Ruth Linhart | Japanologie | Biographieprojekt Imai Yasuko


Herbst in Hamamatsu, ein Reisetagebuch

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Der Kôrakuen-Park von Okayama

14. November, Freitag

Es ist schon wieder spät und eigentlich bin ich viel zu müde, aber ich habe mir doch vorgenommen, jeden Tag meine Aufzeichnungen zu machen.

Dass der schwarze Käfer – oder ein ähnliches Tier riesiger Ausmaße – heute früh am Rücken und tot vor meinen Schiebetüren lag, habe ich noch nicht gemeldet. Wie kam der dorthin? Oder gibt es mehrere von der Sorte? Und wieso war er auf dem Rücken und tot? Wer hat ihn umgebracht? Ich ließ ihn liegen. Als Frau S. von ihren privaten Räumen herunter ins Wohnzimmer kam, hörte ich sie angesichts des Käfers aufstöhnen: „Maaa, yaaa!"


Bis zum Bahnhof von Hamamatsu gibt es hunderttausend Ampeln. Mein Bus kam zirka sieben Minuten vor der Abfahrt dort an! Ich überlegte schon, was tun, wenn ich den Zug verpasse. Dann wäre ich nur nach Kyôto gefahren.

Auf dem Weg ist mir besonders der Blick aus dem Bus auf zwei Mädchen in Schuluniform in Erinnerung, die auf der anderen Straßenseite standen. Das eine Mädchen zog das andere an der Jacke. Es war offensichtlich ein Krafttest. Wie lange die andere am Platz stehen bleiben konnte, wenn die eine sehr stark an ihrer Jacke riss? Wird der Jacke gut getan haben!

Irgendwo auf einem Bahnhof – ich war heute auf den Bahnhöfen von Hamamatsu, Shin-Ôsaka, Okayama und Nagoya – standen drei Schulmädchen beisammen, eine frisierte sich kokett die Haare. Sie schauen wirklich sehr verlockend in die Gegend. Schon seit fünfzehn Jahren ist in Japan viel von Schulmädchenprostitution die Rede.

Warum sind ihre Röckchen auch derartig kurz? Sogar in christlichen Schulen, wie ich schon bemerkt habe.

Der Bus war gesteckt voll, viele Leute standen, und auch am Abend war er wieder ganz voll. Er hat eine extra Spur, aber die wird anscheinend auch von anderen Autofahrern benützt. Heute sah ich zum ersten Mal im Vorbeifahren das Schloss von Hamamatsu. Das ursprüngliche Schloss wurde um 1570 gebaut, auf Anordnung von Tokugawa Ieyasu, dem Begründer der Tokugawa-Herrschaft über ganz Japan, die von 1600 bis 1868 dauerte. Dieser Ieyasu gab der Stadt auch den heutigen Namen Hamamatsu – Strandkiefern. Er verlebte siebzehn Jahre seiner Jugend hier, bevor er zu seinen großen Taten aufbrach. Shusse-jô – Karriere-Schloss - wurde das Gebäude genannt, denn jeder Adelige, der hier wohnte, erreichte von Hamamatsu ausgehend einen höheren Status. Übrigens blickt Hamamatsu angeblich auf eine dreitausendjährige Geschichte zurück!

Anschließend fuhr ich im Shinkansen-Express durch die Gegend. Es gibt jetzt sehr viele Nozomis, die ich mit dem Japan-Railpass nicht benützen darf. Nozomi heißt die schnellste Gattung der superschnellen Züge, übersetzt Wunsch oder Hoffnung. Die beiden langsameren heißen Kodama und Hikari, Echo und Licht.

