Ruth Linhart | Japanologie | Biographieprojekt Imai Yasuko


Herbst in Hamamatsu, ein Reisetagebuch

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Leidenschaft für Takuboku

15. November, Samstag

Vormittag. Imai san rief an. Sie möchte zum Abschluss meines Aufenthaltes mit mir und Frau S. zur Yuya-onsen fahren, einem Thermalbad in den Bergen. Die Yuya-onsen ist mir schon ein Begriff, denn auch Frau T., Frau A. und Frau O. haben sie als Ausflugsziel erwähnt.

Jedenfalls recherchiert Frau S. nebenan am Telefon bezüglich Trans­port des Rollstuhls und einem Lokal, in dem wir nicht auf dem Boden sitzen müssen und in dem es eine westliche Toilette gibt. Frau S. meint, sie kenne auch einen schönen Ort am Hamana-See, von dem sie sicher weiß, dass es eine westliche Toilette gibt.

Frau T., die ebenfalls noch einen Ausflug mit mir plant, hat als Alternative zur Yuya-onsen von einer Fahrt mit dem Schiff gesprochen, von Shimizu aus, wo man den Berg Fuji sehen könne. Ich sagte ihr, dass ich die Wahl des Ausflugszieles ganz ihr überlasse, aber nun wäre doch diese zweite Variante die bessere. Na ja, man wird sehen, ob die anderen Damen überhaupt noch einmal das Gespräch darauf bringen.


Jetzt scheint überraschend die Sonne. Der Sohn weckte mich schon um fünf Uhr. Ich habe heute Nacht die Bettlampe offen gelassen, denn ich bilde mir ein, dass die gokiburi – die Küchenschaben - die Finsternis bevorzugen. Außerdem sehe ich bei Licht sofort, was um mich herum passiert. Aber wahrscheinlich schlief ich mit dem Licht doch etwas dünner. Nach dem ersten Wecken träumte ich einen langen Traum, erinnere mich aber nur noch, dass F., ein Wiener Bekannter, ziemlich dominierend vorkam. Ich war bei ihm und seiner Familie in der Wohnung, wohin ich gar nicht gehörte. Irgendwie hatte ich aber einen Grund da zu sein und entschuldigte mich lang und breit. F. meinte spöttisch, es sei schon ok.

Ich erwachte mit total trockenem Mund, stand um halb sieben auf, hatte aber wenig Ruhe zum Arbeiten, weil Frau S. schon früh den Riesenlachs zerteilen kam, den der jüngere Bruder aus Hokkaidô geschickt hat. „Es könnte sein, dass er ihn selbst gefischt hat", meint sie. Ansonsten seien die japanischen Lachse, bzw., die Lachse, die man heutzutage hier zum Essen bekommt, alle aus dem Ausland.

Ich wusch Wäsche, verräumte die neuen Yukatas in den Koffer, die Haori-Jacken lasse ich zur Augenfreude auf Kleiderbügeln an den Wandleisten hängen. Später frühstückte ich zusammen mit Frau S., ich mein Müsli mit Kaki, den orangenfärbigen japanischen Früchten, die man auch in Wien zu kaufen bekommt, mit mikan (Mandarinen) und Bananen, sie ihren gesalzenen Lachs und Reis. Sie bot mir Lachs an, denn ich sagte, dass ich ihn gerne habe. Aber nicht zum Frühstück!

Zum Kaffee aß Frau S. einen kleinen Kuchen, gefüllt mit süßem dunkelbraunem Bohnenmus – anko. Sie schenkte mir auch einen.


Beim Frühstück erzählte Frau S. allerhand. Unter anderem sagte ich, dass mir aufgefallen sei, wie kurz die Röcke der Schuluniformen seien, sogar die der christlichen Schule, mir sei dabei das Medienthema „Schulmädchen-Prostitution" eingefallen. Frau S. ant­wortete, das sei eben so Mode, einmal seien die Röcke lang, einmal kurz.

