Ruth Linhart | Japanologie | Biographieprojekt Imai Yasuko


Herbst in Hamamatsu, ein Reisetagebuch

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Heute ist Frau S. mein Star

17. November, Montag

„Heute trocknet die Wäsche gut, hat das Fernsehen gesagt", verkündet mir Frau S. auf die Frage, ob ich ein bisschen Wäsche waschen kann. Was man hier im Fernsehen alles erfährt! Aber kein Wunder, wenn viele Millionen Hausfrauen ihre Wäsche im Freien trocknen.

Der Wind in der Nacht war unsympathisch. Die Rollos ratterten derartig, dass ich sie hinauflassen musste, denn sonst hätte ich nicht schlafen können. Ohne diese Rollos wird es aber in dem zugigen Zimmerchen empfindlich kalt. Zum Glück habe ich Kerstins Seidenschlafsack, in den ich mich verkriechen kann.


Dafür schien heute die Sonne, der Himmel blitzte blau, das Licht war blendend hell, und am Vormittag war Frau S. mein Star.

Zuerst fotografierte ich sie beim Computer, beim Zeitunglesen, beim Bügeln an dem niederen Bügelbrett, beim Wäscheaufhängen, mit dem Staubsauger, am Steuer ihres Autos, mit den Puppen, die sie gemacht hat und in der Küche. Weiters in Ausgehkleidung, wie sie über die Stufe der genkan – des Vorhauses - heruntersteigt und aus den Hausschuhen in ihre Pumps schlüpft, ein sehr typisch japanischer Vorgang. Zu meiner Überraschung schminkte sie sich für diese Szene.

So erklärte sie mir ihre Schminkpraxis: Sie schminkt sich nur, wenn sie „großartiger" aus dem Haus geht, Einkaufen in mehrere Geschäfte, Freundinnen trifft, zur arubaito – das ist ein bezahlter Job - geht oder im Rahmen ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit viele Leute sieht. Für die Familie, für „das Haus", für sich, oder wenn sie nur kurz einkaufen geht, schminkt sie sich nicht. „Schminken ist für die Außenwelt, nicht für die Innenwelt." Der Ehemann gehört zur Innenwelt. „In meinem Alter schminkt man sich nicht mehr für den Ehemann, ich bin ja schon dreißig Jahre verheiratet. Ja, als wir frisch verheiratet waren, da habe ich mich schon für ihn geschminkt. Aber sobald Kinder kommen, hört sich das auf."

Anschließend befragte ich sie. Bei dem zirka einstündigen Interview erfuhr ich endlich so viel über meine „Hauswirtin", dass ich mir über ihr Leben ein bisschen ein Bild machen kann.


„Ich heiße S. Hiroko," beginnt sie förmlich. „Früher hieß ich Fujizawa. Ich wurde im Dezember 1949 in Gifu geboren. Mein Vater arbeitete in Nagoya, das dreißig Kilometer entfernt ist, und kam immer sehr spät in der Nacht zurück. Darum verkaufte er das Haus und den Grund, den er von seinen Eltern bekommen hatte, und wir übersiedelten nach Nagoya, was meine Großmutter sehr verärgert hat. Sie wollte, dass ihre Kinder und Enkelkinder in ihrer Nähe leben. In Nagoya wohnten wir in einer neuen Siedlung mit Kindergarten und öffentlichen Schulen, und dort wuchs ich auf."

Ihr Vater ging einer ungewöhnlichen Beschäftigung nach.

„Er hat ein Kino betrieben. Ich erzähle das nicht oft, denn es hieß damals, dass dieses Metier mit den Yakuza, der japanischen Mafia, zu tun hat. Die Verwandtschaft war ganz dagegen. Als ich in der Oberschule war, hörte mein Vater mit dem Kino auf, weil keine Gäste mehr kamen."

Die Mutter führte in der Folge ein Kaffeehaus, das auch einging. Später nähte sie in Heimarbeit.

