Ruth Linhart | Japanologie | Biographieprojekt Imai Yasuko


Herbst in Hamamatsu, ein Reisetagebuch

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Freundschaft mit Kasei Junko

18. November, Dienstag

Ich bin Herrin in der Wohnung der Frau S., denn ich bin allein. Es ist vor acht Uhr. Heute war eine sehr magere Schlafnacht. Dieser russische Tee, mit Apfelduft verziert, hat mich wirklich nicht einschlafen lassen. „Sie sind aber binkan", sagte Frau S.. „Empfindlich" heißt das. Ja, das bin ich anscheinend. Jedenfalls war ich um viertel nach eins noch auf. Dann weckte mich grässliches Poltern. Mit Hansis kleiner Taschenlampe schaute ich auf die Uhr. Vor fünf! Geht der Sohn heute so früh weg? Nein, das war es nicht, aber jedenfalls klingelte die fûrin, die Windglocke, am Eingang. Vielleicht der Zeitungsbote? Ich schlief ein, um wieder aufzuwachen. Diesmal leisere Töne vor der Schiebetür. Das war Frau S.. Es war dreiviertel sechs. Sie raschelte und klapperte leise bis nach sechs. Dann donnerte der Sohn, der offensichtlich gewartet hatte, bis sie weggegangen war, die Stiegen herunter, riss die Türe ins Wohnzimmer auf und war laut, bis er um halb sieben mit dem Auto davonfuhr. Endlich konnte ich aufstehen. Jetzt sitze ich noch immer im Schlafrock und Schal herum. Die Fernbedienung für die Heizung fand ich nicht. Es ist ziemlich kalt in der Wohnung. Nur in meinem Zimmer kann ich das Heizöfchen einschalten.


Das erste, was ich im Fernsehen sah, im NHK, dem japanischen öffentlich rechtlichen Programm, war der Fuji san oder Fujiyama, wie man ihn heute morgen von der Stadt Shizuoka aus sieht. Wunderschön!

Später wurde eine Landkarte der Welt gezeigt. Schock! In der Mitte Japan. Rechts groß die beiden amerikanischen Kontinente. Links Asien und Afrika. Und ganz links, verzogen, schmäler, als es ihm eigentlich zukommt, pickt Europa an Asien dran. Der zerfranste Rand des asiatischen Kontinents. Was ist das für eine Sicht auf unsere Wiege der Weltkultur!


Was mir Frau S. gestern erzählt hat, geht mir noch immer durch den Kopf. Der jüngere Sohn hätte in der Präfektur, in der er die Universität besuchte, von einigen Banken Stellenangebote bekommen.

„Aber ich wollte mein Kind bei mir haben!" Daher musste er nach Hamamatsu zurückkommen. „Hier habe ich keine gute Arbeit!" wendete er ein.

„Wenn er unbedingt dort bleiben hätte wollen, hätte er das gemacht!" wiederholte Frau S. einige Male, mehr um sich zu überzeugen als mich, wie mir scheint.

Irgendwie verstehe ich die Aggression des 24-Jährigen gegen seine Mutter. Er muss täglich um halb sieben Uhr aus dem Haus. Er arbeitet weit weg, in diesem Fukuroi, wohin man in der Früh sicher ein bis zwei Stunden fährt - bei all diesen Ampeln, die in Hamamatsu den Verkehrsteilnehmern das Leben erschweren!

Er sei beim kokutai in Fukuroi angestellt, für zwei Jahre. Kokutai heißt Volkssportfest. Ja, das Volkssportfest fand gerade statt, als ich ankam, für Gesunde und dann für Behinderte. Ist das eine Firma, die das organisiert? Er hat dort, glaube ich, keine besonders hoch stehende Arbeit. Ich wundere mich nicht, dass er der Mutter gram ist. Aber offensichtlich hat er ihren Wunsch befolgt. Diese japanische Erziehung zur Anpassung ist ein Kreuz.

