Ruth Linhart | Japanologie | Biographieprojekt Imai Yasuko


Herbst in Hamamatsu, ein Reisetagebuch

Fotos| 25.10| 26.10| 27.10| 28.10| 29.10| 30.10| 31.10| 1.11| 2.11| 3.11| 4.11| 5.11| 6.11| 7.11| 8.11| 9.11| 10.11|
11.11| 12.11| 13.11| 14.11| 15.11| 16.11| 17.11| 18.11| 19.11| 21.11| 22.11| 23.11| 25.11| 26.11| 27.11| 28.11

Das Kindheitshaus

13. November, Donnerstag

Als ich die mikan-Reste in den Abfallsack warf, schaute mich, vor einer Bananenschale sitzend, ein großer schwarzer Käfer irritiert an – vielleicht dieselbe Kakerlake wie unlängst. Sie zwinkerte nervös mit dem Fühlern. Kurz darauf schleuderte ich das Papierbriefchen meines Orangen-Tees in den Sack hinein und traf sie aus Versehen, worauf sie sich blitzschnell in tiefere Schichten des Sacks begab. Wenn sie in diesem Eldorado bleibt, hat sie gute Chancen, samt dem Sack in die Mülltonne auf der Straße geschmissen zu werden. Aber sie wird nicht so an dieser Küche hängen …


Gestern fragte mich Frau S. am Abend, ob ich vorgestern in der Nacht um halb zwei Uhr die Schritte gehört hätte. Nein? Sie hätte gefürchtet, es handle sich um einen dorobô, einen Einbrecher, der draußen herumschleicht. Sie schaute beim Fenster hinaus, aber es war der Nachbar vom linken Haus, der auf der Straße auf und ab ging und eine Zigarette rauchte, und zwar in Anzug und Krawatte. „Der hat sicher Krach mit seiner Frau gehabt", lachte Frau S.. „Die wird ihn ausgesperrt haben. Die japanischen Männer machen oft mit einer jungen Frau uwaki" – was soviel wie „Ehebruch" bedeutet – „und dann ist die Ehefrau zornig …".


Heute früh wartete ich vergebens auf die Abfahrt des Sohnes. Später am Vormittag meinte seine Mutter: „Mein Sohn hat heute anscheinend frei, er schläft noch." Ich habe ihn den ganzen Tag nicht gesehen. Ich sehe ihn kaum. Und wie er heißt, habe ich zwar gefragt, aber wieder vergessen.

Frau S. legte mittags zwei tief gefrorene Brote heraus, wahrscheinlich für sich und den Sohn. Einmal nahm sie mittags Reis aus dem Reiskochtopf und aus einem Sackerl eine Art Currysoße. Das stellte sie in die Mikrowelle. Frau Imai wollte heute o-sanji machen, das ist wohl die Dreiuhrjause. Sie hatte in dem Geschäft vor dem Spital amasake – süßen Reiswein - gekauft: In einem Nylonsäckchen befinden sich viele kleinere Nylonsäckchen, die mit etwas gefüllt sind, das wie gedickte Kondensmilch aussieht.

Frau Imai wollte heute o-sanji machen, das ist wohl die Dreiuhrjause. Sie hatte in dem Geschäft vor dem Spital amasake – süßen Reiswein - gekauft: In einem Nylonsäckchen befinden sich viele kleinere Nylonsäckchen, die mit etwas gefüllt sind, das wie gedickte Kondensmilch aussieht.

Ich ignorierte diesen Wunsch, denn wir hatten zum Sprechen nicht sehr viel Zeit, und Frau Imai gab mir für Frau S. und mich je so ein Sackerl mit. Frau S. bereitete es gleich zu – das weiße Zeug kommt in eine Tasse, siedendes Wasser wird darüber geschüttet. Das Getränk schmeckt leicht alkoholisch, süßlich, und ab und zu trifft die Zunge auf aufgeweichten Reis. Ehrlich gesagt, nicht mein Fall. Ich trank aber die heiße Suppe brav hinunter. Frau Imai sagt, kaum ein Japaner liebe amasake nicht. Es ist ein Nebenprodukt von Reis und stammt aus den Zeiten, in denen es noch nicht soviele Speisen mit Zucker gab, das meint Frau S..


Vormittags fuhr Frau S. mit mir einkaufen. Eigentlich hätte eine Freundin mit von der Partie sein sollen, die hatte aber keine Zeit. Das erste Ziel war ein Computermarkt im östlichen Teil der Stadt. Hier kaufte ich zwei Wechseldatenträger, winzige Kärtchen. Sie waren um tausend Yen pro Stück billiger als beim Computermarkt, bei den ich vorgestern gefragt hatte, und Frau S. handelte noch ein bisschen herunter. Sie freute sich sehr, dass die Kärtchen jetzt nicht mehr teurer als in Österreich sind.

