Ruth Linhart | Japanologie | Biographieprojekt Imai Yasuko


Herbst in Hamamatsu, ein Reisetagebuch

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Chrysanthemen-Wasserpalast

19. November, Mittwoch

Es ist dreiviertel acht. Von der Stadtautobahn her rauscht es gewaltig, dazwischen heulen Motoren auf. In der Nacht ist es zum Glück ziemlich still hier. Auch dämpft der Streifen Kiefern, der zwischen der Wohnsiedlung und der Durchfahrtsstraße liegt, den Lärm.

Der Sohn hat wohl frei, ich wartete vergeblich auf sein Trampeln. Die Mama sitzt vielleicht schon vor dem PC, denn ich hörte die Kennmelodie aufklingen. Ganz leise vernehme ich das Geräusch des Fernsehers.

Ah, jetzt ist der Sohn ins Wohnzimmer heruntergekommen. Beide sitzen also vor meiner Tür. Immer diese zeitlichen Unregelmäßigkeiten!


Ich bin jedenfalls wie nun fast jeden Morgen ein bisschen nach halb sieben Uhr aufgestanden. Yukata anziehen, shutter (Rollos) hinaufdrehen, Glasfenster aufschieben, Luft hereinlassen. Es hat geregnet, alles ist feucht, aber derzeit regnet es nicht. Heute ist es mir ziemlich egal, wie das Wetter ist, obwohl es schön wäre, wenn der Hamana-See blau wäre.

Dann schleiche ich in die Küche und nehme die Müsli-Sachen aus dem Eisschrank. Es gibt, zumindest für mich, kein anderes Fach, um Lebensmittel aufzubewahren als im Kühlschrank. Das heißt, alles ist bitterkalt. Ja, dann aufs Klo, schnell, bevor jemand anderer kommt. Ins Bad, das Gesicht waschen, Haare bürsten, Zähne putzen. Schnell nochmals in die Küche, Wasser heiß machen. Bata-yô-majarin – das ist Margarine, die wie Butter schmeckt - auf das Brot streichen, das von der Bäckerei Matsuya kommt und köstlich sein soll, aber auch nur ein säuerlich schmeckender weicher Brei ist, allerdings habe ich ein Brot gefunden, das ein paar vereinzelte Körnchen drin hat.

Wenn ich Tee etc. abgefüllt habe, schnell wieder in meine „Zelle", in der ich geschützt vor den Blicken meiner MitbewohnerIn bin. Öfchen aufdrehen. Ich traue mich nicht, das Elektroöfchen eingeschaltet zu lassen, wenn ich nicht im Zimmer bin. Wenn es umfiele – nicht auszudenken, Teppich und Tatami brennen sicher sehr leicht, das Papier der Schiebetüren ... Ich creme mein Gesicht ein und turne. Das ist sehr wichtig, denn der Rücken, das heißt, das Kreuz, tut mir fast immer weh. Dieses häufige vom Boden aufstehen und sich auf den Boden niederlassen, belastet. Außerdem ist alles viel niedriger als bei uns, das Waschbecken zum Beispiel. So muss ich mich ständig bücken.


Ich schaue jetzt nach, wann Züge nach Tôkyô und Kyôto fahren, aber eigentlich wollte ich, bevor ich Frau S. wieder begegne, und sie zu sprudeln und flöten, das heißt, mit mir zu sprechen beginnt, noch ein bisschen etwas von dem gestrigen Gespräch aufschreiben. Es dauerte nicht mehr als eine halbe Stunde, aber es war sehr intensiv.


Gestern Abend wollte ich etwas früher zum Email, da ich sehr müde war. Frau S. war noch nicht in den ersten Stock entschwunden, sondern saß mit ausgebreiteter Zeitung in den Händen vor dem Fernseher. Ich setzte mich zum PC, und sie begann zu plaudern. Sie sagte, dass in Japan Ehepaare nicht wie in Europa auf immer in Liebe verbunden seien, und dass hier nicht, wie bei uns, der Ehemann Lebensmittelpunkt der Ehefrau sei.

