Ruth Linhart | Japanologie | Biographieprojekt Imai Yasuko


Herbst in Hamamatsu, ein Reisetagebuch

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Manchmal ist mir Gott eingefallen

11. November, Dienstag

Ich glaube, dass die Busfahrer jeweils für ihren Bus verantwortlich sind. Der heutige Busfahrer – beim Heimfahren vom Bahnhof – meinte es sehr gut. Der Bus war richtig überheizt. Hier in der Wohnung der Frau S. merkt man erst, wie kühl es ist!

Der Busfahrer schimpfte mich, weil ich zu früh aufstand und nach vorne ging. „Setzen Sie sich wieder, bis der Bus hält. Das ist gefährlich!" warnte er mich. Nach einer Weile stand ich neuerlich auf, denn die Haltestelle kam schon in Sicht. „Ich habe doch gesagt, Sie sollen erst aufstehen, wenn ich angehalten habe…!" So besorgt um Erwachsene sind unsere Busfahrer in Österreich nicht.


Heute ist wieder graues Wetter. Als ich nach neun Uhr das Haus Richtung Stadtzentrum verließ, goss es in Strömen. Außer mir wartete nur ein junger Bursch auf den Bus, mit Schirm und einer Getränkedose in der Hand und Schuhen mit hohen Absätzen, mit denen er ging, als ob er Drogen konsumiert hätte. Im Bus saß er vor mir. Er hatte lange gebogene schwarze Wimpern und studierte Papiere, die er aus einem Kuvert holte. Irgendwas von „Arbeit" stand dort. Vielleicht musste er sich an einem Arbeitsplatz vorstellen. Welche Leute fahren hier nach neun Uhr mit dem Bus in die Stadt? Die Berufstätigen und die Schüler sind schon vorher unterwegs. Hausfrauen und ?

Der Ausflug in die City von Hamamatsu war nicht besonders erhebend. Ich ließ mir am Bahnhof den zweiten Japan-Rail-Pass ausstellen und holte shiteiseki, also Platzkarten, für die Okayama-Reise am Freitag. Dann ging ich zu einem Elektronik-Super-Markt namens Compu-mart und fragte nach, ob es Wechseldatenträger-Kärtchen gibt und was sie kosten und ob man mit Visa zahlen kann. Es gibt sie und man kann mit Visa-Karte bezahlen, aber eines kostet zirka 90 Euro. Ich werde mich noch mit Hans beraten. Ich bräuchte mindestens noch zwei solche Kärtchen.

Nur, wann komme ich wieder in die Stadt? In der Früh und am Abend sind die Geschäfte zu. „Früh" dauert ziemlich lange in den Vormittag hinein. Mindestens bis zehn Uhr. Das Yamaha-Geschäft mit Musikinstrumenten und CDs, in das ich schauen wollte, macht erst um 10:45 Uhr auf.

Buchgeschäft war keines zu sehen. Ich spazierte ein bisschen die nicht sehr interessante breite Straße mit neuen Geschäftsgebäuden hinauf und wieder hinunter. Es gibt ein hübsches jugendstilartiges Gebäude, auf dem „Matsubishi" steht. Das ist das geschlossene Kaufhaus, von dem Frau S. gesprochen hat. Zurück beim Bahnhof suchte ich die Lebensmittelabteilung des dortigen Entetsu-depâto - des Eisenbahn-Kaufhauses - auf, kaufte Brot um über 500 Yen, ein französisches Kipferl und irgendein Weißbrot, das eine feste Rinde hat, und etwas mit Grün, das ausschaut, als sei in den Teig Spinat gemischt. Aber es schmeckt so weich und watteartig wie das meiste Brot. Die Essensabteilungen sind immer recht schön und unheimlich reichhaltig und vielfältig ausgestattet. Heute hatte ich keine solche Heißhungerattacke wie gestern vormittags beim Einkaufen.

