Ruth Linhart | Japanologie | Biographieprojekt Imai Yasuko


Herbst in Hamamatsu, ein Reisetagebuch

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Besuch im Tempel

16. November, Sonntag

Ich war um drei, fünf und sechs Uhr auf und träumte von meiner Kinderzeit, meiner Mutter und Großmutter und kleinen Kindern. Da gab es zum Beispiel einen etwa zehnjährigen Buben, der sich dauernd versteckte. Eine Katze saß vor einem zusammengerollten Teppich. Als ich nachschaute, was hier für die Katze so interessant sei, und den Teppich aufschlug, kam der Bub zum Vorschein.

Ansonsten war es ein Traum mit herrlicher Landschaft. „Tirol ist wirklich schön", dachte ich mir immer wieder. Und von vielen krebskranken Kindern. Am Schluss des Traumes war ich in einer Toilette aus meiner Kinderzeit, mit dem aus dem Teppich entrollten Kind, entdeckte Schmutzspritzer, putzte diese weg, und dachte, wie arg das ist, wenn die eigenen Kinder so krank sind.


Es ist halb neun Uhr früh. Die Vogerln zwitschern, es ist feucht, aber nicht besonders kalt, und es regnet nicht, sondern die Sonne blinkt. Arme Frau S., sie hätte so gerne Regen gehabt, um diesen heutigen Ausflug absagen zu können. So musste sie auf alle Fälle um sieben Uhr aus dem Haus. Der Sohn hat sich noch nicht gerührt, aber ich weiß nie, wann er auftaucht, also halte ich mich, bis mich Frau T. abholen kommt, in meinem Tatami-Zimmerchen auf.
Der Tempel, zu dem wir heute fahren, in dem Herr T. weitere Einschulungen für seine Zukunft als Zen-Priester erhält, ist wegen seiner botan berühmt, sagte Frau Imai. Botan sind Riesenpäonien, Paeonia suffruticosa. „Im Frühling und Sommer kommen die Leute deswegen dorthin."


Gestern betonte Imai san wieder, das Wichtigste sei ihr gewesen, in ihrem Leben etwas zu machen, durch das sie sich selbst ausdrücken könne. Malerin, Schriftstellerin, Dichterin, auch Komponistin wäre so ein Beruf. Nicht Pianistin zum Beispiel oder Schauspielerin. Denn es geht ihr nicht nur um den Selbstausdruck, sondern es geht ihr auch darum, in der Welt von sich etwas zu hinterlassen. Spuren zu hinterlassen.

„Und Sie haben davon wirklich schon in der Schulzeit geträumt?"

„Ja, andere Frauen träumen davon, Braut zu werden und Kinder zu kriegen, um sich fortzupflanzen. Ich wollte mich selbst ausdrücken und ein Werk hinterlassen."

Sie schrieb keine Romane, außer einem kleinen Text, den sie in einer Schülerzeitung publizierte. Und sie malte keine Bilder mehr, nachdem sie gemerkt hatte, dass ihre Freundin Kasei Junko viel begabter war als sie. Aber sie arbeitete wissenschaftlich. „Das war auch Selbstausdruck, dadurch konnte ich mich selbst ausdrücken".

„So gesehen können Sie mit ihren Leben zufrieden sein!"

„Ja, ich bin mit meinem Leben zufrieden, weil ich das erreicht habe."


Ich frage mich, ob Imai sans Betonung auf „Selbstausdruck" an mich als Europäerin gerichtet ist. Vielleicht übertreibt Imai san etwas, in ihrem Wunsch, vor einem europäischen Hintergrund gut dazustehen.

Ich muss das, wie sie sich selbst darstellt, hinterfragen. Dazu brauche ich Gespräche mit Personen, die mit ihr in Kontakt standen und stehen.

Ich bin froh, dass ich so viele ihrer Briefe von früher aufbewahrt habe. Private Sachen hat sie mir aber leider fast nicht geschrieben.

