Ruth Linhart | Japanologie | Biographieprojekt Imai Yasuko


Herbst in Hamamatsu, ein Reisetagebuch

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Der Bund

8. November, Samstag

Ich sitze an meinem „Schreibtisch", dem Tischchen, das mir Frau S. unlängst gebracht hat. Die Fenster sind offen, leichter Wind weht herein. Durch die mit Papier bespannten Schiebetüren auf der Innenseite der Fenster scheint die Sonne. Es ist wieder schönes Wetter, warm. Ich habe gerade das kurzärmlige T-Shirt angezogen. Frau S. ging um halb neun Uhr, weil sie arbeitet – beim kokutai, dem Volkssportfest, sagte sie. Bei diesem Sportfest für Behinderte, das derzeit gerade, anschließend an das große nationale Sportfest, durchgeführt wird? Auch ihr Sohn ist dafür tätig.

Jedenfalls saß sie schon beim Frühstück und aß, als ich aus meinem Zimmer kam. Sie hatte vier Schüsselchen vor sich, ein richtiges japanisches Frühstück. „Wollen Sie nicht ein bisschen Eierspeise, ich habe zu viel gemacht?", fragte sie. Ich musste leider ablehnen. Darauf habe ich in der Früh gar keine Lust. Das Wattebrot ist ja auch nicht gerade begeisternd, aber Frau S. hat mir unlängst Müsli besorgt.

Sie begann davon zu reden, was sei, wenn ich nach dem Aufenthalt hier noch Fragen an Imai san hätte.

Eine gute Frage! Ich erzähle ihr, dass der Email-Kontakt mit Imai san in den letzten Monaten vor meiner Japanreise nicht mehr richtig geklappt habe. Ich müsse dieses Problem auf jeden Fall noch mit ihr selbst bereden, bevor ich abfahre.

Dann schweift Frau S. zu den Finanzen der Imai san ab. Vom neuen Buch ausgehend, das sich ein bisschen verkaufen solle. Zumindest die Hälfte der tausend Exemplare sollten verkauft werden, was keine einfache Sache ist. Frau S. fürchtet, dass Imai san zu viele Exemplare herschenken wird.

Ja, Imai san habe schon Erspartes, aber sie gebe auch gerne Geld aus, bestelle sich aus Katalogen hübsche Kleidung und gute Sachen zum Essen. Zugegeben, das seien Kleinigkeiten. Aber sie wolle auch den neuesten PC oder den besten Rollstuhl.

„Imai san hat so viel Pension, dass ihr nach Abzug des Essens und anderer Fixausgaben genug für zeitaku - Luxus überbleibt. Sie macht auch gerne Geschenke. Eigentlich müsste sich alles gut ausgehen, nur eben, die großen Ausgaben sind das Problem." Ich schaue wahrscheinlich sehr besorgt, denn Frau S. versichert mir in abschließendem Tonfall: „Aber Frau Imai rechnet schon, sie hat das schon noch im Griff. "

Wir sprechen auch darüber, dass Imai san vergisst, was am Vortag war. Ich meine, das sei nicht das Alter, denn siebzig sei dafür etwas zu früh, sondern die Krankheit. Und Frau S. verweist auf die Abgeschlossenheit von der Welt draußen, die verstärkend wirke, der mangelnde Kontakt mit anderen Leuten, außer den Alten und Kranken, die Imai san im Pflegeheim umgeben. „Das ist kein geistig befruchtendes Klima, dort im Garten Eden."

„Aber ihr Buch, das war doch immerhin eine gewaltige Leistung," gebe ich zu bedenken. Frau S. stimmt zu und meint, für Imai san bedeuten ihre Bücher dasselbe wie für andere Leute die Kinder. Ich pflichte ihr bei.

Der Vertrieb, sozusagen, der macht Frau S. Sorgen. „Wo man die Bücher lagern kann, wohin die Bestellungen gerichtet werden können, wer aller die Information erhalten soll, dass dieses Buch erschienen ist …"


Auf einmal pressierte es Frau S., sie stürzte auf die Knie, holte das Schminkzeug aus dem unteren Fach des kleinen Fernsehtischchens und schminkte sich neben mir, während ich nun meinerseits das Frühstück aß.

Dann brauste sie fort mit ihrem Auto, und ich mailte, wusch Wäsche und rief im Hotel Floracion Aoyama in Tôkyô an, um mich meines Zimmers zu versichern. Das Telefonat dauerte ein bisschen, aber es scheint alles okay zu sein. Ich kann dort mit Visa-Karte zahlen, was mich erleichtert, weil ich dann die Yen nicht gar so kleinlich zu zählen brauche.

