Ruth Linhart | Japanologie | Biographieprojekt Imai Yasuko


Herbst in Hamamatsu, ein Reisetagebuch

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Was meinst du mit Liebe?

10. November, Montag

Es war, glaube ich, der 10. November 1967, dass ich im Franziskanerkloster von Sapporo meine erste Ehe kirchlich geschlossen habe. Die zwei Patres, die dabei eine Rolle gespielt haben, sehe ich noch vor mir, in ihren braunen Kutten. Der eine war groß und dünn, der andere klein und dick. Ich glaube, dieser hat uns getraut. Die Patres hatten eine Bäckerei und verkauften uns duftendes Brot mit krachender Kruste. Der dünne Pater kam uns auch in der winzigen Hütte besuchen, in der wir wohnten. Ich kochte Lachs. Der Pater meinte, man müsse aufpassen, dass man beim Einkaufen keinen gesalzenen Lachs erwische. Genau das setzte ich ihm vor!

Die Erinnerung an die Trauung selbst, an diesen Vorgang, ist mehr als schütter. Ich weiß aber genau, dass ich mich bemühte, ein dem Anlass einer Hochzeit entsprechendes Gesicht zu machen. Auf den Fotos wirkt mein Gesichtsausdruck etwas leidend! Die Trauung fand im Kreis von Japanern statt, und auch die Medien interessierten sich dafür. Eine „gakusei kekkon" – eine Studentenehe – war damals etwas Ungewöhnliches in Japan. Und dass sie von zwei „Blauäugigen", also Ausländern (die übrigens beide braune Augen haben) geschlossen wurde, verlieh dem Ganzen ein exotisches Flair. Ich war erst zirka einen Monat in Japan und plantschte von einem Fettnäpfchen ins nächste. Am meisten hat es wohl gespritzt, als ich dagegen war, Universitätsprofessor S., den Betreuer des zukünftigen Ehemannes, zu bitten, die Rolle des nakôdo, also des Heiratsvermittlers, zu übernehmen.

Ich hatte noch nicht gelernt, dass es in Japan wichtig ist, Hierarchien und Rituale einzuhalten. Frau F., die in Wien Gesang studiert hatte und sich aufs Freundlichste um uns kümmerte, sowie ihr Gatte, ein netter Arzt, waren mir viel vertrauter als Prof. S. Natürlich stürzten wir dieses Ehepaar mit unserer Bitte, nakôdo zu sein, in äußerste Peinlichkeit.

Nach der kirchlichen Hochzeit in der kleinen Holzkirche der Franziskaner fuhren wir in ein prächtiges Aussichtslokal im benachbarten Otaru. Frau F. hatte das für uns organisiert. Und auch das Fernsehen hin gerufen! Das hatte sie dem Hotelmanager versprochen, der uns daraufhin für das Hochzeitsmenu eine billigere Rechnung ausstellte. Aber – ich weigerte mich, unser Hotelzimmer zu verlassen und vor dem Fernsehteam zu erscheinen! Na ja …

Damals schneite es am 10. November. Die Leute sagten, eine Hochzeit mit Schnee bringe Glück. Immerhin stimmte das viele Jahre.

Mein Hansi macht mir Sorgen, denn in seinen Emails kommt allzu häufig das Wort „Depression" vor. Wenn er munter ist, fürchte ich schon, er vergisst mich. Und wenn er betrübt ist, wie an solchen einsamen Wochenenden, mache ich mir Sorgen!


Heute ist ein grauer Regentag. Ich werde aber trotzdem demnächst zum Postamt gehen, ich brauche Bewegung. Mein Kreuz bricht mir fast ab.

Doch zuerst zu den Wahlen vom gestrigen Sonntag: Sie sind so ausgegangen, dass die jiminitô, die Liberaldemokratische Partei, den Löwenanteil der Stimmen errungen hat, aber unter fünfzig Prozent geblieben ist. Das bedeutet zwar eine leichte Zunahme, vier oder fünf Abgeordnete mehr, jedoch weniger, als Premier Koizumi an Gewinn versprochen hat. Er war sich sicher, über fünfzig Prozent zu erreichen.

Die minshutô, die Demokratisch-sozialistische Partei, hat auch einen sehr großen Prozentsatz zugelegt, und der Rest geht auf ganz schmale Stücke shamintô, kyôsantô, die sozialdemokratische und die kommunistische Partei, vier Prozent bekam die hoshushintô, die Neue konservative Partei, und dann gibt es die kômeitô der Religionsgemeinschaft Sôkagakkai.