Sie hat das, was viele Leute haben, die schließlich (deshalb?) krank werden, dieses „muri ni suru". Das bedeutet, etwas unbedingt machen zu wollen, etwas zu erzwingen, koste es, was es wolle und dabei die eigenen körperlichen und geistigen Grenzen nicht zu beachten, keine Rücksicht zu nehmen auf sich und die Beziehungen mit anderen Menschen.

Jedenfalls freut sie sich, dass sie heute nicht mehr als hen und kawatta betrachtet wird, als komisch und verschroben. Das hat sie in ihrem Leben wohl sehr oft verletzt, dieses Außenseitertum. Aber in Wirklichkeit ist sie gemessen an der sie umgebenden japanischen Gesellschaft noch immer irgendwie kawatta. Anders. Sie ist kompromissloser als andere.

Ihr Leben als tätige Frau, als arbeitende Frau – und arbeiten, auf japanisch hataraku, scheint für sie zeitlebens im Zentrum gestanden zu sein – ist jedoch so gut wie abgeschlossen. Das neue Buch „Frauen vor dem Tagesanbruch" ist wahrscheinlich ihre letzte diesbezügliche Aktivität.


So, jetzt muss ich den zweiten Teil meines Frühstücks essen. Draußen gurren Tauben. Der Sohn öffnet die Haustür. Das merke ich, weil die fûrin klingelt, die Windglocke, die sich im Luftzug der Eingangstüre bewegt, damit man im Haus weiß, wenn jemand bei der Tür hereinkommt. Er hat die Zeitung aus dem Postkastl geholt. Und jetzt wird er im Wohnzimmer sitzen und frühstücken!


An diesem friedlichen Sonntag Vormittag toben übrigens immer wieder Flugzeuge der jieitai, der Selbstverteidigungstruppen, über uns, und auf der kôsoku dôro, der Stadtautobahn, donnern die Autos – aber das ist diskret gegen die Flugzeuge.

Die jieitai haben, wie schon gesagt, in Hamamatsu einen Stützpunkt. Die Luftwaffe ist hier stationiert. Frau S. erzählte mir, dass die jieitai-Soldaten gerne in Hamamatsu seien, weil es keine Antipathie von Seiten der Stadtbevölkerung gebe. Hier bewerben sich junge Leute lieber bei der Selbstverteidigungsarmee als bei der Polizei, weil das bisher weniger gefährlich gewesen sei. Außerdem könnten die Soldaten bereits mit 51 Jahren in Pension gehen und fänden hier die zirka zehn Jahre bis zur Auszahlung der Pension Arbeit, weil es in Hamamatsu so viele Fabriken gibt. In unserer Nähe befindet sich eine jieitai-Siedlung. „Diese Wohnungen sind billig, aber schäbig. Die Leute wohnen dort nur, bis sie etwas Besseres finden."

„Jetzt heißt es auf einmal, dass die jieitai in den Irak müssen, und sie fürchten sich", bemerkte Frau S., nicht ohne Ironie. Wie ich im Fernsehen sah, hat Premierminister Koizumi aber vorläufig den Amerikanern mitgeteilt, dass er derzeit keine jieitai in den Irak senden kann, weil die Lage zu unsicher sei. Man sah auch Präsident Bush´s frostige Reaktion darauf.


So, jetzt ist es abends. Das war ein sehr erfüllter Tag und ich hoffe, es fällt mir alles ein, was es zu erzählen gibt.

Der Tempel, zu dem wir fuhren, heißt Kasuisaiji. „Ka" bedeutet gut, fähig, „sui" schlafen, sterben und „sai" Essen und Raum, aber auch anbeten. Hier absolviert T. san nun seine shugyô. „Shugyô" heißt „Ausbildung“ und „asketische Übungen". Es passt beides.


Vor zehn Uhr fährt Frau T. mit Frau A. vor. Frau A. drückt mir einen Sack mit Erdäpfeln und mikan in die Hand. „Wir dachten, du kochst selbst!"