Was die „Schulmädchen-Prostitution" angeht, sagte sie:

„Von `baishun´ – also Prostitution – spricht man in diesem Fall nicht, sondern von `enjo kôsai´". `Enjo´ heißt Hilfe, Unterstützung, und `kôsai´ Kontakt, Geselligkeit. Baishun, das wisse jeder, sei etwas Schlimmes, aber enjo-kôsai, das sei etwas ganz anderes. „Früher hat man die Verantwortung für solche Sachen nur den Frauen zugeschoben und sie dafür verurteilt, aber heute werden auch die Männer angeklagt".

Dass die Männer über sexuelle Dinge sprechen und „solche Sachen" machen, das sei gang und gäbe. Ich fragte, woher sie das weiß, sie sagte, von ihrem Mann. In dessen Firma sei es nicht so arg, aber bei seiner früheren Firma ... Sie plauderte sehr viel, sehr schnell, und ich will hier nicht Vermutungen auf Grund falsch verstandener Informationen fortsetzen!

Jedenfalls bemerkte Frau S., enjo kôsai hänge auch von der Höhe des Taschengeldes – kozukai – ab, das die Männer bekommen. Ich fragte, wer bei S.s das Geld verwalte. Üblicherweise ist das in Japan eine Agende der Hausfrau. „ Das mache ich", sagt sie. „Das Geld kommt von der Firma auf mein Konto in Hamamatsu. Und nur ich kann davon abheben. Mein Mann erhält aber von der Firma einen gewissen Teil des Lohns auf ein separates Konto, weil er ja meistens nicht zu Hause ist." Ich frage sie, ob sie ihren Mann in Ôsaka öfters besucht. Sie verneint. „Er gibt mir den Schlüssel vom mansion in Ôsaka nicht!" lacht sie.


So, jetzt gehe ich zum Postamt, Bücher bestellen und in den Entetsu-store einkaufen. Und am Abend schaue ich im Apita-depâto, ob es gutes Brot und nemaki – die japanische kimonoartige Nachtkleidung – gibt. Diese japanischen „Schlafröcke" sind als Mitbringsel aus Japan in meinem Umfeld sehr begehrt.


Imai san liegt auf ihrem Bett, als Frau S. und ich am frühen Nachmittag bei ihr auftauchen, und ist guter Dinge. „Ja, ja, ich habe mir vorgestellt, dass ich in der Yuya-onsen im heißen Wasser bade …", lacht sie über diesen angesichts ihrer Fragilität etwas unrealistisch anmutenden Wunsch. Und gibt sich mit dem Gegenvorschlag von Frau S. zufrieden, in ein Hotel zu fahren, von dem aus man einen schönen Blick auf den Hamana-See hat. Dass Frau S. so tut, als sei das mein Vorschlag, wundert mich. Es ist sie selbst, die nicht gerne ins Thermalbad fahren möchte. Sie sagt, das Taxi sei zu teuer, und sie kenne kein Restaurant, in das man mit dem Rollstuhl hinein kann, das ein westliches Klo hat und in dem es hohe Tische und Stühle gibt.

In dem Hotel am Hamana-See, das Frau S. vorschlägt, wird es kaiseki ryôri – ein festliches Menü japanischer Art – geben, wahrscheinlich mit Fugu-Sashimi als Attraktion. Fugu, der berühmte Kugelfisch mit den tödlichen Innereien, wird bei Hamamatsu aus dem Meer gefischt. Hoffentlich überleben wir den Ausflug!

Von dem Hotel aus soll die Aussicht wunderschön sein, und Frau Imai schwelgt in der Vorstellung, dass es bei Sonnenuntergang besonders erhebend sei.