Wie stark das traditionelle Familiensystem nachwirkt, zeigt das Schicksal von Hirokos jüngerer Schwester.

„Mein Vater war der zweite Sohn seiner Eltern", erzählt Frau S. zögernd. „Die Frau des ältesten Sohnes, des Stammhalters, hatte Tuberkulose und kein Kind. Meine Schwester wurde deshalb sofort nach der Geburt vom Onkel adoptiert und in sein Familienregister eingetragen. Aber als die Tante starb, heiratete er wieder und bekam ein eigenes Kind. So war meine Schwester nicht mehr nötig und wurde in unser Haus zurückgegeben."

Adoptionen von Kindern Verwandter oder auch von verwandten Erwachsenen sind in Japan ein häufiger Weg, um eine Familie fortzuführen. „Auch, dass diese Adoptionen wieder rückgängig gemacht werden, kommt nicht selten vor!"


„In den fünfziger- und sechziger Jahren war es noch selbstverständlich, dass Mädchen in der Schule traditionelle Künste lernten. Ich lernte Koto – ein Saiteninstrument - , Kalligraphie, Teezeremonie und Blumenstecken." Die Liebe dazu hat sich übrigens bis heute bei Frau S. erhalten. Sie trägt – im Unterschied zu vielen anderen Japanerinnen – gerne Kimonos.

„In der Oberschule habe ich mir leider überhaupt nicht überlegt, was ich weitermachen will. Ich hatte das Bild vor mir, dass ich wie alle heiraten und Kinder kriegen werde und mich zu dem entschlossen, was meine Freundinnen wählten."

So besuchte sie ein zweijähriges College für japanische Literatur, neben Kurzuniversitäten für Haushaltsführung oder Englisch immer noch eine häufig gewählte Vorbereitung für den Lebensweg junger Japanerinnen. Imai san unterrichtete an solch einem College.

Während die meisten jungen Frauen zwischen Ausbildung und Ehe einige Jahre arbeiten, „heiratete ich gleich nach dem Abschluss des College. Ich war zwanzig, mein Mann fünf Jahre älter, und weil wir beide sehr jung waren, waren die Eltern natürlich gegen diese Heirat. Aber wir haben uns darum nicht gekümmert."

Als älteste Tochter hätte sie mit einer prächtigen Hochzeit „mit vielen Kimonos und vielen Kommoden" rechnen können. Aber weil die beiden jungen Leute ohne Zustimmung der Familie heirateten, bekam Hiroko keine Aussteuer.

„Wir hatten, wie man früher sagte, nichts als einen Kochtopf".

Die Eltern waren mit der Heirat auch nicht einverstanden, weil der Bräutigam Masahiro zwar ein Studium an einer Handelsuniversität gemacht hatte, aber bei einer Firma beschäftigt war, die Hühner züchtete und verkaufte. Und noch mehr Dorn im Auge war ihnen, dass er von der nördlichsten Hauptinsel Hokkaidô stammte.

„Haben sie befürchtet, dass Sie nach Hokkaidô übersiedeln?"

„Nein, aber Hokkaidô war ein Kolonisationsland. Die Freundinnen meiner Mutter sagten, nur Leute, die zu Hause nicht genug zum Essen hatten, sind hinüber nach Hokkaidô gegangen."

Sobald aber das erste Enkelkind auf die Welt kam, war Frau S.s Mutter ein häufiger Gast.

„Meine Mutter starb sieben, acht Jahre vor meinem Vater. Danach lebte er allein. Er sah gut aus, er war handsome, und hatte die Frauen immer gern und eine Menge girl friends. Er brachte sie nicht nach Hause, aber als meine Mutter tot war, lebte er mit einer nach der anderen." Frau S. lacht ziemlich bei dieser Erzählung. Mit diesem Lachen will sie sicher eine gewisse Peinlichkeit überspielen.