Wieso kommt es, dass Computersachen, die in Japan erzeugt werden, in Japan mehr kosten als in Österreich? Das ist eines der vielen Rätsel der Weltwirtschaft. Früher waren alle elektronischen Sachen in Japan viel billiger als bei uns.

Anschließend fuhren wir, wie mir schien, kreuz und quer in Hamamatsu herum.

„Wir haben sehr viel Industrie. Große Firmen wie Suzuki, Honda, Kawai und Yamaha haben hier ihren Hauptsitz oder Zweigstellen. Darum sind sehr viele breite Straßen gebaut worden. Es gibt kaum eine Stadt in Japan mit so vielen breiten Straßen." Tatsächlich ist die ganze Stadt sternförmig von kôsokudôro, autobahnartigen Schnellstraßen, durchschnitten. Wir wohnen ja auch neben so einer Straße.

Vom Computermarkt fuhren wir ins Zentrum um den Bahnhof zurück. Auch der Computermarkt ist angeblich in der Bahnhofsgegend. Hamamatsu muss sich über eine sehr große Fläche erstrecken, denn mir schien dieser Markt weit weg vom Bahnhof zu sein. Wo dieser liegt, weiß man jederzeit, weil daneben die vierzigstöckige "Act City" wie ein rosa Obelisk in den Himmel ragt.

Während der Autofahrt erzählte Frau S., dass in dieser Gegend der Stadt bis in die sechziger Jahre viele Textilfabriken gewesen seien. „Die Mädchen sind nach dem Abschluss der Mittelschule, mit zirka fünfzehn Jahren, von Tôhoku – aus Nordjapan - her gekommen und haben da gearbeitet und im Heim der Firma geschlafen. Aber jetzt werden die Textilprodukte in China gemacht, weil dort die menschliche Arbeitskraft billiger ist, und die Fabriken in Hamamatsu sind alle zu." Nur bei einer Fabrik, die am Tenryû-Fluss liegt, welcher der ursprüngliche Anziehungspunkt für die Fabriken gewesen sei, sagte sie: „Die existiert noch. Eine Fabrik für spezielle somemono – handgefärbte Stoffe. Sehr teure Stoffe."

Dann meinte sie: „Hier war früher der Tôkaidô" – die berühmte Straße von Tôkyô nach Kyôto, die durch die Holzschnitte von Hiroshige und Hokusai bekannt ist, und die in Hamamatsu ihre 29. Station hatte. „Das schaute früher natürlich ganz anders aus. Lauter kleine Häuschen. Hier war das Zentrum der alten Stadt." Von der ist nichts, kein Stäubchen, mehr übrig.

Sie erzählt mir, dass nach dem Krieg im früheren Stadtzentrum Einfamilienhäuser gebaut worden seien. Aber auch die wurden in den letzten Jahren niedergerissen und durch neue Gebäude, große Wohnblöcke, ersetzt. Man sieht Platanen, Weiden und Ginko, kleine Bäumchen, an die Straßenränder gepflanzt. So bemüht sich die Stadtverwaltung offensichtlich um den Flair einer „lebenswerten Stadt".

Nun steuert Frau S. eine Gasse in Bahnhofsnähe an, und wir sind bei dem Geschäft angelangt, in dem es billige Kimonos geben soll! Eine Stiege außen am Haus führt zum Eingang im ersten Stock. Dort heißt es Schuhe aus- und Hausschlapfen anziehen. Der Boden des Geschäfts ist mit Reisstrohmatten, Tatami, ausgelegt.

Der Laden ist ein Eldorado für Fans japanischer Kleidung. Wohin das Auge schweift Kimonos, Yukatas, Obis und Haoris aus den verschiedensten Materialien und in allen Farben. Die Kleidungsstücke sind zum Großteil „aus zweiter Hand".

„Viele stammen", sagt Frau S., „aus der Aussteuer von Frauen, zu der traditionell eine gewisse Anzahl an Seidenkimonos gehört." Heute tragen Japanerinnen nur mehr selten Kimono, da er eine zwar hübsch anzuschauende, aber unbequeme Kleidung ist. Nur mehr wenige Anlässe bleiben übrig: Hochzeiten, Teezeremonie, für Kinder shichigosan - eine Feier für drei- und fünfjährige Buben und drei- und siebenjährige Mädchen im November, bei der man die Kinder festlich aufgeputzt zum shintôistischen Schrein führt. Immer mehr Leute verkaufen ihre Schätze. Junge Leute erwerben sie second hand und verwenden sie ebenso zweckentfremdet wie ich, zum Beispiel als Hausjacken. Mode ist es auch, die alte Seide in Garderobe im westlichen Stil, in „yôfuku" zu verwandeln oder verwandeln zu lassen.

