Ruth Linhart | Japanologie | Biographieprojekt Imai Yasuko


Herbst in Hamamatsu, ein Reisetagebuch

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Am Anfang war die Frau die Sonne

6. November, Donnerstag

„Ach Mäusl", ist das Betreff des Emails, das Hans gestern Abend geschickt hat. Der Arme ist krank. Er hat nicht einmal gewusst, wo das Fieberthemometer ist. Diese Frage konnte am Telefon geklärt werden. Ich bin sehr müde. Nach dem Heimkommen habe ich gemailt und mich dann mit Hilfe von Frau S. im Internet über Meijimura erkundigt. Sie hat ein „bikkuri ticket", ein Überraschungs­ticket, der privaten Meitetsu-Bahnlinie entdeckt, das mir um nur 1600 Yen die Fahrt von Nagoya nach Inuyama, den Bus zum Freilichtmuseum und die Eintrittskarte anbietet.

Morgen will ich um sechs Uhr aufstehen. Ich werde mit dem Sohn zusammenstoßen! Aber ich werde zuerst die Arbeiten in meinem Zimmer machen – zum Beispiel die Futon verräumen, und erst um halb sieben, wenn er schon fort ist, frühstücken und mich waschen. Der Bus Nr. 50 von hier zum Bahnhof geht alle zehn Minuten. Ich möchte etwas früher am Bahnhof sein, denn ich will mich erkundigen, ob es nicht doch möglich ist, von Nagoya nach Inuyama mit der JR zu fahren. Ich habe in Wien um teures Geld einen Japan Rail Pass gekauft. Der gilt aber nur für die Japan Railways JR, die übrigens 1987 privatisiert wurden. Ich überlege mir, ob ich nicht einen Besuch des Schlosses von Inuyama zeitlich einbauen könnte. Es ist eines der ältesten im Original erhaltenen japanischen Schlösser, erbaut in der Momoyama-Zeit, im 16. Jahrhundert. Die meisten Schlösser in Japan sind durch Brand oder Krieg oder nach der Meiji- Restauration zerstört worden.

Reizen würde mich auch die Weiterfahrt mit dem Zug, ich glaube, nur zirka eine halbe Stunde, nach Yaotsu in der Präfektur Gifu, dem Geburtsort von Sugihara Chiune. Ich habe gerade unlängst ein Buch über ihn gelesen, das seine Frau Sugihara Yukiko geschrieben hat. Sugihara Chiune hat 1940 tausenden Juden das Leben gerettet, und zwar stellte er als Konsul in Kaunas in Lettland - gegen die Anordnung seines Außenministeriums - Flüchtlingen ein japanisches Durchreisevisum aus. Ohne dieses wären 2000 Familien den Nazis in die Hände gefallen. Sugihara wurde nach dem Krieg deshalb aus dem japanischen Außenministerium entfernt und erst als alter Mann knapp vor seinem Tod 1986 rehabilitiert und geehrt. 1985 erhielt er einen Platz unter den Gerechten der Welt in Yad Vashem in Jerusalem. In Yaotsu gibt es einen Park der Menschenrechte mit einem Denkmal für Sugihara Chiune.


Heute war es ausnahmsweise warm. Es regnete nicht mehr. Vormittags habe ich meine Bücherrechnungen bei der Post gezahlt, wieder ein paar Ansichtskarten aufgegeben und Einkäufe gemacht, unter anderem einen Stadtplan von Sapporo, auf dem mir Frau Imai zeigen soll, wo ihre Lebensmittelpunkte waren: Familienhaus, Schulen, Uni. Sie hat immerhin fast vierzig Jahre dort gelebt, mit der Unterbrechung eines Jahres in Tôkyô während des Studiums und zweier Jahre als Lehrerin an einer Oberschule in Tôkyô.

