Ruth Linhart | Japanologie | Biographieprojekt Imai Yasuko


Herbst in Hamamatsu, ein Reisetagebuch

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Meijimura, das Meiji-Dorf

7. November, Freitag

In der Küche von Frau S. steht ein Schneidbrett, sechzig oder siebzig Zentimeter lang und mindestens drei Zentimeter dick. Aus hinoki-Holz, japanische Zypresse. Frau S. hat es mir stolz gezeigt, während sie für ihren Sohn ein Schnitzel zubereitete. „Eine Freundin hat es mir geschenkt. Man kann es abhobeln, wenn es hässliche Stellen kriegt", erzählte sie. Gestern Abend habe ich, als ich spät noch in die Küche kam, eine große schwarze Küchenschabe oder Kakerlake schnell hinter dieses imposante Schneidbrett verschwinden gesehen.


Ich fragte Frau S., was heute Nacht für ein wahnsinniger Lärm gewesen sei. Schon unlängst wachte ich ein-, zweimal von enormem Lärm auf, so, als ob ein Motorradfahrer in unsere Gasse hereinbrauste, direkt vor dem Haus stehen bliebe und voll auf das Gas drückte, wieder und immer wieder. Irgendwann düste er davon.

Frau S. findet das nicht so arg. Das seien Motorradfahrer, ja, junge Menschen, die es lustig finden, mitten in der Nacht die Leute mit ihrem Lärm zu ärgern. Aber in erster Linie genießen sie es, die kôsoku-dôro, die Schnellstraße, entlang zu rasen, ohne vom übrigen Verkehr behindert zu werden. (Wobei mir nicht vorkommt, dass die irgendwo rasen, sondern die stehen und geben Gas – vielleicht bei der nächsten Ampel?)

„Das hat doch jeder gemacht, in der Jugend!" sagt Frau S.. So etwas gebe es schon seit dreißig Jahren oder so. Und vor dem Wochenende sei es am ärgsten. Heute Nacht werde es sicher wieder laut sein. Das sei zwar lästig, aber nicht wirklich schlimm. Räuber oder Diebe seien schlimmer. „Die Polizei versucht sie zu erwischen, aber diese jungen Leute machen sich einen Spaß daraus, ihnen zu entkommen". Frau S. hat auch gesagt, dass der Sohn mit ihr weniger rede als mit dem Vater, dass er ein „Papabub" sei.


Frau S. hat mir gerade erzählt, dass die Leute in Japan keine ärztliche Bestätigung brauchen, wenn sie krank sind. Und dass viele sich krank melden, ohne es zu sein. Ich habe schon wieder vergessen, wie sie das auf Japanisch nannte. Heißt das bei uns „Krankentage schieben"? Der Vorgesetzte mache das auch, es wisse eh jeder vom anderen und daher passiere nichts. Und auch Überstunden würden geschrieben, ohne welche zu machen. Und beim Außendienst setzt man sich dazwischen oft eine Stunde ins Café. Es war mir fast peinlich, als Frau S. das vor ihrem Sohn erzählte, vielleicht geniert er sich dafür.


Heute früh polterte der „Papabub" um sechs Uhr die Treppe herunter. Ich huschte schnell aufs Klo, dann wollte ich mit den übrigen Verrichtungen außerhalb meines Zimmers warten, bis er wegfahren würde, in dem großen blitzblauen Auto mit den unbequemen niederen Sitzen. Aber als ich aus dem Klo kam, schwang er sich schon in dieses Auto – aus Schreck vor mir, ohne sich zu waschen oder zu frühstücken?


Um zwanzig nach sieben Uhr verließ ich das Haus mit Ziel Freilichtmuseum Meijimura. Es war wolkenlos. Bis zum Bahnhof dauerte es dreiviertel Stunden. Diese Busse von Hamamatsu zehren an den Nerven. Oder zerren sie? Schon allein die Art, wie hier gezahlt wird! Man nimmt sich beim Einsteigen einen Fahrschein aus einem Automat direkt bei der Tür des Busses. Wenn man aussteigt, muss man sich nach vorne zum Fahrer drängen, neben dessen Lenkrad eine Vorrichtung ist, in die man den Fahrschein samt entsprechendem Geldbetrag wirft. Ein Fahrgast, der den Fahrpreis nicht weiß, oder kein Kleingeld hat und daher einen großen Geldschein wechseln muss oder eine „kâdo" – eine Karte für mehrere Fahrten um 5000 Yen - kaufen will, hält natürlich auf. In der Früh, wenn viele Leute im Bus sind, handelt es sich meistens um mehrere Fahrgäste, die aufhalten, sodass es ewig dauert, bis der Bus weiterfahren kann. So etwas Uneffektives! Die Chauffeure haben offensichtlich sowieso den Auftrag, langsam zu fahren, aber in der Früh und am Abend können sie nur langsam fahren und stehen auch sehr viel, denn es ist ein Mordsautoverkehr. Diese Busse, die nur strahlenförmige Strecken aus der Stadt fahren und keine Querverbindungen, die sind außer Taxis die einzigen öffentlichen Verkehrsmittel, wie ich unlängst erfahren habe.