Ich erwerbe drei blauweiße Baumwoll-Yukatas, leichte Sommerkimonos, die man als Schlafrock verwenden kann, und drei Haoris aus Seide. „Diese japanischen Jacken stammen", so sagt die Verkäuferin, „aus der Meiji-Zeit, sind also über hundert Jahre alt." Eine ist leuchtend rot, eine schwarz, und sie sind in der shibori –Technik, der Schnürbatik-Technik, bedruckt. Die dritte reicht mir bis über die Knie, es ist eine Männerjacke aus schwerer schwarzer Seide, mit einem weißen Familienwappen, das wie ein Käfer aussieht, bedruckt. Das Futter auf der Innenseite ist mit weißen, türkisen und blauen Vögeln bedruckt. „Junge Leute heute tragen diese Jacken mit der Innenseite nach außen, weil so die schönen Muster zur Geltung kommen", erklärt die Verkäuferin.

Sie nimmt geduldig ein Prachtstück nach dem anderen von den Kleiderbügeln und bietet es mir zum Probieren an. Der Besitzer mischt sich ein und ermuntert mich, auch Kimonos überzuziehen. Ich stehe vor dem Spiegel – im schwarzen formalen Seiden-Kimono mit bunten Mustern am Saum, wie ihn zum Beispiel die Eltern von Hochzeitspaaren tragen. Aber er ist zu schwer und zu lang. Die Japanerinnen fixieren ihre Kimonos mit diversen Bändern und der obi genannten breiten Schärpe auf die individuell passende Länge. Ein Handicap fürs tatsächliche Gebrauchen der Festtagskimonos sind auch die weit geschnittenen Ärmel.

Ich gerate in einen richtigen Farbtaumel angesichts dieser leuchtenden Stoffe. Ich probiere weiter, einen apfelgrünen, einen blitzblauen, einen fliederfarbenen, einen granatroten Kimono, durchwebt von Blumenmustern, Schmetterlingen, Fächern und rotem Herbstlaub. Ich denke an die Mühen des Gepäcks, beherrsche mich und kaufe keinen, obwohl sie alle weit weniger als hundert Euro kosten.

Trotzdem – ein wirklich schönes Erlebnis. Ich zahlte für die sechs erworbenen Stücke 13 000 Yen. Vor drei Jahren legte ich für einen einzigen Baumwoll-Yukata im Nobelkaufhaus Mitsukoshi in Tôkyô 6000 Yen hin!

Für Hans finde ich in dem Kimono-Paradies nichts, er ist mit einem Meter neunzig einfach zu groß für japanische Kleidung.


Ja, dann fuhr mich Frau S. wieder nach Hause, auf dem Weg traf sie ganz kurz ihre Freundin, die mithalten hätte sollen und nicht konnte. Eine etwa gleich alte Frau erwartete sie in einem großen Auto auf einem Parkplatz bei einem schlossartigen Restaurant.


Und nun zu Imai san. In der Früh war es bitterkalt, aber mittags war der Himmel blau und weißwolkig, und ich holte Imai san ein bisschen zum Spazieren hinaus. Danach war es schon gegen halb drei Uhr. Wir begannen zu reden, sie erzählte mir von ihrem Kindheitshaus. „Aha, du willst dir ein Bild davon machen." Und mit frischer Stimme plauderte sie gleich in medias res.

„Das Haus hatte auf der Nordseite ein Zimmer mit sechs . Das nannten alle o-cha no ma". Das heißt soviel wie Wohnzimmer, und sechs Tatami ist wahrscheinlich die häufigste Größe eines japanischen Raumes.

"Das war das Zimmer, in dem wir alle zusammenkamen, um die Mahlzeiten einzunehmen. Im Krieg war es auch das einzige Zimmer, das geheizt wurde."


Das Kindheitshaus von Imai san stand in Sapporo, der Hauptstadt von Hokkaidô, einer kalten schneereichen Gegend. Vieles von dem, was sie erzählt, erinnert mich an die Berichte aus der Jugend meiner Schwiegermutter im Mühlviertel. Da war auch so viel von Winter, Schnee und harter Arbeit die Rede. Mitten im Wohnzimmer der Familie Imai stand ein großer eiserner Ofen. Rund um den Ofen waren die Reisstrohmatten mit Linoleum bedeckt, zum Schutz vor Wasser, das durch die Hitze des Ofens erwärmt wurde.