Im Bus schlafe ich jetzt immer sowohl beim Hin- wie auch beim Zurückfahren ein. Ich gehe zu spät ins Bett. In der Früh wache ich auf, wenn die Zeitung um zirka vier Uhr in das Briefkastl geworfen wird, das neben meinem Fenster ist. Die Wände sind hauchdünn, man hat fast das Gefühl, als ob man draußen schliefe. Später poltert der Sohn die Stiegen herunter, dreht den Fernseher auf, heute hörte ich ihn und steckte die Finger in die Ohren. Aber er drehte ihn wenigstens wieder ab. Letzthin ließ er ihn laufen, allerdings ohne Ton. Das passierte zwischen sechs und halb sieben Uhr. Dann döste ich heute noch auf meinen Futon bis gegen halb acht.

Vor einer halben Stunde kam der Sohn nach Hause. Irgendwelche „rambo"-hafte Wortwechsel. Seine Mama redet mit ihm nicht so höflich wie mit mir und schon gar nicht so einschmeichelnd wie manchmal am Telefon, wenn wahrscheinlich jemand besonders Wichtiger anruft.

Wie üblich ein kurzes Essensgastspiel. Trampeln in den ersten Stock. Frau S. wäscht in der Küche sein Geschirr.


Während der Fahrt mit dem Bus von hier zum Garten Eden kommen wir an Feldern und Obstplantagen vorbei. In dieser Gegend besteht Hamamatsu zum Teil noch aus landwirtschaftlich genutzten Flächen, zum Teil aus wild durcheinander gebauten Einfamilienhäusern, Betrieben, Parkplätzen und Supermärkten. Dazwischen kann sich das Auge an den mikan, den japanischen Mandarinen, erfreuen, die hinter Hecken hervorleuchten, oder an Teefeldern oder an diversen Blumen, die immer wieder in den Bus hereinstrahlen. Am Horizont deuten sich dunkel Hügel an. Vor diesen ragen in der Ferne bald die rosa Gebäude der „Heiligen-Geist-Stadt" auf. Diese Siedlung mit ihren vielen sozialen Einrichtungen ist mein Ziel.


Die sensei ließ sich wieder auf ihr Bett legen und erzählte ganz munter, obwohl der Inhalt nicht sehr aufmunternd war: 1977 Rückkehr aus Wien nach Japan, zwei, drei Jahre lang Rückkehrneurose, lebenslange Einsamkeitsgefühle.

„Als Universitätsprofessorin für japanische Literatur hatte ich hier einen sicheren Posten, ein regelmäßiges Einkommen, und die Arbeit war nicht schlecht. So eine Arbeit hätte ich drüben nicht gekriegt. Aber wenn ich noch jung gewesen wäre, hätte ich mich bemüht, drüben zu leben."

Es enttäuschte sie, dass sie sich in ihrem Freundes- und Bekanntenkreis mit ihrer neuen Sicht der japanischen Frauen nicht verständlich machen konnte.

„Niemand wollte anerkennen, dass der Status der japanischen Frauen niedrig ist. Die japanischen Frauen sind glücklich. Japan ist ein fortschrittliches Land, und darum ist auch die Situation der japanischen Frauen fortgeschritten. Das ist die allgemeine Ansicht. " Ihre Auffassung, dass Berufstätigkeit für Frauen selbstverständlich sein müsse, fand keinen Widerhall, sagt sie. „In Japan ist es eine Frage des Geschmacks, ob eine Frau arbeiten geht oder nicht!"

„Warum ist es hier so anders?" fragte sie sich nach ihrer Rückkehr aus Wien immer wieder. Bisher hatte sie sich für die Frauenbewegung nicht interessiert.

