Ruth Linhart | Japanologie | Biographieprojekt Imai Yasuko


Herbst in Hamamatsu, ein Reisetagebuch

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An den Krieg - keine Erinnerungen

9. November, Sonntag

Heute stand ich erst um halb acht Uhr auf, Frau S. sauste um acht Uhr weg, sodass ich sie nur kurz sah, als ich Zähne putzen ging. Sie saß am PC und sagte irgendetwas Längeres zu mir, mit „onegaishimasu - Bitte". Ich glaubte, sie wolle etwas von mir, aber sie lachte und sagte, das sei nur ein „go-aisatsu", ein Morgengruß, gewesen.

Ich frühstückte, saugte ordentlich, öffnete den PC und das Mail: keines von Hansi. Ich schrieb Emails und Ansichtskarten und überlegte allerhand in Vorbereitung auf das heutige Gespräch mit Imai san, dann schrieb ich meine weiteren Pläne auf, und schließlich will ich noch aufschreiben, was ich heute früh träumte, nachdem mich der Sohn des Hauses um halb sieben Uhr aus dem Schlaf gerissen hatte.


Irgendwo auf einer Reise stieg ich aus einem Bus aus. In dem Bus war die Reisegesellschaft. Warum ich ausstieg, um sie irgendwann wieder zu treffen, weiß ich nicht. Peter, ein verstorbener Freund, kauerte, weißbärtig, mit Rucksack oder etwas Ähnlichem, in einiger Entfernung auf dem Boden, und ich winkte ihm und er mir. Dann kam Gracia, seine Lebensgefährtin, die aber ganz anders ausschaute als im wachen Zustand. Ich griff sie an, beim Abschied, und sie sagte ziemlich besserwisserisch psychologisch: „Du brauchst auch immer etwas zum Festhalten". Ich war unangenehm berührt, sagte aber „Ja" und umarmte sie.

Der Bus war weg, und auf einmal fiel mir auf, dass ich vergessen hatte, meinen Koffer aus dem Bus zu nehmen. Und jetzt hatte ich zwar meine Handtasche dabei, Geld schon, aber sonst gar nichts. Auch keine Adressen. Was sollte ich nur tun? Ich hatte keinen Stadtplan, und wusste nicht ein noch aus. Die österreichische Botschaft ging mir durch den Kopf, dass ich mich dort melden könnte, die würde mir helfen. Aber auch das war sehr vage, weil ich gar nicht wusste, wo in dieser Stadt ich war. Ich kam bei einem Museum vorbei und ging hinein, und hier fühlte ich mich wohl. Ich hörte ein Ehepaar deutsch sprechen, eine dunkelhaarige Frau und einen großen Mann. „Das sind sicher Juden, die aus Österreich geflohen sind“, dachte ich. Ich redete sie an und sagte, dass ich zwar wisse, in welcher Stadt ich sei, aber sonst nichts. Ich versprach mich und nannte Rio de Janeiro. „Nein, nein, das weiß ich schon, dass ich in Santiago de Chile bin“. Dann war da auf einmal so eine Art Holzkiste, die für mich als Schlafplatz vorbereitet wurde. War das im Museum oder war ich jetzt im Haus dieser Leute? Und es gab auch einen Tisch, einen großen, mit einem gelben geblumten Nylontischtuch. Die Frau hatte eine Schürze vorgebunden. Und nun war auch Hans wieder da, aber der Traum zerflatterte und ich wachte auf, welches Glück!


Herr S. ist nicht von Ôsaka zum Wählen nach Hause gekommen, und auch der Sohn kam nicht vor acht Uhr abends heim. „Früher schlossen die Wahllokale um fünf Uhr, jetzt sind sie bis acht Uhr geöffnet, weil so wenig Leute wählen gehen", sagte Frau S..

„Da sagt man immer, die Frauen haben kein Interesse an der Politik, dabei interessieren sich die Männer viel weniger dafür", meinte ich.

„Ja, weil die Frauen Zeit haben und die Männer arbeiten!" nahm Frau S. diese in Schutz.


