Ruth Linhart | Japanologie | Biographieprojekt Imai Yasuko


Herbst in Hamamatsu, ein Reisetagebuch

Fotos| 25.10| 26.10| 27.10| 28.10| 29.10| 30.10| 31.10| 1.11| 2.11| 3.11| 4.11| 5.11| 6.11| 7.11| 8.11| 9.11| 10.11|
11.11| 12.11| 13.11| 14.11| 15.11| 16.11| 17.11| 18.11| 19.11| 21.11| 22.11| 23.11| 25.11| 26.11| 27.11| 28.11

Der Westen - ein magischer Begriff

12. November, Mittwoch

Flugzeuge der jieitai, der „Selbstverteidigungstruppen", durchstachen heute den Himmel von Hamamatsu. Das war mit ohrenbetäubendem Dröhnen verbunden. Ich war am Vormittag mit diversen Hausarbeiten und dem Email sehr beschäftigt, und war auch bei der Buchhandlung. Ich bestellte die beiden Bücher „Bunto shokichô Shimao Toshio wo yomu (Lektüre von Shimao Toshio, dem Generalsekretär des Bund)" und „60 nen anpo no bunto (Der 1960-er Sicherheitsvertrag und der Bund). Shimao Toshio ist ein bereits verstorbener Freund Imai sans aus der Studentenbewegung. Frau S. wird die Bücher abholen, falls sie erst nach meiner Abreise eintreffen, und Frau Imai gibt mir jetzt ihre Exemplare mit. Imai san hat in den Büchern ihre Erinnerungen an Shimao Toshio und den „Bund" beschrieben: Titel: „Bunto no fueminizumu (Der Feminismus des Bund)".


Abends. Heute kam ich gar schon um zirka sechs Uhr heim. Ich wollte nicht mehr bis zum späteren Bus warten, der direkt hierher fährt und verabschiedete mich nach halb sechs. Als ich beim Apita-depâto ausstieg, fing es zu regnen an. Meine Tasche mit den wertvollen elektronischen Sachen an mich gedrückt, damit nichts feucht würde, so raste ich durch die Finsternis nach Hause.

Außerdem sorgte ich mich um meine Wäsche. Heute habe ich wie alle Hausfrauen gewaschen, nachdem es drei Tage lang wegen Regens nicht möglich war. Auch vor den anderen Häusern hing die Wäsche auf Stangen und Kleiderhäken im Freien. Schon sehr seltsam, dass es in einem Land, in dem es so viel regnet wie in Japan, üblich ist, die Wäsche nur im Freien aufzuhängen. Die gute Frau S. hat aber jedenfalls meine Wäsche hereingenommen und in den Trockner gegeben. Jetzt hängen in meinem Zimmerchen auf Kleiderbügeln die noch feuchten und im Trockner zerknitterten Pullover und T-Shirts herum.

Vor der Schiebetür flötet Frau S. am Telefon. Es dürfte sich um den Sonntag drehen, für den sie sich Regen wünscht, weil sie gemeinsam mit einer Frau, die sie nicht mag, mit Behinderten, Blinden und Rollstuhlfahrern eine Wanderung machen soll.

Morgen vormittags bin ich mit S. san unterwegs, in Sachen Kimono, „Kengaku dake – Nur schauen".

Und in Sachen Wechseldatenträger. Ich muss die Interviews doch irgendwo absichern. Was ist, wenn der PC gestohlen wird oder beim Zoll misshandelt? Und alles ist weg, was ich in fünf Wochen gesammelt habe. Es wäre eine Katastrophe. Mir ist sowieso wie auf dem zugefrorenen Baikalsee zumute, wenn jeden Augenblick das Eis unter einem einbrechen kann - mit dieser völligen Abhängigkeit vom PC. Nicht einmal ausdrucken kann ich die Sachen.


Als ich zu Frau Imai kam, schlief sie. Sie lag im Bett wie ein Engerl. Eine kleine zarte Gestalt. Der Mund war ganz leicht offen. Sie atmete tief und regelmäßig. In der einen Hand hielt sie ein Tüchlein, in der anderen „mycup", diese Tasse mit Schnabeldeckel, in der sich eine süße nahrhafte Flüssigkeit befindet. Auf dem Bauch lag die Fernbedienung für den Fernseher, der lief. Die Beine hatte sie leicht angezogen. Die Füße steckten in dicken bandagenartigen Socken, eine rosa Decke war über ihren Bauch gebreitet. Das weiße Gesichtchen, die weißen Hände und Unterarme. Irgendwie hatte die ganze Imai san etwas Unschuldiges an sich. So, als ob alles in irgendeiner Weise Üble von ihr abrinnen würde. Auch wenn sie erzählt, haben ihre Augen, was sie auch erzählt, einen kindlichen Ausdruck, so blank und glänzend.

