr ein. Während der Fahrt mit der Stadtbahn zum Besuch des Ehepaares Matsuda war es, dass U. san hektisch ein rotes Band um die Bonbonniere schlang, die ich in weißes Geschenkpapier eingepackt hatte. „Weiß bedeutet Tod", erklärte sie mir. Es ist ein gewaltiger Fauxpas, ein Geschenk weiß einzuhüllen. Weiß und rot hingegen bringt Glück.

Jetzt ist U. san in Pension und sagte, wo sie auch gehe und stehe, spaziere, einkaufe oder sonst etwas tue, immer begegne sie Schülern, Eltern oder Kollegen: „Sensei, konnichi wa – Guten Tag, Frau Professor (oder Frau Direktor)!" Sie wolle darum gar nicht mehr aus dem Haus gehen. Sie war sicher eine sehr beliebte sensei.

Es war angenehm, mit ihr zu plaudern. Sie spricht klares einfaches fremdengeeignetes Japanisch. Sie geht ein auf das, was man sagt. Sie ist noch stark an ihrer Umwelt interessiert und hat Meinungen, die realistisch sind. Sie ist, wie sie sagt, noch genki, gut beisammen, und das auch im Kopf.

Ja, das habe ich wahrscheinlich genossen in Kyôto, einfach zu reden und zu plaudern, und das ohne den Zwang, irgendetwas „herausholen" zu müssen, dem ich mich gegenüber Imai san unterworfen habe.

Eine Gemeinsamkeit der beiden habe ich übrigens noch nicht erwähnt: Beide Damen wünschen sich, noch einmal im Leben in Wien in die Oper zu gehen.


Frau S. ist diese Woche kekkô – ganz schön - unterwegs. Vorgestern war sie den ganzen Tag fort, in Iida, einer Stadt nördlich von Hamamatsu. Heute fuhr sie in die Berge. „Momiji schauen."

„Ruto san?"fragte sie jetzt am Abend, als ich mir Tee machte.

„Ja?"

„Mögen Sie Soba?" Das sind Hartweizennudeln, eine japanische Spezialität.

„Ja, sehr gern."

„Mögen Sie morgen zum Frühstück welche?"

„Nein, zum Frühstück bitte nicht."

Es gibt dort, in den Bergen, eine Freundin, die macht selbst Soba aus frischem Mehl und auch die o-tsuyu – die Soße - dazu, und als sie erzählte, dass bei ihr jemand aus Wien wohnt, habe sie ihr sehr viele Nudeln mitgegeben. Sie und der Sohn hätten schon welche zum Abendessen gegessen. Ich bin ja morgen zu einem go-chisô – einer Einladung mit gutem Essen - unterwegs. Wann soll ich die Soba essen? Ich schlug vor, am Abend. „Ein kleines bisschen, das geht schon!"


Vormittags war ich allein, räumte auf und wusch Wäsche. Ich verpackte die Broschüren vom Byôdôin in zwei Kuverts und brachte sie zum Postamt. Das kostete mehr als 2000 Yen. Ich sagte zweimal, ich wolle es mit normaler Post schicken, aber ich glaube, das muss Luftpost sein.

Dann ging ich zur Buchhandlung. Auch die japanischen Buchhandlungen sind nicht total zuverlässig. Frau S. meinte, die zwei bestellten Bücher kämen sicher früher als ausgemacht. Statt dessen war überhaupt nur eines bestellt und dieses auch noch nicht da. Heute habe ich über 30 000 Yen ausgegeben, weil ich auch das Essen im Heim für achtzehn Tage zahlte, und ein Buch über das Altersheim Garten Eden kaufte.


„Frau A. hat angerufen, dass ich morgen mitfahren soll in die Yuya-onsen", sagte Imai san zu mir, als ich heute in ihrem Zimmer ankam. Das freut mich, denn morgen ist unser letzter gemeinsamer Tag. Frau S. hat zwar gesagt, es geht nicht, dass wir mit der sensei dorthin fahren. Imai san wollte ja schon mit ihr und mir einen Ausflug zur Yuya-onsen machen. Nun geht es doch, und Imai san ist glücklich. Frau S. sagt, sie mache sich Sorgen!