Beim Hinfahren saß ich im Hikari Nummer 30. In unserem Wagon fuhr eine Schulklasse mit. bestehend aus fünfzehn- bis siebzehnjährigen Burschen. Ihre Schuluniform war nicht schwarz und militärisch, sondern ein graues Sakko und eine Hose mit dezent kariertem Muster in Braun und Grau, Hemd und Krawatte. Sie waren sehr gesittet. In derselben Reihe wie ich saßen die drei Lehrer, wobei einer, der älteste von ihnen, so etwas wie der Klassenvorstand gewesen sein dürfte. Er füllte die ganze Zeit, bis Shin-Ôsaka, wo sie ausstiegen, Formulare aus und schaute in Fahrplänen nach. Die beiden anderen kümmerten sich um nichts, einer starrte meistens auf sein Handy, der andere zum Fenster hinaus. Manchmal unterhielten sich die beiden auch lachend. Bald näherte sich ein Fotograf dem Klassenvorstand, verbeugte sich und überreichte eine Visitenkarte. „Goteinei ni, arigatô gozaimasu – Sehr höflich. Vielen Dank!", sagte dieser, forderte aber die Dienste des Fotografen nicht an. Später klagte einer der Schüler: „Ie e kaeritai – Ich möchte nach Hause." Fünf Tage dauere die Reise und erst ein Tag sei vorbei!

Eine andere Reisegruppe stand zwischen den Sitzreihen. Der Reiseleiter mit hellrot gefärbtem Haar, Sportkappe und Anzug brachte seine Leute nicht unter. Im Shinkansen kann man in vielen Wagons nur mit Platzkarten reisen, und Doppelbuchungen gibt es in Japan nicht, wie auch der Lehrer nebenan bemerkte. „Normalerweise nicht!" sagte eine der stehenden Damen. Der Schaffner eilte durch und war scheinbar so aufgeregt, dass er sich vor dem Verlassen des Wagons nicht umdrehte, die Kappe abnahm und sich verbeugte. Irgendwann zog die Gruppe ab. Scheinbar hatte sich doch Platz für sie gefunden. Auf dem Sitz neben mir wechselten sich diverse Herren ab. Bis auf das Gesicht waren sie kaum zu unterscheiden: Sie trugen einen dunklen diskret gestreiften Anzug, hatten die Zeitung und eine schwarze Tasche bei sich, in der auch ein Laptop Platz hat. Die Musterung der Hemden und Krawatten differierte leicht. In ihren Zeitungen war groß der Name von Doi Takako zu sehen. Heißt das, dass sie resigniert, zurücktritt als Parteivorsitzende der Sozialdemokraten? Es wäre kein Wunder, sie ist schon über siebzig Jahre alt und bei jeder Wahl wird die Wahlschlappe größer!

Neueste News leuchten ständig auf einem Laufband über den Wagontüren auf. Präsident Bush dankt Japan für die finanzielle Unterstützung im Irak-Krieg. Wird Premierminister Koizumi nun Selbstverteidigungstruppen in den Irak schicken oder nicht? Außerdem erfuhr ich, dass ein Flugzeug mit französischem Beaujolais-Wein auf dem Flughafen Narita bei Tôkyô gelandet ist.

Weiter vorne saß ein junges Paar. Zuerst verdrückte jeder von ihnen ein großes Bentô, dann küssten sie sich. Früher undenkbar, das Küssen in der Öffentlichkeit!

Am Bahnhof Shin-Ôsaka trank ich „Cafe au lait", ausgesprochen als „hotto kohi o lä". Ich musste in einen „kakuekiteisha" umsteigen, einen Shinkansen, der in jeder Station hält. Wir passierten die große Brücke von Akashi, die vor wenigen Jahren als der Welt größte Hängebrücke errichtet wurde. Sie spannt sich vom Festland zur Insel Awaji. Die Inlandsee blitzte blau zwischen Häuser- und Dächermeer. Dieses Häuser- und Dächermeer begleitet den Zug fast die gesamte zirka 300 km lange Strecke von Hamamatsu nach Okayama.


Das Reisewetter war heute liebenswürdigerweise wieder traumhaft. Ab und zu tauchten Wolken auf, aber die passten ausgezeichnet zu dem grünen japanischen Garten, der mein Ziel war. Die Luft leuchtete hell, eine Erholung für das Gemüt.