„Die meisten Frauen hören nach der Heirat zu arbeiten auf, ich habe damit angefangen. Aber nur kurz, denn bald kam unser erster Sohn auf die Welt."

Herr S. suchte sich eine andere Arbeit, und zwar bei einer internationalen Aufzugsfirma. Nach einiger Zeit wurde er von Nagoya nach Hamamatsu versetzt.

„Er hatte beruflich sehr viel zu tun. Dass er mit uns zusammen zu Abend aß, kam zweimal oder höchstens dreimal in der Woche vor." In dieser Zeit begann Frau S., sich einen Kreis von Freundinnen aufzubauen, und mit diesen Freundinnen zusammen besuchte sie auch etliche Kurse. Nach neun Jahren kam der zweite Sohn zur Welt – derjenige, der jetzt noch mit der Mutter zusammenwohnt.

Als der ältere Sohn bereits die Oberschule besuchte und der Kleine in der ersten Klasse Grundschule war, wurde Herr S. nach Tôkyô versetzt.

Für Hiroko begann ein Leben als Strohwitwe, denn von nun an wurde Herr S. ständig von einer Stadt zur anderen versetzt: von Tôkyô nach Ôsaka, Nagoya, wieder nach Tôkyô und schließlich nach Ôsaka, wo er jetzt ist.

Die junge Mutter mit zwei Kindern folgte ihm auf dieser Odyssee nicht. Der wichtigste Grund dafür war die geordnete Schullaufbahn der beiden Buben. Auch schon vor der Versetzung sei sie viel allein mit den Kindern gewesen, nun entwickelte sich ein „life pattern", in dem Herr S. praktisch nur mehr Gast zu Hause ist. Dieses Leben wird noch bis zur Pensionierung in drei Jahren andauern.


„Weil ich mich einsam fühlte, verkehrte ich viel mit Freundinnen, die auch Kinder hatten." Als die Buben größer wurden und sie mehr Freizeit hatte „kamen mir die Freundinnen abhanden, weil die alle Teilzeit zu arbeiten begannen. Da dachte ich mir: `Das mache ich auch´. Denn das Haus und die Ausbildung der Kinder waren teuer!"

Viele Jahre Berufstätigkeit folgten, immer als pâto-taima, als Teilzeitarbeiterin, ein Begriff, der sich in Japan weniger auf die Länge der Arbeitszeit als auf die Art des Dienstverhältnisses bezieht. Teilzeitarbeiter sind vorwiegend Frauen mit Kindern, sie sind nicht fix angestellt, kriegen niedrige Löhne und haben keine Aufstiegschancen.

Der erste Versuch, für eine Wertpapierfirma Aktien zu verkaufen, war ein Fehlschlag und „ich wusste jetzt, dass ich ohne Qualifikation keine ordentliche Arbeit finden würde." Sie wählte einen Buchhaltungskurs, den die Stadt kostenlos anbot und fand eine Stelle bei einer Bank. Für die quasi alleinstehende Mutter waren die Arbeitsbedingungen auch hier hart. Es war nicht möglich, plötzlich frei zu nehmen, und niemand anderer erledigte ihre Arbeit, wenn sie Urlaub hatte. So wechselte sie in das städtische Museum und restaurierte dort bei flexiblen Arbeitszeiten sieben Jahre lang Keramik. Dann wurde die Stelle eingespart.

Nun begann sie, nach einem halbjährigen Einführungskurs als „helper san", als Pflegerin zu arbeiten. Dabei lernte sie meine Imai sensei kennen, die sie noch immer, in der Zwischenzeit aber unentgeltlich, betreut.

Einen genauen Einblick habe ich in das Verhältnis der beiden nicht, Imai san bezeichnet S. san als „Freundin". Und S. san ist Imai sensei verpflichtet, zumindest deshalb, weil sie ihr vor einigen Jahren eine Wien-Reise gemeinsam mit der Freundesgruppe A., O., T. und Y. schenkte. Frau Y. ist diejenige aktive Dame, die im Sozialwesen tätig und derzeit in Schweden bei ihrer Tochter zu Besuch ist, da diese ein Kind geboren hat.