„Das Wichtigste, sagt Frau Imai, ist in Europa der Partner, den man liebt – aijô-suru. Aber anders als drüben, sind für japanische Frauen auch die Geschwister, die Kinder, die Eltern wichtig."

Ich musste natürlich Einspruch erheben. Bei uns sei es ebenfalls so, dass in einer langen Ehe die Paare nicht mehr so verliebt sind wie am Anfang. Und dass der Ehepartner, wenn es gut geht, zu einem Freund wird, dem man Zuneigung und Respekt entgegenbringt. Und natürlich seien auch für uns die Kinder, die Geschwister, die Eltern sehr wichtig sowie die Freunde und Freundinnen, nicht nur der Ehemann!

„Aber Imai san erzählt das so."

„Ja, das ist das Ideal, aber in Wirklichkeit verändert sich natürlich die eheliche Beziehung im Laufe der Jahre. Wenn es gut geht. Nur, bei uns gehen viele Ehen schief."

Ein großer Unterschied besteht aber schon. „Bei uns sind Eheschließung und Liebe eng miteinander verknüpft."

Arrangierte Ehen gehören nicht zu unserem Heiratssystem, wenn es auch Fälle gibt, dass Freunde zwei, die allein sind, zusammenbringen. Das passiert gar nicht so selten, aber die Eheschließung, die auf Vermittlung basiert, ist nicht eine anerkannte Form der Eheschließung wie hier in Japan.

„Der Unterschied liege also darin", sage ich, „dass bei uns eine Ehe nur geschlossen werden soll, wenn die beiden Hauptbeteiligten einander lieben." Weiters sei die Scheidungsrate bei uns und vor allem in den Städten weit höher als in Japan.

„Frau Imai hat schon das Richtige erzählt, was das Ideal angeht, aber das wirkliche Leben ist oft nicht wie das Ideal," versuche ich, Imai sans Autorität nicht zu beschädigen.

Frau S. sagt: „Da bin ich aber froh. Denn in Japan wird die Beziehung zum Ehemann mit der Zeit wie zu einem Bruder. Die ersten ein, zwei Jahre, da sind mein Mann und ich immer nur glücklich gewesen, dass wir zusammen waren und dachten, so ein Ehepaar wie wir und so eine Liebe wie unsere, die gibt es sonst nirgends auf der Welt." Frau S. hat ja ohne Vermittlung Herrn S. geheiratet, gegen den Willen der Eltern.

Jedenfalls sei sie damals sehr verliebt gewesen, aber heute mache es ihr gar nichts aus, wenn ihr Mann wochenlang weg sei. Die Beziehung zu ihrem Mann sei eben wie die Beziehung zu einem Bruder. „Und na ja, ab und zu betrügt er mich sicher - uwaki o shimasu - , einmal hier, einmal dort, in einem Fall weiß ich es genau. Solange es nicht vor meinen Augen passiert, macht mir das nichts aus."


Das alles trällert sie wie ein Lied, auf und ab gleitet ihre Stimme, und sie lächelt dabei. Mir fällt auf, dass die Japanerinnen, zumindest in meinem Bekanntenkreis, wenn sie einmal zu reden anfangen, sprudeln wie ein Bächlein, das man nicht so leicht zum Stillstand bringen kann.

O je, jetzt beginnt es zu regnen. Ich höre, wie Frau S. mit einem Aufschrei ins Freie stürzt, zu der soeben aufgehängten Wäsche.