Jetzt an die Arbeit, es ist schon elf Uhr vormittags. Die Vogerln zwitschern leise. Es gibt hier so diskrete Vögelchen.


Nachts.

Frau Imai lag heute, als ich kam. Es war sehr still im Heim. „Es geht mir nicht gut und nicht schlecht", sagte sie, als ich sie nach ihrem Befinden fragte. „Wie immer."

Aber mir scheint, dass es ihr heute schlechter ging. Um halb drei Uhr vergaßen wir wieder die wichtige blaue Tablette gegen Parkinson. Gestern nahm sie diese auch mit Verspätung ein – das heißt, vorgestern, gestern war ich ja in Meijimura.

Sie fragte mich, wie es mir dort gefallen hätte, freute sich über meine Begeisterung, und erinnerte sich sichtlich gerne an eigene Erlebnisse dort. Leider kann ich sie nicht nur Sachen fragen, an die sie sich gerne erinnert. Das würde ihr wahrscheinlich wohler tun.

„Ich war mit meiner Mutter dort. Sie hat sich gefreut, Sachen zu sehen, die für sie in der Kindheit wichtig waren." Im Restaurant des Kaiserlichen Hotels, in dem die Mutter seinerzeit geheiratet hatte, tranken sie Kaffee. Imai san war auch einige Male mit ihren Studentinnen in dem Freilichtmuseum. Sie sagt, dass sie ihr Prospekt über das Meijimura jemand geborgt hätte, der es ihr nicht zurückgegeben habe. Ich war das nicht – hoffe ich!


Heute war sie vor allem vergesslicher als sonst. Es schien, als ob sie zum ersten Mal von meinem Wunsch hörte, einen Artikel über das Altersheim Garten Eden zu machen. Dabei haben wir schon einige Male darüber geredet, und sie hat bereits gesagt, dass sie sich überlegen wird, mit wem ich sprechen soll. Heute versprach sie dasselbe. Sie wollte mir auch zum wiederholten Mal die Geschichte von Shibata Seiichi erzählen. Es schaut so aus, als ob ihre Erinnerung immer wieder in einige markant vertiefte Geleise ihres Gedächtnisses rutschen würde. Es ist schwierig, sie mit geeigneten Fragen von dort herauszulocken.

Sie hat auch eine eigene Art, die Welt zu sehen: sehr bestimmt. War das vielleicht immer schon so, oder ist das eine Folge ihrer Krankheit? Ich kann es nicht sagen. Zum Beispiel:

In China arbeiten alle Frauen und die Männer machen Hausarbeit. In Bezug auf China ist für sie die Meinung ihrer Freundinnen J. san und Ch. san das Non plus ultra. Ich vermute, dass Frausein in China nicht so ideal ist, wie Imai san glaubt und wünscht. Aber wahrscheinlich braucht sie immer ein „Fluchtfenster". Einen Ort, der als Vorbild dienen kann. Früher war es der Westen, heute ist es China.

Auf den ersten Blick wirkt sie bemitleidenswert. Aber – ist es wirklich so? In ihr wohnt noch immer eine – wie soll ich sagen – „intellektuelle" Sehnsucht, die ihr die Kraft gibt, sich aus der Enge, die sie umgibt, hinauszuheben. „Sie hat einen starken Willen", sagen ihre Freunde, und es klingt bewundernd. An sich ist das eine Gabe, die in Japan traditionellerweise bei Frauen nicht geschätzt wird.


Interviewthema war heute die Studentenbewegung, das sogenannte „gakusei undô".

„Wie haben Sie mit der Studentenbewegung Kontakt bekommen", beginne ich.

„Die Verantwortung dafür hatte Shibata Seiichi, mit dem ich an der Hokkaidô-Universität studiert habe, aber wir waren schon in der Grundschule und in der Oberschule beisammen."

Imai san hat mir bereits erzählt, dass der Freund zum glühenden Kriegsgegner geworden sei, weil sein Vater an Kriegsfolgen starb. Nach dem Krieg wurde er Kommunist und gründete schon in der Oberschule eine linke Zelle, an der Imai san aber nicht beteiligt war. Nachdem er von der Polizei festgenommen worden war, habe er auf Bitten seiner Mutter die kommunistische Partei verlassen, blieb aber aktiv in der linken Bewegung.