„Und wie schaut Ihr Leben heute aus?" frage ich, denn ich möchte endlich wissen, zu welchem Zweck Frau S. so eifrig unterwegs ist.
Sie erzählt bereitwillig: „Ab und zu bin ich noch als Pflegerin tätig, aber ehrenamtlich. Dann bin ich seit zirka zehn Jahren Mitglied einer Frauengruppe. Ursprünglich kam ich zufällig hin, und am Anfang begriff ich gar nichts", amüsiert sie sich. „Ich bestand damals darauf, dass ich nicht diskriminiert werde. Aber nach und nach habe ich gemerkt, dass die japanischen Frauen sehr stark diskriminiert werden. Sogar in der ehrenamtlichen Arbeit. Früher wurden Frauen niemals Leiterin. Wenn ich dort nicht gehört hätte, wie wichtig es ist, dass Frauen sich an Leitungsfunktionen herantrauen, hätte sicher auch ich abgelehnt!"


Am meisten Zeit investiert Frau S., wie sie sagt, in die ehrenamtliche Gruppe „Shizuoka ken yôka planna", was soviel wie „Freizeitplanung für die Präfektur Shizuoka" heißt. Diese Gruppe arbeitet auf Präfekturebene, und sie ist Leiterin der Gruppe West, einer der drei Gruppen der Präfektur Shizuoka.

„Wir planen Ausflüge und organisieren Vorträge, aber im Zentrum steht die Idee, aus der Stadt, in der wir wohnen, eine lebenswerte Stadt zu machen. Für diese Idee werben wir, und diesbezüglich bilden wir uns weiter." Im Rahmen dieser Tätigkeit fand also vor einigen Wochen das Gespräch mit ihr und ihrer Freundin statt, bei dem ich bekannt geben musste, was mir in Hamamatsu gefällt und nicht gefällt.

„Aus Hamamatsu soll eine Stadt werden, in der sich gesunde und junge, behinderte und alte Leute wohl fühlen. In meiner Arbeit als helper-san habe ich gemerkt, wie schwer es Leute im Rollstuhl haben. Darum veranstalten wir zum Beispiel Spaziergänge mit Rollstuhlfahrern, oder Blinde gehen mit Blindenhunden und Pflegerinnen spazieren. Solche Events machen die gesunden Leute auf die Probleme von Behinderten aufmerksam."


„Also, Sie sind keine professionelle Hausfrau!" resümiere ich. Sengyô shufu heißt das auf Japanisch und umfasst meines Wissens Frauen, die sich nur um Familie und Haushalt kümmern.

„Doch, ich bin eine sengyô shufu, eine professionelle Hausfrau", widerspricht Frau S., und das trotz ihrer vielfältigen außerhäuslichen Aktivitäten, für die sie manchmal ein Mittagessen, Fahrscheine, die Versicherung oder ein Taschengeld erhält. Mir scheint, es erfüllt Frau S. mit einem gewissen Stolz, dass sie nicht wie die Mehrheit der Frauen ihres Alters Geld verdienen muss.

„Wenn die Kinder klein sind, bleibt den jungen Frauen nichts übrig als das Hausfrauendasein, aber in meinem Alter gibt es zwei Wege: Ehrenamtlich zu arbeiten oder Teilzeit. Die überwältigende Mehrheit macht Teilzeitarbeit. Wenn man von sengyô shufu in meinem Alter spricht, teilen sich die wieder in zwei Gruppen auf: Frauen, die nur zu Hause sind wie in alten Zeiten, und solche, bei denen durch den Ehemann ein Einkommen bis zu einem gewissen Grad vorhanden ist; die arbeiten unentgeltlich bei verschiedenen Institutionen mit."