Gestern Abend kam ich dann noch auf eines meiner Lieblingsthemen zu sprechen. „Was wirklich ganz anders ist bei uns, das ist auch die Art und Weise des körperlichen Kontaktes vor anderen Leuten." Wir in Europa umarmen und küssen nahe Personen, wenn wir einander sehen, und wenn wir uns verabschieden. Aber in Japan berührt man sich überhaupt nicht, nicht einmal beim normalen Gruß. Auch da besteht immer eine körperliche Distanz. Die Japaner verbeugen sich, und wir drücken die Hände. Wir küssen die Kinder rechts und links auf die Wange, auch die erwachsenen Kinder, ebenso die Freundinnen, und natürlich umarme ich meinen Mann am Flughafen, wenn ich nach Japan fliege oder wieder heimkomme.

„In Japan ist dieser körperliche Ausdruck von Gefühlen nicht üblich. Aber es gibt schon Zeichen der Nähe, mit den Augen oder in der Körperhaltung," sagt Frau S.. „Doch den Körper des anderen berühren, nein, das wäre nicht angenehm. Das ist in Japan nicht üblich."

Frau S. schaudert ein bisschen beim Gedanken an körperliche Berührungen in der Öffentlichkeit, während ich ihr nahe lege, dass ihr etwas abgehen müsse. Sie bleibt dabei, sie findet die Abwesenheit körperlicher Zärtlichkeit nicht als Lücke.

Ich fasse es als geradezu intimes Geständnis auf, als sie mir sagt: „Es hat mich zum Beispiel wirklich sehr gefreut, dass Sie einen Kuchen, den ich Ihnen geschenkt habe, nun einer Freundin in Österreich mitbringen wollen. Das ist eine innerliche Freude für mich."


„Hitori desu", sagte Frau Imai zu Frau S., als diese jene kennen­ lernte. „Ich bin allein", im Sinn von „alleinstehend. „Alleinstehend" heißt auf japanisch „hitori - ein Mensch", was schon etwas aussagt über diese Gesellschaft.

Jedenfalls fand Frau S. diese Tatsache bemerkenswert, wahrscheinlich sogar bestürzend oder traurig. Das merke ich daran, wie sie mir die Sache erzählt. Imai san hingegen ist darauf stolz. Stolz, dass sie es zusammen gebracht hat, aus dem Netz japanischer Verpflichtungen und Abhängigkeiten auszusteigen. Sie erwartet jetzt, da sie krank und alt ist, nicht, dass Verwandte, wie Nichten und Neffen, sich um sie kümmern. Sie kann sich mit dem durch die Berufstätigkeit erworbenen Geld Dienstleistungen bezahlen. In Frau S.s Augen – und die spiegeln wahrscheinlich die Meinung eines Großteils der japanischen Gesellschaft – ist sie deswegen bemitleidenswert „kawaisô".

Als Frau Imai ihr erzählte, dass sie allein sei, hat Frau S. daraus geschlossen, dass sie mit ihren Geschwistern ein schlechtes Verhältnis habe. Sie meint, dass dieses nun besser sei, vor allem mit der jüngeren Schwester. Denn diese besuche sie manchmal mit der Familie. Aber Frau Imai hatte auch früher kein schlechtes Verhältnis, weder mit ihrer jüngeren Schwester noch mit ihrem jüngeren Bruder. Sie hat mich zu beiden nach Mishima respektive nach Matsumoto zum Übernachten und Diskutieren mitgenommen, und sie erweckte den Anschein einer beliebten Tante. Auch bei der älteren Schwester, der onêsan, die in Nara wohnt, waren wir gemeinsam auf Besuch.

Ausgangspunkt des Gespräches gestern Abend war eine Bemerkung, die Frau S. im Zusammenhang mit ihrer Zeitungslektüre machte. Es ging um die Pension. Derzeit ist Thema Nummer eins in den Medien, sowohl in den Zeitungen wie auch im Fernsehen, die geplante Pensionsreform. Frau S. sagte, in der Zeitung stehe, dass von nun an geschiedene Frauen mehr als die kokumin nenkin , die Volkspension, von 65 000 Yen – etwas mehr als 500 Euro - kriegen sollen. Wenn sie als sengyô shufu, als nicht berufstätige Hausfrau, sich scheiden ließe, bekäme sie nur dieses Geld – soferne in die Pensionskassa eingezahlt wurde. Das reicht natürlich nur für ein armseliges Leben. Wenn sie mit ihrem salary man, ihrem angestellten Ehegatten, beisammen bleibt, dann kriegt sie zusammen mit ihm seine Pension – die kôsei nenkin, die Sozialpension, die weit höher liegt.