Zu erwähnen ist, dass unter den oben genannten Parteien sich einige von der jimintô abgespalten haben, in jüngster Zeit zum Beispiel die hoshushintô. Die minshutô ist anscheinend teilweise mit Leuten aus der jimintô und der shakaitô besetzt. Wie Frau S. sagt, trat diese Partei mit dem beliebten Kan Naoto erst zum zweiten Mal an. Bisher gab es eine konservative Koalition, und so etwas wird es wieder geben, meint Frau S..

Dôi Takako, die einstmals so gefeierte erste weibliche Vorsitzende einer japanischen Partei, ist übrigens in ihrem Bezirk in der Präfektur Hyôgo durchgefallen, aber Nummer eins der shamintô – der sozialdemokratischen Partei - geblieben, und wird daher als shûgiin, als Abgeordnete ins Unterhaus entsandt. Als freie Abgeordnete hat sich wieder Tanaka Makiko beworben, die in der ersten Regierung Koizumi eine von fünf Ministerinnen war, und zwar Außenministerin. Das war damals 2001 eine Sensation. Sie hatte später einen Streit mit der jimintô, wurde abgelöst, und nun kehrt sie als Einzelabgeordnete ins Parlament zurück. Zirka eine halbe Stunde war jetzt eine Fernsehsendung nur über sie. Sie hat eine gewisse Ausstrahlung, diese Frau.

Unter den japanischen Politikern gibt es einen besonders ausgeprägten Verwandtenkult. Diese selbstbewusste Makiko, die immer wieder imstande ist, einen Medienrummel um sich herum zu verursachen, ist zum Beispiel die Tochter des ehemaligen Premierministers Tanaka.

Die Familie von Premierminister Koizumi selbst sei schon in dritter Generation in der Politik, sagt S. san. Sein Vater war Verteidigungsminister.

„Gibt es das bei Ihnen auch, dass verwandte Cliquen die Politik beherrschen?" Ich denke an Ursula Haubner, die Schwester des Kärntner Landeshauptmanns Haider, an den Landwirtschaftsminister Pröll, der ein Neffe des niederösterreichischen Landeshauptmanns ist, an Frau Pittermann, Wiener Sozialstadträtin, deren Vater ein bekannter SPÖ-Politiker war. Sicher gibt es noch mehr Beispiele, aber mir scheint trotzdem, dass der Sinn für politische Erbfolge im Verwandtenkreis in Japan institutionalisierter ist als bei uns.

Frau S. hat mir gestern Abend während der Fernsehberichterstattung über die Wahlen eine ganze Reihe Beispiele aufgezählt. Unter anderem sah man auch den Gouverneur von Tôkyô, Ishihara Shintarô, jimintô, mit seinem Sohn, der bei der Wahl angetreten, aber durchgefallen ist. Der Papa ist mir aus der japanischen Literatur bekannt, weil er 1955 mit seinem Roman „Taiyô no kisetsu" (Saison der Sonne) als „junger Wilder" den berühmten Akutagawa-Literaturpreis gewonnen hat. In der Zwischenzeit hat er sich einen Namen als rechtspopulistischer Politiker gemacht.

Der o-niisan, also der ältere Bruder des jüngeren Sohnes dieses Herrn, ist anscheinend Minister in der bisherigen Regierung gewesen. In Japan wird das shûgiin, das Unterhaus, für eine Amtsperiode von vier Jahren gewählt, das sangiin, das Oberhaus, für sechs Jahre. Alle drei Jahre wird dort die Hälfte der Abgeordneten neu gewählt. Der Gatte der Tanaka Makiko ist übrigens Oberhaus-Abgeordneter.


Imai san ist wieder bei der Rehabilitation. Ich sitze an dem langen Tisch vor ihrem Zimmer. Leider zieht es hier ziemlich. Heute ist ein sehr ungemütlicher Tag, und ich bin müde.

In der Ferne höre ich wieder das rhythmische Klopfen und das helle „ichi, nii, saan" (eins, zweiei, dreiei), mit dem die Physiotherapeutin die Rehabilitation begleitet, und die brüchigen Stimmen der alten Leute, die teilweise mitsprechen.

Mich fröstelt, und ich hoffe, ich werde mich nicht verkühlen. Viel mehr zum Anziehen habe ich gar nicht mit. Ich könnte mich höchstens noch mit meinem grauen Umschlagtuch wärmen. Hans hat gerade seinen nachmittäglichen Anruf im Garten Eden absolviert. Dort, im fernen Wien, ist es Montag, halb acht Uhr früh gewesen, und er saß im „Genußfauteuil". Es geht ihm eh nicht so schlecht, sagt er. Gestern hätten ihn die Nachbarn ins Kino mitgenommen.