„Und wie ordnen Sie sich finanziell ein?" „Ein bisschen über der Mitte", sagt Frau S. nach einigem Überlegen.


„Eigentlich haben Sie, zumindest von außen gesehen, ein sorgenfreies Leben und können Ihre Zeit ziemlich frei für Aktivitäten verwenden, die Sie gerne tun!"

„Na ja", zögert Frau S.. „Das stimmt schon, aber Selbstkontrolle ist wahnsinnig wichtig. Denn ich bin nicht alleinstehend. Und weil wir in Japan sind, drum beobachtet mich meine Umgebung genau. Sie waren jetzt fast einen Monat da, aber in der Nacht war ich immer zu Hause. Es gibt auch Studiengruppen und Aktivitäten am Abend, aber dorthin kann ich nicht gehen."

„Warum denn nicht?"

"Weil dann die Leute sagen, die geht in der Nacht aus und vergnügt sich, während ihr Mann nicht daheim ist."

„Sie könnten sich ja auch am Tag vergnügen!"

„Bei uns ist der Abend mit Vergnügen verbunden. Es ist komisch, wenn ich das sage, aber ich könnte auch am Tag Sake trinken und Karaoke singen und mich mit irgendwelchen Leuten herumtreiben. Doch die Umwelt denkt, der Tag ist eine ernsthafte Zeit. Selbst wenn ich am Abend eine Fortbildung mache, heißt es gleich: `Die geht sich amüsieren.´ In der Beziehung ist das Leben für Frauen immer noch schwierig."

„Die gesellschaftliche Kontrolle ist also sehr stark."

„Ja, so ist es. Das muss ich bei meinen Aktivitäten immer einkalkulieren. Wenn mein Mann da wäre, wäre es anders. Aber so muss ich immer schauen, dass keine Gerüchte entstehen."


Es war schon nach halb ein Uhr mittags, als ich mit dem Fotoapparat aus dem Haus ging und das Vorhaben wahr machte, meinen Weg zum Apita-depâto zu dokumentieren. Ich fotografierte aber nicht nur die Blumen, von denen übrigens deutlich weniger vorhanden sind, als vor drei Wochen bei meiner Ankunft. Der Regen und der Wind dürfte einiges zerstört haben. Aber es gibt die natsumikan, Sommermandarinen heißt das wörtlich übersetzt. Im Wörterbuch steht „die japanische Pampelmusenmandarine, Citrus natsudaidai." Es handelt sich dabei um eine Zitrusfrucht, eine Orangenart, sie schmeckt leicht bitter und die weiße Haut über dem Fruchtfleisch ist so dick, dass auch ich sie abschäle. Die meisten Japaner schälen ja auch die dünne Haut der japanischen Mandarinenspältchen ab. Natsumikan gibt es, glaube ich, nur in Japan. Leider sah ich heute vom Bus aus keine der leuchtenden mikan, die mir sonst manchmal ins Auge springen. Fotografiert habe ich die hoch gewachsenen Chrysanthemen in einem Hof gleich in der Nähe von Frau S.'s Haus, weiße, rosa und rote sazanka, die Herbstkamelien, und die Wandelröschen, die hier Hecken bilden. Irgendwo blühte noch eine Klematis.
Was ich nicht mehr sah, ist der wallisische Schneeball, der duftende, oder ein naher Verwandter, der ebenfalls entlang der Straße wächst. Auch die asagao - oder wie Frau Imai sagte, hirugao oder yugao, die Anfang November noch blühten, sind verschwunden. Auf deutsch übersetzt heißen sie Morgen- Mittag- oder Abendwinde. Diese leuchtend violetten, blauen und purpurnen Blüten, die nur wenige Stunden blühen, solange das Licht auf sie fällt, kenne ich hauptsächlich aus südlichen Ländern, wie sie zum Beispiel die weiße Wände griechischer Häuser bedecken. Hier in Japan ist die asagao, englisch heißt sie übrigens sehr hübsch morning glory, wie alles, was schnell vergänglich ist, hochgeschätzt. Ihr ist eines der berühmtesten japanischen Haiku gewidmet.