Heute holte ich Frau Imai wieder einmal ein bisschen zum Spazieren hinaus und gab uns ein halbes Stündchen frische Luft. Sie sollte das jeden Tag haben. Wir gingen bis zu den mikan-Plantagen. (mikan sind die japanischen Mandarinen). Sie erklärte mir den Unterschied zwischen sato-imo und satsuma-imo, die auf den landwirtschaftlichen Flächen rund um das Spitalsviertel wachsen. Satoimo heißt zwar wörtlich übersetzt Zuckerkartoffel, ist aber nicht dasselbe wie die lilarote Süßkartoffel, die heißt satsuma-imo. Satsuma ist die Gegend in Südkyûshû, aus der außer der Kartoffel auch ein Teil der Familie von Imai san herkommt. Imai san sagte mir auch, wie die Pflanzen heißen, die als Hecken und als exotisch geformte Bäume die Gärten zieren: maki, Steineibe podocarpus macrophylla. Aha. Wir gingen bis zu einem takibi, einem herbstlichen Feuerchen, das seine weißen Schwaden in den blaugrauen Nachmittag schickte. Es war warm, aber sehr grau heute, und am Abend tröpfelte es.

So ein kleiner Spaziergang tut der sensei gut. Danach legte sie sich hin, ließ sich hinlegen, besser gesagt, und während ich den ganzen Aufnahmekram aufstellte, schlief sie ein. Ich schaltete den pasocon wieder ab, aber dieses Geräusch weckte sie dann auf.


„Ich möchte Sie über Ereignisse fragen, die zeitlich vor der Frauenbewegung und vor der Studentenbewegung liegen", begann ich. „Als Sie geboren wurden bzw. als Sie ein kleines Kind waren, befand sich Japan gerade in einer sehr nationalistischen Phase. Mit China wurde Krieg geführt und in Korea und Südostasien machte Japan eine imperialistische Politik. Der Zweite Weltkrieg brach 1941 aus. Ihre Erinnerungen an diese Zeit ..."

Nai desu - Es gibt keine!" unterbrach sie mich energisch.

„Wann beginnen denn Ihre Erinnerungen?"

„Mit drei, vier Jahren", sagt sie. „Weil ich oft krank war, lag ich sehr viel. Meine ersten Erinnerungen sind ans Liegen." Sie lacht ein bisschen. „Der Vorhang ist vorgeschoben. Es war ein Vorhang, den meine Mutter genäht hat. Dass ich das Muster dieses Vorhangs angeschaut habe, das ist meine erste Erinnerung".

Jetzt, gegen Ende ihres Lebens liegt Imai san auch wieder sehr viel auf ihrem Bett. Der Vorhang in ihrem Zimmer ist vorgezogen. Der Kreis schließt sich. Das geht mir schnell durch den Kopf.

„Aber als Sie größer wurden, haben Sie wahrscheinlich Auswirkungen des Krieges mitbekommen …"

„Bis ich in die Schule kam, hatte ich für solche Sachen nicht das geringste Interesse."

Sie wehrt meine Fragen über den Krieg, mit denen ich sie quasi einzukreisen versuche, die längste Zeit ab. Ihr Tonfall ist sehr bestimmt, sehr heftig, fast pathetisch. Sie versucht, auf andere Themen auszuweichen, gleitet in ein eingefahrenes Gesprächsgeleise nach dem anderen. Dass der Vater ihr nur das Putzen beigebracht habe. Dass sie in der Zeitung nur die Romane interessiert hätten. Dass sie schon mit zwei oder drei Jahren lesen konnte.

Ich frage sie nach den Soldatenliedern, den gunka, die sie als Kind gesungen hat, wie sie mir ein anderes Mal erzählt hat. Darauf geht sie ein. Die standen in einem Bilderbuch vom Kôdansha-Verlag, das sie schon öfters erwähnt hat.

„Welche Lieder haben Sie gesungen? Zum Beispiel?"

„Welche Lieder?" und sie beginnt zu singen: „Koko wa okuni o nanbyakuri hanarete tôki Manschû no akai yûhi ni terasarete …Hier in der fernen Mandschurei, hunderte von Meilen entfernt von unserem Land und angestrahlt von der roten Abendsonne …". An mehr Text erinnert sie sich nicht. Sie versucht noch dies und das, aber ich verstehe die bruchstückhaften Texte schlecht, die sie stockend aus dem Gedächtnis holt. Dieses Kinderbuch aus den dreißiger Jahren muss ich mir jedenfalls beschaffen!

Die Soldatenlieder habe sie nur deshalb gern laut vorgesungen, weil die Mutter dann sagte: „Kluges Kind!"

„Wenn ich so gelobt wurde, freute ich mich, und darum sang ich die Lieder immer wieder!"