Nun ist es Nacht. Als erstes bei meiner Abendberichterstattung muss ich die riesige schwarze Kakerlake würdigen, die ich vorgestern Nacht in der Küche gesehen habe, sonst vergesse ich das noch. Ob es überhaupt eine Kakerlake war, bin ich mir gar nicht sicher. Sieben Zentimeter war das Vieh sicher lang, und hatte riesige noch einmal so lange Fühler. Es blieb an der Leiste der Abwasch stehen, bis ich es mit dem Messer so schreckte, dass es in die dunkle Ecke verschwand. Wenn solche Tiere nicht in meinem Zimmer auftauchen, geht es ja noch …

Es ist schon neun Uhr abends. Um sieben Uhr kam ich heim. Was war nur bis jetzt? Frau S. plauderte über irgendetwas mit mir und schenkte mir die heutige Zeitung mit der Wahlberichterstattung als Andenken.

Gerade heult in der dunklen Nacht eine Sirene, das habe ich nicht gerne. Ich habe den kleinen Heizkörper in Betrieb genommen. Ob der nicht gefährlich wäre, fragte ich. „Nein, nein, der wird mit Strom betrieben". Als ob elektrische Geräte keinen Brand auslösen könnten! Hoffentlich kann ich ihn rechtzeitig abschalten, bevor Ta­ta­mi oder Teppich in Flammen aufgehen, wenn ein Erdbeben kommt!
Schon lange wollte ich beschreiben, wie es ist, wenn ich Imai san am Nachmittag befrage. Sie liegt meistens im Bett. Wenn sie zu lange im Rollstuhl sitzt, tut ihr der Hintern sehr weh, sagte sie ja nach der ersten Aufnahme.


Ich sitze parallel zum Schreibtisch, der im rechten Winkel zum Bett steht, und schaue in ihre Richtung. Das Mikrofon befindet sich auf dem Schreibtisch und ist durch eine Öffnung des Bettgestells geschoben, sodass es ganz nahe an Imai sans Mund reicht. Ich sehe nur ihr halbes Gesichtchen durch das Bettgeländer, alles andere verdeckt der Schreibtisch. Ein leuchtendes Auge. Manchmal, je nachdem wie sie das Gesicht bewegt, auch beide Augen. Aber meistens sehe ich nur ein Auge. Das ist sehr ausdrucksstark und leuchtet schwarz in dem weißen Gesicht.


"Renai, was meinst du mit `Liebe´? Verstehtst du das auch unter Liebe, dieses Sehnen in der Jugend, ohne körperliche Beziehung? Ist Liebe auch Liebesbriefe schreiben? Auch, wenn man sie nicht abschickt?" Zu ihrer Begeisterung bejahe ich: „Liebe ist alles, was Sie unter Liebe verstehen!"

Sie spricht gerne über die Liebe. Zum Beispiel erzählt sie die Geschichte, wie ihre frühreife Freundin Kasei Junko meinte, sie seien jetzt alt genug für eine „Erste Liebe", eine hatsukoi. Sie musste sich unter den Mitschülern einen aussuchen, der zum „heimlichen Bräutigam" wurde. Schon bei dieser fiktiven „Partnerwahl" war anscheinend ein Kriterium entscheidend, das Imai san in Bezug auf alle weiteren Männer ihres Lebens in den Mittelpunkt stellte: Er musste „atama ga ii" sein, intelligent, ein gescheiter Kopf. Die Geschichte von von den Bräutigamen K. san und T. san hat sie mir auch schon auf die Tonbänder des Jahres 2000 gesprochen. Wie sie, Yasuko, und Junko an den Geta – den japanischen Holzsandalen, die damals noch allgemein getragen wurden – ihrer beiden Bräutigame Liebesbriefe mit bunten Bändern befestigten, um an deren Reaktion in Erfahrung zu bringen, wie die beiden zu ihnen standen. Als Yasukos Bräutigam irgendwie reagierte und Junkos Bräutigam gar nicht, erzählte Junko, über die Nichtbeachtung gekränkt, überall herum, wie sehr Yasuko auf ihren „Bräutigam" stehe.

Die Freundschaft mit Kasei Junko schien schwierig gewesen zu sein. Beide Mädchen wollten Malerin werden und gemeinsam nach Paris gehen. Diese Träume spannen sie, während der Zweite Weltkrieg tobte und ausländische Künstler aus den Schulbüchern eliminiert waren. Junko war offensichtlich die begabtere Malerin. Als eine Probelehrerin Junko in einem Brief ihre Bewunderung ausdrückte, Yasuko aber gar nicht beachtete, stieß diese, wie sie erzählt, von einer Minute auf die andere ihre Berufspläne um. Nach einem Intermezzo, in dem sie Schauspielerin werden wollte, schwenkte sie in den Berufswunsch Pianistin ein.