„Der beste Sitz beim Ofen war der Sitz des Vaters. Dann kam der Sitz der älteren Schwester, nachdem die verheiratet war, übernahm ihn mein jüngerer Bruder. Die Mutter servierte für alle, daher hatte sie den Sitz am nächsten zur Küche."

Ja, die Mutter habe immer gemeinsam mit ihnen gegessen.

„Es gab auch Familien, bei denen die Mutter erst nachher aß. Aber wir haben alle Mahlzeiten zusammen eingenommen. Zumindest das Frühstück und das Abendessen. Mittags war mein Vater nicht zu Hause." Die Familie aß an einem niedrigen runden japanischen Esstisch, der chabudai heißt. „Es gab einen größeren viereckigen Tisch, aber der war unbequem".

Heizvorrichtungen, wie sie hier in Hamamatsu üblich sind, nämlich hibachi, Holzkohlebecken, kotatsu oder anka genannte Fußwärmer mit darüber gebreiteten Decken, unter die man die Beine schiebt, die gab es nicht.

„So etwas reichte für die Kälte in Sapporo nicht aus. Da heizte man mit einem Ofen."

Dazu fällt Imai san die unangenehme Arbeit der Reinigung von Ofen und Ofenrohr ein. „Das machte manchmal mein Vater, aber meistens die Mutter."

Im Wohnzimmer befand sich der Hausschrein kamidana, vor dem sich die Familie jeden Morgen verbeugte und in die Hände klatschte. Auch das Radio stand hier. Gehört wurden vor allem Nachrichten.

Das Zimmer hatte ein Fenster. „Auf der Innenseite des Fensters gab es papierbespannte Schiebetüren und auf der Außenseite die sogenannten amado, Regentüren." Diese Schiebetüren aus Holz musste man jeden Abend zumachen und in der Früh aufmachen. „Im Winter ließ man die amado zu."


Ausführlich beschreibt sie die Küche, die etwas größer war als das Wohnzimmer. In einem Hängeregal befanden sich Geschirr, Soyasauce und tsukemono, das bei jedem Essen unerlässliche in Salz eingelegte Gemüse. Ein Eisschrank sei in dem kalten Klima nicht nötig gewesen. Im Gegenteil, es gab unterhalb des Fußbodens ein Loch, das Trockenraum genannt wurde, und Lebensmittel vor dem ärgsten Frost schützte. Gekocht wurde sowohl auf dem Holzkohlenherd in der Küche wie auch mithilfe einer Vorrichtung auf dem Ofen im Wohnzimmer.

„Meine Mutter konnte alles, Gedünstetes, Eintopfgerichte, Überbackenes, Kuchen." Es gab viel Westliches, da die Mutter in einer französischen Missionsschule kochen gelernt hatte, und auch viel Chinesisches.

Schwere Arbeit bedeutete das Heraufpumpen des Wassers. „Wenn man im Winter nicht das ganze Wasser heraufpumpte, fror es in der Nacht."

Im übrigen war es damals üblich, für Männer und Frauen getrennte Toiletten zu haben, einerseits ein Pissoir aus Porzellan, andererseits die niedrige Klomuschel aus Porzellan, vor der man nach japanischer Sitte hockt. „Unangenehm war, dass es noch kein Wasserklosett gab." Im Winter kam es vor, dass das unterhalb des Klos Angesammelte fror, und wenn das Kanalräumauto kam, zog jedes Mal ein widerlicher Gestank durch das Haus.

Im „Zimmer der Mutter", einem acht Tatami großen Raum, schliefen Eltern und Kinder, zuerst Yasuko und ihre ältere Schwester, später ihre jüngere Schwester und ihr Bruder. Hier befanden sich die zwei Kommoden, die Yasukos Mutter bei ihrer Hochzeit als Aussteuer mitbrachte. Darin wurden die Kimonos der Mutter und die Kleidungsstücke des Vaters aufbewahrt. Für die Kinder nähte die Mutter alle Kleider selbst. Der Haushalt verfügte über eine Nähmaschine und ein elektrisches Bügeleisen. Als Yasuko älter wurde, lernte auch sie nähen und machte Kleidungsstücke für sich und die Schwestern.