„Mir war vorher nicht bewusst gewesen, dass es nötig ist, die Situation der Frauen zu verändern. Nun spürte ich stark, dass ich eine Frau bin. Ich war überzeugt davon, dass eine Veränderung kommen muss und wollte dazu beitragen. Wenn es schon nicht möglich war, diese Tatsache den Frauen meiner Generation verständlich zu machen, so wollte ich sie wenigstens meinen Studentinnen bewusst machen. Die Studentinnen, die an die Kurzuniversität, das zweijährige College kamen, an dem ich unterrichtete, wollten keineswegs alle berufstätig werden. Die meisten dachten damals ans Heiraten. Wie sollte ich eine Bewusstseinslage herbeiführen, für die Berufstätigkeit selbstverständlich ist? Das sah ich jetzt als meine Aufgabe an."

Die Studentinnen, die an die Kurzuniversität, das zweijährige College kamen, an dem ich unterrichtete, wollten keineswegs alle berufstätig werden. Die meisten dachten damals ans Heiraten. Wie sollte ich eine Bewusstseinslage herbeiführen, für die Berufstätigkeit selbstverständlich ist? Das sah ich jetzt als meine Aufgabe an."

Sie hatte früher Marx und Engels gelesen und ein bisschen in Simone de Beauvoirs „Das andere Geschlecht", nun begann sie ein intensives Studium der japanischen Frauengeschichte und der von Frauen geschriebenen Literatur.

„Ehrlich gesagt hatte ich bisher kein einziges Werk zum Beispiel von Yosano Akiko oder Hiratsuka Raichô gelesen." Yosano Akiko ist eine berühmte Dichterin. Sie erregte zu Anfang des 20. Jahrhunderts mit „Midaregami", „Wirres Haar", einer Sammlung von Liebesgedichten, die sich an den noch mit einer anderen Frau verheirateten Dichter Yosano Tekkan richteten, die Gemüter.

„Über den Weg nicht sprechen, an das Nachher nicht denken, ohne Rücksicht auf den Ruf, hier nach Liebe begehren. Du und ich sehen uns an" (Michi wo iwazu/ ato o omowazu/ na wo towazu/ koko ni koi kou/ kimi to ware to miru)

Das ist eines der Tanka aus „Midaregami".

Yosano Akiko war auch dabei, als die Frauenrechtlerin Hiratsuka Raichô 1912 die feministische Zeitschrift „Seitô", „Der Blaustrumpf" ins Leben rief. Hiratsuka Raichô ist jene Frau, die mit der Zeile: „Am Anfang war die Frau die Sonne (genshi josei wa taiyô de atta)" berühmt geworden ist, und die sich für freie Liebe und freie Ehe und gegen die Prostitution stark machte.

„Bei diesen historischen Studien erkannte ich als einen Grund für den niedrigen Status der japanischen Frauen das Geschäft, das große Geschäft mit der Prostitution."

„Wieso?"

„Die japanischen Frauen merken nicht, dass die Prostitution ihren Status niedriger macht, auch wenn sie selbst keine Prostituierten sind. Und es war lange Zeit nichts Schlechtes, den eigenen Körper in die Prostitution zu verkaufen, für die Familie, für die Eltern. Das war eine Tat, die Kindesliebe ausdrückte. Prostitution gibt es in jedem Land, aber in Japan war sie schrecklicher als in anderen Ländern und hat eine andere Geschichte. Und außerdem gibt es hier auch das große Feld der Halbprostitution – Geishas, Bardamen. Das gibt es in anderen Ländern nicht. Das alles spiegelt sich natürlich in der Literatur".

Imai san suchte in der japanischen Literatur als Vorbild für ihre Studentinnen starke Heldinnen, die ihren eigenen Weg gingen, wie etwa Ibsens Nora. Sie fand sie aber nicht.

„Die japanische Literatur der Tokugawa-Zeit und frühen Meiji-Zeit beschrieb hauptsächlich Frauen aus dem Prostituiertenmilieu. Das war die Welt, in der die Männer `Kenner´ und die Frauen passiv waren. Auch die Frauen schrieben vor allem darüber."

Wir geraten in einen Exkurs über Liebe und Sexualität.