Junko hatte bald als Malerin Erfolg in ganz Japan. Das war in den allerersten Jahren nach dem Krieg. Sie hatte Verhältnisse mit verschiedenen Männern, sagt Imai san, und noch während der Schulzeit brachte sie sich um.

Imai sans Geschichten von Liebe hingegen handeln noch lange von platonischen Schwärmen und Flirts. Aber auch diese Geschichten, die mehr im Kopf als in der Wirklichkeit stattfanden, beschäftigten sie stark.


„S" bedeutete „sister" oder auf Japanisch übersetzt „o-nesan", ältere Schwester.

„In der Mädchenschule schwärmten die Schülerinnen der unteren Klassen für die Mädchen der oberen Klassen. Und die älteren schickten den jüngeren, die ihnen gefielen, Briefe. Es entstanden Beziehungen, es kam vor, dass man sich ansprach, einlud und zusammen vergnügte. Oder auch Beziehungen, in denen das nicht der Fall war, wie bei meiner `S´."

Die hieß O. Noriko und sei eine außerordentlich hübsche Person gewesen, in die viele verliebt waren.

„Auch ich schrieb ihr love letters."

Eine Weile sei keine Antwort gekommen, aber „weil ich am aufdringlichsten war", nahm Noriko Yasuko dann doch zur Kenntnis. Zum Schulabschluss gab es gegenseitige Geschenke. Ein Album, Taschentücher. Und später, wenn ein Klassentreffen stattfand, zu dem Imai san aber nie hinging, fragte Noriko jedes Mal: „Und wie geht es Yasuko chan?"

„Netsu o ageru" heißt das auf japanisch. „Begeistert sein" steht im Wörterbuch. Wörtlich heißt es „Das Fieber erhöhen". „Schwärmen für" oder „sich verlieben in". „Stehen auf" wird wohl die angemessene Übersetzung sein. Und wie nennt man diesen Zustand heute bei der Generation, die vierzehn, fünfzehn ist, wie Yasuko damals war?


In der Nähe der Mädchenmittelschule gab es auch eine Knabenmittelschule. „Mit diesen Buben waren wir in der Theatergruppe beisammen. Sobald rund um uns Buben auftauchten, traten die Mädchen in den Hintergrund. Gesprächsthema wurden nun die Buben, aber es drehte sich nicht um einen bestimmten, sondern um verschiedene Burschen, für die wir schwärmten."

„Von unserer Schule bis zur Hokkaidô-Universität gab es einen ganz wunderschönen Spazierweg. Der Flieder duftete. Der Spazierweg von zu Hause bis zur Hokkaidô-Universität dauerte ungefähr vierzig Minuten. Wenn es Frühsommer wurde, war das wirklich herrlich." „Spazieren ging ich mit einer Freundin oder auch allein".

Im Chor der Hokkaidô-Universität sangen sowohl Schülerinnen ihrer Mädchenschule wie auch Schüler der Bubenschule mit.

„Ich hatte meistens die Rolle der Klavierbegleitung".

„Welche Musik war das?" „Viele deutsche Volkslieder, und von Beethoven, `Das Lied an die Freude´". Sie summt die Melodie. „Ja, `Loreley´ haben wir natürlich auch gesungen."

Der Chor begann erst nach dem Schulunterricht. „Da wurde es verhältnismäßig spät. Die Buben als Gentlemen begleiteten mich im Dunklen nach Hause. Sie brachten mich bis zum Hauseingang, immer ein anderer."

„Meine Mutter war natürlich dagegen, nicht nur gegen das Heimbringen, sondern überhaupt, dass ich bei dem Chor mitmachte. Aber meine Klavierlehrerin meinte: `Lassen Sie sie doch. Yasuko übt viel eifriger Klavier, seit sie dort mittut.´ Und weil meine Mutter wollte, dass ich nach der Schule Klavier studiere, fand sie sich damit ab."

„Haben Sie einander geküsst?"

„Das nicht. Wir haben uns auch nicht an den Händen gefasst. Und das war nicht nur bei mir so, sondern auch bei den anderen."

Ein jährlicher Ausflug mit dem Chor führte zu einem Ort bei Sapporo, der für seine Maiglöckchen berühmt war. Oder sie gingen in den Maruyama Park. „Ich schwärmte für irgendeinen von den Schülern. Auch hier war nichts Konkretes, man berührte nicht einmal die Hand. Aber das ist doch eigentlich auch Liebe! Und darum war es meiner Mutter nicht recht."