Ich glaube, alle Japaner haben ein verinnerlichtes schlechtes Gewissen. Dabei wird behauptet, dass die Japaner das Gewissen nicht kennen. Ruth Benedict hat diese These in ihrem berühmten Buch „Chrysantheme und Schwert" entwickelt. Von Schande und Scham ist die Rede, statt von Schuld und Gewissen wie bei uns. Ich bin dieser Unterscheidung nie auf den psychologischen Grund gekommen. Ich sehe den Unterschied nur im Bezugspunkt für die individuellen Gefühle und moralischen Grundsätze. Im christlichen Kulturkreis ist es Gott, etwas Transzendentes. Hier ist es die Umwelt, etwas Irdisches, Unmittelbares, und daher unter Umständen noch Zwingenderes. Allerdings wirken Schuld und Gewissen auch noch ins Jenseits, nach dem Tod und in alle Ewigkeit, während Scham und Schande mit dem Tod enden. Obwohl – sie werden zwar nicht ins Jenseits verschoben, aber die Angehörigen und Kindeskinder müssen noch lange an ihnen tragen!

Jedenfalls ist der Druck der Umgebung in Japan enorm, und die schlechten Gefühle, wenn man dem sozialen Druck nicht nachgibt, sind für viele wahrscheinlich schwerer auszuhalten als ein Leben in Anpassung.

Frau Imai hat gemacht, was sie wollte - sagt sie, aber sie leidet unter dem Gefühl des Außenseitertums.


Frau S. sagte gestern, sie sei eine sengyô shufu, eine professionelle Hausfrau. Sie lebt in diesem gemütlichen Haus. Der Gehalt des Mannes kommt abzüglich seines Taschengeldes auf ihr Konto und sie verwaltet es. Sie kann sich ihren Tag frei einteilen, Hobbies nachgehen und sich für soziale Zwecke ehrenamtlich engagieren.

Sie hat ein angenehmes und relativ interessantes Leben. Natürlich lebt sie als ständige Strohwitwe. Aber pro forma versorgt sie Mann und Kind. Diese Aufgaben muss sie wohl haben als Daseinsberechtigung vor sich selbst und der Umwelt – siehe die Überlegungen zum schlechten Gewissen bzw. zu den sozialen Erwartungen.

Die Tatsache bleibt bestehen: Ihr Mann arbeitet für sie. Sie lebt von seinem Geld. Es ist wie eine Pension, die sie kriegt. Nur hat sie sich die nicht erarbeitet. Oder doch? Sie ist über dreißig Jahre verheiratet und hat zwei Söhne großgezogen. Sie kümmert sich um Haus und Hof. Wenn der Gatte mal heimkommt, läuft alles. Ist das nicht genug, um vom Ehemann erhalten zu werden? Ich denke schon. Ungünstig für sie ist es nur, wenn es eine Ehekrise gibt.

Die ist bei S.s hoffentlich nicht in Sicht. Sie weiß nicht, was er macht und er nicht, was sie macht, aber das scheint normal zu sein. „Wenig, denn er hat seinen Kopf immer voll Arbeit", sagte sie, als ich sie fragte, ob sie ihm von ihren ehrenamtlichen Tätigkeiten erzählt.


Ich wollte auch aufschreiben, wie Frau S. ihre ehrenamtliche Pflegetätigkeit begründet: Sie ist die älteste Tochter und ihr Mann ist der älteste Sohn. Eigentlich würde sie sich nach japanischem Brauch sowohl als Tochter wie auch als Schwiegertochter um die alten Eltern bzw. Schwiegereltern kümmern müssen. Aber in ihrem Fall starben Mutter und Vater bevor sie pflegebedürftig wurden, und die Schwiegermutter im hohen Norden wird von der Ehefrau des jüngeren Sohnes versorgt. Nun macht sich Frau S. Sorgen, sagt sie, ob jemand sich um sie kümmern wird, wenn sie alt und krank wird. Daher hat sie eine Ausbildung als Pflegerin gemacht und besucht ehrenamtlich alte und kranke Leute.