„Die herzerreißenden Liebesgeschichten zwischen Geishas oder Prostituierten und den Connaisseuren der Halbwelt waren eben interessanter für die Leser."

Imai san stimmt mir zu, weist aber den Begriff „renai", „Liebe", den ich verwendet habe, von sich.

„Das Wort Liebe, renai, kam erst in der modernen Zeit, in Verbindung mit dem Westen, nach Japan. Liebe gibt es vorher nicht."

„Aber was ist mit den Romanen von Ihara Saikaku oder den Theaterstücken von Chikamatsu Monzaemon, mit den vielen Liebestragödien, die es in der Literatur der Tokugawa-Zeit gibt?"

„Dabei handelt es sich immer nur um sexuelle Affären, um irokoi. Irokoi ist Sex. Renai hat ebenfalls mit Sex zu tun, umfasst aber auch geistige, platonische Liebe." Imai san verwendet den Begriff „platonic love". „Platonische Liebe kannte man in Japan nicht."

Im Westen und in China gebe es Literatur, die Menschen schildert, die sich ohne körperliche Beziehung, eben platonisch, lieben.

„Aber solche Romane sind doch in Japan auch erschienen, in denen es nur um die Sehnsucht geht".

Imai san bleibt dabei, ein Grund für den niedrigen Status der japanischen Frauen sei die ausgeprägte Prostitution und das Fehlen der Liebe nicht nur in der Literatur, sondern auch in den wirklichen Beziehungen zwischen Frauen und Männern.

„Während im `Genji monogatari', der Geschichte vom Prinzen Genji, in der Heian-Zeit, vor tausend Jahren, Gefühle vorkommen, die man Liebe nennen kann, ging das später völlig verloren. In der Tokugawa-Zeit handelt es sich immer nur um sexuelle Anziehung. Und böse sind immer die Frauen, weil sie die Männer verführen. Die Frauen in Japan haben aber so gehandelt, um die Männer bei Laune zu halten, um ihnen zu schmeicheln, weil sie von ihnen abhängig sind. Was ich meinen Studentinnen beibringen wollte, war einerseits, dass das falsch ist und anderseits, dass es wichtig ist, berufstätig zu sein, um unabhängig zu sein."

Nun frage ich, wie Liebe, Sex und Berufstätigkeit zusammenhängen. Imai san meint, das habe nichts miteinander zu tun.

Ich widerspreche. „Das Wichtigste ist meiner Meinung nach die Autonomie, die Selbstständigkeit, die Freiheit, über das eigene Leben zu entscheiden. Und zwar in Bezug auf Liebe, Sexualität und in Bezug auf Berufstätigkeit".

„Ja, und die japanischen Frauen durften nicht berufstätig sein und sie durften nicht lieben", stimmt nun auch Imai san zu.

Ich: „Daher konnten die Frauen über nichts, was wichtig für ihr Leben war, frei entscheiden".

Imai: „Das stimmt. Und eine Frau, die nicht entscheidet, ist in Japan eine gute Frau, eine sanfte Frau, das Ideal."

In Alexander Puschkins „Eugen Onegin" tritt Tatjana auf, die den einstmals und vielleicht noch immer geliebten Onegin von sich weist. Früher wäre sie überglücklich gewesen über seinen Antrag, nun sei sie verheiratet und lasse sich von Onegin nicht mehr von ihrem Weg abbringen. Diese Entscheidung Tatjanas hat Imai san bereits als kleines Kind, als sie die Geschichte in einem Buch ihrer Mutter las, tief beeindruckt.