In der Früh war der Bus gesteckt voll mit Schülerinnen und Schülern in ihren Uniformen. Die Kinder und jungen Leute schauten noch verschlafen oder angespannt, und wenn sie sich unterhielten, dann nur leise. Vor mir standen zwei Mädchen mit ihren zerfransten Modefrisuren. Die eine erzählte etwas, die andere lachte, aber es war mehr ein Hüsteln, der Handrücken wurde vor die geschlossenen Lippen gehalten und die Finger wurden so weggestreckt wie wenn jemand vornehm aus einer Tasse trinken möchte.

Beim Zurückfahren von Inuyama stieg eine Gruppe Schüler, vielleicht 16- oder 17-jährig, in die Meitetsu-Bahn nach Nagoya ein. Sie lachten und lärmten. Die schwarzen Schuluniformen, die scheinbar seit hundert Jahren oder mehr immer gleich ausschauen, müssen bei dieser Wärme eine Plage sein. Die Buben hatten weg stehende Haare und die Hemdknöpfe bis zur Brust geöffnet, die weißen Hemden schauten unter den Jacken vor, sofern sie diese nicht ausgezogen hatten, und die Hosengürtel hatten sie weit auf die Hüften hinunter geschoben, damit die schwarzen Uniformhosen so tief und locker unter dem Hintern hingen, wie es anscheinend in Japan noch immer Mode ist. Zwischen Inuyama und Nagoya, das waren natürlich ganz andere Schüler als in der Früh in Hamamatsu, aber auch die haben sich beim Heimfahren sicher ähnlich amüsiert. Da hat man gar nicht das Gefühl, dass die japanischen Schüler so arm und geplagt durch ihre Schulhölle wandern.

Und dann gibt es natürlich überall die vielen Leute, die in ihr zusammenklappbares Internet-Fotoapparat-Handy starren.

In Nagoya musste ich bei der Rückfahrt eine halbe Stunde auf den Shinkansen–Express warten. Im Warteraum auf dem Bahnsteig, an dem ich vorbeispazierte, sah ich durch die Glaswände Angestellte in ihren dunklen Anzügen sitzen, mit ihren PCs offen vor sich – so einen kleinen wie ich hatte aber keiner! Ich frage mich, ob diese Männer schon von der Arbeit nach Hause fuhren, es war zirka fünf Uhr. (Arbeitsbeginn ist meistens erst um zehn Uhr Vormittag.) Oder ob die vom Außendienst zu ihrer Firma zurückkehrten?


Der Ausflug in das Freilichtmuseum Meijimura, ins Meiji-Dorf, war wunderschön. Fürs erste war das Wetter prächtig, prächtigst sogar. Und dieser Meijimura-Park ist wirklich gepflegt und hübsch. Die Meiji-Zeit war die Epoche zwischen 1868 und 1912, nach der Öffnung des Landes, die Zeit, in der Japan Westliches eingesaugt hat wie einen Zaubertrank, der groß und stark macht.

Der Museumspark mit typischen Gebäuden dieser Periode wurde 1965 eröffnet: Eine Hügellandschaft, heute mit herbstlichem roten Anflug. Die Blätter der Zwergahornbäume – momiji - wie grüne, gelbe und orange Sternchen im blauen Himmel. Ein großer leuchtender See, der das Gelände umarmt. Ich spazierte die Wege auf und ab, und immer fand der Blick Schönes - hübsche Gebäude im westlichen Stil der Gründerzeit und des Jugendstils, aber auch wunderschöne Anwesen in japanischem Stil.