Auch in Japan ist die Pensionsreform eine sehr komplizierte Sache. Bisher sind zum Beispiel pâto-taima, Teilzeitbeschäftigte, nicht pensionsversichert, und kriegen daher auch keine Pension. Von jetzt an sollen sie Pensionsbeiträge zahlen müssen, um Anspruch auf eine Pension zu bekommen. Heute früh war das Thema im Fernsehen. Fachleute und Betroffene sprachen. Im Endeffekt soll diese Pensionsreform eine Einsparung bringen, daher waren die Fachleute misstrauisch gegenüber den versprochenen Verbesserungen. Außerdem sind die Teilzeitarbeitskräfte nicht erfreut über die Aussicht, noch weniger in der Geldtasche zu haben, denn die Pensionsbeiträge würden ihren ohnehin schon niedrigen Lohn weiter vermindern.

Frau S. hat mir übrigens heute im Vorbeifahren die Bank gezeigt, in der sie als pâto-taima arbeitete.

Das war beim zweiten Ausflug des heutigen Tages.

Der erste Ausflug führte uns in den Thermalbadeort Kanzanji ins Hotel Kikusuiten – ein riesig wirkender Kasten an einer Bucht des Hamana-Sees gelegen. Auch ein Parkplatz für dreihundert Autos ist dabei. Der poetische Hotelname heißt übersetzt „Chrysanthemen-Wasserpalast". Das ganze Hotel ist in mattes Chrysanthemen-Lila getaucht. Zusammen mit dem grauen Licht des verregneten Novembertages verströmte es eine etwas depressive Atmosphäre.

In der weitläufigen Eingangshalle ist wie ein Kunstwerk eine Rolltreppe vom Parterre in den ersten Stock platziert. Um Frau Imai darauf in den ersten Stock zu befördern, holte Frau S. eine zuständige Dame, diese ihrerseits einen jungen Mann. Das Verfahren dauerte eine geraume Weile, da dieser junge Mann den Schlüssel zum Stoppen der Rolltreppe brauchte, und dieser scheinbar nicht sofort bei der Hand war. Aber schließlich gelang es ihm, die escalator genannte Rolltreppe anzuhalten, er stellte sich mit dem Rollstuhl auf diese, ließ die Treppe wieder einschalten und beförderte so die sensei nach oben. Kein gerade sehr unauffälliges Unterfangen. Ab dem ersten Stock gab es einen elevator – einen normalen Aufzug.
Dieser Lift war erstaunlich klein, obwohl das Hotel über breite lange Gänge verfügte und mit Platz ansonsten nicht gespart worden war. Außer beim Behindertenklo. Es gab eines, aber es soll furchtbar gewesen sein, so eng. Frau S. war nach den Ausflügen, die sie mit Imai san dorthin unternahm, jedes Mal in Schweiß gebadet.


Die Räumlichkeit, in der wir bewirtet wurden, war aber großzügig. Wie dem blasslila Pamphlet des Hotels zu entnehmen ist, gibt es drei Arten von Zimmern. Wir logierten im Typus C: eine Suite – so würde man bei uns wohl sagen –, bestehend aus einem westlich eingerichteten Zimmer mit großem Tisch und Sesseln sowie zwei Betten und einem acht Tatami-Zimmer zum eventuellen gemütlichen Herumlümmeln. Auch ein geräumiges westliches Bad gehörte dazu. Alles wirkte etwas abgewohnt, der Tisch angekratzt, der Teppichboden voll Flecken. Dass die Hotels alle Teppichboden haben, wundert mich wirklich. Die Tatami schauen daneben sehr elegant und sauber aus, sind aber sicher mindestens ebenso staubig und voll heimtückischer Milben wie der Teppichboden.