„Dass ich damals so bewegt davon war, war kein Irrtum. Denn dass eine Frau sich gegen das, was ein Mann von ihr will, durchsetzt, das gibt es in Japan nicht." So eine Frauengestalt hätte sich die sensei als Vorbild für ihre Studentinnen gewünscht, aber, so sagt sie, sie wurde in der japanischen Literatur nicht fündig. Einzig der autobiographische Roman „Nobuko" der Schriftstellerin Miyamoto Yuriko findet ein wenig Gnade vor ihren Augen. „Doch dabei handelt es sich um einen langen Roman, und den kann man schwer im Unterricht verwenden." Außerdem sei der Mann, dem Nobuko-Yuriko sich zuwendet, Miyamoto Kenji, alles andere als „ein neuer Mann" gewesen, auch wenn er Kommunist war.


Um halb vier Uhr läutete wie täglich das Telefon. Hans war am Apparat. Dann folgte die Rehabilitation. Und danach war die sensei nicht mehr so gut drauf. Sie war heiser und sagte, das sei nicht vom Reden und auch nicht von einer Erkältung, sondern die Krankheit, Parkinson, sei schuld. Während des Abendessens verdrückte ich wie üblich alles mit Heißhunger. Es gab kaki furai, panierte Austern. Frau Imai aß fast nichts und redete jetzt auf einmal ohne Unterlass. Leider ist es so, dass ihre Erinnerung oder ihre Lust zu erzählen nicht synchron läuft mit dem Einschalten des Mikrofons. Ich holte, sobald ich das letzte Reiskorn verschlungen hatte, mein Heft und schrieb soviel ich konnte mit. Meine Reinschrift der Gespräche hinkt weit hinten nach, aber es ist unmöglich, mitzuhalten. Ich kann nur hoffen, dass ich daheim noch alles oder das meiste lesen kann.

Sie erzählte von der Kindheit und von Takuboku, wie der Dichter in ihr Leben getreten sei, und ich glaube, sie hätte noch gerne länger erzählt, aber ich wollte den Bus um halb sieben Uhr nehmen. Ich weiß schon, dass sie nach dem Essen bald zu müde wird für eine konzentrierte Befragung und dass es wenig Sinn hat, länger zu bleiben.

Imai san borgte mir ein Buch „Sapporo nishikô monogatari" – „Erzählungen über die Westoberschule in Sapporo", in dem auch sie sich an die Schulzeit erinnert.


Über ihre Frauenaktivitäten nach der Rückkehr aus Österreich habe ich wahrscheinlich daheim in Wien mehr Material als Frau Imai heute eingefallen ist. Die „Hamamatsu fujin konwakai" – Feministischer Salon von Hamamatsu" veranstaltete damals unter dem Motto „fujin no jiritsu – Unabhängigkeit (oder Eigenständigkeit) der Frauen" - Events und Kurse und richtete ein Beratungszentrum für Frauen ein. Ich war der Meinung, Imai san wäre bei der Gründung dieser Frauengruppe aktiv dabei gewesen, aber heute sagte sie, sie sei nur als Vortragende eingeladen worden.

Wie dem auch sei, sie freundete sich bald mit einer Reihe von Frauen aus dieser Gruppe an. Die meisten waren verheiratet, hatten Kinder. Sie waren unzufrieden mit ihrem Leben. Nach herkömmlicher Auffassung war es in Ordnung, wenn der Kindererziehung die Betreuung der alten Eltern als Lebensaufgabe folgte.

Der Einfluss der westlichen Frauenbewegung, die Schriften von Simone de Beauvoir und Betty Friedan, hatten aber auch Hamamatsu erreicht. Die Frauen spürten, dass sie eigene Lebenswünsche hatten, die sich mit den traditionellen, von der Gesellschaft vorgeschriebenen nicht deckten. Sie suchten den Weg zu „ihrem eigenen Leben" (jibun no inochi o sagasu), zur Lebenserfüllung. „Nicht so heftig wie ich, aber jedenfalls suchten alle nach etwas", sagt Frau Imai.