Vor gar nicht allzu langer Zeit bat ein gewisser A. M., der in der Gegend zu tun hatte, Imai san um ein Rendezvous, das im Grand Hotel von Hamamatsu stattfand. „Wir saßen im Restaurant im obersten Stockwerk, schauten hinunter und plauderten dabei über diese alten Zeiten." Das eine Auge der Imai san, das ich durch das Bettgitter sehe, glänzt. „Das war keine konkrete Liebe, damals, aber es war doch Liebe und wir waren uns dessen bewusst, obwohl wir Distanz gehalten haben. Es ist eine schöne Erinnerung."

Die späteren „Beziehungskisten" waren nicht mehr so lustig.


Mit der Koedukation wurden Burschen auf einmal Mitschüler, wirkliche Wesen aus Fleisch und Blut. „Mit einem Mann freundschaftlich sprechen, wirklich vertraut, das wurde möglich, weil wir nun Koedukation hatten".

Yasukos erster „richtiger" Freund war N. A., ein Schüler der Parallelklasse. „Er war hübsch, handsome, darum gefiel er mir". Noch in der Schulzeit schenkte er ihr einmal zu Hinamatsuri, dem Puppenfest Anfang März, ein „hübsches Bilderbuch". Aber näher kamen sie sich erst, als sie an der Hokkaidô-Universität studierten.

„Wir besuchten beide die Französisch-Klasse. Auf dem Hin- und Rückweg kamen wir ins Gespräch. Wir gingen auch zusammen Bergsteigen. Ungefähr um diese Zeit wurde es Liebe." Vier Jahre dauerte diese Freundschaft. Nach zwei Jahren habe sie schon gewusst, dass die Beziehung nicht von Dauer sein könne.

"Ja, alle dachten, ich werde ihn heiraten", antwortet sie auf die Frage, ob von Heirat zwischen ihnen nie die Rede gewesen sei. Aber konkret erinnert sie sich nur daran, dass er nach dem ersten Kuss sagte: „Aber ans Heiraten denke ich jetzt noch nicht!"

„Das hat mich sehr zurückgestoßen, denn natürlich wollte ich zu dem Zeitpunkt auch überhaupt nicht heiraten".

„Er hat vielleicht einen guten Charakter, aber er wird dir langweilig werden“, vermutete die Mutter und hatte recht damit. Im Nachhinein sieht Yasuko diesen Jugendfreund intellektuell ihren späteren Freunden weit unterlegen.


Die drei folgenden Lieben („renai", wie sie sagt) klopften gleichzeitig an ihre Tür. Alle drei hatten Funktionen bei der linken Studentenbewegung. Die Freunde Sh., A. und H. waren drei Jahre jünger als sie und hatten so wie sie die koedukative West-Oberschule von Sapporo besucht. Sie kamen zu ihr nach Hause und baten sie, bei einer Gedenkschrift für einen von allen geschätzten Lehrer mitzuarbeiten.

„Zuerst Sh. san, dann A. san und schließlich H. san", nennt sie die Reihenfolge, in der die Studenten ihre Freunde wurden.

Die Beziehung mit Sh. verlief unerfreulich. Er imponierte ihr, weil er ein toller Redner war. Sie verliebte sich in ihn. Ab einem gewissen Punkt „ließ er mich nicht näher an sich herankommen. Vor anderen machte er ein Gesicht, als ob er überhaupt kein Interesse an mir hätte." Es war 1958, als sie mit ihm Schluss machte, das Jahr, in dem sie ihr Studium der japanischen Literatur abschloss.

A. san, der folgte, „war ein guter Mensch und außerordentlich intelligent. Aber er war verwöhnt". Ein „botschan", wie sie sagt. Das ist der japanische Ausdruck für „verwöhntes Bübchen" oder „Muttersöhnchen". Er heiratete eine andere, während sie selbst in Tôkyô war. Doch zu diesem Zeitpunkt war ihre Liebschaft schon krisengeschüttelt gewesen, und sie freute sich trotzdem sehr, als sie später an die Hokkaigakuen-Universität berufen wurde, an der auch A. unterrichtete. Sie bewunderte seine Intelligenz. „Er war der gescheiteste von allen", und sie bewunderte seine Geduld mit den aufmüpfigen Studenten der Endsechzigerjahre.


So wie Imai san das heute erzählt, scheint der Übergang von einem zum anderen der Freunde ziemlich nahtlos vor sich gegangen sein. „Die drei verstanden sich untereinander sehr gut und hatten einer nach dem anderen Interesse für mich".