Die Frechheit war der Blick, mit dessen subarashisa – Pracht – hauptsächlich geworben wird. Direkt vor der großflächigen Glasfront unseres Zimmers verstellte die grauschwarze heruntergekommene Hinterseite eines Hauses den erwarteten Blick zum See. Der beschränkte sich auf kleine Ausschnitte rechts und links davon.


Der Hamana-See ist einer der größten Brackwasserseen Japans, und breitet sich mit seiner Oberfläche von 69 Quadratkilometern am westlichen Rand von Hamamatsu aus. Er bildet auch das westliche Ende der Präfektur Shizuoka. Zum Vergleich: Der Attersee ist 45,9 Quadratkilometer groß, der Neusiedlersee 315 Quadratkilometer. Dieser Hamana-See, der bei Sonnenschein blau strahlt, heute aber im grauen Dunst versank, war ursprünglich ein Süßwassersee. Aber Ende des 15. Jahrhunderts durchschnitt ein Erdbeben die Sandbank, die den See vom Meer trennte. Im 16. Jahrhundert schuf dann ein Tsunami, eine große von einem Erdbeben ausgelöste Welle, eine noch größere Öffnung, und der Hamana-See verwandelte sich in einen Brackwassersee mit stark gestalteter Uferlinie. Kanzanji, dessen Vergangenheit als Thermalbad nur bis 1958 zurückreicht, liegt am Ostufer des Sees. „Es kann sich der Schönheit seiner natürlichen Umgebung rühmen wie auch seiner Hotel–einrichtungen", liest man im Internet. Das Wasser dieser Thermalquelle soll Neuralgien, Empfindlichkeit für Kälte und Müdigkeit positiv beeinflussen.

Umgeben ist der See von mehreren Städten und Dörfern, aber auch von einem Vergnügungspark, einem Blumenpark, einem Tierpark und anderen Freizeiteinrichtungen. Den See durchkreuzen in der Touristensaison Ausflugsboote, und von Kanzanji spannt sich über das Wasser bis zum gegenüber liegenden Berg Mount Ôkusa eine Seilbahn, die Kanzanji Ropeway.

Der See selbst ist einerseits ständig durch den Einfluss der Gezeiten in Bewegung, anderseits fließen im oberen Teil zahlreiche Flüsse und Bäche in den See. Gemeinsam mit den vielen Buchten bietet dies, wie man lesen kann, ideale Lebensbedingungen für die Wasserflora und Fauna. Der Hamana-See ist daher von alters her als Fischgrund berühmt. Die Aale aus dem Hamana-See gelten in ganz Japan als Delikatesse. Die Fremdenkehrswerbung der Gegend rühmt das saubere Wasser des Sees. Allerdings überquert ihn nahe beim Meer die nationale Tômei-Autobahn und das Hamanako-Seestraßen-Highway-System – dort habe ich vor einigen Wochen mit Frau T. den Zusammenfluss von Meer und See überquert.

Auf der Hinfahrt fragte ich den Taxifahrer, was die mit Gummizeug bekleideten Männer auf Plattformen im See zu tun hätten. Der Taxifahrer bestätigte, das dies Fischer seien und sagte stolz: „Hier gibt es alles, was das Herz begehrt – ob ebi, kaki und kani – Krebse, Austern und Krabben.


Frau S. hatte ein Behindertentaxi gemietet. Die hintere Reihe wurde herausgenommen und mit dem Kofferraum vereint, eine Art Gangway wird herausgeklappt. Der Rollstuhl wird von der Rückseite her in das Auto geschoben und angehängt. Ich saß vorne, S. san fuhr mit ihrem Auto nach. Das Hotel war kaum zwanzig Minuten vom Garten Eden, dem Zuhause der Imai san, entfernt.