Anschließend zeigt sie uns, was sie per Teleshopping gekauft hat. Sie hat einen Besen bestellt, so einen Wischbesen mit langem Stiel, wie ihn sich meine Aufräumefrau wünschte. Der steht nun vor dem Büchergestell im Weg. Und dann erstand sie noch ein Gerät zur Befeuchtung der Luft und Umwandlung der Ionen. Ein Riesending!


Während wir den Ausflug besprechen, platzt Frau T. mit einem großen Sack voll mikan und anderem Obst herein. Frau Imai hatte übrigens gerade einer Helferin angesagt, was sie alles für sie einkaufen solle. Ihr Eisschrank ist gefüllt, als würde sie eine mehrköpfige Familie ernähren. Dabei bekommt sie ja die Mahlzeiten sowieso vorgesetzt.

Frau S. erzählt nun, dass sie mich in ein preisgünstiges Kimono-Geschäft geführt hat. Frau Imai sagt, dorthin will sie auch, um für die jüngere Schwester und ihre Nichte etwas zu kaufen.

Frau T. trägt zum Gespräch über Kimonos bei, dass ihr Mann eine ganze Ausstattung an Kimonos und anderen traditionellen Gewändern gebraucht habe, als er zur priesterlichen Abrichtung in den Eiheiji-Tempel fuhr. Von seinem Vater könne er nichts übernehmen, weil im Tempel alles zugesperrt sei, in dem Tempel, den Yoshi san als Priester beerben soll. Yoshi san mit Glatze und Kimono! Ich kann ihn mir so nicht vorstellen. Aber morgen werden wir ihn besuchen, und dann werde ich ihn sicher so sehen.

„Wir werden mit ihm reden können", versichert Yôko. Er darf nun anscheinend täglich mit ihr telefonieren. Es sei viel besser als im Eiheiji-Tempel. Trotzdem kann Frau T. wieder die Tränen nicht zurückhalten. „Morgen soll ich katsu-sando mitbringen, Schnitzel-sandwiches!" Das bringt alle zum Lachen.


„Warum lieben Sie die Werke Takubokus?" frage ich Imai san heute.

„Literatur ist etwas, das man mit dem Körper fühlt", belehrte der verehrte Lehrer an der Hokkaidô-Universität, Professor Kazamaki Keijirô, die junge Yasuko.

„Takubokus Gedichte ermöglichen genau das: Mit dem Körper fühlen! Die aus den Tanka-Gedichten hervorquellende Gefühlsbewegung überträgt sich in das eigene Herz".


Kimi ni nishi sugata o machi ni miru toki no

Kokoro odori o

Aware to omoe

Hab Mitleid

mit meinem Herzen, das tanzt,

wenn ich auf der Straße eine Gestalt sehe, die dir ähnlich ist.


Dieses Gedicht war es, das die fünfzehnjährige Yasuko in Takubokus Bann zog. Schon in der Grundschule war ihr Ishikawa Takuboku als Dichter aufgefallen, der seine Gedichte statt wie herkömmlich in einer oder zwei Zeilen in drei Zeilen fasste. Nun aber ist es der Inhalt, der ihr ins Herz fährt.

„Ich kannte diese Sehnsucht. Dass er ein Gedicht machen konnte, in dem mein Gefühl sich mit seiner versteckten Traurigkeit vermischte, das bewunderte ich." Yasuko schwärmte damals für O. Noriko, die um ein Jahr ältere Mitschülerin. (Takuboku richtete das Tanka an Tachibana Chieko, eine junge Frau, die er während seines einjährigen Hokkaidô-Aufenthaltes flüchtig kennengelernt hatte.)

Mit dem bei der Buchhandlung Maruzen verdienten Geld kaufte sich Yasuko ihre erste Takuboku-Ausgabe. Eine lebenslange Leidenschaft fing an.


Ishikawa Takuboku ist ein Dichter, dem es bis heute gelingt, junge Menschen anzusprechen. 1909, als er das Gedicht an Tachibana Chieko schrieb, war er gerade 23 Jahre alt. Mit 26 Jahren starb er schon, an Tuberkulose, wie seine Mutter und seine Frau, diese unmittelbar vor ihm, jene nach ihm.