Möglicherweise war sie früher viel intellektueller. Sicher sogar. Mich hat sie immer bei meinen Problemen unterstützt. Das war ihre Hauptfunktion für mich, jahrzehntelang. Sie hat mir unendlich viel geholfen und ich habe das Gefühl, ihr in „unverbrüchlicher Treue" verbunden zu sein.

Sie lag also schlafend da, und im Fernsehen lief die Dokumentation einer Japanerin über ehemalige Kindersoldaten und Soldatinnen in Liberia. Ich musste an das Buch „The sweetest dream" von Doris Lessing denken, das ich hier zu Ende gelesen habe. Diese Aussichtslosigkeit, in Afrika mehr als einen Tropfen auf einem heißen Stein zu helfen. Dann noch Liberia, woher Rahel, meine bisher einzige Schwiegertochter, gekommen ist.

Ich saß an dem Schreibtisch der Imai san, hatte alles vorbereitet für die Tonaufnahmen, Imai san war nicht davon aufgewacht, ich wartete, dass sie aufwachen würde, und immer wieder musste ich Tränen abwischen, wenn ich eine Schwester näher kommen hörte.

Auch die japanische Berichterstatterin war zutiefst bewegt. Kinder mit acht Jahren, mit zehn Jahren, waren jahrelang als Soldaten herumgeschleppt worden. Mit Drogen zum Kämpfen gebracht. Jetzt sind sie in einer Hilfsstelle, von der aus sie zurück in ein normales Leben finden sollen. Kann das gelingen? Da lernen junge Mütter, die Kindersoldaten gewesen waren, nähen oder zeichnen, im Nebenraum lernen ihre Kinder auch etwas. Ich musste an die Schule denken, in dem Roman von Doris Lessing, die armselige, an die Kinder, die so begeistert lernten und sich so viel erhofften, an Aids, das alle wegraffte, an die englische Ärztin, die ihr Geld hergab und schließlich ihr Leben, und trotzdem bewirkte sie so wenig.

Ein paar Tränen, ein paar Yen. Und dann wieder zum nächsten Termin. Aber was sonst?


Draußen fährt ein Lautsprecherauto vorbei - es ist halb neun Uhr abends! Man soll aufpassen, dass man keinen Brand verursacht ..! Irgendwie unheimlich.

Die Geschichte mit der Reportage über das Pflegeheim Garten Eden wird nichts. Das hat Imai san kanzenni, ganz und gar, vergessen.


Ich setzte heute die „Befragung" zum Thema Westen fort. Sehr eigenartig, dass Imai san mit dem magischen Begriff „seiyô" – Westen – nur die Dinge in Verbindung bringt, die sie in der Kindheit kennenlernte: Das Kino zum Beispiel und Musik und Malerei.

„Ich habe grundsätzlich gedacht, das künstlerische Dinge westliche Dinge sind."

Natürlich lernten auch manche Mitschülerinnen japanische Instrumente spielen - wie die Koto, die liegende japanische Harfe.

„Meine Mutter hat Klavier und Koto gespielt, und zu einer wirklich wohlerzogenen jungen Dame gehört es auch heute noch, dass sie Koto spielen kann." Schamisen, eine Art Laute, die einen Aufstieg aus der Unterschicht und der Welt der sinnlichen Freuden gemacht hat, wollte sie nie spielen, Koto hätte sie schon gereizt.

„Klavier hat außer mir in der Klasse niemand gespielt. Meine Mutter nahm ihr Klavier mit, als sie heiratete. Sie hat meine ältere Schwester und mich schon als kleine Kinder unterrichtet. Meine Schwester zeigte nicht sehr viel Begeisterung, ich aber lernte mit Eifer und bekam deshalb anschließend Privatstunden bei Koizumi sensei, der in der Grundschule Musik unterrichtete."

Sie entwickelte großen Ehrgeiz auf diesem Sektor, wenn sie eigentlich auch lieber sang. „Klavier hatte ich nicht vorbehaltlos gerne, weil man immer wieder die gleichen Sachen üben muss und trotzdem nicht wirklich gut wird."