Vor der Abfahrt legte Frau Imai noch Schmuck an. Sie forderte Frau S. auf, die Schmucklade des Schreibtisches zu öffnen. Diese zog auf der Suche nach Ringen und Broschen Säckchen und Schächtelchen heraus. Frau Imai wählte den wuchtigsten Ring, ein Riesending, und meine Frage, ob das nicht unbequem sei, wurde überhört.

Dann nahm sie noch einen Ring und meinte: „Es können ruhig zwei auf einem Finger sein!" Das ging aber nicht, denn ihre kleinen Finger erwiesen sich als zu kurz für zwei Ringe. Dann wurde noch eine Brosche gesucht, und eine sehr herzige Brosche gefunden, zwei verschränkte Kätzchen, eines aus Glitzer-Material, das andere aus elfenbeinfarbigem Material.

„Wo haben Sie die gekauft?"

„Im Kaufhaus Takashimaya in Tôkyô. Sie ist von der Firma Swarovski."

Frau Imai liebt es, Geschäfte zu besuchen und zu schauen, aber auch zu kaufen. Sie genießt die hübschen Sachen. Sie genießt es überhaupt, das Heim zu verlassen, glaube ich.

Wir kamen eine halbe Stunde zu früh in das Hotel und die wurde für die genaue Inspizierung der Boutique, in der Andenken und Mitbringsel verkauft werden, genützt.

Frau S. ging sehr nett auf Frau Imai ein. Sie verschob aber die Kaufwünsche der Imai san auf die Zeit nach dem Essen. Danach dachte Frau Imai gar nicht mehr daran. Auf dem Mount Ôkusa, auf den wir nachher fuhren, von dem aus die Seilbahn über den See gleitet, gab es ein Spieluhrenmuseum und natürlich ein Spieluhrengeschäft. Frau Imai begeisterte sich daran.

„Willst du nicht diesen Harlekin für Ursula kaufen?" fragte sie mich. Der Harlekin, weiß und schwarz und gold, der traurig dreinschaute und bei der Musik den Kopf hin und herwiegte, gefiel mir wirklich ganz gut. Aber ist er ein Geschenk für meine Schwester Ursula? „Ich glaube, sie möchte lieber ein nihontekina mono – etwas Japanisch-Artiges," sagte ich. Imai san grübelte anscheinend, was ich damit meinte, denn bei der Rückfahrt sagte sie plötzlich:
„Meinst du zum Beispiel Schreibhefte aus japanischem Papier?"
„Ja, ja, etwas in dieser Art."

Sie bat S. san in den nächsten Tagen zu sich und will mit ihr in die Stadt fahren, um für ihre österreichischen Bekannten Geschenke zu kaufen, die ich überreichen soll. Im Spieluhrenmuseum kam ich nicht umhin, auf ihre Anregung wenigstens für Hans einen kleinen Affen aus Holz zu kaufen – er ist im chinesischen Jahr des Affen geboren, und für mich einen Fugu als Stehaufmännchen!


Damit komme ich zum Fugu und zum Essen, das war ein Höhepunkt des heutigen Tages. Und das Baden im rotenburo – im Freiluftbad - auf dem Dach des Chrysanthemen-Wasserpalastes. Das Wasser dampfte, weil sich seine Wärme mit der kühlen Regenluft traf. Aber der Regen pausierte gerade, und Frau S. und ich erfreuten uns im heißen Wasser des Beckens. Es enthält anscheinend Kalium und Natrium. Frau S. fand, es rieche nach Meer.

Das Hotel bietet sechs verschiedene Möglichkeiten des Aufenthaltes. Eine davon ist die von uns gewählte: Man mietet ein Zimmer von zwölf bis zwei Uhr und badet und speist. Selbstverständlich konnte ich nicht nach dem Preis fragen, aber ich nehme an, dass Frau Imai pro Person mindestens 20 000 Yen hinlegen musste, also mehr als 150 Euro.