„Das war kein gewöhnliches Leben, wie Takuboku lebte", sagt Imai san. „Er war der älteste Sohn und wurde sehr verwöhnt. Darum dachte er wirklich, dass er ein Genie sei. Sicher, er hatte Talent zum Dichten, aber er glaubte, dass für ihn deswegen die Realität nicht gilt, dass er tun kann, was er will."

Sein Vater war – wie T. sans Vater – Priester der Sôtô-Schule des Zen-Buddhismus. Die Familie lebte in einem kleinen Dorf, in Shibutami, in der Nähe von Morioka, der Hauptstadt der im Norden Honshûs gelegenen Präfektur Iwate.

Hajime – der Erste hatten ihn seine Eltern getauft. Takuboku, Specht, war ein Künstlername, den er sich selbst später gab. Ishikawa Hajime kam also in eine gute Schule nach Morioka. Mit fünfzehn Jahren verliebte er sich in Horikai Setsuko, die aus einer Samurai-Familie stammte. 1902, siebzehn Jahre alt, trat er nach Schwierigkeiten aus der Schule aus und fuhr aufs Geratewohl nach Tôkyô, um hier als Dichter Karriere zu machen. Das ging natürlich nicht gut, er machte Schulden, wurde krank, sein Vater soll Geld veruntreut haben, um ihm aus der Patsche zu helfen und verlor seinen Priester-Posten.

1905 heiratete Takuboku Setsuko und war zu diesem Zeitpunkt bereits für seine gesamte nunmehr mittellose Familie, Eltern, Schwester und Ehefrau, verantwortlich. Er, ein Schulabbrecher mit neunzehn Jahren, ohne Beruf, aber in der literarischen Welt Tôkyôs durch Tanka und Gedichte im westlichen Stil schon bekannt. Bald kamen auch Kinder, aber nur die Tochter Kyôko überlebte.


Imai san: „Weil er überzeugt war, dass er ein Genie sei, glaubte er, er brauche in der Schule nichts zu lernen und handelte ohne Rücksicht auf die wirklichen Verhältnisse. Das war sicher so, weil besonders die Mutter, aber auch der Vater seinem Willen immer nachgegeben hatten. Was bei ihm überhaupt nicht funktionierte, war seine Selbstbeherrschung. Das wirkte auf gute Weise und auf schlechte Weise. Gut, weil er seine Gefühle nicht unterdrückte und sie in den Gedichten außerordentlich scharf und klar ausdrückte. Schlecht, weil er ungerührt Dinge tat, die bei normalen Leuten der Verstand verhindert." Imai san ist in ihrem Element, ihre Augen leuchten, ihre Stimme ist voll Energie.

„Es gibt zahllose solche Episoden: Obwohl er kein Geld hat, raucht er den teuersten Tabak. Obwohl er kein Geld hat, fährt er mit der Rikscha. Er kauft sich Hakama – den traditionell japanischen Hosenrock – aus allerfeinstem Stoff. Obwohl er nicht schlecht sieht, trägt er Brillen, weil er meint, dass das toll ausschaut. Er leiht sich Geld von seinen Freunden - und was macht er damit? Er kauft Berge von Buschklee-Blüten. Was er im Augenblick gerade machen möchte, das führt er sofort durch."

„Haben Sie das bewundert, als Sie jung waren?"

„Vom Standpunkt aus, dass ich seine Frau oder Freundin wäre, nicht. Aber der Gedanke, sich frei von Verantwortung zu fühlen, das hatte schon seinen Reiz."

„Hätten Sie auch gerne so eine Seite?"

„Meine Eltern und Geschwister behaupteten das. `Du bist rücksichtslos und egoistisch!´ sagten sie zu mir. Aber mich so eigenwillig zu verhalten, wie Takuboku es tat, soviel Selbstvertrauen hatte ich nicht! Ich glaube deshalb, dass er ein sehr starker Mensch war."