Brot und Limonen waren ebenfalls in dem Sack. Ich habe das Säckchen ohne Brot an Frau S. weitergegeben, die vor einiger Zeit sehr erschöpft nach Hause gekommen ist, und jetzt den Wagen verstellen muss, damit der Sohn morgen früh vom Parkplatz wegfahren kann.


Frau T. ist schön angezogen, sie trägt einen eleganten braunen Pullover und einen fast bis zu den Knöcheln reichenden Rock. Sie hat einen hübsche Kette um den Hals und die Haare streng nach hinten frisiert.

Zuerst fahren wir zum Garten Eden, weil dort bei Frau Imai Frau O. auf uns wartet. Während dieser Fahrt erzählt Frau A. über die Spanienreise mit Freundinnen, die sie gerade hinter sich hat. Die führte sie nach Sevilla, Granada, Cordoba, Madrid, Toledo, Barcelona. Eine der Freundinnen schwärmt für den berühmten Cellisten Pablo Casals, und daher waren sie auch in der Villa am Meer, die er für seine Mutter bauen ließ. Sie brachte das Fotoalbum mit und omiyage, Mitbringsel, für mich und für Frau Imai je eine CD mit Aufnahmen von Casals. Und spanische Weihnachtsbäckerei aus Nüssen und Honig. Die sensei liegt im Bett und wirkt sehr erschöpft. Frau O. massiert zärtlich ihre Zehen und bewundert die Seidensocken. Während alles plaudert, schläft Imai san kurz ein. Sie hätte heute Nacht schlecht geschlafen, sagt sie.


Nach einer Weile verlassen wir Imai sensei und fahren Richtung Kasuisai-Tempel.

Die drei Freundinnen plaudern ohne Unterlass. Der Kasuisaiji befindet sich im Nordosten von Hamamatsu, bei Fukuroi. Das ist der Ort, zu dem in der ersten Zeit meines Aufenthalts die S.-Männer jeden Tag arbeiten fuhren. Wir passieren das Fukuroi-Krankenhaus in der Nähe des Tempels.

Der zirka 600 Jahre alte Kasuisaiji liegt sehr schön in den Hügeln, umgeben von prächtigen grünen Bäumen. Innerhalb des Tempelgeländes beeindrucken vor allem riesige Kiefern. Bei einem ersten Besuch ist es nicht möglich, die Anordnung der zahlreichen ein- oder zweigeschossigen Tempelgebäude mit den geschwungenen Dächern zu durchschauen. Wir betreten, angeführt von Yôko, eines dieser Gebäude, ziehen vor der Stufe, die in Japan in jedem Haus und in jeder Wohnung das Außen vom Innen trennt, unsere Schuhe aus und geben sie in die vorhandenen Schließfächer.

Frau T. verbeugt sich tief vor den zwei Mönchen, die den Eingang betreuen.

(Heute fällt mir die Abstufung in der Tiefe der Verbeugungen je nach hierarchischer Position des zu Grüßenden sehr stark auf. Besonders Frau T. verbeugt sich immer wieder verschieden tief. Am tiefsten verneigt sie sich, als uns der zweithöchste Mönch der Sôtô-Sekte des Zen-Buddhismus begegnet. Der Rücken wird geknickt, bis er ganz flach im rechten Winkel zu den Beinen steht – so wie wenn ich meine Lendenwirbelsäulenübungen mache.)

Frau T. stellt dem Rezeptionspersonal sich und uns mit gedämpfter Stimme vor. Einer der Mönche lächelt erkennend, verbeugt sich begrüßend, auch in unsere Richtung, und ein Geldschein wechselt von Frau T.s Händen in die seinen. Schließlich werden wir durch weitläufige Räume geführt, großzügige Zimmer, mit Tatami belegt, von holzgedielten Veranden umgeben und mit Glasschiebefenstern nach außen abgegrenzt. Jeder Raum wirkt dadurch wie ein großer Glasbalkon.