Die beiden älteren Mädchen bekamen ab dem Schulalter das Sechs-Tatami-Zimmer im ersten Stock zur Verfügung gestellt.

„Das war unser erstes Lernzimmer. Der Boden war mit Reisstrohmatten bedeckt, aber wir hatten Tische und Sessel. Auch viele Freundinnen wohnten in Häusern, in denen für die Kinder zum Lernen westliche Möbel benützt wurden. Und auch in der Schule hatten wir Schreibtische und Stühle. Die Vorstellung, dass das zum Lernen nötig sei, war zu Anfang der Meiji-Zeit entstanden."

Noch später wurde das Gästezimmer zu Yasukos Zimmer. Dieser o-setsuma genannte Raum war im Parterre, gleich neben dem Eingang, und Imai san gerät merklich in Nostalgie, als sie über ihn spricht. „Dieses Zimmer war ein südöstliches Eckzimmer und eine Mischung aus Westen und Osten. Es hatte keine Schiebetüren, sondern eine westliche Türe. An den beiden Fenstern gab es Vorhänge" – im traditionellen japanischen Haus nicht üblich. „Keine auffälligen Farben, grün und rot und grau, durcheinander gemischt." Die Fenster hatten doppelte Glasscheiben, deshalb war es wärmer als in den anderen Räumen. Es hatte keine amado, aber Papierschiebetüren auf der Innenseite der Fenster. Dieses Zimmer wärmte ein kleiner Holzofen. „Den liebte ich. Er machte keinen Ruß, und es wurde schnell warm." Auf dem Tatami-Boden stand das Klavier, das die Mutter in die Ehe mitgebracht hatte und nun Yasuko am häufigsten benützte.


„Als ich Schülerin der West-Oberschule wurde," erinnert sich Imai san mit glänzenden Augen, „und wenn das Kulturfest war, übernachteten in der Vorbereitungsphase die Burschen in der Schule. Die Mädchen wurden abends nach Hause geschickt, und weil unser Haus nahe der Schule war, schliefen einige Freundinnen bei mir im Zimmer. Dann kamen uns ein paar Freunde heimlich besuchen und wir besprachen interessante Themen. Ich ließ sie bei meinem Fenster herein. Ich denke mir, dass meine Eltern das vielleicht gemerkt haben, aber sie sagten nichts. Nach einer oder zwei Stunden stiegen die Burschen wieder aus dem Fenster und kehrten in die Schule zurück. Die Haustüre war um diese Zeit mit einem Schlüssel abgesperrt."


Es gab noch ein Zimmer mit drei Tatami, das Dienstmädchenzimmer. Als die Töchter älter wurden, mussten sie bei der Hausarbeit kräftig zugreifen, aber als die Kinder klein waren, hatte die Mutter eine Haushaltshilfe für die zahlreichen, zum Teil schweren Hausarbeiten: für das zweimalige normale Aufräumen pro Tag und für das zirka dreimalige Großreinemachen des Jahres, wenn auch die Reisstrohmatten im Freien gelüftet wurden. „Man hat die Tatami geklopft. Dann fällt nämlich der Staub heraus, und gleichzeitig damit auch die Zecken und die Flöhe."

„Die Dienstmädchen stammten aus armen Bauernfamilien. Sie bekamen nur das Essen. Die Aufgabe der Hausfrau war es, ihnen Hausarbeit beizubringen. Wenn sie das konnten, Reis kochen und aufräumen, und ein gewisses Alter erreicht hatten, suchte man für sie einen Bräutigam. Es war Aufgabe der Hausfrau, einen Kimono für sie vorzubereiten und sie zu verheiraten. Aber nicht alle Dienstmädchen blieben bis zur Eheschließung. Manchmal holten ihre Eltern sie schon vorher zurück. Ich erinnere mich nur an eine, die von unserem Haus aus heiratete".

Im Dienstmädchenzimmer befanden sich im Übrigen die Bücher des Haushalts, weil sie sonst überall im Weg gewesen wären.

„Es gab nicht viele Bücherregale. Die Ehe meiner Eltern war eine arrangierte Ehe, und in so einem Fall bekommt man vorher ein Schreiben mit Angaben zum Ehe-Anwärter. Bei den Hobbies des Vater stand `Lesen´, und meine Mutter freute sich, denn sie erwartete sich, dass ihr zukünftiger Mann viele Bücher haben würde. Aber er ist ein Mensch gewesen, der überhaupt nicht las. Er hatte nur Bücher, die in Zusammenhang mit seinem Beruf standen."

Mehr Interesse brachte der Vater, der Landwirtschaft studiert hatte, dem Garten entgegen.