Mit H. K., dem dritten der drei Freunde, war Yasuko dann ungefähr zwei Jahrzehnte beisammen, und zwar vom Ende der fünfziger Jahre bis zur zweiten Hälfte der siebziger Jahre. Wobei das Wort „beisammen" ziemlich unpassend erscheint. Im Gegenteil: „H. san machte den Doktorkurs an der Waseda-Universität in Tôkyô, denn es gab damals keinen Doktorkurs für russische Literatur an der Hokkaidô-Universität. Dann wurde er Assistent an der Tôkyô-Universität. Das war, als ich an der Hokkaigakuen-Universität in Sapporo war. Als ich nach Hamamatsu gerufen wurde, kehrte er nach Hokkaidô zurück. Wir haben uns immer überschnitten, nicht wahr!"

„Wann haben Sie dann eine intime Beziehung mit ihm gehabt?"

„In Wirklichkeit die ganze Zeit."

„Aha."

„Es war eine Beziehung, die war weder abhängig noch distanziert – tsukazu-hanarezu wie man im Japanischen sagt."

„Kann man sagen, dass das eine Beziehung war, in der sowohl geistig wie gefühlsmäßig wie körperlich eigentlich alles gepasst hat?"

Grundsätzlich sei das so gewesen, stimmt Imai san zu. Aber trotzdem sei es auch mit H. san irgendwie nicht gut gegangen.

„Warum?"

„Ich entfernte mich von ihm. Ja, äußerlich, aber auch innerlich. Als ich nach Hamamatsu ging, hatten wir noch eine Liebesbeziehung. Doch als ich 1976 nach Wien fuhr, dachte ich bereits ernsthaft daran, Schluss zu machen."


Die Lieben der Imai sensei bleiben mir zu blass, zu ferne. Ich versuche, diese Beziehungen mit weiteren Fragen einzukreisen. Es endet immer wieder und auch jetzt mit dem Satz: „Das ist eine sehr ferne Vergangenheit, und ich erinnere mich nicht mehr genau."

Etwas fällt ihr ein: „H. san konnte die Zeit nicht einhalten. Immer wieder habe ich vor Zorn geschäumt, weil er unpünktlich zu Vereinbarungen gekommen ist."

Ja, das Thema Heirat sei schon erwähnt worden. Aber nicht sehr konkret. „Ich wollte eigentlich nicht. Ich wollte kein Eheleben mit ihm führen. Und dass ich ihn nicht heiraten wollte, hat ihn wieder weiter von mir entfernt."

Wie sie mit ihm Schluss machte, auch das weiß sie nicht mehr genau.

„Ich glaube, ich habe ihn, nachdem ich von Wien nach Hamamatsu zurückgekommen war, in irgendeinem Trinklokal getroffen. Ich habe das Gefühl, dass das das letzte Mal war. Danach hatte ich keinen Verkehr mehr mit ihm. Er heiratete bald darauf. Alle, die meine Partner gewesen waren, heirateten!"

H. san war der letzte Mann, mit dem sie eine sexuelle Beziehung hatte.

„Jetzt ist Schluss´, dachte ich. Es ist doch immer nur dasselbe". Sie liegt auf ihrem Bett und lacht.


Ein Mann, der in den Erzählungen der Imai san tagtäglich vorkommt, bei den Interviews, beim Abendessen und beim Spazierengehen, ist Shibata Seiichi. In ihrem neuen Buch hat sie unter dem Titel „Die Männer, die mich geistig erzogen haben" den Nachruf veröffentlicht, den sie nach dem frühen Tod des Freundes schrieb.

Sie reiht ihn nicht unter ihre „Lieben" ein. Er war „ein vertrauter Freund", eine Art der Beziehung, die mit Männern ziemlich schwierig sei, weil das Bewusstsein des anderen Geschlechts immer dazwischen funke. „Eine Freundschaft mit einem Mann besteht dann, wenn man vergisst, dass der Freund ein Mann ist".

In ganz seltenen Fällen habe sich auch in die Beziehung zu Shibata „das Bewusstsein des Geschlechtlichen" gemischt.

„Er hat mich im Rahmen der Arbeit zu Hause besucht. Einmal habe ich ihm eine Hautcremedose hingehalten und ihn gebeten, den Deckel aufzumachen, weil er stärker ist als ich. Er sagte: `Einen Mann so etwas zu bitten, als ob nichts dabei wäre, das ist schon komisch von dir!´ Ein anders Mal hat er zu mir gesagt: `Es gibt keine Garantie dafür, dass aus einer freundschaftlichen Beziehung zwischen einem Mann und einer Frau nicht auf einmal eine Liebesbeziehung wird´".