„In diesen Sälen haben früher die Pilger geschlafen, aber heutzutage ziehen die das Fukuroi Grand Hotel vor," lacht der Mönch, der uns führt. Er trägt keine schwarze, sondern dunkelblaue Kleidung, wahrscheinlich die Arbeitskleidung. Frau O. gibt vor, ich wolle die Küche sehen und drängt den nicht sehr willigen Mönch, uns diese zu zeigen.

„Ah, gendaiteki – ganz modern!" ruft sie aus. Wir spähen in eine sehr große, zeitgemäß eingerichtete Küche, in der für viele Menschen gekocht wird.

Es ist angenehm, bloßfüßig durch diese schönen Veranden zu schreiten, das glatte Holz oder die weichen Reisstrohmatten unter den Füßen zu spüren, und den Blick hinein schweifen zu lassen in die schlichten Tatami-Räume oder hinaus durch die vielen Schiebetüren in das Grün der exotischen japanischen Flora und zu weiteren geschwungenen Dächern und schönen Holz- und Glaskonstruktionen. Schließlich werden wir in einem terrassenartigen Raum zum Essen gebeten. Die Schiebetüren zwischen den einzelnen Räumen sind alle zurückgeschoben, sodass sich das Auge an den weiteren Zimmerfluchten mit verschiedenen Säulen und Deckenkonstruktionen erfreuen kann.


Gleich bringen zwei ältere Frauen Tabletts mit dem Essen. Diese Frauen hätten noch vor wenigen Jahren sicher Kimonos getragen, jetzt haben sie eine Art Uniform aus Rock, Bluse und Gilet an. Wir bekommen shôjin-ryôri, vegetarisches Essen. Vor jede von uns wird ein rotlackiertes Tablett auf Säulchen und daneben eines ohne Säulchen hingesetzt, und ein Fläschchen mit kaltem Tee. Das Essen ist köstlich! Am besten schmeckt mir goma-dôfu, Sesam-Tôfu. Ich schütte die Sesamsoße auf meinen Reis und bin mir bewusst, dass ich als gaijin – als Ausländerin - hiermit einen Verstoß gegen die Essenregeln begehe. Es gibt Tempura, eine Misosuppe mit Pilzen und noch viele andere köstliche Gemüsegerichte. Wir essen alles auf Putz und Stingel auf. Das Obst, das vorgeschnitten ist, esse ich mit den Fingern. So rutschige Sachen sind mit den Stäbchen schwer zu schaffen.


Als wir mit dem Essen bereits ziemlich fortgeschritten sind, huscht Herr T. herein. Freudige Begrüßung, alle verneigen sich auf ihren zabuton – den Sitzkissen -, auch Frau T. Diesmal ist Yoshi san nicht westlich gekleidet wie damals, als er mich vom Bahnhof abholte, und er verhüllt mit keinem Kopftüchl sein kahles Haupt, sondern er ist ganz und gar Mönch. Über einem hellem Untergewand trägt er den schwarzen Kimono der Mönche, der aus gazeartigem durchsichtigen Stoff besteht. Das mantelartige Kleidungsstück ist an einer Schulter mittels einer Art Schnalle kunstvoll aufgehängt. Ein sehr kompliziertes Gewand, sogar so ein weiter Mönchskimono! Er ist, wie auch die Frauenkimonos, ein Kleidungsstück, in dem man ständig auf seine Körperhaltung aufpassen muss, weil sonst alles verrutscht.