Die Bilanz zwischen Geben und Nehmen muss stimmen, dieses Gefühl ist in Japan sehr internalisiert, nicht nur zwischen zwei Menschen, sondern auch zwischen dem Individuum und dem eher abstrakten Phänomen „Gesellschaft". Wenn ich nichts gebe, kriege ich auch nichts. Und wenn ich meine Pflichten als Tochter /Schwiegertochter nicht erfüllt habe, werde ich bestraft werden, sofern ich meine Verpflichtung gegenüber der älteren Generation nicht auf andere Weise abtrage. Allerdings ist der Gedanke des „Bestraftwerdens" wahrscheinlich schon wieder von christlichen Moralvorstellungen genährt. Vielleicht ist es so: Wenn ich mich um meine Mutter/ Schwiegermutter nicht kümmere, habe ich selbst kein Recht auf Betreuung durch andere.

Dass ihre Söhne sich um sie kümmern werden, glaubt Frau S., zumindest nach ihren Worten, nicht. Außerdem ist das normalerweise eine Aufgabe der Schwiegertöchter, und es gibt noch keine. „Die jungen Leute haben das Gefühl, zu irgendetwas verpflichtet zu sein, nicht mehr," sagt sie, und meint das global für die gesamte japanische Gesellschaft.


Halb neun Uhr abends. Der Sohn kommt gerade heim. Am Tisch im Wohnzimmer steht schon allerhand zum Essen für ihn. Frau S. sitzt beim PC. Sie hat eine Studienfahrt mit anderen Frauen gemacht und Verschiedenes mitgebracht, zum Beispiel Äpfel. Einen Apfel habe ich als omiyage angenommen. Die Sorte heißt Fuji, wie der Berg. Ich hätte auch andere Früchte und Kuchen kosten sollen, aber ausnahmsweise bin ich satt.

Im Heim aßen wir heute „westlich", Frau Imai bekam Lachs in Alufolie gedünstet, ich Schnitzel mit Ketchup. Beim Essen sitzt Frau Imai mir gegenüber, die maekake, eine Plastikschürze mit Taschen, in denen Flüssiges aufgefangen wird, umgebunden. Sie isst entweder mit der Gabel, dem Löffel oder den Fingern. Langsam bewegt sie ihre weißen Hände vom Teller zum Mund.


Mir ist aufgefallen, dass die einzigen körperlichen Zärtlichkeiten, die ich in den Wochen in Japan beobachtet habe, das Streicheln von Imai sans Zehen war. Sowohl Frau T. wie auch Frau O. massierten einzeln die Zehen in den Söckchen, stellten fest, dass diese Socken reizend seien, jede Zehe hat quasi ein eigenes Abteil, und dass sie aus Seide seien. „Wer wascht die?" fragten sie. Imai san: „Ich selbst im Waschbecken." „Erai – tüchtig! "


Ich bin also heute bei der Post gewesen, habe um 3200 Yen die Bücher per Schiffspost und als Drucksache aufgegeben. Hier gibt es im Gegensatz zu Österreich noch die Möglichkeit, Post in verschiedenen Preiskategorien zu versenden. Das Service ist einfach in allem und jedem besser.

Im drugstore beriet mich eine Verkäuferin fachmännisch über Gesichtscremen. Auch das Verkaufspersonal ist hier viel freundlicher und kompetenter als im Allgemeinen bei uns, wie ich immer wieder feststelle.

Ich wollte einen hübschen Gelsenstecker kaufen – so einen, wie ihn Frau S. mir zur Verfügung gestellt hat. Er schaut aus wie ein Fisch. Aber leider, so etwas war nicht mehr vorrätig, denn Herbst und Winter sind keine Gelsenzeit. Einzelstücke (an Gelsen) gibt es immer noch. Erst gestern wendete ich den Gelsentöter wieder an, und das Tier verendete noch bevor ich ins Bett ging.