Das Leben ließ aber die Eigenwilligkeit von Takuboku nicht lange zu. 1907 verließ er seine Familie und ging nach Hokkaidô, damals eine Art „Wilder Norden" von Japan, wo man noch sein Glück machen konnte. Takuboku arbeitete in allen möglichen Positionen, unter anderem als Hilfslehrer in Hakodate. Dort lernte er Tachibana Chieko kennen, der er das oben zitierte Gedicht widmete. Aber er war auch in Otaru, Sapporo und Kushiro als Reporter oder Korrektor in Zeitungen tätig. Seine diversen Laufbahnen endeten jeweils nach kürzester Zeit. Einmal brannte seine Arbeitsstelle ab, mehrmals gab es Probleme mit den Vorgesetzten. Nach einem Jahr hielt er es nicht mehr aus und kehrte aus dem nördlichen „Ende der Welt" Hokkaidô ins kulturelle Zentrum Tôkyô zurück.

Er muss ein sehr anziehender Mensch gewesen sein, denn bis zu seinem Tod fand er immer wieder Freunde, die sich um seine Familie kümmerten, ihm Geld liehen oder Posten vermittelten. In Tôkyô fabrizierte er einen Roman nach dem anderen. Er hoffte, als naturalistischer Schriftsteller Geld zu machen, was aber nicht gelang. Zwischendrin schrieb er sich in hunderten der kleinen 31-silbigen Tanka seine Traurigkeiten und Sehnsüchte, seine Beobachtungen und Niederlagen von der Seele. Daraus entstanden zwei Gedichtsammlungen, die in japanische Lesebücher Eingang gefunden haben: „Ichiaku no suna" – „Eine Handvoll Sand" und „Kanashiki gangu" – „Trauriges Spielzeug" – mit letzterem Titel meinte er seine, wie er dachte, wertlosen Tanka. Dabei waren es genau diese Gedichte, die ihm, leider erst nach seinem Tod, in Japan so viel Ruhm einbrachten.


„Es gibt Leute, die sagen, Takubokus Gedichte seien sentimental. Aber der Meinung bin ich nicht. Sie sind eher stark und heftig, oft trocken, wie der Japanologe Donald Keene gesagt hat. Und manche besitzen eine außerordentliche Ironie, einen scharfen Ausdruck seiner Gefühle. Es gibt niemand außer ihm, der so dichtet! Was ihn weiters von anderen Dichtern unterscheidet, ist seine soziale Kritik. Alle diese Eigenschaften treten auch in seinen Tagebüchern, Essays und Briefen zutage. Er hatte einen kritischen und logischen Geist, eine Kraft des Ausdrucks und eine Schärfe des Gefühls, die in Japan ungewöhnlich sind, " fasst die sensei zusammen.


Ich bitte sie, einige ihrer Lieblingsgedichte von Takuboku zu rezitieren.

„Akashiya no namiki ni .... popura ni ..." Dieses hochberühmte Tanka fällt ihr nur mühsam ein. Takuboku erinnert sich in Tôkyô an die Pappelallee von Sapporo, die durch dieses Gedicht zu einer Sehenswürdigkeit der Stadt wurde:

Akashiya no namiki ni popura ni
aki no kaze
fuku ga kanashi to niki ni nokoreri


Dass durch die Akazien- und Pappelallee
der Herbstwind traurig blies,
das ist im Tagebuch übrig geblieben.


„Und dann das `Sunayama no suna ni´ , das ist das Tanka, das ich am allerliebsten habe:

Sunayama no suna ni harabai
hatsukoi no
itami o tôku omoiizuru hi

Ein Tag, an dem mir, im Sand einer Düne am Bauche liegend,
die erste Liebe
und ihr Schmerz von ferne einfällt."