Es ergibt sich, dass ich zwischen Herrn T. und Frau T. sitze. Ich biete Yôko an, Platz zu tauschen, aber sie sagt, das sei so okay. So rücke ich etwas in den Hintergrund, damit sie ihren Mann wenigstens sehen kann. Wie es japanische Sitte ist, berühren sich die Eheleute bei der Begrüßung nicht, sie zeigen nicht die geringste Spur von Intimität. Frau T. schleppt die Säcke, die sie mitgebracht hat, herbei. Herr T. packt diverse Sorten von Schnitzel-Sandwiches aus und isst sie sofort, wobei ich den Eindruck habe, dass es besser ist, wenn er dabei nicht von Kollegen gesehen wird. Wenn er beim Alkoholtrinken ertappt würde, müsste er am selben Tag den Tempel verlassen, erzählt er, und fügt hinzu: „A, sake o nomitai – Wie gern würde ich etwas Alkoholisches trinken!"

Ich frage nach seinem Tagesablauf. Den hat er auf einem bedruckten Papier mit und reicht das Blatt seiner Frau.

Derzeit ist es so, dass er um fünf Uhr aufsteht, bis sechs wird zazen gemacht, also kniend meditiert, bis sieben gebetet, dann gibt es das Frühstück, am Vormittag folgen diverse Arbeiten im Tempel, um ein Uhr ist Mittagessen. Um neun Uhr abends wird geschlafen.

„Gibt es Zeit zum Lesen?"

„Nein".

„Gibt es gar keine freie Zeit, ein, zwei Stunden am Tag, in denen Sie tun können, was Sie wollen?"

„Nein."

Der ganze Tag ist streng eingeteilt. Und hundert Tage darf er den Tempel nicht verlassen. Aber es sei hier im Vergleich zum Leben im Eiheiji-Tempel alles raku, bequem, einfach, locker. Anders als im Eiheiji gebe es hier neben Gemüse und Tôfu auch Fisch und Fleisch zum Essen, was sein Wohlbefinden offensichtlich fördert.
Frau T. hat ihm Hefte mitgebracht und Rasierwasser. Er rasiert sich alle drei Tage Haupt und Wangen. Das ist auch fest gelegt.

Anscheinend gibt es für die zirka zwanzig „Priesterlehrlinge" einen Raum mit acht Tatami zum Abstellen ihrer privaten Dinge, darum muss Frau T. manches wieder nach Hause mitnehmen.


Yappari o-tera no musuko! – Offensichtlich der Sohn eines Tempelpriesters!" ruft Frau A. aus, als Frau T. erzählt, jemand habe gesagt, T. san sei als Lehrer wie ein Pfarrer gewesen. „Und wir haben überhaupt nichts davon gewusst", in Frau A.s Stimme schwingt leichter Vorwurf mit. Herr T.: „Ich habe auch alles getan, damit das nicht aufkommt!"


Sie reden davon, wie viele Reisen sie gemacht haben. Frau A. erzählt nämlich auch hier von ihrem spanischen Urlaub, zeigt ihr Album her und Herr T. erfreut sich an den Nussköstlichkeiten aus Spanien.

Auch die T.s waren schon in Spanien. „Wie gut, dass wir Reisen gemacht haben, jetzt geht das dann nicht mehr."

Was, Sie können überhaupt nicht fortfahren, auch wenn Sie im eigenen Tempel Priester sind?"

„Es könnte jederzeit ein Begräbnis sein."

Begräbnis-Feierlichkeiten abzuwickeln ist die Hauptarbeit buddhistischer Priester.

Jedenfalls muss Herr T. , bevor er den eigenen Tempel übernimmt, alles lernen, was ein Tempelpriester können muss. Er muss zum Beispiel die buddhistischen Sutren in einem gewissen Rhythmus vortragen können. Und vor allem, er muss sie lesen können.

Zur Schulung gehört auch, dass er mit einem großen korbartigen Hut auf dem Kopf, unter dem er sein Gesicht verstecken kann, als Bettelmönch herumgeht und auf der Straße Geld einsammelt.

„Morgen muss er das machen!" erklärt mir Frau T..

Und dann im Dezember kommen erst arge Zeiten: Reinigungszeremonien mit kaltem Wasser, im Freien natürlich. Beim Feuerfest, das im Tempel-Prospekt und auf Postern angepriesen wird, müssen Herr T. und seine Kollegen über noch glimmende Kohle gehen.