Außer uns war noch eine etwa vierzigjährige Frau mit einer alten Dame im Bad. In der Lobby trafen wir auf drei junge Frauen. Möglicherweise nahmen die nur einen Drink – aber nein, in dem lila Pamphlet steht, dass die Zeit für das Selbst-Service-Essen und einen Drink in der Lobby mit 15 bis 17 Uhr begrenzt ist.

Die jüngere Frau, die mit uns das rotenburo benützte, wusch die Ältere mit Vorsicht und Zuneigung und führte sie dann ins Becken. Sie zu beobachten war angenehm. Wahrscheinlich handelte es sich um Mutter und Tochter oder Großmutter und Enkelin. Als die Jüngere der alten Frau beim Anziehen half, gerieten Frau S. und sie ins Gespräch.

Die alte Frau sagte, den Kopf in meine Richtung wendend: „Sie ist nicht aus Japan?"

„Nein, sie ist aus Europa, aus Wien," berichtete Frau S..

Die Jüngere wusste, dass Wien in Österreich ist und meinte, sie wolle schon lange gerne nach Wien. „Musik!" sagte sie.

Die ältere Frau meinte: „Sonst sehe ich so jemanden nur im Fernsehen!"

Frau S. und ich hatten um zusätzlich 450 Yen je einen Yukata und ein Handtuch ausgeborgt. Der Yukata war auch chrysanthemenfarbig und mit Chrysan­themen bedruckt. Frau S. verwandelte sich plötzlich in eine japanische Schönheit. Der Yukata stand ihr viel besser als ihr braunes Samtkostüm.


Als wir ins Zimmer zurückkamen, durchwärmt und entspannt, konnte endlich das Essen aufgetragen werden. Die Serviererinnen des Hotels waren schon mindestens ebenso ungeduldig wie Frau Imai, die allein hier auf uns gewartet hatte.

Es gab Sashimi und zusätzlich Fugu-Sashimi. Die große Spezialität dieses Festessens. Ich fotografierte den falschen Teller. Erst später kam ich darauf, dass Fugu-Sashimi jene winzigen durchsichtigen Fetzchen waren, die auf einem eigenen Teller lagen. In der Mitte des Tellers waren weitere Fugu-Schnipsel aufgehäuft. Gelbe Blütenblätter einer Chrysantheme waren darüber gestreut.

Ich bemühte mich, nicht den Eindruck aufkommen zu lassen, dass ich diese Hauptattraktion des Mahles nicht würdige! Die „gewöhnlichen" Sashimi waren auf einem blitzblauen Teller angerichtet und bestanden aus drei Scheibchen dunkelrotem Thunfisch und einem rohen ebi – einem Krebschen. „Der ist gefährlich für den Magen," warnte Frau S.. Ich aß ihn trotzdem.

Natürlich folgte eine Vielfalt weiterer Gerichte in bunten geschmackvollen Tellern und Schüsselchen: Chawanmushi – „gedämpfter Eierstich" heißt das auf Deutsch. Das ist eine Art Soyapudding mit diversen versteckten Köstlichkeiten, unter anderem Ginko-Nüssen. Weiters ein nabe–Gericht mit Gemüse und Muscheln und einem sehr guten Saft. Jeder bekommt ein eigenes Kochtöpfchen mit einer Flamme darunter, in der die Speise am Tisch gart. Später wurde noch ein herrlicher unagi aufgetischt, die lokale Köstlichkeit gedünsteter Aal. Es gab sato-imo – Tarô-Kartoffel steht im Wörterbuch - und satsuma-imo – das sind Süßkartoffeln, und ein herbstlich verfärbtes Ahornblatt aus rotem Kaviar.