Mit ihm besprach Yasuko, zumindest im Nachhinein, ihre Liebesbeziehungen.

Ob es nicht möglich ist, dass Shibata für sie Liebe empfunden hat, frage ich.

„Kann sein, aber ich habe das nie bemerkt. Ich war nicht nur in der Schulzeit gut mit ihm befreundet, sondern auch an der Universität. Später wurde er Reporter bei der Asahi Zeitung und ich Oberschullehrerin in Tôkyô. Wir haben uns immer wieder einmal zum Essen getroffen und locker geplaudert."

Nachdem sie Mitte der sechziger Jahre nach Sapporo zurückgekehrt war, rief eines Tages Shibatas Frau an. Shibata Seiichi war mit Anfang dreißig in der Nacht an plötzlichem Herzstillstand gestorben.

„Ich glaube, er hat sich zu früh ausgebrannt", sagte Imai sensei unlängst, als sie mir nach dem Abendessen seine Biogaphie ausführlich beschrieb.


Ich werde diese Interview-Nachmittage sicher lange nicht vergessen, wie Imai san so flach auf ihrem Bett liegt und ich nur das halbe Gesicht sehe, dessen Haut wachsfarbig schimmert. Auch ihr Oberkörper ist verdeckt, dafür sehe ich ihre Arme und Beine, die sich unkoordiniert immer wieder drehen oder zucken. Diese Bewegungen macht Imai san nicht willentlich, sondern die machen sich selbst. Das ist eben Parkinson.


Was wirklich war? Das werde ich nicht zu hundert Prozent erfassen können. Auch nicht, wenn ich ihre ehemaligen Freunde, die noch leben, ihre Freundinnen, ihre Geschwister, ihre Schülerinnen, ihre Kolleginnen befrage.

Kommt es darauf an, zu hundert Prozent zu erfassen, was wirklich war?

Diese Frage stelle ich mir immer wieder. Worauf kommt es an? Ich möchte „das Wesentliche" in der Person und im Leben der Imai san erfassen. Ich wünsche mir, dass jede Frage oder besser, jede Antwort, wie ein Puzzleteil das Bild ihrer Persönlichkeit vollständiger macht. Und ich will die Zeitgeschichte erfassen, wie sie sich im Leben der Frau Imai spiegelt. Ich glaube, wenigstens den Hauch einer vergangenen Zeit nachzuerleben, ist am Beispiel eines Individuums eher möglich als anhand objektiver Beschreibungen einer Zeit mit allen ihren Phänomenen.


Muss dieses Individuum typisch sein für die Epoche, von der eine Ahnung in uns aufsteigen soll und das eine oder andere „Aha-Erlebnis", das an die Empfindungen der Menschen von damals herankommt?

Und was wäre typisch? Typisch sind sicher nicht nur die Angehörigen der statistischen Mehrheit. Zu denen gehört meine Imai sensei nicht. Die Mehrheit der Japanerinnen ihres Alters schauen auf eine andere Biographie zurück. Sie haben nach der Schule geheiratet und Kinder bekommen. Aber ist es nicht auch typisch, welche Außenseiterinnen eine Periode hervorbringt? Oder noch besser, welche Erfahrungen statistische Außenseiterinnen machen? Welche Gelegenheit zur Verwirklichung ihrer Wünsche auch eine Außenseiterin bekommt? Und ist es nicht auch interessant, wie sich die gesellschaftlichen Umstände so ändern, dass eine Außenseiterin allmählich in Richtung Mitte rückt?


Als Imai Yasuko jung war, leistete sie jedenfalls Widerstand gegen den japanischen Umgang mit Frauenleben und weigerte sich, dem Heiratszwang zu folgen.

„Wenn ich sage, was in der Geschichte Japans gut war, dann offensichtlich, dass Japan den Krieg verloren hat", sagte sie auf den Tonbändern von 2000 in Zusammenhang mit dem o-miai, dem Treffen mit einem arrangierten Partner, zu dem ihr Vater sie Mitte der fünfziger Jahre, als sie 23 Jahre alt war, schicken wollte. „Früher konnte das Familienoberhaupt Heirat, Schule, Wohnort, alles bestimmen." Eine Frau konnte kein Familienoberhaupt sein.

„Wenn ich auch noch so darauf beharrt hätte, dass ich nicht heiraten will oder einen bestimmten Mann nicht heiraten will, es hätte mir nichts genützt, wenn mein Vater es gewollt hätte."

Der Vater brachte die „miai-Idee" ins Haus, nachdem der erste Freund, N. A., nicht mehr zum Essen kam, und es klar wurde, dass diese Beziehung zu Ende war.