Kaga no Chiyo, eine Dichterin der Tokugawa-Zeit, schrieb es:


Asagao ni

tsurube torarete

moraimizu

Von der Morgenwinde
ist der Schöpfeimer umrankt.
Ich bitte woanders um Wasser.


Unzählige Arten dieser Blumen werden in Japan kultiviert, fast so wie von der robusteren Chrysantheme. Es heißt, dass die Bewunderer dieser zarten, aber umso leuchtenderen Blüten in der Morgendämmerung aufstehen und bewegungslos vor ihrer asagao im Tontopf verharren, um den Augenblick zu erhaschen, in dem sie ihre Blüte öffnet.

Ich fotografierte auch die weniger schönen Szenen, die Brücke über die Stadtautobahn beim großen Kaufhaus von Apita, die Straße mit dem Gewirr aus Oberleitungen, in der mein Bus fährt, die Busstation mit ihrer Leuchttafel, die in drei Stufen anzeigt, dass der Bus sich nähert. Auch im Bus machte ich ein Foto, aber da ich nicht zuviel auffallen wollte, hielt ich mich zurück. Gerne hätte ich die Anzeigen fotografiert, mit denen die Busfirma (wahrscheinlich) für höfliches Verhalten der Jugend gegen Ältere wirbt. Bis zur Wahl gab es auch Tafeln mit der Feststellung: „Nihon no mirai wa jibun no mirai da", wobei das jibun eingerahmt war. Das bedeutet: „Die Zukunft von Japan ist meine eigene Zukunft". Die zweite Zeile forderte auf, aus diesem Grund zur Wahl zu gehen.


Imai sensei lag auf dem Bett. Zuerst erzählte ich ihr vom gestrigen Ausflug, von T. sensei, und sie freute sich, dass ich etwas erlebt habe, was viele Japaner nie erleben, geschweige denn Ausländer. Ich sagte zu Imai san, dass ich Frau T. sehr dankbar bin, dass sie mich mitgenommen hat.

Auch Yuya-onsen, das Thermalbad, in das wir nun doch, und zwar gemeinsam mit dem Trio A., O. und T. fahren werden, sei ein Ort, an den Ausländer kaum hinkämen, aber sehr schön, kündigte sie an. Ich musste auf ihren Kalender mit roter Farbe eintragen, wann ich sie vor meiner Abreise nach Tôkyô noch besuchen werde. Dann sprach ich mit ihr über den Stand der Recherche, über meine zukünftigen Pläne während der Tage jetzt und dann 2005 oder 2006, bei meinem nächsten Japan-Aufenthalt. Und dass ich irgendwelche Geldquellen dafür ausfindig machen muss.

Sie dachte brav nach und kam auf die Idee, die Internationale Gesellschaft für Takuboku-Studien oder die Japanische Gesellschaft für Frauenforschung anzureden. Sie forderte mich auf, Namen und Adressen zu suchen, dabei gerieten wir auf Abwege, nämlich zum Marketing für ihr neues Buch.


Es wurde nichts mehr Rechtes heute, denn nun war die Rehabilitation an der Reihe, und danach war sie schon sehr vergesslich.

Aber immerhin zeigte sie mir ungefähr, wo die für sie wichtigen Orte in Sapporo lagen. Dass die Buchkarte, die ich im Buchgeschäft in Hatsuoichô erworben habe, sehr ungenau ist, machte die sensei gereizt. Einige Erinnerungen kamen ihr aber doch wieder hoch.

„Waren Sie später noch einmal beim Haus ihrer Kindheit?" fragte ich sie.