Die Mutter habe sie ihr beigebracht, aber jeden Zusammenhang mit der politischen Stimmung in Japan, den ich für gegeben annehme, wehrt Imai san vorerst ab. Das seien ja Lieder aus dem Russisch-Japanischen Krieg gewesen, der Jahrzehnte früher war.

„Aber als Sie diese Lieder gesungen haben, Ende der dreißiger Jahre, hat gerade ein sehr heftiger Krieg mit China stattgefunden...."

Mehr als „Mmh" ist ihr nicht zu entlocken.

Erst, als ich Imai san wiederholt erkläre, dass mich der Zusammenhang zwischen Politik und Individuum interessiert und dass ich ihre Lebensgeschichte in die Zeitgeschichte einbetten möchte und ihr daher solche Fragen stellen muss, bricht ihr Widerstand etwas auf.

In ihrem Umfeld in Sapporo gab es niemand, der als Soldat im Krieg war, sagt sie. Aber sowohl ein Bruder der Mutter wie auch ein Bruder des Vaters waren in Mandschukuo. Ihr Vater sei eher schwächlich gewesen und daher nicht volltauglich.

Das Wort „Krieg" verwendet sie nur in Zusammenhang mit dem Zweiten Weltkrieg, also ab dem Angriff der Japaner auf Pearl Harbour Ende 1941. Damals war sie acht Jahre alt. Auf Fragen, die sich mit China, Korea oder Südostasien beschäftigen, geht sie nicht ein. Doch nach und nach purzeln diverse Erinnerungsfetzen und Anekdoten aus ihrer Kinderzeit, die den Krieg betreffen, in unchronologischer Reihenfolge in unser Gespräch. Zum Beispiel von den Buben in ihrer Klasse, die, als der Krieg mit Amerika anfing, herum sprangen und riefen: „Der Krieg hat angefangen, der Krieg hat angefangen." Die Mädchen machten nicht mit.


Die Grundschule, in die Imai san ging, gehörte zu einer Lehrerbildungsanstalt. Immer wieder betont sie, dass die Atmosphäre dort nicht sehr nationalistisch war, zumindest in den ersten Jahren.


„Wann ist der Krieg bewusst in Ihren Kopf eingedrungen?"

„Als wir imonbun schreiben mussten, Trostbriefe für die Soldaten. Imonbukuro waren `Trostsäckchen´ aus weißer Baumwolle. In diese gab man die Briefe. In die Mitte des Briefes kam eine Zeichnung, rundherum der Text. Das war nach zwei Kriegsjahren. Ich schrieb: `Der Japanisch-Chinesische Krieg und auch der Russisch-Japanische Krieg haben zwei Jahre gedauert, und weil auch dieser Krieg schon zwei Jahre gedauert hat, drum wird er bald zu Ende gehen. Lieber Herr Soldat, lieber heitai-san, halten Sie bis dorthin durch!´ Die Briefe wurden von der Schule aus abgeschickt, aber der Lehrer sagte, ich solle diesen Brief vorher zu Hause meiner Mutter zeigen. Die sagte: `Um Gottes Willen, was schreibst du für Sachen. Du darfst nicht vom Ende des Krieges sprechen. Der hört nicht auf, in alle Ewigkeit nicht. Radier das aus!´ Ich war sehr traurig, weil der schöne Brief durch das Radieren verpatzt wurde. Meine Mutter erklärte mir nicht, weshalb ich diese Korrektur vornehmen musste. Und `Warum´ zu fragen, das war für ein Mädchen nicht erlaubt. Ein Mädchen darf nicht zweifeln. Ein Mädchen muss zu allem `Hai´, ja, sagen."

Ab der dritten Klasse, das war 1943, Imai san war zehn Jahre alt, bekam sie einen sehr militaristischen Lehrer, er war Marinesoldat. Nun mussten sie vor dem Essen den Soldaten, die das Vaterland verteidigten, danken. Der Lehrer aus der Marine ließ die Kinder in Reih und Glied stehen und schlug sie, oft so kräftig, dass sie hinfielen. Er ließ die Kinder stundenlang in japanischer Weise auf den Knien hocken. Shibata Seiichi, der später ihr enger Freund wurde, furzte in diese heilige Stille hinein, worauf die Kinder in Lachen ausbrachen und der Lehrer dem Ungehobelten verbot, weiter an dieser Übung teilzunehmen. „Ich hielt ihn damals für einen völligen Schwachkopf!"