Dann stieg ich wieder in den Bus Nummer 50, der gerade kam, das heißt, die Lichter, dass er demnächst kommen würden, leuchteten bereits, als ich die Station erreichte. Und wieder mehr als eine halbe Stunde zurück an den diversen Lokalen und Büros und sonstigen Häusern vorbei, die entlang einer breiten Straße wie hingeworfen herumstehen. Je weiter man vom Stadtkern weg ist, desto öfter mischen sich feldartige Flächen hinein. Überall sind unsystematisch Autos abgestellt. Zirka beim Schloss von Hamamatsu steigt das Gelände um maximal fünfzig Meter an. Wir sind also hier auf einem Hochplateau, auf einem Hochplateau mit festem erbebensicheren Boden.


Frau S. ist nicht daheim, sie ist im Kurs, in dem sie Puppen basteln lernt. Der Sohn verließ ohne seinen blauen Schlitten das Haus, fast noch früher als sonst. Heute findet eine Art Betriebsausflug statt, als Dank für den enormen Einsatz beim Sportfest. Es wird getrunken, und Frau S. wird ihn in der Nacht vom Ausflugsort abholen, weil wahrscheinlich kein Bus mehr fahren wird. Anscheinend sind die Geldstrafen für Alkohol am Steuer sehr gestiegen, und auch die Mitfahrer müssen zahlen! Und es gibt ein Service, das zwei Leute umfasst: einer fährt den Alkoholisierten nach Hause, ein zweiter führt dessen Auto nach Hause. Das sei billiger als ein Taxi, sagt Frau S..


Jetzt ist es Nacht. Das erste Thema bei Frau Imai war heute „Krankheiten". Sie plauderte recht viel aus der Kindheit. Von den Geschwistern habe sie die schlechteste Konstitution gehabt. Ihre Schwachpunkte seien Magen und Darm gewesen und die Atmungsorgane. Zweimal war sie mit Lungenentzündung lange im Krankenhaus. Aber mit Tuberkulose, an der damals noch viele litten, wurde niemand in der Familie angesteckt. Weil sie ein zartes Kind war, wurde sie in der Grundschule für die Behandlung mit einer Infrarotlampe ausgewählt, und für eine Massage aus der altchinesischen Medizin. Die Kinder massierten sich selbst mit einem trockenen Tuch Arme, Brust, Rücken und Bauch.

„Ich war nervlich ein sehr schwaches Kind", sagt sie, und auch die schweren Erkrankungen als Erwachsene führt sie auf die psychische Belastung zurück. „Ich hatte mir ja im Doktorkurs vorgenommen, Universitätslehrerin zu werden. Aber ich konnte ein noch so gutes Zeugnis haben, die Bereitschaft, Frauen im wissenschaftlichen Betrieb zuzulassen, bestand einfach nicht. So habe ich resig­niert."

Sie bewarb sich nach Abschluss des Doktoratstudiums an einer Abendschule in Tôkyô und hoffte, am Tag Zeit für wissenschaftliches Arbeiten zu finden. „Doch die Schüler kamen nach der Schule mit ihren Problemen zu mir und blieben oft über Nacht.“

Fazit: „Ich war verzweifelt". Eine schwere Darmerkrankung, Spitalsaufenthalt, Selbstmordgedanken. Der Ruf an die Hokkaigakuen-Universität in Sapporo im bedeutsamen 33. Lebensjahr machte sie wieder gesund. „Und bis nach Wien bin ich es auch geblieben." Danach die Depression. „Was mich am meisten belastet hat, war wieder die Beratung der Studentinnen. Sie kamen mit allen Problemen zu mir, auch privaten, und sie drangen in meine Privatsphäre ein." Die Kollegen seien mit den Studentinnen höchstens einmal etwas trinken gegangen. Abweisen? Das sei nicht möglich gewesen. „Wenn ich mich daran erinnerte, wie ich als junge Frau unter den verschiedenen Möglichkeiten zu leben gelitten hatte, konnte ich nicht einfach sagen: `Ich habe keine Zeit, ihr seid mir lästig´."

Um diese Zeit begann ihr schwerer Rheumatismus. Das war in den siebziger Jahren. Während des Interviews fällt ihr wieder ein, dass sie die Universitätsferien im Thermalkrankenhaus der Stadt Itô verbrachte, weil dort eine Unterwasserbehandlung geboten wurde. Aber danach versandet die Erinnerung. Die schweren Krankheiten der letzten dreißig Jahre scheinen in die Abstellkammern ihres Gedächtnisses geräumt worden zu sein.