Ich weiß nicht mehr, was uns sonst noch alles geboten wurde, jedenfalls war es ein sehr wohliges Gefühl, nach dem Bad, mit bloßen Füßen, in dem freundlichen Yukata mit dem dunkelroten Gürtel, vor diesen Köstlichkeiten zu sitzen und sie langsam in sich hineingleiten zu lassen. Frau Imai genoss es auch sehr, das sah man ihr an. Sie aß mit den Fingern und der mitgebrachten abgewinkelten Gabel und trank nicht wenig Sake. Der war wirklich ausgezeichnet mild und gut. Mir scheint, ich habe noch nie einen so guten Sake getrunken. Zum Nachtisch gab es eine Scheibe hellgrüner Melone.

Erst gegen drei Uhr fuhren wir ab, nachdem es wegen der Toilette und mit der Rolltreppe wieder Zeitverzögerungen gegeben hatte. Nach dem Abstecher auf den Mount Ôkusa, von dem aus man bei Schönwetter einen herrlichen Rundblick haben soll und zum Spieluhrenmuseum brachte uns derselbe Taxifahrer wie bei der Herfahrt in den Garten Eden zurück.

„Tadaima – ich bin wieder da!" rief Frau Imai, sichtlich froh, dass sie von einem Ausflug mit Taxi und Freunden heimkommen konnte, während die anderen gerade mit der Rehabilitation anfingen:
Ichi, nii, saaan – eins, zweiei, dreieiei".

Den Rest vom Aal und den Rest vom Sake hatte sich Imai san einpacken lassen. „Den trinke ich zum Abendessen!" Wir redeten ihr jedoch zu, weiteren Alkoholgenuss auf morgen zu verschieben. Denn nach dem Essen hatte ihr Gesicht eine fast beunruhigend rote Farbe gehabt, und sie saß eine Weile mit geschlossenen Augen vor dem Tisch, sodass ich schon eine Übelkeit befürchtete. Doch nach dieser kurzen Pause war sie wieder ganz aufgeräumt.

„Am Samstag, wie immer um halb zwei!" rufe ich ihr zu, bevor ich mit Frau S. das Altersheim verlasse. Dieses „wie immer" ist „das letzte Mal".


Gerade vorher erzählte mir Frau S., dass in Kyôto am Einundzwanzigsten jeden Monats der koto-ichi beim Tôji-Tempel südlich vom Bahnhof stattfindet. Das ist ein großer Flohmarkt. Dorthin soll ich unbedingt gehen, es gebe herrliche Sachen, ganz billig.

„Und man handelt dort", sagte Frau S. eindringlich. „Bimbo, bimbo – arm, arm", machte sie mir die richtige Mimik und Gestik vor. Discount suru heißt das hier. Ich weiß nicht, ob U. san mit mir dorthin gehen mag, und ich bezweifle vor allem, dass U. san so gerne handelt wie Frau S..

Frau U. rief an und wir machten aus, dass wir uns morgen um 10:43 Uhr beim südlichen Ausgang des Kyôto-Bahnhofs treffen wollten.

Wir übernachten im Hotel einer oder eines Bekannten. Und U. san betonte zwei-, dreimal: „Zenzen go-shinpai shinaide kudasai – Machen Sie sich gar keine Sorgen!" - auf was auch immer sich das bezieht. Morgen wird es regnen, sagte sie noch.
Ich freue mich wirklich auf U. san. Sie ist eine liebe Frau und hat eine so angenehme Stimme.

Dann bleibt nur noch der Samstag mit meiner sensei.

Hansi rief an. Er stellt jetzt mein Buch „Wenn erst Friede ist" mit dem Kriegsbriefwechsel von Valerie und Anton Kittel ins Internet. Er identifiziert sich bereits mit Anton Kittel, der als Soldat weit fort von seiner liebsten Vally sein musste. Außerdem war Anton Kittel ebenfalls Fotograf. Im Email unterschrieb er: „Dein Anton Johann Hauer."


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