„An der Universität gab es unter den linken Studenten die sogenannte Nishikô-Gruppe, die Gruppe der Absolventen der West-Oberschule. Dazu gehörten Shibata san, ich und andere. Wir fühlten uns eher zusammengehörig, weil wir von der selben Schule kamen als wegen der gedanklichen Inhalte."


„Wieso haben Sie an linken Gedanken solches Interesse gehabt?" frage ich. Denn vom Elternhaus her war Imai san nicht in diese Richtung vorgeprägt.

Der Vater stammte aus einer vermögenden Grundbesitzerfamilie. Die Mutter konnte auf die Herkunft aus einer Samuraifamilie verweisen. Die Mutter war – wie in Japan oft der Fall – als kleines Mädchen von einer älteren Cousine adoptiert worden, die keine Kinder kriegen konnte. Deren Mann, also Yasukos Adoptivgroßvater, war ein von der westlichen Kultur begeisterter hoher Bahnbeamter, der Europa und Amerika mit eigenen Augen gesehen hatte.

Beide Elternteile erzogen Yasuko und ihre Geschwister streng und nach traditionellen Richtlinien. Besonders der Vater quälte die kleine Yasuko, wie sie mir schon früher eindrucksvoll erzählt hat, mit einer Erziehung, die aus dem wissbegierigen und widerspenstigen Kind eine gefügige sanfte yamato nadeshiko, eine ideale japanische Frau machen sollte - wobei er ziemlich Schiffbruch erlitt. Die Mutter hatte in einer von französischen Schwestern geleiteten Missionsschule eine Erziehung für höhere Töchter erhalten, wie sie zu Anfang des 20. Jahrhunderts im Westen üblich war. Sie bewunderte die Errungenschaften der westlichen Kultur und wünschte sich, dass ihr Kind Pianistin werden sollte. Das änderte nichts an der Tatsache, dass sich die Mutter als gehorsame und schweigende Ehefrau benahm und von Yasuko erwartete, ihrem Vorbild zu folgen.

Yasuko wohnte auch während des Studiums bei den Eltern, doch: „Ich habe mit ihnen fast gar nichts gesprochen, und schon gar nicht über meine linken Interessen und Aktivitäten."

Ja, warum interessierte sie sich für linke Gedanken?

„Wahrscheinlich, weil ich Dinge, die anders sind, interessant finde". Dann fügt sie hinzu: „Und es war die ganze Atmosphäre dieser Zeit, die Atmosphäre im Hokkaidô dieser Zeit …"

„Diese Zeit" waren die fünfziger Jahre.


Imai san hat heute viel erzählt, darüber, wie sie als Vorsitzende der Studentinnen an der Hokkaidô-Universität automatisch mit dem studentischen Selbstverwaltungsausschuss der auch bei uns zum Begriff gewordenen Zengakuren, der gesamtjapanischen Liga autonomer Studentenvereinigungen, in Kontakt kam. Die Zengakuren war in den fünfziger Jahren links dominiert. Imai san erzählt, wie die kommunistischen Kollegen sich bemühten, sie anzuwerben. Wie sie begann, linke Literatur zu lesen und an den Demonstrationen des 1. Mai teilzunehmen und gemeinsam mit Gewerkschaftern und Mitgliedern der kommunistischen Partei die Internationale sang. Sie geriet bald in die Konflikte zwischen kommunistischen und antikommunistischen Linken, die sich in der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre in viele Fraktionen spalteten. Die jüngeren Studenten waren radikaler in der Wortwahl und in den Forderungen als Yasuko und die gleichaltrigen Freunde. Das habe ihr gefallen.

Kurzfristig trat sie in die kommunistische Partei ein, aber bald wieder aus. „Warum?" „Weil mir die kommunistische Partei widerlich – iyarashii – war."

1959 sei es gewesen, sagt Imai san, dass Shima Shigeo, der Führer einer neuen antikommunistischen Gruppierung, die sich „Bund" nannte, nach Sapporo kam, um für seine Gruppierung zu werben. Der Bund übernahm 1959 die Führung der Zengakuren. Yasuko wollte nun nach Tôkyô, um ihren Teil zur Revolution gegen den Kapitalismus beizutragen und etwas für die Frauenbefreiung zu tun.

Sie hatte eine Abschlussarbeit über Ishikawa Takuboku geschrieben, den Dichter der Meiji-Zeit, der sich kurz vor seinem frühen Tod 1912 dem Sozialismus zuneigte.

Diese Arbeit sei sehr gelobt worden, sagt sie, und deshalb bekam sie ein Stipendium für ein Doktoratsstudium, in dessen Rahmen sie 1960 nach Tôkyô ging.