„Was ist, wenn Sie sich dabei verbrennen?"

„Es gibt das Fukuroi-Krankenhaus in der Nähe."

Yoshi san bricht manchmal in ein schelmisches Lachen aus, sodass der frühere Mensch kurz zum Vorschein kommt, aber die meiste Zeit macht er große runde Augen wie ein Kind, das überrascht ist, was mit ihm passiert. Er lächelt, wie mir scheint, staunend und hilflos. Es ist, als ob er mit dem Kopf voraus in ein neues fremdes und dem früheren Leben entgegengesetztes Dasein gesprungen wäre.

Einmal sagt er etwas von der Unselbständigkeit und Unfreiheit seines neuen Lebens.

„Aber gegen den Eiheiji ist es leicht," beruhigt er sich wieder.


„Was macht der, der mit dir zusammen angefangen hat?" fragt seine Frau.

„Die ersten drei Tage ist er nur gelegen."

„Ja, geht das?"

„Nein, eigentlich nicht. Er wollte nicht. Er kommt von einer Insel in der Inlandsee. Irgendwann ist er dann doch aufgestanden."

Ein anderer ist gehbehindert. Ich denke an Mishima Yukios Roman „Der goldene Pavillon", in dem ein behinderter junger Tempelschüler die Schönheit des Tempels nicht mehr erträgt und diesen anzündet.

Die Zöglinge hier kommen aus ganz Japan, aus Akita im Norden etwa, und aus Ehime auf der Insel Shikoku. Einer ist ebenfalls schon älter, 37, und hat seinen Job aufgegeben. In seinem Fall ist es der Tempel des Schwiegervaters, der einen Nachfolger, einen atotsugi braucht.

„Wie lang dauert die Schulung?"

„Ein halbes Jahr vielleicht, aber einer ist auch schon zwei Jahre hier."

Herr T. hat keine Ahnung, wann und ob er „seinen" Tempel übernehmen kann.


Später führt uns Yoshi san zu seinem Schlafplatz.

Er befindet sich in einer Halle, die Wände entlang zieht sich eine Art Podium, das so breit ist wie eine Reisstrohmatte lang. Eine Tatami reiht sich hier an die nächste. Auf jeder liegt ein schwarzer runder Meditationspolster.

Hinter jeder Reisstromatte befindet sich ein Fach, in dem die Futon, die Matratzen, untergebracht sind. Hier meditieren die Mönche und hier schlafen sie auch, dicht nebeneinander.

„Können Sie sich nicht auseinander legen?" frage ich, es ist viel Platz. Die große Schlaf- und Bethalle bildet ein Rechteck, das vorne offen ist. Vorgelagert ist ein weiterer ähnlich ausgestatteter Raum und davor ist die Tempelveranda, ein nach außen offener Gang.

„Nein, das ist nicht erlaubt."

Es gibt keinen Zentimeter Privatheit, nicht einmal so viel Platz, dass man sich umdrehen kann, ohne den nächsten zu stören. Außerdem muss es jetzt im Herbst in der Nacht teuflisch kalt sein. An solch einem Ort muss Herr T. von neun Uhr abends bis fünf Uhr früh still liegen. Immerhin besser als im Eiheiji, wo er knapp nach Mitternacht zum Meditieren aufgeweckt wurde.

Ich rufe mir in Erinnerung, dass Herr T. das alles freiwillig auf sich nimmt.


Ashi wa ikaga desu ka? Wie geht es den Füßen?", fragt Frau T. besorgt.

Dô ni ka naru. Es geht schon irgendwie".