Später fuhr ich zur sensei. Von nun an ist das nicht mehr oft der Fall. Morgen geht es ja ins Vergnügen. Wie ich von Frau S. erfahren habe, ist unser angepeiltes Ziel auch eine onsen, ein Thermalbad. Wir müssen baden und ich muss frische Unterwäsche mitnehmen. Ich sagte zwar, wenn ich in der Früh die Unterwäsche wechsle, dann wechsle ich sie nicht schon zu Mittag neuerlich, aber wahrscheinlich werde ich mich dem sozialen Druck beugen und doch eine frische mitnehmen.


Imai san liegt wieder und ich befrage sie zum letzten Mal mit Mikrophon. Mein erstes Thema ist ihre Uni-Karriere und Uni-Karrieren für Frauen im Allgemeinen.

„Zwischen meiner Generation und den jetzt jungen Frauen besteht ein ziemlicher Unterschied. Zu meiner Zeit nahm niemand an, dass eine Frau eine wissenschaftliche Karriere vorhat".

„Ihre Zeit" ist Anfang der sechziger Jahre.

„Damals begannen die ersten Frauen an Universitäten zu gehen – die erste Generation, die nach dem Krieg in dieses Alter kam." Es habe einige Ausnahmen gegeben, wie die 1926 geborene berühmte Sozialanthropologin Nakane Chie und die 1927 geborene Moriyama Mayumi, die in den neunziger Jahren Unterrichtsministerin wurde. Die Frauen hatten beide das Tsuda College besucht, eine der wenigen Einrichtungen für postsekundäre Bildung, die Frauen vor 1945 offen standen. Dort legt man besonderen Wert darauf, dass die Studentinnen Englisch sprechen lernen – im Gegensatz zum sonstigen Unterricht in Japan, der das passive Erlernen von Sprachen fördert. „Das war ein großer Vorteil für diese beiden Frauen".

Als Imai Yasuko ihr Studium an der Hokkaidô-Universität begann, hatten Nakane und Moriyama ihr Grundstudium schon hinter sich.
„In meiner Zeit waren unter 500 männlichen Studenten an der literarischen Fakultät der Hokkaidô-Universität nicht mehr als zwanzig Frauen. Und von diesen zwanzig wurden nur drei nach Abschluss des Studiums berufstätig."

Imai san erinnert sich nur an eine einzige weibliche Vortragende im Lehrpersonal, die Französisch-Lehrerin, die französische Ehefrau eines Japaners. Imai san durchlief auf vorbildliche Weise die Ausbildungsstufen an einer japanischen Universität dieser Tage: Nach dem Besuch der Stufe für allgemeine Bildung (kyôyôbu), die für zwei bis vier Jahre angesetzt ist, stieg sie in den Fachbereich Japanische Sprache und Japanische Literatur auf. Sie schloss das Studium nach der Mindestzeit von vier Jahren ab. „Man kann bis zu acht Jahren brauchen, aber so lange brauchen nur schlechte Studenten und Faulpelze."

In dieser Phase machte sie zum ersten Mal, erzählt sie, negative Erfahrungen mit männlichen Konkurrenten. Iwaki Yukinori, der bekannteste Takuboku-Forscher in Japan – er ist schon verstorben – habe sich ihre Abschlussarbeit über eine Gedichtsammlung von Takuboku ausgeliehen und die Ergebnisse von Imais Arbeit unter seinem Namen publiziert. Ihr verehrter Professor Kazamaki Keijirô meinte: „Solche Sachen kommen vor in der Wissenschaft," und forderte sie auf, sich nicht entmutigen zu lassen.

Da sie eine ausgezeichnete Studentin war und das wissenschaftliche Arbeiten liebte, belegte sie nach den entsprechenden Prüfungen den Master-Kurs – sie war die einzige Frau auf weiter Flur. Für den Master-Kurs brauchte sie ein Jahr länger als die Mindestzeit. „Das fiel zeitlich in die Studentenbewegung." Die nächste Stufe, den Doktorkurs, besuchte sie drei Jahre. Das erste Jahr davon widmete sie zur Hälfte der Studentenbewegung, die aber, wie sie oft erzählt, nach der Unterzeichnung des Sicherheitsvertrages mit den Vereinigten Staaten fürs erste zusammenbrach.