Sie rezitiert noch ein paar Gedichte und meint dann, sichtlich überrascht: „Anscheinend sind die Tanka, an die ich mich erinnere, nicht die ironischen. Aber ich habe einfach die am liebsten, in denen in seiner Heftigkeit Traurigkeit liegt."


Bedrückend sind die Tanka von Takubokus zweiter Gedichtsammlung „Trauriges Spielzeug".

Imai san hebt ein weiteres Merkmal dieser Gedichte hervor, die er knapp vor seinem Tod verfasst hat:

„Er hat in Kanashiki gangu die wirklichen Dinge aus seinem Leben niedergeschrieben. Das ist etwas, das andere nicht können, ohne trivial zu werden. Ich denke, dass auch diese Tanka großartig sind".

Takuboku seziert in den drei Zeilen langen Gedichten seinen Krankheitsverlauf und die paradoxe Doppelexistenz eines Schwerkranken: einerseits der unerbittliche körperliche Verfall, die familiäre Krise, das finanzielle Desaster, anderseits die immer wieder aufflackernde Illusion von Revolution, dichterischer Schaffenskraft und Erfolg. In schlichter und alltäglicher Sprache, ohne große Worte und pathetische Gesten führt er vor den Augen der LeserInnen sein Leben in dieser Ambivalenz zu Ende.


Das erste Tanka dieser Sammlung:

Iki sureba,
mune no naka ni te naru oto ari.
Kogarashi yori mo sabishiki sono oto!


Wenn ich atme,
entsteht in der Brust ein rasselnder Laut.
Einsamer, als der Wintersturm, dieser Laut!


Und eines mitten drin:

Byôin no mado ni yoritsutsu,

iroiro no hito no

genki ni aruku o nagamu.

Ans Fenster des Krankenhauses gelehnt,

beobachte ich, wie die anderen Menschen

gesund vorbeigehen.


Und das letzte, kurz vor seinem Tod am 13. April 1912 :


Niwa no soto o shiroki inu yukeri.

Furimukite

inu o kawamu to tsuma ni hakareru.


Draußen vor dem Garten ging ein weißer Hund.

Ich drehe mich um.

Sollen wir uns einen Hund halten, frage ich meine Frau.


„Aber als ich selbst dichtete, habe ich nicht Takuboku zum Vorbild genommen, sondern Saitô Mokichi," sagt Imai san.

Saitô Mokichi ist jener japanische Dichter, auf dessen Spuren sich Imai san setzte, als sie 1976/77 ihr Jahr in Wien verbrachte. Saitô Mokichi kam Anfang der zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts nach Wien, um hier seine medizinische Dissertation zu schreiben.

„Takuboku hat seine Gedichte, aber auch seine Briefe, in einem Zug niedergeschrieben. Wenn man versucht, Takubokus Stil nachzumachen, wird es nur ein Abklatsch seiner Gedichte. Mokichi hat sich hingegen mit jedem Ausdruck, den er verwendet hat, lange beschäftigt. Wenn man ihn nachahmt, dann bemüht man sich so wie er mit der Zusammenstellung der Zeitwörter und Hilfszeitwörter, mit der Auswahl der Ausdrücke, die man aneinanderreiht. Es ist mehr die Technik, die man nachahmt. Damit hat man leichter Erfolg, wenn man kein Genie ist."

„Können Sie sich noch an ein oder das andere Ihrer Gedichte erinnern?"

Imai san hat sich vielleicht auf diese Frage vorbereitet, denn ohne zu zögern rezitiert sie das folgende Gedicht, das sie mit zirka siebzehn Jahren verfasste:


Yamamichi wa ware nomi

semi no koe no shite

todomatsu ni mukai

hito koite minu.


Auf dem Bergweg nur ich.

Als ich mich zu einer Sachalintanne wendete,

in der Zikaden zirpten,

sah ich den Menschen, nach dem ich mich sehne.


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