Man sieht ihm an, dass ihm das japanische Sitzen, das ein Knien ist, nicht viel leichter fällt als mir. Den Eiheiji-Aufenthalt musste er ja wegen einer Erkrankung in den Beinen unterbrechen. Aber es gibt im Tempel nichts anderes als „suwaru", die japanische Art zu sitzen. Es ist ein reines Tatami-Leben. Für die meisten Japaner ist jedoch mittlerweile dieses Tatami-Leben fast genau so ungewohnt wie für uns.


Vielleicht ist das, was Herr T. erlebt, für Japaner gar nicht so arg, wie es mir erscheint. Heute wirkte alles irgendwie ochitsuite, ruhig - exotisch, aber nicht schlimm. Man könnte den Jammer von Frau T., wenn sie allein über die Sache spricht, völlig vergessen.

Es ist der bisher extremste Fall, der mir untergekommen ist - von japanischer Unterordnung unter die Ansprüche der Umgebung. Die Ansprüche der Tempelgemeinde in diesem Fall.


Herr T. zeigt uns noch diverse Hallen, zu denen wir ohne ihn keinen Zutritt hätten, schöne Räumen mit Päonien und anderen Blumen auf Wandschirmen und Kassettendecken. Die beeindruckende Toilette für einen Ansturm von männlichen und weiblichen Pilgern dürfen wir sogar benützen. In der Mitte befindet sich eine riesige bronzene Lotusblüte über einem Wasserbecken.


Dann ist es Zeit für den Abschied. Der ist so unterkühlt wie die Begrüßung. Nichts Schicksalsschwangeres, keine Berührung. Ein Verbeugen von allen Seiten. Und nur ich schaue zurück und sehe die schwarze Gestalt des Herrn T. durch den hellen Gang verschwinden.


Wir kommen in einen Raum, in dem sich die Statue eines hotoke-sama befindet, „der liebe Buddha" - wie bei uns „der liebe Gott". Man kniet sich hin, wirft ein Geldstück in eine Kiste, entzündet ein Räucherstäbchen und lässt dessen Rauch in Richtung hotoke-sama wehen, zugleich damit alle Wünsche an und für ihn. Ich werfe zwar hundert Yen in die Kiste, schüttle aber den Kopf, als ich aufgefordert werde, zum hotoke sama zu beten. Es käme mir unpassend vor. „Yappari kurisuchan desu – Sie ist ja eine Christin", flüstert Frau A..

Die Frömmigkeit der Japaner ist anders als unsere, und ich errege mit meiner Weigerung Verwunderung bis Befremdung. Wenn ich an den christlichen Gott glaube, kann ich doch nicht gleichzeitig zum hotoke sama beten! Und auch nicht, wenn ich an keinen Gott glaube. Hier nimmt man das lockerer. Die religiöse Geste ist eher eine Sitte, ein Brauch als der Ausdruck einer Überzeugung. Es ist möglich, seine Verehrung mehreren Göttern zu erweisen, und es hätte sich sicher gehört, dass ich den Gott der Gastgeberinnen nicht zurückweise.

Hier nimmt man das lockerer. Die religiöse Geste ist eher eine Sitte, ein Brauch als der Ausdruck einer Überzeugung. Es ist möglich, seine Verehrung mehreren Göttern zu erweisen, und es hätte sich sicher gehört, dass ich den Gott der Gastgeberinnen nicht zurückweise.

„Die Japaner sind großzügiger in religiösen Fragen als die Christen, die den Glauben sehr eng sehen", sagte ein Bekannter. Von uns aus gesehen ist die Religiosität, wie sie mir hier begegnet, oberflächlich. Die religiösen Sitten und Bräuche scheinen abgehoben von den Tiefsinnigkeiten, die für uns sowohl mit dem Christentum wie auch mit dem Atheismus verbunden sind. Das ist mir erstmals richtig bei den Bemerkungen bewusst geworden, die Imai san zur Religion gemacht hat.