„Hautkrebs? Ach ja, Hautkrebs!" Oder: „Eine Kopfoperation? Ach ja, mir kommt vor, das war so." Asthma, Parkinson. Ich frage, sie reagiert kaum.

Statt mir ihr leuchtendes schwarzes Auge lebhaft zuzuwenden, reibt sie sich das Gesicht mit der Hand und hat die Augen angestrengt geschlossen. Ich kann nicht weiter in sie dringen.


Ähnlich geht es mir mit der Frage nach ihrem zweiten Wien-Aufenthalt im Sommer 1990. Ich versuche Imai sans Gedächtnis mit diesem und jenem Reizwort anzuregen, Rheumabehandlung in Baden, Besichtigung sozialer Einrichtungen, Einladung in Haus und Garten einer Freundin, Ausflug nach Melk. Ich erinnere mich noch so gut an viele Details, ich habe Fotos, aus denen ihre Freude strahlt.

„Die Erinnerung daran ist nicht so lebhaft... Sie ist sehr verwischt", sagt sie zögernd. „Ich erinnere mich an eine Apotheke, in der ich Medikamente kaufte ... Und an eine Straßenbahn, in die ich eingestiegen bin."

„In Bad Vöslau, da war ein großer Teich im Zentrum. `Da möchte ich bleiben´, dachte ich." Ihr habe die für Japanerinnen fremdartige Weise zu baden gefallen. Aber Frau Sy. wollte nicht ins Wasser gehen.

Immer wieder kommt sie nur darauf zurück: auf Frau Sy. von der Hamamatsu fujin konwakai, dem „Feministischen Salon von Hamamatsu". Diese etwa gleichaltrige Frau begleitete sie 1990 nach Wien. Ihr wollte Imai san „das prächtige Wien" zeigen. Später musste sie den Kontakt mit ihr einstellen. „Warum?"

„Es war so: Wenn ich mit meinen anderen Freundinnen ein gutes Verhältnis haben wollte, konnte ich mit Frau Sy. nicht länger verkehren." Frau Sy. war eine sehr engagierte Frau, die im Rahmen der „Hamamatsu fujin konwakai" ein Frauenberatungszentrum aufzog.

Seit Frau Imai mit ihr nur mehr Neujahrskarten wechselt, habe ich auch keinen Kontakt mehr mit ihr. Aber den werde ich wohl noch einmal suchen müssen, wenn ich über den weiteren Verlauf der Frauenaktivitäten in Hamamatsu Genaueres erfahren möchte.


Es gab viele Unterbrechungen, denn Imai san musste heute oft aufs Klo und legte sich dazwischen immer nieder, bzw. ließ sich niederlegen. Manche helper-san lassen sie selbst aufstehen und sich an der Stange beim Bett festhalten, bevor sie ihr in den Rollstuhl helfen. Andere schieben ihren Oberschenkel zwischen Imai sans Beine und hieven sie vom Bett zum Rollstuhl und zurück. Das ist eine schwere Arbeit für die Pflegerinnen, die nicht dicker oder größer sind als die zarte Imai san.


Nachdem die Themen „Krankheiten" und „Wien 1990" so unergiebig sind, ziehe ich die Reservefragen hervor.
„Hat Religion Ihr Leben beeinflusst?", frage ich, und ich bin sehr überrascht, dass sie sagt: „Bis zu einem gewissen Grad schon."

Ja, ja, sie meine das Christentum, denn das tägliche in die Händeklatschen vor dem shintôistischen Hausaltar – kamidana – sei eher eine „Lebensgewohnheit" – eine seikatsu-shûkan. Diese Sitte brachte der Vater aus seinem traditionell japanischen Kindheitsmilieu mit. Jeden Tag vor dem Frühstück habe sich die ganze Familie vor dem kamidana versammeln müssen. Als der Tennô am 15. August 1945 die Niederlage verkündete, stand die Familie mit gesenkten Kopf vor dem kamidana.

Auch dass die väterliche Familie seit der Tokugawa-Zeit der Sôtô-Schule des Zen-Buddhismus angehörte, habe nicht wirklich mit „Glauben" etwas zu tun gehabt. Nur für Begräbnisse wurde der buddhistische Priester gerufen.