Anfangs mietete er das Haus nur, später kaufte er dieses Haus und das benachbarte Grundstück dazu und ließ das Häuschen darauf schleifen. So wurde das Imai-Anwesen in Sapporo, ein Zweighaus der väterlichen Imai-Familie, die in der Präfektur Gumma ihr Haupthaus hatte, ungefähr hundert Tsubo groß. Ein Tsubo ist 3,33 Quadratmeter.

Der Vater pflanzte einen Paulownia-Baum, der im Frühling schöne lila Glockenblüten hat. In der Umgebung waren Zwergahornbäume, Kirschenbäume und Birken. „Vater pflanzte Äpfel- und Birnenbäume und einen Nussbaum. Neben meinem Fenster wurde dieser Nussbaum groß, und es gab Nüsse. Im Frühsommer dufteten die Blüten des Nussbaums sehr stark".

Im Krieg wurden im Garten Lebensmittel angebaut, Rettiche, Mais, Kartoffel.

„Blumen gab es nur in Zeiten, wo es nicht so wichtig war, selbst etwas zum Essen zu ziehen, wenn kein Krieg war. Meine Mutter machte dann Blumenbeete. Sie setzte Stiefmütterchen, Lilien, und Margariten."


Von außen habe das Haus eine westliche Atmosphäre vermittelt. Vielleicht wegen des Dachs, das spitzwinkelig zusammenlief. Das war ein Vorteil, weil der Schnee herunterrutschen konnte. Wenn der nicht von selbst herunterfiel, stiegen Mutter oder Vater auf das Dach und halfen nach. Eine gefährliche Arbeit, die den Kindern nicht zugemutet wurde. „Wir hatten ein Eckhaus, und das Freimachen des Weges von Schnee war ziemlich arg. Oft fiel soviel Schnee, dass wir nur mehr durch das Fenster ins Haus konnten. Das war lustig! Auf der Nordseite des Hauses bildete der Schnee schöne Kristalle. Das gefiel mir gut."


Als ich sie frage, woran sie sich noch erinnert, wenn sie an ihr Kindheitshaus denkt, meint sie: „Dass es im Haus finster ist und draußen hell. Und dass ich mich nach draußen sehnte. Aber ich durfte nicht nach draußen gehen und mit den Nachbarskindern spielen. `Lies ein Buch!´ hieß es. Das musste im Wohnzimmer sein. Die Treppe in den ersten Stock durfte ich nicht hinaufsteigen, weil es zu gefährlich war, als ich klein war." Auch im Kindergarten, in den sie und die Schwester vor dem Schulbesuch gingen, durfte Yasuko keine Freundschaften schließen. Die einsame Kindheit hatte die sensei im Erzählen wieder eingeholt.


Sie wolle heute keine Rehabilitation machen, damit wir weiter sprechen könnten, meinte sie. Kaum hatte sie das gesagt, verlangte jemand 6000 Yen für Neujahrskarten von ihr. Ich suchte alle Laden durch, es kamen nur 3000 Yen zutage. Also wieder in den Rollstuhl. Einer der jungen Pfleger lacht immer nur und tat total patschert, als er Frau Imai in das Cape helfen sollte. Ich raste mit ihr zu einem Bankomat im benachbarten Seireimikatahara-Krankenhaus.

„Lies vor, was da steht!" forderte Imai san, gefesselt an ihren Rollstuhl, wiederholt von mir. Ich konnte die Schriftzeichen aber nicht entziffern. Ich tue mich ja schon schwer, einen heimischen Bankomat zu bedienen!

„Ich kann nicht aufstehen, wenn ich nicht ...", tobte sie fast. Ich verstand zuerst nicht, was sie von mir wollte, nachdem sie eingesehen hatte, dass ihre Lese-Befehle an mich nichts fruchteten. Endlich kriegte ich mit, dass ich die Fußstützen hochklappen sollte. Gut, sie glitt mit den Füßen auf den Boden, ich zog sie hoch und sie konnte, mit einem Teil des Oberkörpers knapp über dem Rand des Gerätes, die Anweisungen des Bankomats selbst sehen. Nun rollten die Befehle, welchen Knopf ich drücken sollte. Immer wieder war es nicht der richtige. Summen mit Massen von Nullen leuchteten auf dem Display auf. Beide schwitzten wir und hatten rote Köpfe. „Wir werden es schon hinkriegen, es ist schon okay", wiederholte ich beruhigend. Letzten Endes gelangten die gewünschten 100 000 Yen tatsächlich in Imai sans Geldtasche. Immerhin 800 Euro.