Okayama ist die Hauptstadt der gleichnamigen Präfektur und liegt westlich von Hamamatsu und Kyôto. Sie hat mit einer halben Million zirka so viele Einwohner wie Hamamatsu. Im Reiseführer lese ich, dass neben Maschinenbau, Textil- und chemischer Industrie vor allem die traditionsreiche Keramik mit Namen Bizen-yaki eine Rolle spielt. Okayama sei Ausgangspunkt für Exkursionen in das schöne Umland. Der nächste größere Ort ist Kurashiki, eine Industriestadt, die berühmt für ihre gut erhaltene Altstadt ist. Nur wenig japanische Städte bieten heute noch den Flair des alten Japan. Kurashiki gehört dazu. Außerdem verfügt es über ein interessantes Museum mit Spitzenwerken europäischer und asiatischer Kunst. Und dann gibt es noch einen nostalgischen Zugang. In meiner Jugend war der Industrielle Ohara aus Kurashiki Vorsitzender der Japanisch-Österreichischen Gesellschaft.


In Okayama angekommen, ging ich zu Fuß den Kôrakuen-Park suchen, und fand ihn auch. 1687 beauftragte Ikeda Tsunamasa, der Daimyô von Okayama, einen gewissen Tsuda Nagatada mit der Anlage des Gartens. 1700 war er fertig und soll auch heute noch im Wesentlichen das Bild jener Tage bieten. 1885, nach der Meiji-Restauration, wurde der Kôrakuen-Garten für allgemeines Publikum geöffnet. 1934 beschädigte ihn eine Überschwemmung, 1945 beschädigten ihn die Bomben des Zweiten Weltkriegs. Aber dank Gemälden und Diagrammen der Familie Ikeda konnte er in seiner alten Pracht rekonstruiert werden und ist seit 1952 eines der geschützten japanischen Kulturgüter.

Der Park liegt umgeben von einem Fluss namens Asahigawa – Morgen­lichtfluss. Über die Tsukimi-Brücke, die Mondschaubrücke, betritt man ihn. Und eine hübsche schwarze Burg japanischen Stils, wegen ihrer Farbe „Krähenschloss" genannt, blickt von jenseits des Flusses auf die grüne Oase. Auch diese Burg wurde im Krieg zerstört und 1966 wieder aufgebaut.

Der Park ist einer der drei berühmtesten Parks von Japan, ein anderer ist in Kanazawa nahe dem Japanischen Meer, und der dritte in Mito nördlich von Tôkyô. Vielleicht ist der Kôrakuen wirklich einer der drei schönsten Gärten, aber das glaube ich nicht, denn es gibt hunderte wenn nicht tausende Gärten in Japan. Allein in Kyôto verfügt jeder der zahlreichen Tempel über eine wunderschöne Gartenanlage.

Aber jedenfalls ist der Kôrakuen groß für einen japanischen Garten, zurecht wird er als Park bezeichnet. Er ist sehr grün, chronologisch gesehen der erste Garten Japans mit weiten Rasenflächen. Mindestens sechs Teiche, Inseln in diesen Teichen, Brücken, Steinlaternen, zahlreiche Teehäuser, Tempelchen und Schreinchen, die üppige japanische Pflanzenwelt, Kraniche, Enten, eine Vielzahl anderer Vögel und auch Katzen, erfreuen die BesucherInnen. Im Frühling blühen zuerst die ume – die Pflaumen - im Pflaumenhain, nachher die sakura, die Kirschen, anschließend die tsutsuji, die Azaleen und die fuji, die Glyzinien und schließlich die yuri, die Lilien, und es gibt auch einen Lotusteich, der zwischen Juni und August in Blüte steht.

Jetzt blüht fast nichts, aber die Wolken und die Kiefern und die Brücken spiegeln sich in den Gewässern.