Imai san fuhr im Rollstuhl mit mir zum Empfang, um meine offene Essensrechnung zu begleichen. Dann spazierten wir im Garten Eden herum, um Fotos zu machen. Wir kamen in die reichhaltige Bibliothek, in der Zeitungsausschnitte daran erinnern, dass in den achtziger Jahren Mutter Teresa im Garten Eden war und in den neunziger Jahren der Tennô. Jener Kaiser Akihito, der auch in Wien war, und Händchen haltend mit Gattin Michiko san die Stiegen des Schlosses Belvedere herunterstieg.


Ich fotografierte Imai san gemeinsam mit zwei alten Herren vor dem Fernseher der Eingangshalle, in dem gerade ein Baseball-Spiel vor sich ging und Imai san neben den prächtigen weißen Orchideen in der Eingangshalle. Imai san, eine kleine japanische Dame in weißer Bluse, beiger Hose, weißen Socken und einer bunt gestreiften Wollweste. Auf Imai sans Wunsch fotografierte ich auch das Badezimmer und die Vorrichtung, mit deren Hilfe die alten Leute in das japanische Badebecken hineingehievt werden.

Dann mussten wir auf ihren Wunsch auch ins Hospiz. Hier noch mehr als im übrigen Heim widerstand ich ihrem Verlangen, Personen aufzunehmen, ohne mit diesen bzw. mit dem Personal in Kontakt getreten zu sein. Im Hospiz saß jemand in der Kapelle, die auch der Konzertsaal sein dürfte, am Klavier und spielte, einige Leute scharten sich rundherum, sitzend oder auf Betten liegend, und hörten zu. Eine schöne Atmosphäre. Es war hell und freundlich und ruhig dort, und es gab sehr viele Blumen.


Imai san wählte für die Rückkehr in ihr Zimmer nicht den gewöhnlichen Weg, sondern sie leitete mich durch die rosarot ausgelegten Gänge irgendwohin, bis wir plötzlich am Ende eines langen Ganges im sechsten Stockwerk angelangt waren. Eine geschlossene Tür versperrte uns den Weiterweg. Imai san wollte dort hinaus. Ich sperrte auf und sagte: „Ich schaue, ob es weitergeht!" Und klack, die Tür war zu. Ich stand im Freien auf der Feuertreppe, der Weg war zu Ende, die Tür hatte keine Klinke und ich konnte nicht mehr ins Haus hinein. Ich musste aufs Klo, es war kühl und ich eigne mich zur Panik. Imai san konnte von innen nicht aufsperren und fuhr los, um Hilfe zu holen. Die kam auch, nach zirka zehn Minuten! Die Schwester, die mich ins Haus zurückließ, wird sich gewundert haben, wieso ich auf der Feuerstiege stand, wo ich eigentlich gar nichts zu suchen hatte! Aber auf diskrete japanische Weise tat sie, als ob das völlig selbstverständlich sei.


Zurück im Zimmer machte ich Fotos von den „Takuboku karuta". Diese Spielkarten ahmen das Neujahrskartenspiel „Hykunin isshu – Hundert Gedichte von hundert Dichtern" nach. Das Takuboku-Kartenspiel war 1939 Beilage zur Neujahrsnummer einer Mädchenzeitschrift. Nach dem Krieg wurden sie nochmals aufgelegt. Jedes Kärtchen ist auf einer Seite mit dem Brustbild eines Mädchens im Kimono und einer Zeile aus einem Takuboku-Gedicht versehen, auf der zweiten Seite steht das ganze Gedicht. Der Spielverlauf ist vergleichbar mit Memory. Aufgrund der einen Zeile muss man das ganze Gedicht finden. Voraussetzung ist, dass man Takubokus Tanka sehr gut kennt. Frau Imai hat sich das Kartenspiel von einer alten Frau ausgeborgt, die ebenfalls hier im Garten Eden lebt.

Es gab nochmals ein gemeinsames Abendessen, und danach ging ich zum letzten Mal zum Bus. Von Imai sensei musste ich mich noch nicht groß verabschieden, weil wir uns morgen sehen.

Es war finster, der Wind heulte, es war bitter kalt, und ich musste fünfundzwanzig Minuten auf den Bus warten!


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Ruth Linhart | Japanologie | Biographieprojekt Imai Yasuko Email: ruth.linhart(a)chello.at