Gegen Kriegsende arbeitete die Klasse der älteren Schwester in einer Flugzeugfabrik in der Nähe von Sapporo. Es gab Luftschutzalarm, an solchen Tagen mussten die Kinder zu Hause bleiben. „Vor dem Eingang unseres Hauses war ein Luftschutzkeller, dort sprangen wir hinein." Es gab `rire no kunren´, Übungen mit der Eimerkette. „Damit im Falle eines Bombenangriffes die Häuser nicht zu brennen anfangen. Man gab die Eimer mit Wasser immer dem nächsten weiter, bis zu dem Ort, wo es gebraucht wurde." Außerdem übten die Mädchen „naginata", einen traditionellen Kampfsport. „Dabei benützt man lange Holzstöcke. Mit denen sollten wir die amerikanischen Soldaten umwerfen." Aber diese Erinnerungen sind schwach gegenüber anderen.

„Wir hatten Hunger. Es gab keine Schokolade mehr und kein Biskuit wie vor dem Krieg. Nach und nach wurde alles eingeschränkt, und wir setzten Rüben und Erdäpfel in unserem Garten." Außerdem seien die Lehrer immer mehr zum Fürchten geworden, und die Buben hätten angefangen, sich wichtig zu machen.


Dann kam der 15. August 1945. An diesem Tag sollte eine Versammlung in der Schule stattfinden, obwohl Sommerferien waren. Der Lehrer schickte die Kinder jedoch nach Hause. „Warte, bis die Familie heimkommt. Es ist ein wichtiger Tag. Dreh das Radio auf."

„Die Leute hatten schon die Information, dass der Krieg verloren war und der Tennô im Radio sprechen würde. Der Vater hatte das an seinem Arbeitsplatz gehört und kam ebenfalls heim. Die ältere Schwester auch. Die Mutter, die nichts davon wusste, weil sie das Haus nicht verlassen hatte, sagte: `Wenn alle sagen, dass der Krieg verloren ist, werde ich halt allein weiter aushalten – watashi hitori wa ganbarimasu.´ Dann sprach der Tennô." Imai san ahmt seine Sprechweise nach.

„Daran erinnere ich mich gut. Es war eine lange Rede. Den genauen Inhalt verstanden wir alle nicht, aber den Sinn verstanden wir: Wir haben verloren und der Krieg ist aus. Die Mutter, die vorher gesagt hatte, sie werde allein den Krieg fortsetzen, sagte nachher auch nichts mehr".


Sorekara ato wa karatto funiki ga kawaru wake desu – Und daraufhin änderte sich die Atmosphäre mit einem Schlag." „Als der Krieg zu Ende war, wurde die Atmosphäre rundherum plötzlich frei – sensô ga owaru to kyû ni mawari no funiki ga jiyû ni natte". „Sofort?" „Ja, von einem Tag auf den anderen."
Während des Krieges waren aus den Schulbüchern die Namen sämtlicher westlicher Kultur- und Geistesgrößen eliminiert worden. Nun mussten auf Anordnung des Unterrichtsministeriums alle Stellen in den Schulbüchern, die auf den Geist der Kriegszeit hinwiesen, mit Tusche übermalt werden. Das machten die Schüler und Schülerinnen.


Der heutige Nachmittag dauerte sehr lange. Nach einer Weile war ich ganz benommen im Kopf und musste pausieren. Es gab, weil Sonntag, keine Rehabilitation. Und Hansis Telefonat unterbrach uns auch nicht, wie sonst immer, weil er erst am Abend bei Frau S. anrief.

Ich frage mich, warum Imai san so ablehnend auf das Ansinnen reagiert hatte, in ihren Erinnerungen über den Krieg zu stöbern. Tatsächlich habe ich in Österreich schon sehr viel mit Leuten über den Krieg gesprochen, aber in Japan? Es gibt sehr viel japanische Literatur über den Krieg, auch darüber habe ich recherchiert. Aber habe ich meine Bekannten nach dem Krieg gefragt? Ich kann mich nicht erinnern.

Dass in Japan die Kriegsvergangenheit verdrängt wird, das ist Allgemeinwissen. Aber bei Imai san überrascht mich diese Abwehr. Sie war damals doch noch ein Kind, und es ist nicht anzunehmen, dass sie sich schuldig fühlt.


Nach einer Pause, in der ich den weiten Weg zur Toilette beim Eingang des Garten Eden unternahm, bohrte ich weiter.

„Kann es sein, dass Sie sich an den Krieg so wenig erinnern, weil Sie sich damals für ganz andere Sachen interessiert haben. Das war doch die Zeit, in der Sie mit Ihrer Freundin Kasei Junko davon geträumt haben, Malerin zu werden und nach Paris zu gehen?"