„Ich erwartete damals nicht, dass ich in einem Universitätsinstitut unterkommen würde, aber ich interessierte mich für die Frauenproblematik und hoffte, zum Beispiel im Umkreis der Frauenrechtlerin und Abgeordneten Ichikawa Fusae arbeiten zu können." Daraus wurde nichts. Nach dem Doktorkurs machte sie die Prüfung als Oberschullehrerin. Anschließend unterrichtete sie in Tôkyô an einem Abendgymnasium im Stadtteil Mitaka.

Von dort wurde sie, die Stufe als Assistentin in der wissenschaftlichen Laufbahn überspringend, an die Privatuniversität Hokkaigakuen daigaku in Sapporo berufen. Sie war nun außerordentliche Professorin – jokyôju – und das blieb sie bis wenige Jahre vor ihrer Emeritierung.

„Das ist nicht normal. Mit meiner wissenschaftlichen Leistung wäre ich früher Professor geworden, wenn ich ein Mann gewesen wäre!"

Der Wechsel an die Frauenkurzuniversität nach Hamamatsu 1970 brachte einen kleinen beruflichen Aufstieg. Denn in der sehr differenzierten Hierarchie der Universitätslandschaft in Japan ist eine öffentliche Schule höher positioniert als private Bildungseinrichtungen. Und das Frauencollege in Shizuoka, das übrigens bald nach Imais Emeritierung aufgelöst wurde, war eine Einrichtung der Präfektur.


„Erst ganz zum Schluss habe ich den höchsten Posten erreicht, den es im Fach Literatur an meiner Universität gab. Der Mensch, der vor mir Professor wurde, hatte zugleich mit mir zu studieren begonnen, obwohl er älter war, und hatte viel schlechtere Zeugnisse als ich. Aber weil ich wusste, wie böse er über mich geredet hätte, wenn ich vor ihm Professor geworden wäre, sagte ich: `Mir ist es recht, wenn ich warte, bis er in Pension geht´"

„Sind Sie gefragt worden?"

„Ja, sie fragten mich!"

„Und Sie haben selbst gesagt, es wäre jetzt nicht nötig?"

„Ich sagte, es sei okay, wenn der andere es wird!"

„Aber wenn Sie ausgesprochen hätten, dass Sie es werden wollen, wären Sie zehn oder fünfzehn Jahre früher Professor geworden?"

„Wahrscheinlich. Wahrscheinlich – aber wie sehr", Imai san betont das „wie sehr" stark, „Aber wie sehr dieser Mensch über mich hergezogen wäre, das wusste ich, weil ich seinen Charakter kannte."

„Ein Mann würde sich diese Sorgen nicht machen!"

„Ja, Männern ist es scheinbar egal, wenn über sie schlecht gesprochen wird!"


„Wenn es nach Ihrem Wunsch gegangen wäre, an welcher Universität hätten Sie Professorin werden wollen?“

Imai san lacht. „Am besten wäre es, an der Tôkyô-Universität Professorin zu werden. Sie ist die Nummer eins unter den Universitäten in Japan. Das ist natürlich nicht realistisch. Und auch an der Hokkaidô-Universität Professorin zu werden, ist kein realistischer Wunsch!"

„Warum?"

„Weil Frauen damals nicht hineingelassen wurden. Jetzt ist das anders. Es gibt noch immer wenig Frauen, aber es besteht wenigstens die Möglichkeit dazu."

„Sie sind sicher zufrieden damit, dass Sie letzten Endes doch Professorin geworden sind."

„Zufrieden", Imai san verneint. „Großartig zufrieden bin ich nicht. Es war zu spät."

„Wieso zu spät?"

„Ich hatte das Gefühl, jetzt rentiert es sich nicht mehr. Und dann, mit dem Posten steigt auch der Gehalt. Und der Gehalt hängt wieder mit der Höhe der Pension zusammen."