Ich sollte nun den Betrag in ihr Sparbuch stempeln lassen. Aber der Automat forderte sie auf, zum madoguchi, also zum Schalter der ginko, der Bank, zu kommen. Wahrscheinlich hat sie überzogen.

Am Rückweg zahlten wir die Feigen, die Imai san vor zwei Wochen gekauft hatte.

Sie bestellte sodann in der Rezeption 120 Neujahrskarten. Wofür braucht sie nur so viele? Und sie hat dem Angestellten am Schalter 6000 Yen gezahlt, ohne eine Bestätigung zu verlangen. In Japan übliches Vertrauen in die Ehrlichkeit der Mitmenschen?


Als wir zurückkamen, stand bereits das Abendessen auf dem Tisch im Vorraum, obwohl es erst viertel vor fünf Uhr war. Imai san ließ mich für weitere Dienstleistungen zwischen Aufenthaltsraum und ihrem Zimmer hin und her laufen, die Vitamine in die Oblate verpacken und ihr in den Mund schieben, und endlich konnte ich mich zum Essen setzen. Es gab ebi furai, panierte Krebse, eine meiner Lieblingsspeisen. Ich aß wieder alles, auch die Mayonnaise und das Kraut, das dabei war, was ich daheim nie esse. Ich vermeide üblicherweise auch Herausgebackenes. Aber hier habe ich Hunger!
Nach dem Essen bat ich Imai san, weiter über die Wohnungen ihres Lebens zu erzählen. Zu diesem Zweck forderte sie die helper san auf, sie wieder hinzulegen. Das Pflegepersonal musste aber gerade einen Mordswirbel bewältigen, weil nach dem Essen alle Bewohner zu Bett gebracht werden - übrigens heute schon sehr früh, um halb sechs Uhr.


Nach dem Abendessen ist Imai san nicht mehr sehr fit für Interviews. Die beste Zeit für Gespräche ist die Zeit am frühen Nachmittag, vor dem Anruf des Hans. Da gibt es eine Stunde, in der sie sich an vieles erinnern kann. Aber dann, wenn die alltäglichen Tätigkeiten sie beansprucht haben und sie schon viel nachgedacht hat und müde ist, kommt nie mehr viel heraus.

Heute musste sie sich auch ärgern, weil der ganze Vormittag im Eimer war durch eine zweistündige Besprechung des Hauses. „Die längste Zeit ist darüber verhandelt worden, was passiert, wenn ein Erdbeben ist", sagte sie. „Zum Beispiel wohin wir fliehen sollen." „Wohin?" „Zum Parkplatz drei". „Wo ist der?" „Keine Ahnung."


Ich bleibe beharrlich an ihrem Bett sitzen und stochere im Gedächtnis der Imai san herum, das nun ein seichter Teich geworden ist. Als die Eltern nach der Pension des Vaters ins südliche Mishima zu Füßen des Fuji-Berges übersiedeln, wohnt Yasuko vorerst mit ihrer jüngeren Schwester, dann allein, noch zwei Jahre in einem apâto im Zentrum von Sapporo. Die Unterkunft in Tôkyô, die sie als Oberschullehrerin an einer Abendschule bewohnt hat, ist fast vergessen. Wenig Spuren hat auch die Wohnung in Sapporo hinterlassen, als sie an die Hokkaigakuen-Universität berufen wurde.


Erst die Erinnerung an die Wohnung in Hamamatsu belebt sie wieder.

„Das war eine Wohnanlage für öffentliche Bedienste. Vor mir hatte ein befreundetes Ehepaar in der Wohnung gewohnt." Sie war groß, hatte drei Zimmer, aber „Die Wohnung war wahnsinnig schmutzig. Wenn ich an die sauberen Wohnungen in Wien dachte! Jedenfalls dauerte es ziemlich lange und kostete viel Geld, die Wohnung sauber zu machen. Die Küche ließ ich mir in rostfreiem Stahl machen, die Wände schneeweiß ausmalen und die Decke cremefarbig. Alle Papiertüren erneuerte ich.

Ich wohnte im zweiten Stock, dem obersten Stockwerk, und im Sommer wurde es entsetzlich heiß. So ließ ich eine Klimaanlage einbauen. Als ich von Wien zurück kam, 1977, war alles voll Insekten. Aus den Büschen rund um das Haus kamen Tausendfüßler. Und die Männer, die dort wohnten, sagten, dass ihnen, wenn sie schlafen, Spinnen über das Gesicht krabbeln." Imai san lacht jetzt. „Das habe ich nicht erlebt!"