Die Frauen dieser Gruppe hatten großen Respekt vor Imai sensei, die ein Jahrzehnt älter war, die im Ausland mit der Frauenbewegung in Berührung gekommen war, und nun für die Selbstständigkeit und die Berufstätigkeit der Frauen missionierte. Mit einigen von ihnen entstand eine Freundschaft, wobei die sensei die Rolle des großen Guru innehatte. Frau O., Frau A., Frau Y. und das Ehepaar T., die mich in Hamamatsu empfingen, gehören zu diesem Freundeskreis.

„Schließlich und endlich blieb ich aber immer isoliert. Es blieb mir nichts anderes übrig als allein zu gehen", sagt sie trotzdem. „Diese Frauen waren natürlich besser …"

„Besser als wer?"

„Verglichen mit den Frauen, mit denen ich seit meiner Grundschulzeit befreundet bin. Sie waren `better´, aber nicht `best´".

Ich bin etwas betroffen.

„Leute, mit denen ich mich wirklich völlig einer Meinung fühlte, bin ich nicht begegnet."

„Überhaupt nicht?"

„Ich bin niemanden begegnet. Weil ich die Sachen schon immer sage, bevor es die anderen fordern."

„Gut, vielleicht gibt es wenig Frauen, die genau so denken wie Sie, aber geben Sie nicht den anderen Frauen Anregungen, Impulse?" beleuchte ich die Sache positiv.

„Das mache ich, nicht wahr! Und dann haben meine Studentinnen wirklich angefangen, berufstätig sein zu wollen. Es gab Studentinnen, die nicht mehr sofort heiraten, sondern zum Beispiel Krankenschwester werden wollten, die Lust auf eine weitere Herausforderung hatten. Da habe ich mir gedacht: Wie gut!"


„Amari komakai mono wa oboemasen", sagt Imai san immer wieder bei den Interviews. „An allzu detaillierte Sachen kann ich mich nicht mehr erinnern". Auch nicht, was sie konkret in der Hamamatsu fujin konwaikai machte. Sie weiß auch nicht, ob die Gruppe noch existiert oder nicht.

An die Aktion „Hören wir auf damit, die Mädchenschulen hinten zu lassen!" (Joshikô o nokosu no o yamerô) erinnert sich Imai san nach einigen Fragen. Sie und ihr Freundeskreis wendeten sich damit gegen reine Mädchenschulen. Koedukation war unter der amerikanischen Besatzung ab 1947 in Japan eingeführt worden und in Sapporo und Tôkyô, wo Imai sensei zur Schule ging, studierte und unterrichtete, die Norm. In der Präfektur Shizuoka und einigen anderen Präfekturen aber bestanden in den achtziger Jahren noch die alten Mädchenoberschulen der Vorkriegszeit. Soviel ich weiß, ging es auch darum, diskriminierende Bestimmungen in den Aufnahmsprüfungen zu eliminieren. Damit die Mädchen die Burschen nicht zahlenmäßig überrundeten, wurden nämlich an Mädchen strengere Maßstäbe angelegt.

„Ich habe alles versucht, was ich als Individuum machen konnte. Inwieweit ich Erfolg hatte, kann ich nicht beurteilen," antwortet Imai san auf die Frage, wie sie ihre Bemühungen in Bezug auf ihre Studentinnen beurteilt.

Vier Namen von Studentinnen nennt sie mir, die sie stark beeinflusst habe. „Auf jeden Fall wurden sie zu Frauen, für die Berufstätigkeit sehr wichtig ist." Eine ist Literaturwissenschaftlerin, eine Lehrerin, eine Photographin, eine Graphikerin. Drei sind verheiratet, eine ledig.

„Es besteht nicht grundsätzlich ein Widerspruch zwischen Ehe und Beruf, aber in Japan legt die Ehe den Frauen Grenzen auf, schränkt sie ein und dann entsteht ein Widerspruch".

Zum Schluss, als die Pausen zwischen den Fragen immer länger werden und Imai san sich immer öfters räuspert, noch die letzte Frage für heute: „Wie hat sich während Ihrer Lebenszeit die Situation der Frauen verändert?"