Nachdem Y. san, eine Mitschülerin, die besonders gut Klavier spielte und daher den Schulchor begleiten durfte, in eine andere Mädchenoberschule weiterging, rückte Yasuko als Begleitung nach. Einmal im Jahr gab es ein Schulkonzert in den Stadtsälen von Sapporo. „Ich durfte bei dem öffentlichen Konzert einen Walzer von Chopin spielen." Sie summt mir einige Takte vor.

„Das haben Sie gerne gemacht?"

„Ja, das gefiel mir. Aber ich hatte mit meinen winzigen Fingern nicht die Technik, um die schwierigen Stellen schnell und richtig zu spielen."

Das Ehrgeizigste und Letzte, das sie einübte, war das Krönungskonzert von Mozart. Für sie als kleingewachsene Person gab es wieder technische Probleme. „Das Üben war sehr arg."

„Dass Sie Pianistin werden wollten, das war aber doch zu dieser Zeit?" Yasuko ist fünfzehn, sechzehn Jahre alt.


Als Erwachsene ging sie nie mehr ins Kino, kaum mehr ins Theater und nur mehr selten ins Konzert. Aber während der Schulzeit nahm sie am Film-Klub und am Theater-Klub der Schule teil.

„Dass ich daran dachte, Schauspielerin zu werden und später zu inszenieren, das war in der Mädchenschule. Als die Koedukation kam, in den letzten beiden Schuljahren, führten wir gemeinsam mit den Burschen beim Kulturfest ein Stück auf."

Das Stück habe „Heiwa no uttae" geheißen, ungefähr soviel wie „Appell für Frieden". „Der Koreakrieg hatte schon begonnen und wir machten ein Drama, in dem es darum ging, ein Drama zu machen, das den Krieg anklagte. Die Schule ist dagegen, aber den Schülern gelingt es mit ihrem Enthusiasmus, die Lehrer zu überreden, dass das Stück doch gespielt werden darf." Das Drama wurde in der Stadthalle aufgeführt und die Lehrer klatschten, weil die West-Oberschule von Sapporo eine fortschrittliche Schule gewesen sei. „In dem Stück steckten linke Gedanken, der Anführer war Shibata Seiichi. Von den zwei Frauenrollen hatte eine ich."

Manchmal wurden auch traditionelle Kabuki-Stücke aufgeführt. Hier wurden der klein gewachsenen Yasuko Kinderrollen zugeteilt.

In den Städten, in denen Yasuko vorwiegend lebte, Sapporo und Hamamatsu, gibt es kein Theater, in Wien genoss sie die Oper umso mehr. An ein musikalisches Erlebnis besonderer Art in Sapporo erinnert sie sich noch. „Yehudi Menuhin spielte. Die Eintrittskarten waren sehr teuer. Meine Eltern waren dagegen, dass ich hinging. Da verkaufte ich einfach alle Nachschlagewerke, die ich für die Aufnahmsprüfung an die Hokkaidô-Universität angeschafft hatte. Das Konzert war wirklich wunderbar."


Begriffe, wie Demokratie, Individualismus, Wahlrecht, Gleichberechtigung von Männern und Frauen, die erst nach dem Krieg und unter amerikanischem Druck in Japan mit Leben erfüllt wurden, „sind mir nicht als Dinge des Westens bewusst gewesen." Bis zum Kriegsende kamen diese Wörter in Yasukos Umfeld nicht vor. Erst mit der Koedukation und vor allem, nachdem sie Shibata Seiichi kennenlernte und entsprechende Bücher las, wurde sie neugierig auf politische Inhalte.

„Ich habe das Interesse daran für mein eigenes Streben nach persönlicher Freiheit und nach der Befreiung Japans von all den rückständigen Gedanken gehalten. Meine linken Freunde haben darin den Einfluss der Sowjetunion gesehen. Sie hatten gegenüber Amerika eher einen Widerwillen. Ich selbst habe mir wenig überlegt, woher die linken Gedanken gekommen sind."

„Wie lange haben Sie diese Denkweise fortgesetzt?"

„Bis 1960 die Studentenbewegung zusammengebrochen ist. Danach habe ich mich völlig auf das Studium und auf das wissenschaftliche Arbeiten konzentriert. Der Mittelpunkt meines Lebens wurde die japanische Literatur und Ishikawa Takuboku."