Offiziell wurde Yasuko von den Vorlesungen an der Hokkaidô-Universität beurlaubt, um an der Tôkyô Universität und an der Pädagogischen Universität Tôkyô Seminare der namhaftesten Wissenschaftler der damaligen Zeit zu besuchen, die sich mit moderner Literatur befassten. Sie nahm tatsächlich eifrig an diesen Seminaren teil, aber die übrige Zeit verbrachte sie im Büro des „Bund" und half beim Druck der Zeitung „Kyôsanshugisha dômei - Die kommunistische Liga".

Die Genossen schätzten im übrigen ihren studentischen Fleiß nicht, erinnert sie sich, und kündigten ihr an, dass ihr dieser nach der baldigen Revolution von keinerlei Nutzen sein werde. Yasuko schrieb in dieser Zeit ihren ersten und bis zu ihrer Rückkehr aus Wien Jahre später ihren einzigen feministischen Aufsatz: „Onna no kaihô no hitsuyôsei – Über die Notwendigkeit der Frauenbefreiung".

„Ja, wenn du eine `Kommunistische Liga´ von damals in die Hände kriegst, wirst du den Artikel finden. Aber ich habe nicht unter meinem Namen geschrieben, sondern als Yanagida Yûko – das Zeichen `yû´ in dem Namen bedeutet `Melancholie´."


Imai san antwortet auf inhaltliche Fragen wenig, aber sie erinnert sich, dass die Genossen im „Bund" politische Diskussionen abhielten, während sie von den Genossinnen nichts erwarteten, als ihre Arbeitskraft und ihre Sexualität. Die Genossinnen ihrerseits hätten sich keineswegs in erster Linie mit der Veränderung der japanischen Gesellschaft befasst, sondern am liebsten mit Tratsch über Beziehungsgeschichten.

Hauptziel der linken Studenten und der linken Gruppierungen in Japan war 1959 und 1960, die Verlängerung des anpo - des Sicherheitsvertrages mit Amerika - zu verhindern.

Ja, ja, natürlich sei sie dabei gewesen, als im Frühjahr und Frühsommer 1960 täglich Massendemonstrationen – nicht nur von Studenten - vor dem Parlament stattfanden. Sie erzählt, dass sie und ihre Kollegen und Kolleginnen in Straßenkampagnen und von Sympathisanten der Neuen Linken Geld aufzutreiben versuchten, um die festgenommenen Genossen aus der Haft auszulösen. Und sie erinnert sich, wie die Studentenbewegung plötzlich von einem Tag auf den anderen zusammenbrach, nachdem Premierminister Kishi im Mai 1960 trotz aller Widerstände außerhalb des Parlaments im Parlament die Fortsetzung des Sicherheitsvertrags mit den USA durchbrachte.

„Ich hatte das Gefühl: Die Zeit ist plötzlich stehen geblieben. Die Weltkugel dreht sich nicht mehr", sagt Imai san, als ich sie frage, wie sie den Zusammenbruch des „Bund" aufnahm. „Ich gehe nach Sapporo zurück", dachte sie. Zuvor aber stürzte sie sich im zweiten Halbjahr 1960 in Tôkyô in ihre Studien und schrieb eine Reihe wissenschaftlicher Arbeiten, die begannen, ihr Anerkennung als Takuboku-Forscherin einzubringen.

Bei der nächsten Welle der Studentenbewegung, 1968, als es wieder um die Verlängerung des Sicherheitsvertrages mit den USA ging, war Yasuko schon beruflich etabliert. „Die Studenten haben wieder das Gleiche gesagt, haargenau das gleiche Gerede von der Revolution. Aber ich wusste nun schon, dass die Revolution nicht auf diese Weise passiert! Und die Studenten, die die Tôkyô-Universität und andere Universitäten besetzten, haben Helme getragen und Gewalt angewendet. Das war viel schlimmer als 1960."

Außerdem wurde Imai san nun als Mitglied des Lehrkörpers in der Hokkaigakuen-Universität in Sapporo selbst Zielscheibe der studentischen Angriffe. Als ihr von den ultralinken Studenten Zurufe in die Ohren drangen wie: „Sie sind doch eine Frau, warum heiraten Sie nicht endlich!" reichte es ihr. Sie war froh, eine Einladung als Professorin an eine Frauenuniversität in Hamamatsu zu bekommen.