„Auf jeden Fall gibt es mehr berufstätige Frauen und mehr Männer, die im Haushalt helfen. Frauen, die einen Beruf wollen, werden nicht mehr ausgelacht und henna onna, komische Frau, genannt wie seinerzeit ich. Ich bin keine besonders auffallende Person mehr."


Wie oft habe ich eigentlich in den vergangenen dreißig Jahren mit Imai san zu tun gehabt?

Zum ersten Mal begegnet bin ich ihr im Winter 1967/68 am Institut für Japanische Literatur an der Hokkaidô Universität in Sapporo. Das ist die erste Tagebuch-Eintragung über sie, die ich gefunden habe:

„Sapporo, 5.2.68

Am Abend waren wir bei Fräulein Imai. Sie ist Takuboku-Forscherin. Sie studierte unter Professor Yoshida Seiichi und kennt den Takuboku-Biographen Iwaki Yukinori gut. Sie ist 34 und hübsch. Sie trug ein grünes Schnürlsamtkleid und kochte ein sehr sehr gutes japanisches Abendessen: Sashimi und eine Suppe mit Nudeln, einem rosa gefärbten Wachtelei und etwas Grünem, chawanmushi mit Lilien und anderen seltsamen Dingen, Reis und ähnlich wie Tempura gebratene Fleischstückchen, Schwämme, Bohnen. Das Geschirr: breite große Schalen für Sashimi, flache aus Bambus geflochtene Körbe für das Gebackene, eine schmale Schale mit Deckel für chawanmushi, eine etwas breitere für die Suppe, eine Schale für Reis, ein kleiner Teller für shôyu, die Stäbchen auf einer Erdnuss aus Ton. Nach dem Essen erzählte sie von sieben Uhr bis halb elf Uhr von Takuboku. Ich lerne jedes Mal sehr viel, wenn ich sie treffe ..."

Sie betreute mich weiter bei meinem Takuboku-Studium, als wir im Frühling 1968 nach Tôkyô übersiedelten. 1969 im Herbst verabschiedete ich mich von ihr und flog nach Wien zurück und sah sie wieder 1972/73, als wir mit dem kleinen Thomas ein halbes Jahr in Tôkyô verbrachten, S., um Material für seine Habilitation zu sammeln, ich ebenfalls zu diesem Zweck – über die japanische Kriegsliteratur. Bis zu einer Habilitation habe ich es aber nicht gebracht. War Imai san damals schon in Hamamatsu?

Pause bis 1976/77, als sie für ein Jahr, dieses für ihr Leben so bedeutsame Jahr, nach Wien kam. In Wien wohnte sie teilweise bei meiner Schwester Ursula.

1978 reiste sie eine Woche mit mir in Zentraljapan herum, ich übernachtete in ihrer Wohnung in Hamamatsu, sie zeigte mir das Schloss und den Strand, und in Kyôto vermittelte sie mir den Kontakt zu den Geishas von Pontochô, wir waren zusammen bei den Taucherinnen in Katada und übernachteten in einem schönen Hotel in Toba, wo die Mikimoto-Perlen zu Hause sind. Sie nahm mich auch zu ihrer älteren Schwester nach Nara mit und brachte mich schließlich nach Wakayama zum Koya san, dem heiligen Berg, wo Kôbô Daishi, der Gründer der Shingon-Schule des Buddhismus gelebt hatte.

1983 besuchte ich sie mit Felix in Hamamatsu und lernte die Frauen der Hamamatsu fujin konwakai kennen.