Manche Kollegen der 1960iger Studentenbewegung hätten weitergemacht und auch bei der Studentenbewegung 1968 mitgetan. Aber sie sei zu dieser Zeit bereits Universitätslehrerin und in den Augen der revoltierenden Studenten auf der Seite der Reaktion gewesen. Ich versuche, das Gespräch wieder zum Thema Westen zurückzubringen.


„Obwohl Sie also als Kind große Sehnsucht nach dem Westen hatten, haben Sie nichts Westliches studiert und auch nicht versucht, in den Westen zu reisen?"

Ein Grund dafür sei gewesen, dass sie kein Selbstvertrauen in ihr Sprachentalent gehabt habe. „Und dann stand damals für mich im Vordergrund, wie ich zu mir selbst finden könnte, meine `Selbstentwicklung´".

In Sapporo gab es auch kaum Gelegenheit, westliche Menschen kennen­zulernen. Da lief der Sohn eines amerikanischen Gym­nastik­lehrers am schnellsten in der Schule und eine Französischlehrerin, die mit einem Japaner verheiratet war, zog an der Universität Aufmerksamkeit auf sich. „Ihr wart die ersten Ausländer, mit denen ich näher in Berührung kam." „Ihr", das waren wir, S. und ich, zwei Austauschstudenten. S. studierte die Kolonisation Hokkaidôs und ich Ishikawa Takuboku. Das war 1967.


Auch die sozialen Einrichtungen für alte Menschen, die ihr später in Wien so großen Eindruck machten, verknüpfte sie nicht mit dem Traumbegriff vom „Westen" ihrer Kindheit.

„Aber ich dachte mir oft, dass mein Leben anders verlaufen wäre, wenn ich im Westen geboren worden wäre." „Inwiefern?" „Der Druck der Eltern `Tu dies, tu jenes!´ der wäre wahrscheinlich im Westen nicht gewesen. Und ich wäre nicht ausgelacht worden, weil ich selbständig denke."

„Aber das hat doch alles zu tun mit der japanischen bzw. mit der westlichen Einstellung zur Familie und zum Individuum". „Das stimmt, doch über die Gesellschaft als Ganzes, darüber dachte ich wenig nach."

Nach längerem Schweigen fällt ihr doch noch etwas ein: „Als ich von Wien zurückkam und den Unterschied in der Lebensweise der japanischen Frauen und der Frauen drüben erkannte, da begann ich die Frauengeschichte und die Frauenfrage zu studieren. Ich habe in meinem Leben sehr lange mit Begeisterung über Takuboku geforscht. Manchmal denke ich mir, wie das gewesen wäre, wenn ich von Anfang an mehr über Frauen gearbeitet hätte".


Nahtlos rutschen wir von hier in meine nächste Fragestellung, was nämlich China für Imai san bedeutet. Die Bekanntschaft bzw. Freundschaft mit Chinesinnen war für sie in ihren späteren Berufsjahren ein neues „Aha-Erlebnis".

„Ich habe erfahren, dass es in China keine Frauen gibt, die nicht berufstätig sind, und dass Frauen Mann und Kind zurücklassen und allein nach Japan zum Austauschstudium kommen können. Das war ein Schock. Warum ist China in Bezug auf Frauen soviel weiter als Japan?"

Das wollte sie genauer wissen und begann über die japanische und chinesische Modernisierung zu lesen. Eine der chinesischen Freundinnen, Ch. san, kam als Austauschstudentin an ihre Universität. Die andere, J. san, wurde als „Volontärin" ans Heiligengeist-Krankenhaus von Mikatahara eingeladen, und Imai san lernte sie im Rahmen ihrer Rehabilitation kennen. J. san arbeitet „mit Nadeln", also in der Akupunktur. Beide Chinesinnen blieben in Japan, heirateten hier, ließen sich scheiden, eine hat ein Kind.

„Sie denken, dass es hier besser ist, weil es mehr Freiheit gibt. Aber sie wundern sich, dass in einem so fortschrittlichen Land wie Japan der Status der Frauen so wenig fortgeschritten ist!"

„Es erstaunt sie", sagt Imai san, „dass es hier normal ist, dass Männer ihre Frauen erhalten und dass Frauen nicht arbeiten gehen wollen. Und dass die japanischen Frauen sich nicht wünschen, auf eigenen Füßen zu stehen."

Das ist natürlich Wasser auf senseis Mühlen!