Am glücklichsten war ich in dem Haus, in dem die beiden berühmten Dichter Mori Ôgai und Natsume Sôseki wohnten. Es wurde 1887 erbaut und stand einstmals im Bunkyô-Bezirk in Tôkyô. Beide Dichter hatten viel mit dem Westen zu tun, Natsume Sôseki verbrachte drei heimwehkranke Jahre in London, Mori Ôgai studierte in Berlin Medizin und schrieb über seine Liebesaffäre mit Elise, die er natürlich nicht heiraten durfte, einen Meiji-Zeit-Bestseller. „Maihime - Die Tänzerin" ist von Wolfgang Schamoni ins Deutsche übersetzt, der Roman wurde auch verfilmt und bei uns im Fernsehen gezeigt. Ôgai wohnte 1890 ein Jahr in diesem traditionellen japanischen Häuschen, und zwar das Jahr nach seiner Rückkehr aus dem Westen.

Ich war sehr überrascht und gerührt, als ich auf der Veranda des Hauses, deren Türen zum Garten geöffnet waren, unverhofft aus dem Lautsprecher Katzenmiauen und dann die ersten Sätze von „Wagawai neko de aru" hörte: „Gestatten, ich bin ein Kater! Unbenamst bislang! Wo ich geboren wurde, davon habe ich nicht die mindeste Ahnung …"

„Ich, der Kater", ist einer der berühmtesten Romane von Natsume Sôseki, von Otto Putz ins Deutsche übersetzt. Sôseki schrieb ihn in den drei Jahren, die er in dem Haus mit dem ausgestellten Zimmer verbrachte, zwischen 1903 und 1906. Wie ich dem Pamphlet über Meijimura entnehme, ist der Raum, den Sôseki in seinem Roman beschreibt, bis zur letzten Ecke identisch mit diesem Zimmer, über dessen Tatami-Boden heute, an einem strahlenden Herbsttag im Jahr 2003, eine Unzahl von Schüler- und Schülerinnenfüßen trampelt. Natsume Sôseki aus Pappe sitzt derweil im Yukata auf seiner Veranda und schaute sinnend in den Garten hinaus, vor ihm auf einem blauen zabuton-Kissen lagert eine nicht sehr hübsche dicke graue Katze, natürlich ebenfalls aus Pappe. Mori Ôgai aus Pappe steht eher im Hintergrund – in diesem Zimmer, nicht in der japanischen Literaturgeschichte!


Ich machte unzählige Fotos. Besonders die japanischen Gebäude zogen mich an, ein Sommerhaus von Lafcadio Hearn, ein japanisches Theater aus Ôsaka, die „Schneckenklause" (Kagyû-an), das Wohnhaus des Meiji-Dichters Kôda Rôhan ... Das Hauptgewicht des Meijimura liegt aber auf den westlichen Errungenschaften. Viele dieser Gebäude, die aus dem ganzen Land zusammengetragen wurden, Schulen, Kirchen, das Telefonamt von Sapporo, Brücken im Stil der Otto Wagner Brücken in Wien, ein Leuchtturm, Kasernen und Fabriken, Behörden, Banken und viele andere, mochten zwar Meiji-Japanern großartig erschienen sein, sind aber doch eher bescheiden in unseren Augen. Kein Wunder, dass Frau Imai von der Pracht und Herrlichkeit Wiens – der kaiserlichen Innenstadt – ganz überwältigt war.

Ich fotografierte natürlich auch den tokoya-san, den Friseurladen in Tôkyô, über dem Takuboku wohnte, und besuchte das Teikoku-Hotel, das Kaiserliche Hotel. Dort war ich, bevor es – das heißt nur sein Hautpeingang – hierher ins Meijimura transferiert wurde. Die Lobby des Teikoku-Hotels in Tôkyô hatte eine vornehme distinguierte Atmosphäre, wie sie Luxushotels überall auf der Welt kennzeichnet. Eine Atmosphäre, in der man sich auf jeden Fall eingeschüchtert und provinzlerisch vorkommt. Vielleicht ist U. san mit uns 1967 dorthin gegangen, um mich Matsuda sensei, dem großen Beschützer aller österreichischen Austauschstudenten, vorzustellen. Vielleicht haben wir später einmal I. san dort zum Tee getroffen, einen japanischen Arzt, der seine hübsche Tochter Mariko zu uns nach Wien schickte, um sie von ihrem in der Familie unerwünschten Lover zu trennen. Jedenfalls hat das Elternpaar der Imai san dort im Rahmen ihrer Hochzeit im Jahre 1930 einen Auftritt gehabt, das ist der Rückseite ihres Hochzeitsfotos zu entnehmen.