„Ich habe gehört, dass Sie vielleicht mit S. san nach Kyûshu fahren wollen?" sagte ich während des Abendessens. Ein Vorfahre mütterlicherseits von Imai san gehörte zum Satsuma-Clan, der auf der südlichsten der vier großen Inseln Japans, Kyûshû, zu Hause war. Dieser Zushô Shôzaemon erwarb sich vor der Öffnung Japans nach dem Westen Verdienste um seinen Lehensherren, so lieh er zum Beispiel Geld von reichen Bürgern. Eines Tages rief er die Gläubiger zusammen, zerriss vor ihren Augen die Schuldscheine und warf sie in das Holzkohlebecken, mit dem man in Japan traditionell die Zimmer wärmt, wo sie verglühten. „Jetzt könnt ihr mit mir machen, was ihr wollt," soll er gesagt haben. Aber die Gläubiger konnten nun, ohne Schuldscheine, gar nichts mehr machen und zogen mit hängenden Köpfen ab.

Als ich die Geschichte zum ersten Mal hörte, glaubte ich an einen Übersetzungsfehler, und sie schien mir moralisch eher zweifelhaft, vor allem, weil ich mich in die Rolle der betrogenen Bürger versetzte. Japanische Gesprächspartner waren aber immer der Meinung, das dies als eine heroische Heldentat des Urgroßvaters der Imai san für seinen Herren anzusehen sei. Der Samurai wurde als Belohnung Minister und brachte seinem Fürsten noch mehr Geld, indem er mit den benachbarten Ryûkyû-Inseln Handel betrieb. Das war laut Imai san von der Zentralregierung in Edo, dem heutigen Tôkyô, streng untersagt. Als diese darauf kam, ereilte Zushô Shôzaemon, der alle Schuld auf sich nahm, die Todesstrafe. „Ob er seppuku (Tod durch Bauchaufschlitzen) machte oder durch Gift starb, weiß ich nicht", sagt Imai san. Das Haupt seines Herrn blieb durch diese Tat ungeschoren von Schuld und Sühne. Mit den Einkünften aus dem verbotenen Handel kaufte Satsuma Waffen, und wenig später zogen die südlichen Klanfamilien aus Satsuma und Chôshû gegen Edo. In der Folge wurde das Shogunat gestürzt und der junge Meiji-Tennô 1868 inthronisiert. Der Sohn des verdienstvollen Zushô Shôzaemon, Zushô Hirotake, der ebenso treu war wie sein Vater, wurde mit dem Gouverneursposten von Sapporo belohnt und zum Baron gemacht, als man vom Westen die Adelstitel übernahm.

Immer wieder erzählt mir Imai san die Geschichte über Zushô Hirotake, aber ob sie einer Überprüfung standhält, weiß ich noch nicht. Schließlich fällt ihr ein, dass ihr Bruder familiäre Erinnerungsstücke an den Ur- oder Ururgroßvater und an den Helden der japanischen Restauration wie Gegenrestauration, Saigô Takamori, besitzt. Hoffentlich kann er mir bei der genaueren Recherche über diese interessanten Geschichten weiterhelfen.


Jedenfalls, Imai san war bisher noch nie auf den Spuren ihrer Vorfahren im Süden Kyûshûs. „Ja, wenn das noch möglich wäre ...!", seufzte sie heute auf meine Frage. Sie müsste halt in einem westlichen Hotel mit Behindertenklo wohnen.

Anschließend aßen wir ein weiteres Stück der Wiener Sachertorte. Ich fuhr mit dem Bus heim und war im Apita-depatô in der Essensabteilung. Dieses Geschäft ist mir sympathischer als die anderen Supermärkte. Vielleicht ist dort ein anderes Licht. Es gab ein Brot, das fast Schwarzbrot zu nennen ist. Es gab Ansichtskarten, auf einer war eine Brücke in Paris drauf. Wieder dieser Schlag aufs Herz wie gestern am Bahnhof, als die Frau im Video Klaviermusik spielte. Europa. Tränen in den Augen. Das ist Heimweh, aber Heimweh nicht nach einer Person, sondern nach der Kultur. Nach unserer Atmosphäre. Ach Europa.


Hansi rief an, daheim war es acht Uhr früh, und heute ist Samstag. Er klang verschlafen und ein bisschen deprimiert. Am Abend rief Ursula an. Ich habe eine Menge Emails bekommen. Dass ich so lange vor dem PC saß, war aber nicht allein meine Schuld. Frau S. erklärte mir die ganze japanische Politik, gleichzeitig zu einer Fernsehsendung, bei der nochmals alle Parteien und Spitzenkandidaten vorgestellt wurden, die sich morgen der Unterhauswahl stellen.


Anmerkungen

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