Rosenkranz und Gebetbuch waren Utensilien aus der Schulzeit der Mutter, die ja bei französischen Nonnen unterrichtet worden war, und wahrscheinlich deshalb konnte mir Imai san das „Vater unser" auf Japanisch rezitieren.

„Aber meine Mutter hat nicht besonders an den christlichen Gott geglaubt. Das Händefalten zum Beten ist dieselbe Geschichte wie das Händeklatschen vor dem Hausschrein. Man wusste nicht, woran man wirklich glaubte."


Unter dem Einfluss von Freundinnen, die aus christlichen Familien stammten – „In Sapporo gab es viele Christen" – spürte Yasuko als Halbwüchsige den Wunsch, auch an den christlichen Gott zu glauben. „Aber die Mutter hat das verboten". Deren jüngerer Bruder hatte in einer protestantischen Kirche seine Liebe kennengelernt, mit der er dann Doppelselbstmord beging. Dass diese für die Familie peinliche Affäre der dreißiger Jahre mehrmals verfilmt wurde, ist eine der Lieblingsgeschichten der Imai san. „Tenkoku ni musubu koi" – „Eine Liebe, die im Paradies zusammen kommt“ – heißt der Titel des Films, und eine Melodie aus dem Film wurde ein bekannter Schlager.

„Die Mutter fürchtete, dass ich in der Kirche Männer treffe. Bis zum Kriegsende gab es sonst nicht die geringste Voraussetzung, mit Buben in Kontakt zu treten."

Imai san sagt also, die Eltern hätten ihr nicht erlaubt „zu glauben". Ich kontere, Glaube sei doch etwas Innerliches, das niemand verbieten kann.

Imai san darauf: „So etwas Geistiges, dass ich die Annäherung daran als etwas Innerliches betrachtet hätte, war das wieder nicht. Ich gehe ein bisschen in die Kirche, so ungefähr habe ich mir das vorgestellt ..."

Nachdem die Mutter den Kirchenbesuch verboten hatte, begleitete sie ihre Freundin noch ein paarmal heimlich, aber : „Etwas zu tun, was die Eltern nicht erlauben, ist in Japan sehr schlimm. Das macht ein extrem schlechtes Gewissen." Außerdem sei es schwierig gewesen, einen Termin am Sonntag Vormittag zu verheimlichen.

Später, in Wien, im Stephansdom, bei Kirchenmusik und Weihrauch, da habe sie wieder „die Lust zu beten" überkommen.

Sie wiederholt einige Male, auch, weil ich sie immer wieder frage, denn ich zweifle daran, dass ich sie recht verstanden habe: „Wenn ich in einem Land mit religiöser Atmosphäre bin, denke ich an Gott. Und wenn ich nicht mehr dort bin, denke ich nicht mehr daran." „Europa" ist für sie „das Land mit der religiösen Atmosphäre".

In dem protestantischen Altersheim, in dem sie jetzt wohnt, geht sie in die Kirche, wenn man sie dazu auffordert.


Ich versuche zusammenzufassen: „Man kann also sagen, dass Religion in Ihrem Leben keine besondere Rolle gespielt hat. Sie haben mehr oder weniger ein Leben ohne Gott – kamisama nashi ni – gelebt?"

Aber so einfach ist es eben doch nicht. Ich bin ein bisschen fassungslos, wie fast leichtfertig und uneindeutig sie die religiöse Frage behandelt.

„Manchmal ist mir Gott eingefallen. Aber dann habe ich ihm auf geeignete Weise `Auf Wiedersehen´ gesagt. Das habe ich einige Male wiederholt. Denn, wenn man zu sehr glaubt, wird es ....umständlich (mendokusai). Ich habe auch das Gefühl, man lebt ruhiger ohne Religion." - (Nai hô ga anshin da to iu kimochi mo aru.)

Wenn die Religion zum „realen Problem" wird, fügt sie dann noch hinzu, „Wenn es also einmal so weit ist", nimmt sie an, dass ihre Geschwister den buddhistischen Priester der Sôtô-Schule, zu welcher die Familie gehört, rufen werden. „Ich habe nicht festgelegt, dass sie das nicht tun sollen. So, wie das Leben auf der Welt dahin fließt, so wird es auch dann weiter fließen, denke ich." (Yo no naka de nagareru mama iku yô ni sore mo nagareru mama de ii darô).