Eine Brücke ist zu einem Halbkreis gebogen, was nicht so ungewöhnlich ist, aber manche hier sind versetzt wie die Eishô-Brücke. Sie führt im Zickzack über das Wasser. Überall laden strohgedeckte oder schilfgedeckte altjapanische Teehäuser und Aussichtspavillons zum beschaulichen Verweilen ein. In diesem Park findet man diese harmonische Mischung von Pflanzen und Architektonischem, vom Gelände und von Menschen Gemachten, wie sie für das „schöne Japan" typisch ist. Ich habe mich schon früher gefragt, wieso eine Bevölkerung, die so ästhetisch plant und die Schönheit so genießt, an anderen Orten derartig chaotische Städte baut, und die Landschaft so verwüstet. Aber die Schönheiten sind Relikte aus alten Zeiten und das Hässliche der Ausdruck der Gegenwart. Fast alles oder zumindest sehr vieles, das begeistert, stammt aus früheren Zeiten.

Und dann kommt noch etwas dazu: In Japan ist der Anspruch an ästhetischen Genuss nicht so unmäßig wie bei uns. Ein ästhetischer Höhepunkt inmitten einer oft damit nicht im Einklang stehenden Umgebung kennzeichnet viele Kostbarkeiten japanischer Bau- und Landschaftskunst. Der Blick ist fokussiert auf das schöne Bild, und dieses muss nicht unbedingt eingebettet sein in weitere Schönheit.


Im Park rastete ich beim Teehaus Renkichi-ken, das auch Ikeda Tsunamasa, der Stifter des Gartens, wegen seines herrlichen Blickes auf den größten Teich des Parks am liebsten gehabt haben soll. Ich kaufte mir Kaffee im Plastikbecher an einer der für Sehenswürdigkeiten typischen Buden, saß auf einer mit einem roten Tuch bedeckten Bank, aß meine am Bahnhof erstandenen Sandwiches, genoss den Blick und beobachtete die Leute: eine Gruppe Rollstuhlfahrer in reiferem Alter, einen Betriebsausflug, ältere Ehepaare, auch Familien, und diverse andere Gruppen Erwachsener – aber keine Schulkinder wie im Freilichtmuseum Meijimura. Die Damen trugen meistenteils die schon oft gesehenen topfförmigen Hüte, einige spannten Sonnenschirme auf.

Später, am anderen Ende des Parks, bei Teehaus Chasodô, entdeckte ich im Gebüsch eine getigerte Katze mit weißem Hals und Bauch. Hier war es dunkel wegen riesiger Bäume, die aussahen wie die indischen Banyan-Bäume. Keine anderen Besucher hatten sich bis hierher verlaufen, und alles war erfüllt vom Zwitschern und Tschirpen der Vogelstimmen. Ich versuchte, die Vögel zu sehen, aber in dem dichten Blattwerk waren sie so gut wie unsichtbar. Die Katze schlich über den Weg, blieb stehen, schaute zu mir, als sage sie: „So, hopp, jetzt mache ein Foto von mir!", und verschwand im Gebüsch, nachdem ich das getan hatte. Ich ging den ganzen Park aus und fotografierte viel. Ich blickte durch verschiedenfarbige Blätterdächer in den blauen Himmel, durch gelbe Ginkoblätter etwa oder bunt angehauchte Zwergahornblätter. Ich schaute aber auch in die Teiche und fotografierte die Wolken, die darin schwammen, die vertrockneten wie riesenhafte faltige Kopfbedeckungen aussehenden Lotusblätter, die sich darin spiegelten, die kleinen Inselchen samt Wolken und die Schilfdächer der Teehäuser auf dem Grund des Wassers.

Nach zwei Stunden war ich ermattet, spazierte den Weg zurück, am Asahigawa entlang, und setzte mich in eines der kleinen Restaurants am Fluss, dort wo schwanförmige Boote ankern, die am Wochenende sicher von Eltern und Kindern überquellen. Mit Blick auf die schwarze Burg mit ihren goldenen Dachenden aß ich oyako-donburi, eine Schale Reis, auf der Rührei und Zwiebelscheiben liegen. Auf der Veranda räkelte sich eine graue Katze in der Sonne. Dann stieg ich noch bis zum Schloss hinauf und fotografierte die übermenschengroßen kiku-ningyô, Puppen aus knallgelben, weißen, orangen und lila Chrysanthemen. Hier handelte es sich um Kämpfer aus der Tokugawa-Zeit. Chrysanthemen-Ausstellungen und Chry­santhemen-Puppen findet man um diese Jahreszeit bei jeder japanischen Sehenswürdigkeit. Schließlich spazierte ich die Hauptstraße zum Bahnhof zurück.