„Ja, so ist es. Als ich später in Tôkyô war und erzählte, dass ich an dem Krieg keinerlei Interesse hatte, da sagte ein Student zu mir: `Ihr wart ja arge Mädchen. Frech, und ohne jede Beziehung zur Welt!´ Ich wurde deshalb ziemlich kritisiert. Als Erwachsene. Aber ich war als Kind in einer Umgebung, die mich keine Beziehung zur Außenwelt aufnehmen ließ."

„Haben Sie nach dem Krieg irgendwann einmal über den Krieg nachgedacht?" frage ich sie.

„Darüber nachzudenken habe ich angefangen, als ich Shibata Seiichi wieder traf."


Die grundlegende Veränderung kam nach dem Krieg mit der Koedukation. Das war für Imai san 1950. Damals wurde in Sapporo das von der amerikanischen Besatzung bereits 1947 erlassene Schulgesetz verwirklicht. Die bisherigen Oberschulen für Burschen und die höheren Mädchenschulen wurden zusammengelegt.

„Dass ich in die Nishikô-Oberschule von Sapporo kam, war ein Zufall. Sie war die Schule mit dem ausgeprägtesten sozialen Bewusstsein." Hier sei ihr im Kontakt mit den politisch interessierten Schulkollegen bewusst geworden, dass es nötig sei, sich für die gesellschaftliche und politische Umwelt zu interessieren und sich eine eigene Meinung über die Dinge zu machen, „damit es nie mehr zu einer solchen Situation kommen kann, wie sie im Krieg war."

„Was für eine Situation?"

„Das heißt konkret, dass man Hunger hat, aber auch, dass man immer das Bewusstsein hat, dass rundherum schreckliche Sachen passieren. Mir wurde klar, dass ich als Einzelperson in der großen Strömung des Krieges mitgeschwommen bin. Dass ich nicht mehr ich selbst gewesen bin. Dass ich Kriegslieder sang und die Namen aller japanischen Kaiser auswendig hersagen konnte, und dass ich das für richtig und gut hielt. So eine Situation darf es nie mehr geben!"


Es war so still im Heim, so still wie gestern. Angeblich ist heute Masako san, die Frau des Kronprinzen, zu Besuch gekommen. Die kaiserliche Familie habe ein bessô, ein Landhaus, am Hamana-See, sagt Imai san. Aber es schaute nicht so aus, als wir spazieren gingen. Dazu war es viel zu ruhig. Später las ich in der Zeitung, dass Masako san sich tatsächlich in der Gegend aufgehalten hat, aber bei einer Sportveranstaltung.

Frau Imai fragte die Pflegerin, die das Tablett mit dem Abendessen aus dem Gemeinschaftsraum zu uns herüberbrachte: „Wie wird wohl die Wahl ausgehen?" Die junge Frau reagierte gar nicht darauf. „Die Leute interessieren sich nicht für Politik!" murmelte Imai san.


Das Abendessen war gut, eigentlich ist es immer gut. Die Schüsselchen mit diversen Gerichten erfreuen auch das Auge. So komme ich fast jeden Tag zu einem echten japanischen Essen. Heute gab es Sashimi mit einer gelb strahlenden kiku, einer Chrysantheme, Gemüse – Kürbis und Melanzani - und irgendetwas aus Reis, irgendeinen Restbestand, der aber auch gut schmeckte. Und Lauch mit Muscheln. Winzige Portionen, aber wohlschmeckend.


Wieder dachte ich, dass es mir wohl zu viel werden würde, in der Hospiz-Arbeit tätig zu sein, als ich im Finstern das Heim verließ. Immer mit dem Letzten, dem Schlimmsten, zu tun zu haben! Immer das Sterben anschauen, das senkt wahrscheinlich – zumindest bei mir - schon den Stimmungspegel und beeinträchtigt die Lebensfreude.

Ja, ich will mich mit dem Sterben bekannt machen. Es soll seinen Schrecken verlieren. Aber auf diese Weise? Jeden Tag?


Um acht Uhr abends rief Hansi an. Er klingt verkühlt. Er hat mir ein Email geschickt, das nicht ankam. So, jetzt würde ich ganz gerne noch fernsehen und emailen. Schauen wir einmal, was hinter meinen Schiebetüren los ist. Draußen beginnt es zu regnen.


Anmerkungen

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