Ich frage, ob sie an China auch früher Interesse gehabt habe.

„Nein, kein besonderes. Ich wusste als Kind, dass die Frauen dort gebundene Füße hatten. Mir war auch während des Krieges nicht bewusst, dass die Japaner sich den Chinesen gegenüber überlegen vorkamen. China kam bei uns zu Hause nicht vor. Das war kein Gesprächsthema. Was die linke Studentenbewegung angeht, so war die vergangene Politik Japans gegenüber China kein Thema. „Die Sowjetunion war gut und China als kommunistisches Land Mao Tse Tungs war auch nicht schlecht, darüber hinaus war China in der Studentenbewegung kein Thema." Nein, die Rolle Japans im Krieg sei in keiner Weise Thema gewesen. „Unser Problem war nicht die Vergangenheit, sondern die Zukunft, ob und wie Japan in Richtung einer sozialistischen Gesellschaft geht!"


Die Chinesinnen, mit denen sich Frau Imai im Zug ihrer Berufstätigkeit und der Rheuma-Behandlung anfreundete, interessierte mehr als die japanische Vergangenheitsbewältigung das Problem, dass sie ihre Familien in China zurückgelassen hatten und wie sie ihre Aufenthaltsbewilligung in Japan managen konnten.

„Mir hat am meisten die Selbstständigkeit dieser Frauen und ihr Selbstvertrauen imponiert, und dass sie ihre eigene Meinung klar und deutlich aussprechen. Denn so jemand wie ich, die ihre Meinung sagt, ist in Japan eher eine Ausnahme, die meisten Menschen drücken ihre Meinung nicht so deutlich aus."

Imai san erinnert sich genau an die ersten zwei Austauschstipendiatinnen aus China. „Bei der einen ging der Gatte sofort nach der Heirat nach Amerika und sie ging nach Japan. Die andere hatte ihr eineinhalbjähriges Kind der Mutter anvertraut. Der Leiter des gakusei-bu - der Studentenabteilung der Universität - verkündete diese Tatsache, als er sie dem versammelten Publikum vorstellte. „Wohin ich auch gehe, überall wird das angesprochen", beklagte sich die Frau bei Professorin Imai. „Das ist nicht zum Aushalten!"

Ich wende ein, dass diese Frau vielleicht ihr Kind lieber bei sich gehabt hätte, dass diese Trennung mit dem chinesischen Gesellschaftssystem zusammenhänge, das individuelle Bedürfnisse nicht beachtet habe, dass auch ich mir nicht vorstellen könne, leichten Herzens mein kleines Kind ein Jahr oder länger zurückzulassen.

„Mir kommt es beneidenswert vor. Ein kleines Kind zurückzulassen, ist in Japan eine unvorstellbare Geschichte. Ich wollte über dieses Land, wo man sein Kind bei der Mutter unterbringen und zum Studium ins Ausland gehen kann, mehr wissen. Über die Familienbeziehungen und über die Beziehungen zwischen Mann und Frau. Ich fragte die jungen Frauen darüber aus, und über die Kulturrevolution. Ich hatte auch die Gelegenheit, nach China zu reisen. Neben gesellschaftlichen Errungenschaften gibt es dort ein köstliches Essen!"


S. san zwitschert und zwatschert noch immer. Ich werde mich jetzt den Imai-Unterlagen zuwenden und später noch ein kleines bisschen S. sans Computer für Emails missbrauchen. Jetzt hat sie den Hörer aufgeworfen und ist aus dem Nebenzimmer gegangen. Wann kommt denn der Sohn heim? Der Gatte ist im Rahmen seiner Arbeit mit dem Flugzeug in Kyûshû und Okinawa unterwegs. Sie sagte heute lachend: „Nihon no dansei wa shigoto o saboru de totemo jozu desu yo - Die japanischen Männer sind hervorragend darin, die Arbeit zu sabotieren." Ach so?


Fotos| 25.10| 26.10| 27.10| 28.10| 29.10| 30.10| 31.10| 1.11| 2.11| 3.11| 4.11| 5.11| 6.11| 7.11| 8.11| 9.11| 10.11|
11.11| 12.11| 13.11| 14.11| 15.11| 16.11| 17.11| 18.11| 19.11| 21.11| 22.11| 23.11| 25.11| 26.11| 27.11| 28.11

Ruth Linhart | Japanologie | Biographieprojekt Imai Yasuko Email: ruth.linhart(a)chello.at