Die Stadt rund um den lieblichen Park und die Burg schaut aus wie alle modernen Städte Japans. Es gibt mit wenigen Ausnahmen wie Kyôto, Kanazawa, Kurashiki, Hida no Takayama und eine Handvoll andere nur moderne Städte in Japan.

Die großzügig angelegte Hauptstraße ist schnurgerade und verbindet den Bahnhof mit Park und Schloss. Die hügelige Gegend um Okayama dürfte für Pfirsiche berühmt sein, denn die Hauptstraße heißt Momotarô-dôri – Straße des Pfirsichjungen, benannt nach dem tapferen Pfirsichknaben aus einem der beliebtesten japanischen Märchen. Verkauft als meibutsu (Spezialitäten der Gegend) werden momo-mochi genannte Pfirsich-Reiskuchen. Ich fragte mich, ob ich Frau S. welche mitbringen sollte.

Aus einem Altwarengeschäft winkten viele maneki-neko, Glückskatzen, die mit erhobener linker Tatze das Glück - im Falle von Geschäftsleuten den finanziellen Erfolg - einladen. Manche waren sehr teuer. Ich fragte warum. „Die teuren sind mit der Hand bemalt, in Japan, und die billigen sind aus China". Der Preisunterschied war gewaltig. Ich kaufte aber keine, denn sie waren aus Porzellan und daher wenig geeignet für eine Reise. Nur eine bestand aus Aluminium, sie bewegte den Arm ständig einladend auf und ab. Aber die war mir doch zu kitschig.

Ich bin ja bereits stark auf o-miyage-Jagd bzw. auf der Suche nach Mitbringseln. Heute kaufte ich aber letztlich gar nichts außer Ansichtskarten.


Die Heimfahrt war langweilig. Wenn man im Shinkansen mit dem Handy telefonieren will, muss man außerhalb des Innenraums des Waggons telefonieren. Es ist aufreizend, wenn man auf einer längeren Zugsfahrt diesen und ähnliche Hinweise hundertmal aus dem Lautsprecher hören muss. Bei uns wird zu wenig mit den Fahrgästen kommuniziert, hier eindeutig zu viel. Übrigens streiken bei uns die ÖBB, die Österreichischen Bundesbahnen, seit einigen Tagen, und ein ziemliches Chaos im Autoverkehr scheint die Folge zu sein.

Von Okayama bis Nagoya saß ich in einem kakuekiteisha, der in vielen Stationen auf den Nozomi-Shinkansen-Express warten musste. Wenn der vorbeibrauste, hatte man das Gefühl, unser Zug fällt um. Der Rest ging schnell, von Nagoya eine halbe Stunde bis Hamamatsu, und dankenswerterweise kam gerade mein Bus, als ich aus dem Bahnhof herausstürzte.


Zu Hause Frau S. am PC, der Sohn, der heimkam, und das von Mama gekochte Essen nicht aß. Es gab einen heftigen Wortwechsel. Frau S. fragte, ob ich sie beim Aufschneiden des riesigen tief gefrorenen Lachses, den der jüngere Bruder ihres Mannes aus Hokkaidô geschickt hatte, fotografieren wolle. Ich wolle sie doch als Hausfrau aufnehmen. Aber der Lachs stellte sich als noch zu hart gefroren heraus, und das Unterfangen wurde auf morgen früh verschoben.

Die heutigen Japanerinnen seien keine „oku-san" mehr, sondern „o-soto-san", meinte Frau S. dann noch. „Oku-san" ist die traditionelle Ansprache einer Ehefrau oder Hausfrau, das „oku" bedeutet „im Innern" oder „im Hintergrund". „Soto" hingegen heißt „draußen". Ich fragte sie nämlich, wann sie nächste Woche Zeit habe für Aufnahmen und ein kleines Gespräch, aber ihr Kalender zeigte sich überfüllt von Außenterminen. Wir haben uns schließlich auf den Montag geeinigt.


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