Imai san schweigt eine Weile. Dann sagt sie: „Anderseits – die Menschen kennen keine Grenzen. Wenn ich früher Professorin geworden wäre, aber in der Fakultät für Allgemeine Bildung, wäre ich unzufrieden gewesen. Und wenn ich in meinem Fachbereich Japanische Literatur Professorin geworden wäre, dann wäre ich unzufrieden, weil ich keinen Posten im Doktorkurs hatte. Es gibt immer noch etwas weiter oben, das man nicht erreicht, und das einen unzufrieden machen kann."

Wieder folgt eine Pause.

"Jedenfalls habe ich mich in einem wissenschaftlichen Beruf durchsetzen können, und das macht mich zufrieden. Als ich jung war, hielt ich das für völlig unmöglich. Auf dem wissenschaftlichen Sektor als Takuboku- Forscherin bin ich schon früh anerkannt gewesen. Wenn ich daran denke, wie mich meine Eltern lächerlich gemacht haben, und dass ich trotzdem mein eigenes Leben geführt habe, dann bin ich schon zufrieden."

Und dann fällt ihr noch etwas ein, und sie sagt mit Begeisterung in der Stimme: „Dass ich pausieren konnte und ein Jahr in Wien leben, das war schon fast ein akrobatischer Akt, damit bin ich sehr zufrieden!“


Auf meiner Liste stehen noch einige unbeantwortete Fragen. Zum Beispiel, was Selbstmord für sie bedeutet.

„Auf den Tonbändern, die ich von Ihnen bekommen habe, sprechen Sie wiederholt von Selbstmord. Schon als kleines Kind dachten Sie daran und später wieder, als Lehrerin in Tôkyô. Ihre Freundin, die Malerin Kasei Junko, hat wirklich Selbstmord gemacht. Sie haben unlängst angedeutet, dass in Japan Selbstmord eine angesehene Handlung sei. Wenn Sie als Kind schon Selbstmord begehen wollten, so denke ich, dass Sie sehr unglücklich gewesen sein mussten."

„In der japanischen Kulturtradition ist das Sterben nicht so stark mit Unglück verbunden. Mit dem Selbstmord kann man die eigene Ehre verteidigen, es gibt die Tradition des kriegerischen seppuku. Wenn man nicht so leben kann, wie man möchte oder nicht weiß, wie man möchte, dann denkt man schnell, dass es besser ist, sich umzubringen. Das ist eine von der Gesellschaft anerkannte Lösung. Dazu kommt noch, dass zu manchen Zeiten Selbstmord in Mode ist. Als sich der Dichter Dazai Osamu 1948 umbrachte, da war es zum Beispiel so. Außer Kasei Junko starben aus meinem Jahrgang drei weitere Leute. Aber als Kasei Junko starb und ich sah, wie sehr ihre Eltern ihren Tod beklagten, da dachte ich mir: `Sterben geht doch nicht!´ Zumindest nicht vor den Eltern."


Junko und Yasuko kamen in eine gemeinsame Klasse, als im fünften Jahr der Grundschule Buben und Mädchen getrennt und eine Buben- und eine Mädchenklasse geschaffen wurden. Die beiden Mädchen freundeten sich bald an, wobei die Initiative, wie Imai san sich erinnert, von Junko ausging. Sie hat mir von dieser Freundschaft schon früher viel erzählt. Junko war ein intelligentes willensstarkes Kind und wollte ebenso wie Yasuko Malerin werden. Sie fanden auch gemeinsamen Gesprächsstoff, weil sie sich beide von ihren Vätern unterdrückt fühlten.

„In der sechsten Klasse hatten wir eine gute Lehrerin. Junko und ich hatten die Malstunde sehr gern und besonders, wenn wir hinaus gingen und nach der Natur malten, arbeiteten wir mit Begeisterung und plauderten gleichzeitig miteinander."

„Wenn wir groß sind, gehen wir zusammen nach Paris," planten sie. „Japan stand im Krieg, und es war eigentlich eine fürchterliche Zeit. Aber dafür interessierten wir uns überhaupt nicht."