„Ja, ich ging einmal hin. Das Haus stand nicht mehr. Es war ein Eckhaus. Jetzt war dort eine Autofirma. Als ich noch dort wohnte, gab es gegenüber unserem Haus ein Lebensmittelgeschäft. Von dort aus konnte man telefonieren. Wenn jemand für uns anrief, holte man uns. Wir hatten selbst bis 1960 kein Telefon."

Dann fällt ihr wieder – wie oft - das Haus der Oharas ein. „Das war ganz in der Nähe. Herr Ohara war ein Ohrenarzt und verdiente viel Geld. Bei diesem Haus gab es einen Teich mit Fröschen. Er hatte drei Kamine zum Heizen im Haus. Die Familie hatte vier Dienstmädchen. Von den sieben Kindern waren drei Mädchen. Die wurden alle Braut." So sagt man in Japan für eine Laufbahn als Hausfrau und Mutter.

Obwohl es zu erwarten gewesen wäre, quartierte sich die amerikanische Besatzung in dem schönen Haus nicht ein. „Sie dürften bestochen worden sein", vermutet die sensei. „Wir in Hokkaidô hatten keine russische Besatzung. Leute, die aus der Mandschurei zurückkamen, erzählten von russischen Soldaten, vor denen sie sich gefürchtet hatten. So waren die Amerikaner nicht. Die meisten waren freundlich. Direkten Kontakt mit den Amerikanern hatte man nicht. Aber man hatte nicht das Gefühl, das seien Feinde. Ich und andere Kinder – ich war in der sechsten Klasse Grundschule, also zirka zwölf - gingen zur Hokusei-Mittelschule, wo sie einquartiert waren und bettelten: `Chewing gum, chewing gum.´ Wir warteten dort und bekamen wirklich Kaugummi. Unsere Eltern durften das natürlich nicht wissen!"

Und wieder sagt sie, wie öfters bei diesem Thema: „Der Krieg war grauslich. Die Lehrer und die Soldaten haben sich aufgespielt. Als der Krieg aufhörte, hörten die Erwachsenen auf, groß zu tun. Ich dachte damals, dass es sehr gut ist, dass der Krieg aufgehört hat. Allerdings hatte man nichts zu essen."

Von den Amerikanern gleitet ihre Erinnerung zum Klavierspielen, da einige Besatzungssoldaten bei ihrer Klavierlehrerin, Takeda sensei, Klavierstunden nahmen. „Während des Krieges war Klavierspielen nicht geschätzt. Ich kümmerte mich darum nicht, aber viele Schüler kamen nicht mehr. Einer sagte zu mir: `In so einer Zeit ist es unpassend, Klavier zu lernen!´."

Yasukos Mutter freundete sich mit der Klavierlehrerin an. „Meine Mutter brachte ihr manchmal Kuchen. Als es kein Weizenmehl mehr gab, verwendete meine Mutter Maismehl. Takeda sensei kam mich später sogar hier in Hamamatsu besuchen."

Von all den Ehepaaren rund um sie herum seien ihre Klavierlehrerin und deren Mann, ein Universitätsprofessor, die einzigen gewesen, die den Eindruck einer glücklichen Ehe vermittelten.


Beim Heimgehen war ich noch im Apita-depâto und kaufte Material zum Verschicken der Bücher, die ich hier gekauft habe.

Hoffentlich kann ich heute schlafen, nach dem Apfeltee-Genuss. Ich hätte nicht gedacht, dass der Apfeltee ein russischer Tee mit künstlichem Apfelaroma ist?


Anmerkungen

Fotos| 25.10| 26.10| 27.10| 28.10| 29.10| 30.10| 31.10| 1.11| 2.11| 3.11| 4.11| 5.11| 6.11| 7.11| 8.11| 9.11| 10.11|
11.11| 12.11| 13.11| 14.11| 15.11| 16.11| 17.11| 18.11| 19.11| 21.11| 22.11| 23.11| 25.11| 26.11| 27.11| 28.11

Ruth Linhart | Japanologie | Biographieprojekt Imai Yasuko Email: ruth.linhart(a)chello.at