Als nächstes betreute sie mich 1988 bei meiner Recherche für das Buch „Onna da kara – Weil ich eine Frau bin - Liebe, Ehe und Sexualität in Japan". Sie vermittelte mir Interview-Partnerinnen, und vor allem die Befragung zum Thema „Liebe, Ehe, Sexualität" hätte ich ohne ihre Unterstützung nicht durchführen können. Dabei hätte sie es viel lieber gesehen, wenn ich mich dem Thema Berufstätigkeit gewidmet hätte. Sie nahm mich damals auch zu ihrer jüngeren Schwester nach Mishima mit und ich durfte ihre Lieblingsnichte interviewen.

1990 kam Imai san wieder nach Wien, nun schon vom Rheuma gezeichnet, auf einen Stock gestützt. Sie verbrachte den ganzen Sommer in Wien und Bad Vöslau, recherchierte über Rheumabehandlung und Frauenfragen.

1992 besuchte ich mit ihr die Tagung der Internationalen Gesellschaft für Takuboku-Studien in Kyôto, danach lud sie mich zu ihrem Bruder nach Matsumoto in der Präfektur Nagano ein.

Es war Ende März 1996, statt Primeln prägten schmutzige Schneehäufen den Anblick von Wien, als sie mit dem Ehepaar T. eine Woche in ihrer Lieblingsstadt verbrachte. 1997 lud sie Hans und mich einige Tage nach Hida no Takayama ein, eine Nacht wohnten wir in einem der bekanntesten Thermal-Ryokans von Japan. Imai san litt bereits sehr und schickte uns den ganzen Tag alleine zu den Besichtigungen. In Hamamatsu führte sie uns in ihren Freundeskreis ein, wir übernachteten im Haus der Familie O..

Und im Jahr 1999 kam Imai san im Rollstuhl am Flughafen Schwechat an. Es war Herbst, ein grauer kühler Herbst, aber die sensei, begleitet alternierend von A. san und T. san als „Helfer" war so glücklich in Wien wie eh und je. Im Frühling wollte sie wieder kommen, im Mai, wenn der Flieder blüht und die Kastanien, länger, mit allen Freundinnen. Aber wegen eines Sturzes in ihrer Wohnung im Garten Eden, in das sie noch vor ihrer Pensionierung übersiedelt war, platzte dieser Plan. Sie schickte die Freunde und Frau S., ihre private „herupa-san", alleine los. Mit welchen Gefühlen hat sie wohl die Video-Aufnahmen von diesen prächtigen Mai-Tagen in Wien gesehen und die Ton-Aufnahmen der Amselstimmen aus dem Wiener Stadtpark angehört?

Sie wurde depressiv.

Als ich sie im Herbst 2000 mit Kerstin, einer Sozialarbeiterin, im Garten Eden besuchte, konnte sie nur mehr liegen. Ihre Stimme war schwach. Kerstin musste auf ihren Wunsch einen Vortrag über Wiener Altersheime halten. Wir hatten das Biographie-Projekt bereits gestartet. Ich saß an ihrem Bett und sie erzählte anhand des Familienalbums aus ihrer Kindheit. Traurig verabschiedete ich mich von ihr, der kleinen wie ein ausgebleichtes Blatt am Bett des Pflegeheims liegenden Person.

Aber sie erholte sich wieder. Sie begann von Ausflügen zu emailen. Frau S. schrieb, dass die Sensei „eine Hausaufgabe" brauche, einen Lebensinhalt. Und den fand sie dann bald darauf mit der Herausgabe ihrer wichtigsten Schriften. Das rosa Buch entstand, das jetzt fast fertig ist.


Anmerkungen

Fotos| 25.10| 26.10| 27.10| 28.10| 29.10| 30.10| 31.10| 1.11| 2.11| 3.11| 4.11| 5.11| 6.11| 7.11| 8.11| 9.11| 10.11|
11.11| 12.11| 13.11| 14.11| 15.11| 16.11| 17.11| 18.11| 19.11| 21.11| 22.11| 23.11| 25.11| 26.11| 27.11| 28.11

Ruth Linhart | Japanologie | Biographieprojekt Imai Yasuko Email: ruth.linhart(a)chello.at