Yasuko erkannte bald, dass Junko die bessere Malerin war.

„Die Wolken, die sie malte, eilten am Himmel dahin. Unter meinem Pinsel zerbröckelten die Wolken auf dem Papier. Wenn ich eine Blume, einen Hut oder einen Schuh zu malen versuchte, immer wieder passierte mir das."

Yasuko gab schließlich, wie schon erwähnt, den Wunsch, Malerin zu werden auf.

„Das war im zweiten Semester der sechsten Klasse. Junko bekam einen Brief von einer angehenden Lehrerin: `Deine Bilder sind wundervoll. Bevor ich die Schule verlasse, möchte ich dich um eines deiner Bilder bitten. Du wirst sicher eine berühmte Malerin.´" Yasukos Zukunft erwähnte sie nicht.

Wenige Jahre später, in der letzten Klasse der Oberschule, beging Junko Selbstmord.

Da wir kein Foto von Junko bei der Hand haben, bitte ich Imai san, diese Freundin zu beschreiben.

„Sie war eine Schönheit. Ihre Haut hatte die Farbe von weißem Wachs. Die Augenbrauen waren streng. Sie hatte einen scharfen Blick. Sie hat nicht sehr oft freundlich gelächelt, wie es für japanische Frauen üblich ist. Sie war kein Mensch, der Komplimente macht. Es kam vor, dass sie gewagte Sachen sagte, um die Leute zum Schweigen zu bringen. Und es gab wenig Menschen, denen sie sich öffnete. Ich glaube, nur ihrer älteren Schwester."

Diese kam nach dem Selbstmord Junkos und bat Yasuko, eine Grabrede zu schreiben. „Was haben Sie gesagt? Erinnern Sie sich daran?"

„Ja, daran erinnere ich mich. Ich habe gesagt. `Warum bist du gestorben? Wir haben doch als Kinder einen gemeinsamen fernen Traum gesehen. Wenn wir erwachsen sind, wollen wir beide Malerin werden. Und nun bist du gestorben, noch bevor es so weit ist. Das kann ich nicht begreifen ...."

Imai san sinnt weiter: „Warum sie gerade mich gebeten haben, zu schreiben, das war sicher deshalb: Junko hatte zu der Zeit, als sie starb, bereits Probleme mit wirklichen Beziehungen zu Männern. Die Familie dachte wahrscheinlich: Ìmai san wird darüber schweigen, denn sie hat Junko geliebt.`"

„Zu dieser Zeit war Ihre Beziehung bereits abgekühlt."

„Nach der Grundschule kamen wir in verschiedene Schulen. Junko freundete sich mit einem anderen Mädchen sehr intensiv an, vielleicht aus Opposition zu mir, weil ich ebenfalls andere Freundinnen fand. Vielleicht hat sie sich auch aus Opposition so sehr ins Malen gestürzt. Sie hat gern gemalt, das ist wahr. Aber es war ihr ebenso wichtig, wie die Welt sie bewertete. Sie hatte einen starken Drang zur Selbstdarstellung. Sie liebte es, Bilder auszustellen und Preise zu bekommen."

Ich wende ein, dass dies doch bei Künstlern und Künstlerinnen meistens so ist.

„Ja, sie war auch in diesem Sinn eine Künstlerin. Sie liebte es, umgeben vom Kreis ihrer Verehrer in ein Kaffeehaus zu gehen, zwischen den Fingern eine Zigarette, baff, baff, baff zu machen. Das hat man mir erzählt, denn ich selbst ging nie an solche Orte.

Damals, nach dem Krieg, war man verhältnismäßig frei, was die Kleidung und das Äußere betraf. Natürlich gab es eine Schuluniform, aber Junko hatte Geld vom Verkauf ihrer Bilder. Sie trug einen knallroten Mantel und schneeweiße Stiefel, ihre Haare hatte sie mit Wasserstoffsuperoxyd gefärbt. Ab und zu hustete sie, um den Anschein zu erwecken, sie habe Tuberkulose."