Da noch immer Zeit bis zum Abendessen war, setzte ich mit dem Fragenkomplex „seiyô" oder „Westen" fort. „Was hat in Ihrem Leben `der Westen´ bedeutet?"

„Eine höher stehende Welt – sugureta sekai", fasst sie in „einem Wort" zusammen. Der Traum vom Westen, die Sehnsucht nach dem Westen hätte in erster Linie Nahrung aus Büchern gekriegt, aber auch die Kleidung und das Essen und die Architektur und die Wohnungsgestaltung, alles sei ihr anders und zum Großteil reicher, eleganter und vernünftiger erschienen. Als Beispiel bringt sie das traditionelle japanische Bad mit dem Eisenkessel, unter dem ein Feuer entfacht wird, und vergleicht dieses mit der Zentralheizung im westlichen Haus des Arztes Ohara im Sapporo ihrer Kinderzeit.
Ja, ihre Mutter habe oft westlich gekocht, und von außen habe das Haus ihrer Kindheit „haikara" – westlich, schick, modern – gewirkt.

„Aber die Erziehungsmethoden meines Vaters und meiner Mutter waren keinesfalls westlich, sondern stark reglementierend. Was die Eltern sagten, musste widerspruchslos befolgt werden. Die westliche Erziehung, wie ich sie in Büchern kennengelernt habe, schien mir mehr auf der Basis der Vernunft zu beruhen."

Nicht zu reden von der Beziehung zwischen den Ehepartnern, die bei ihren Eltern traditionell japanisch war. Ich wende ein, dass wahrscheinlich auch der patriarchalische und hierarchische Zeitgeist der Epoche zur Strenge und Kühle im Elternhaus beigetragen habe.

„Das mag wohl sein, aber wichtiger war, dass es in Japan keine Tradition des selbstständigen Denkens gibt. Das Individuum als Individuum zu betrachten, ist keine japanische Tradition, sondern zu gehorchen, was der Höherstehende anschafft."


Ihre Sehnsucht nach der utopischen westlichen Welt brannte bis weit ins Erwachsenenalter unerfüllt in ihr, versteckt wie die europäischen Mitbringsel des Großvaters, die ihre Mutter in einen Kasten gesperrt hatte: Echte Spitzen, Taschentücher und eine französische Puppe mit langen Armen und Beinen und goldenen Haaren. Die kleine Yasuko hatte sie offensichtlich schmutzig gemacht und durfte nicht mehr damit spielen.

Aber natürlich habe sie in ihrer Kinderzeit mit anderen Puppen gespielt. „Und wie haben Sie mit Puppen gespielt?" „Umarmen und zusammen im Bett schlafen und solche Sachen halt."


Dann verabschiedete ich mich wieder von ihr. Es ist immer ein bisschen traurig, ich sage: „Itte mairimasu" – „Ich gehe jetzt" und sie sagt „O-yasumi nasai" – „Gute Nacht". Macht es die Krankheit, dass sie, auch wenn wir beisammen sind, so entfernt bleibt?

Bei der Heimfahrt mit dem Bus Nr. 100 hatte ich wieder, wie so oft, wenn ich mit einem Bus fahre, das Gefühl, ich fahre nach Hause, in meiner eigenen Kinderzeit, durch den Innrain in Innsbruck, in das Haus Völserstraße 52. Das ist sehr komisch, denn es schaut hier in Hamamatsu wirklich grundlegend anders aus. Aber nachts ist rund um den Bus alles schwarz, nur die Straßenlaternen scheinen in den Autobus, und dieses Gefühl entsteht sowieso nur, wenn ich nicht bewusst hinausschaue.

Dann war ich noch im Apita-depâto und kaufte Ansichtskarten. Ich fand auch dort keinen Pfefferminztee, obwohl ich am ersten Tag im Café Chambord einen Pfefferminztee bekommen hatte. So kaufte ich einen Apfeltee.

Jetzt läutet das Telefon – das wird der Sohn sein. Frau S. Fragt: „Doko e" – „Wohin soll ich kommen?


Anmerkungen

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