Als das Hotel renoviert wurde, verpflanzte man die Art nouveau-Fassade des berühmten amerikanischen Architekten Frank Lloyd Wright kurzerhand in diesen Erinnerungspark und lieferte die edle Eingangshalle, die breiten Stiegen in den ersten Stock und die Restaurants dem respektslosen Umgang von Schülern und Schülerinnen aus. Dutzende Buben und Mädchen in Schuluniformen warfen sich heute über die Brüstungen Schultaschen zu und spielten auf den Treppen Fangen. Eine gelungene Demokratisierung!

Im Uji Yamada- Postamt aus Tôkyô ließ ich einige Postkarten mit dem Stempel des Meijimura versehen, am ehemaligen Hauptbahnhof von Tôkyô wartete ich auf die Ankunft einer der ältesten Dampflokomotiven des Landes, und ich versäumte schließlich die alte Straßenbahn von Kyôto, sodass ich zu Fuß zum Haupteingang zurückwandern musste, wobei ich mir auf der Strecke noch eine schwarze Seidenkatze kaufte – zur Erinnerung an „Wagawai neko de aru" (Ich, der Kater) und diesen gelungenen Tag.


Bei der Ankunft in Hamamatsu stand in der Bahnhofshalle ein riesiger Videobildschirm mit Aufnahmen vom „Hamamatsu internationalen Klavierwettbewerb". Eine junge Künstlerin mit nackten Schultern entrang den Tasten klassische Wohlklänge. Auf einmal stiegen mir die Tränen in die Augen! Mir fiel plötzlich auf, wie stark mir Radio, Theater, Konzert, Kino etc. abgehen. Es wird schon auch in Hamamatsu etwas los sein. Aber es ist völlig unmöglich, am Abend mit dem Bus noch einmal in die finstere Stadt zu fahren, nachdem ich von Frau Imai endlich heimgekommen bin. Heute um halb sechs Uhr waren die Geschäfte noch hell erleuchtet, Kaffeehaustische im Freien – ah, das US-Café Starbucks gibt es auch hier! Zwei Stunden später sind die Rollläden heruntergezogen und es ist finster, ein paar matte Neonlichter leuchten weiß oder gelb, ein paar Leute eilen noch nach Hause, das ist alles!


Etliche blonde Menschen stiegen in Hamamatsu aus dem Zug, zu meinem Erstaunen. Ich dachte, ich wäre die einzige Ausländerin, die es hierher verschlagen hat. Aber wahrscheinlich bin ich nur die einzige, die es hierher, in die Gegend der Einfamilienhäuser und Supermärkte verschlagen hat. Es gibt doch viel Industrie, internationale Firmennamen, und - eben künstlerische Veranstaltungen. Einmal sollte ich schon in die Stadt fahren und einen Eindruck von diesem großen Boulevard kriegen, der beim Bahnhof beginnt. Aber meine „Freizeit" damit zu vertun, ist schade. Und wichtiger als Hamamatsu zu würdigen ist mir doch, Frau Imai zu befragen.


Auf den Nummerschildern der Busse im Meiji-Park stand „haikara 1" „haikara 2" und „haikara 3" ". Dieses Wörtchen „haikara" kommt auch in den Erzählungen der Imai san immer wieder vor. Heißt es „modern", „westlich orientiert", „modisch", „glänzend"?

Ich musste heute während der Fahrt viel an Frau Imai und ihre Hände denken, so klein, ganz weiß und mit großen Höckern. Sie kann sie nur mehr sehr eingeschränkt gebrauchen. Mit diesen Händen hat sie früher Klavier gespielt! Sie wollte doch eine Zeitlang Pianistin werden und übte so schwere Stücke wie Mozarts Klavierkonzert Nr. 26, das Krönungskonzert, dessen Larghetto ich ihr unlängst auf CD vorspielte.

Ich dachte auch über das Buch nach, das aus all dem, was ich hier mache, werden soll. Irgendwie nimmt es eine Form an: die Geschichte einer ungewöhnlichen Frau, vermischt mit der japanischen Entwicklung der letzten siebzig Jahre, mit Literatur und eventuell ein bisschen etwas Persönlichem. Das könnte ein schönes Buch werden. Ich habe zu Hause so viel Material, das ich ausgraben muss.

Aber ich muss auf jeden Fall noch einmal nach Japan reisen. Wie ich das finanziell mache, habe ich keine Ahnung. Recherche in der kokkai-toshokan, der Parlamentsbibliothek in Tôkyô, Besuch der Schauplätze ihres Lebens von Sapporo bis Kagoshima, Interviews mit Geschwistern und Freunden, Kollegen und Studentinnen und nachforschen, wie es mit den Frauenaktivitäten von Hamamatsu weitergegangen ist.


Anmerkungen

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