„Die Mutter sagte, der vom Vater ins Auge gefasste Mann sei eine bessere Partie als der Mann der älteren Schwester. Die war schon verheiratet, es war eine arrangierte Ehe. Ihr Mann war kein Akademiker." Beim Bräutigam in spe von Yasuko handelte es sich um den Sohn eines Arbeitskollegen des Vaters. „Er hatte den Doktorkurs der naturwissenschaftlichen Fakultät der Hokkaidô-Universität absolviert. Ich kannte ihn überhaupt nicht."

„Aber so ein Vorschlag kam nur einmal vor. Ich lehnte ab: `Frage mich so etwas nie mehr. Wenn ich heirate, suche ich mir meinen Partner selbst aus. Wenn ich mir vorstelle, ich müsste einen Menschen wie dich heiraten, bringe ich mich gleich um!´ Und so weiter. Später tat es mir leid, dass ich gar so heftig reagiert habe."


Imai san überlegt und antwortet nach längeren oder kürzeren Pausen, auch wenn ich sie Heikles frage: „Haben Sie sich jemals ein Kind gewünscht?" „Was haben Sie zur Empfängnisverhütung gemacht?" „War es gut, dass es Ihre Liebesbeziehungen gegeben hat, obwohl sie alle zu Ende gegangen sind?"
„Ja, es war gut, denn wenn ich die Liebe nicht kennengelernt hätte, würde ich mich womöglich immer noch danach sehnen."


Als ich heute ins Heim kam, lag Imai san und hörte eine CD mit japanischen Schlagern. Ich war überrascht, denn ich wusste nicht, dass Imai san außer für klassische europäische Musik auch eine Vorliebe für populäre japanische hat. Besonders „Kandagawa "- Der Kanda-Fluss - sei ein Lieblingslied von ihr. Es ist ein „picksüßes Hölzl" oder eine Schnulze, aus den frühen siebziger Jahren. Von üppigen Bratschen-Klängen umrahmt singt eine Sängerin, die Kaguyahime heißt, wie die Märchengestalt, die von den Sternen auf die Erde hernieder gestiegen ist:


Kandagawa


Hast du es schon vergessen,

das rote Handtuch um den Hals

so gingen wir zu zweit

in das öffentliche Bad in einer Seitenstraße.

Wir gehen zusammen heim, nicht wahr,

das hast du gesagt, aber

du hast mich immer warten gelassen.

Meine nassen Haare bis zum Kern durchfroren,

die kleine Seife staubtrocken,

hast du mich in die Arme genommen.

Dir ist ja kalt, hast du gesagt.

Wir waren jung damals,

und ich hatte vor nichts Angst,

nur vor deiner Zärtlichkeit

davor hatte ich Angst.


Du hast es wahrscheinlich schon weggeworfen –

billige Buntstifte in 24 Farben

hast du gekauft,

du hast mein Porträt

gezeichnet.

Das habe ich doch schön gemacht,

hast du gesagt,

aber es hat mir überhaupt nicht ähnlich geschaut.

Unter dem Fenster der Kanda Bach,

drei Tatami groß

ein winziges möbliertes Zimmer.

Du hast lange

meine Fingerspitzen angeschaut.

Bist du traurig?

hast du gefragt.

Wir waren jung damals,

und ich hatte vor nichts Angst,

nur vor deiner Zärtlichkeit

davor hatte ich Angst.


Auch Frau S. wird bei diesem Schlager nostalgisch. „Er erinnert mich an meine ersten Ehejahre".

Am Freitag mache ich wieder einen Ausflug, und am Sonntag komme ich vielleicht auch nicht zu Imai sensei, weil gerade Yôko san anrief und mich einlud. Wir fahren mit Frau O. und Frau A. zum Tempel, in dem Herr T. seine priesterliche Ausbildung fortsetzt.

Frau S. zeigte mir im Anschluss an das Telefonat mit Yôko ihre Sammlung von Kabuki-Programmen, die in schönster Ordnung in einem Schrank aneinandergereiht sind, und schenkte mir ein paar Infoblätter über besonders berühmte Stücke und Schauspieler. Sie ist sehr begeistert vom Kabuki-Theater.


Anmerkungen

Fotos| 25.10| 26.10| 27.10| 28.10| 29.10| 30.10| 31.10| 1.11| 2.11| 3.11| 4.11| 5.11| 6.11| 7.11| 8.11| 9.11| 10.11|
11.11| 12.11| 13.11| 14.11| 15.11| 16.11| 17.11| 18.11| 19.11| 21.11| 22.11| 23.11| 25.11| 26.11| 27.11| 28.11

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