Wir schütteln uns ein bisschen vor Ekel, und sie erzählt weiter, dass die Wohnanlage neben einer Polizeistation und neben einer Feuerwehrstation lag und außerdem auf eine Hauptstraße schaute. „Die Busse lärmten, wenn sie an der Ampel hielten". Obwohl die Anlage für Familien gedacht gewesen war, zogen wegen dieser Nachteile alle Familien aus, „und es wurde ein Appartementhaus für Ledige".

„Aber Sie haben doch zirka 25 Jahre dort gewohnt", werfe ich ein.

"Ja, weil ich so viel Geld investiert habe und weil mir das Übersiedeln zu umständlich war. Und weil es billig war."

Dann fällt ihr noch ein, dass eines Tages eine ehemalige Kollegin aus der Studentenbewegung bei ihr aufgetaucht und zirka ein Jahr bei ihr untergetaucht sei. Genaueres, wer sie war, und warum sie zu Imai san kam, ist heute Abend nicht mehr zu erfahren. Daher versuche ich es zum Schluss noch mit etwas Leichtem.


„Was essen Sie am liebsten?"

„Eiweißreiche Nahrung, Fleisch und Fisch, schon seit Kindertagen."

„Aber als sie Hauptkrebs hatten, haben Sie vegetarisch, Naturkost, gegessen?"

„Ja, ich aß kein Fleisch, nur ungeschälten Reis, Hirse und biologisches Gemüse. Ich hatte damals eine außerordentlich gute Kondition!"

„Und, sensei, welchen Geruch haben Sie am liebsten?"

„Frag mich lieber, was ich nicht mag. Den Geruch von Mineralien, nach Stein oder Metall." Ich wundere mich über diese Antwort, kriege aber doch noch heraus, dass sie den Duft von Blumen liebt und der Geruch von Pflanzen ihr am allerliebsten sei.

„Welche Farbe lieben Sie am meisten?" Die Antwort kommt sofort.

Murasaki – violett." Eine Farbe, die auch in der japanischen Literatur eine große Rolle spielt. Heißt doch die Lieblingsfrau des Prinzen Genji in dem berühmten Roman aus dem zehnten Jahrhundert Murasaki. Und die Autorin heißt ebenfalls Murasaki – Murasaki Shikibu.

„Und dann Pastellfarben. Heftige Farben habe ich nicht gerne. Aber ich hatte eine befreundete Designerin, die sagte, dass mir starke Farben stehen, und sie nähte mir zum Beispiel einen päonienroten Mantel." Botan-iro.

„Meine Mutter hat noch mehr als ich starke Farben verabscheut. Sie sagte zu mir: `Dass du so eine Farbe trägst, du schaust ja ganz aus wie ein chindonya!´" Ein chindonya ist eine auffallend gekleidete Person, die mit Plakaten und mehreren Musikinstrumenten lautstark für Veranstaltungen wirbt!

Zum Schluss die Jahreszeiten: „Herbst und Frühling habe ich gern. Sommer und Winter nicht. Offensichtlich mag ich heftige Sachen in Wirklichkeit nicht. Nur im Selbstausdruck nehme ich heftige Formen an!"


Dann wieder im Bus nach Hause, wieder diese Straße, die tief in mir den Heimweg meiner Kinderzeit aufrührt. Wieder finster, wieder wenige Lichter, zu Hause wieder Frau S.. Mails. Und dann noch Diverses, und jetzt bin ich hundemüde. Aber ich habe das heutige Gespräch mit Frau Imai noch nicht bearbeitet, geschweige denn, die Interviews auf die neuen Wechseldatenträger gesichert. Ich glaube, das muss ich auf Samstag vormittags verschieben.

Morgen heißt es um sechs Uhr aufstehen. Denn um halb neun fahre ich nach Okayama. In einen der drei berühmtesten Gärten von Japan. Auf den Bildern im Internet schaut er nicht berühmt aus, aber das wird man morgen alles sehen. Ich freue mich schon.


Anmerkungen

Fotos| 25.10| 26.10| 27.10| 28.10| 29.10| 30.10| 31.10| 1.11| 2.11| 3.11| 4.11| 5.11| 6.11| 7.11| 8.11| 9.11| 10.11|
11.11| 12.11| 13.11| 14.11| 15.11| 16.11| 17.11| 18.11| 19.11| 21.11| 22.11| 23.11| 25.11| 26.11| 27.11| 28.11

Ruth Linhart | Japanologie | Biographieprojekt Imai Yasuko Email: ruth.linhart(a)chello.at