Ob sie einen Abschiedsbrief hinterließ, frage ich.

„Nein. Niemand weiß genau, warum sie Selbstmord beging. Die Beziehung zum Mitschüler Watanabe Junichi, der den Roman `Sterben in Akan´ über ihren Tod geschrieben hat, ging kurz vorher auseinander. Und da war ein Fotograph, der später mit Bildern aus dem Vietnamkrieg und noch später in der Hospiz-Bewegung bekannt wurde, Okamura Akihito. Dieser Mensch ist aus Hamamatsu, kam damals aber im Zuge der linken Bewegung nach Hokkaidô und agitierte dort. Er wurde in der Stadt Kushiro eingesperrt. Junko besuchte ihn im Gefängnis. Das weiß man, weil Okamura das später berichtet hat. Unmittelbar nachher fuhr sie an den Akan-See, der dort in der Nähe ist, und nahm in einem Gasthof ein Zimmer. Sie sagte, sie wolle malen gehen, und kam nicht mehr zurück. Einige Monate später wurde ihre Leiche gefunden."


Yasuko und ihre Freundinnen: Kasei Junko starb, aber mit den fünf Freundinnen auf einem Foto aus ihrer Jugend hat sie noch heute Kontakt. Das Bild entsteht bei der Hochzeitsfeier von U. Y., mit der sie seit dem Kindergarten befreundet ist. Außer einer, die sich ihr Studium selbst finanziert und Journalistin wird, heiraten alle jungen Frauen, die im Kimono posieren, und werden Hausfrauen. Yasuko ist die kleinste von ihnen, die zarteste, im Kimono aus lila Seide, bedruckt mit Glyzinien und Schmetterlingen. Sie wirkt mehr im Zentrum des Fotos als die Braut, vielleicht, weil sie ihre Augen nicht niederschlägt, sondern fest und ernst ins Objektiv der Kamera schaut.


Während Imai san bei der Rehabilitation war, kopierte ich einiges, Arbeiten von ihr, die Bibliographie in der Nummer der Zeitung ihrer Universität, die diese ihr aus Anlass der Emeritierung widmete, die Klaviernoten, die sie mit ins Altersheim genommen hatte. Ich brauchte zweimal Hilfe vom Empfang, bis mir die paar Kopien gelangen. Später ließ ich mir von Imai san auf dem Stadtplan von Tôkyô die Schauplätze ihres Lebens dort erklären. Genau weiß ich aber noch immer nicht, wo sich das Büro der Kommunistischen Liga oder das Abendgymnasium in Mitaka befunden hat.

Dann im Finstern per Bus zurück nach Hatsuoichô. Der Busfahrer fragte mich, ob ich im Krankenhaus zum Heiligen Geist arbeite. „Ja, gewissermaßen."


Frau S. war schon zu Hause. Auf der Schnellstraße donnern jetzt Motorräder vorbei.

Ich erzählte Frau S., dass ich in Tôkyô für daheim kuri- also Kastanienkuchen und hoshigaki – getrocknete Kaki – kaufen möchte. Die Kastanienkuchen hatte sie mich kosten lassen, die Kaki waren heute Abend das Dessert im Altersheim. Frau S. war gleich Feuer und Flamme und hat im Internet herausgefunden, dass es die besten kuri-Kuchen in Tôkyô im Kaufhaus Takashimaya gibt.


Anmerkungen

Fotos| 25.10| 26.10| 27.10| 28.10| 29.10| 30.10| 31.10| 1.11| 2.11| 3.11| 4.11| 5.11| 6.11| 7.11| 8.11| 9.11| 10.11|
11.11| 12.11| 13.11| 14.11| 15.11| 16.11| 17.11| 18.11| 19.11| 21.11| 22.11| 23.11| 25.11| 26.11| 27.11| 28.11

Ruth Linhart | Japanologie | Biographieprojekt Imai Yasuko Email: ruth.linhart(a)chello.at