Wie könnte Herr T. in unserem Kulturkreis plötzlich ohne mystisches Bekehrungserlebnis Mönch und Priester werden wollen, während er bis zu diesem Zeitpunkt als ein eher linksgerichteter Mensch erschien und Arbeiten über die Geschlechtsproblematik schrieb. (Wobei ich nicht weiss, ob ihm ein solches Erlebnis nicht vielleicht zuteil wurde, aber eher ist es die gesellschaftliche Realität, die ihn dazu gebracht hat, und das ist offensichtlich auch von der religiösen Seite her in Ordnung).

Und Frau T., wie könnte sie sich auf einmal ehrerbietig tief verbeugen vor einem geistlichen Oberen, obwohl sie bisher mit dieser Welt nichts zu tun hatte und soviel ich gehört habe, auch nicht das Verlangen danach.

Ich fühle den Impuls, die japanischen Freundinnen, die ich bisher für religiös uninteressiert gehalten habe, zu fragen: „Ja, glauben Sie denn überhaupt, dass es einen Buddha gibt?" Aber ich habe gleichzeitig das Gefühl, diese Frage würde auf sehr großes Unverständnis stoßen. Da ich eh schon ihre vertraute Einladung zum Weihrauchblasen für den hotoke-sama abgelehnt habe, riskiere ich lieber keinen weiteren Fauxpas.


Frau A. schlägt vor, dass wir auf dem Heimweg noch zum Meer fahren. Das ist keineswegs der direkteste Weg, denn wir befinden uns im Norden der Stadt und das Meer liegt im Süden. Frau T. erfüllt aber den Wunsch. Am Meer spazieren wir bis zum Strand, der ist dreckig, wir haben alle Schuhe und Strümpfe an und außer mir hat niemand Lust, über den Sand zu stapfen. Das Meer ist ein blaugrauer Streifen, der sich geschwungen am Horizont entlang zieht.

In einem Geschäft, in dem Gemüse besonders billig ist, kaufen die drei für das Abendessen ein. Dann fahren wir die Auen des Tenryû-Flusses entlang zurück. Das ist die hübscheste Landschaft, die ich bisher hier gesehen habe. Der Fluss schaut ein bisschen aus wie der Tagliamento, durchbrochen von Sandflächen, aber die Pflanzen wuchern viel üppiger. Dämme begleiten den Fluss, der ungeregelt aussieht, aber es offensichtlich nicht ist.

Zum Schluss im Garten Eden noch ein Blick hinein zu Frau Imai, die freundlich lächelnd und viel besser beisammen als am Vormittag am Schreibtisch sitzt und an der Namensliste ihrer Verwandten und Freundinnen arbeitet, um die ich sie gebeten habe.

Frau T. und Frau A. bringen mich zu Frau S.s Haus zurück. Dabei erzählt Frau A., dass sie am 29. November nach Haiwaii fliegen wird. Ihr Sohn, ein sehr hübscher sympathisch wirkender junger Mann – sie hat mir ein Foto mit ihm und ihrem Enkel geschenkt - heiratet dort. Ja, ja, er wohnt in Hamamatsu, aber es werde immer häufiger, dass Japaner ihre Hochzeit im Ausland feiern, viele fahren auch nach Europa. Bei der Hochzeit in Hawaii handelt es sich um eine Doppelhochzeit. Ein Freund aus der Mittelschulzeit heiratet auch. „Das ist vielleicht billiger, als in Japan eine Hochzeit auszurichten," meint sie. Nur die engsten Verwandten nehmen teil.

Frau T. beneidet sie. „In einem Monat zweimal ins Ausland!" Sie hofft, dass sie mit Yoshi verreisen kann, wenn er im Februar seine hundert Tage Kasaisuiji-Tempel hinter sich hat. „Wer weiß, ob es später noch geht. Aber er macht sich zu viele Sorgen ums Geld."


So, jetzt muss ich den morgigen Termin mit Frau Imai vorbereiten. Denn morgen vormittags will ich Frau S. fotografieren und interviewen. Von jetzt an wird die restliche Zeit in Japan ziemlich verfliegen.


Anmerkungen


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