Ruth Linhart | Japanologie | Biographieprojekt Imai Yasuko


Herbst in Hamamatsu, ein Reisetagebuch

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Die japanische Kultur hat etwas Ordinäres an sich

5. November, Mittwoch

Wieder sitze ich im Zimmer der sensei und zwar allein. Denn Imai san ist wählen gefahren. Mit dem Rollstuhl zu der Wahlzelle im Haus.

Am 9. November, also am kommenden Sonntag, sind in Japan Parlamentswahlen, und anscheinend besucht die Wahlkommission Alten- und Pflegeheime bereits einige Tage vorher.

Was, die sensei kommt schon wieder! Sie hat am Vormittag extra angerufen, um zu klären, was ich machen werde, wenn sie das Zimmer verlässt und zum Wählen geht, obwohl ich ja öfters allein in ihrem Zimmer sitze, zum Beispiel während der Nachmittagsrehabilitation. Und nun war sie höchstens eine Viertelstunde weg!

Ich fragte sie vorher, ob sie sich schon überlegt hätte, wen sie wählen würde, und sie sagte: „Außer der jimintô, der Liberaldemokratischen Partei, hat nichts einen Sinn, die ist das kleinste Übel". Das hat mich gewundert, da die Imai san doch eine ehemalige Mitkämpferin der linken Studentenbewegung ist und ich sie auch in ihrem weiteren Leben politisch eher links vermutet hätte. Die LPD ist aber die konservative Regierungspartei, die Japan mit geringen Unterbrechungen seit dem Kriegsende beherrscht.

Ich fragte sie, welche anderen Parteien es sonst noch gebe, die für sie in Frage kommen. Was ist mit der ehemaligen shakaitô, der sozialistischen Partei, die jetzt shamintô , sozialdemokratische Partei, heißt, und seit vielen Jahren von einer Frau, nämlich Dôi Takako, geleitet wird? „Die bringt überhaupt nichts zusammen", murmelt Imai san unwillig. Eine Entsprechung für unsere Grünen existiere nicht.

Das heißt, es existiert keine eigene Partei, die grüne Inhalte vertritt. Ich erkundigte mich nämlich am Sonntag bei unserem Meeresausflug auch bei Yôko, ob es in Japan eine Umweltpartei gebe, und sie antwortete, es gebe einen grünen Flügel innerhalb der shamintô, aber der sei zu schwach, um sich selbstständig zu machen. Frau S. wiederum informierte mich darü­ber, dass die kômeitô großen Zustrom habe. Die kômeitô ist der parteipolitische Zweig einer macht­vollen „neuen Religion", der Sôkagakkai. Frau S. ist politisch sehr interessiert. Sie habe ich, glaube ich, etwas unterschätzt.

Yôko lehnt den jetzigen Premierminister Koizumi Junichirô, von dem sie am Anfang viel erhoffte, nun ab. Er sei ein Populist und versuche, es auch den Wählern am rechten Rand recht zu machen - siehe sein wiederholter Besuch im Yasukuni-Schrein, in dem shintôistischen Heiligtum in Tôkyô, in dem man die für den Kaiser gefallenen japanischen Soldaten verehrt. Unter anderem gehören auch Politiker, die als Kriegsverbrecher verurteilt wurden, zu den im Schrein verehrten „kami" (Götter).

„Man hat viel von Koizumi erwartet, weil er sich jugendlich dynamisch gibt und versprochen hat, das politische System zu erneuern und die Wirtschaft aus ihrem Tief zu holen", sagte Yôko.

Viele japanische Politiker wirken im Gegensatz zu ihm, der 1942 geboren wurde, wie Greise. Nakasone Yasuhiro etwa, in den Achtzigern japanischer Premierminister, ist schon 85 Jahre alt, ich sah ihn letzthin im Fernsehen. Er mischt noch immer mit. In dieser Fernsehsendung am Sonntag ging es um das Wahlalter und um die Änderung der sogenannten Friedensverfassung, die schon seit Jahrzehnten diskutiert wird.

Nach der Niederlage im Aggressionskrieg und den Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki beschloss Japan 1945, auch unter dem Druck der Siegermacht, nie mehr ein Heer zu halten. Das tat den Amerikanern bald leid, denn der Kalte Krieg brach aus, der Koreakrieg und der Vietnamkrieg, und Japan war als amerikafreundliches Bollwerk gegen den Kommunismus gefragt. Die japanischen Kommunisten und Sozialisten waren immer gegen die Aufhebung der Friedensverfassung und ein großer Teil der Bevölkerung ebenfalls. Im Zuge des Irakkriegs und der Diskussion, ob Japan die amerikanischen Verbündeten nicht nur mit Geld, sondern auch mit menschlichen Ressourcen unterstützen sollte, wurde die Diskussion wieder heftig. Präsident Bush setzt offensichtlich Präsident Koizumi stark unter Druck.

Japan hat offiziell gar kein Heer, sondern nur eine jieitai, eine Selbstverteidigungstruppe, die keine kriegerischen Handlungen setzen darf. Diese Truppe ist, wie man hört, enorm aufgerüstet. Schon am ersten Abend meines Aufenthaltes, bei O.s, entbrannte am Thema jieitai und Friedensverfassung eine für japanische Begriffe heftige Diskussion. Wohl unter Alkoholeinfluss ließ sich Herr O. so weit gehen, dass er die Scheinheiligkeit beider anprangerte. Er schien mir eine Aufhebung des Kriegsverbotes zu fordern und für den Einsatz japanischer Truppen im Irak zu sein. Die übrigen reagierten dämpfend, mit betroffenem Gesichtsausdruck. Welche Meinung sie wirklich hatten, wurde mir nicht klar, aber jedenfalls war es ihnen peinlich, dass Herr O. sich in einen Gegensatz zur Meinung der Österreicher und einiger europäischer Länder katapultierte, die ich hier als Gast vertrat. Da ich sagte, dass Österreich wie Deutschland und Frankreich den Irakkrieg und den Einsatz ihrer Soldaten dort nicht für gut hielten, wäre es von den Gastgebern unhöflich gewesen, auf einer unterschiedlichen Meinung zu bestehen. Übrigens hat die Selbstverteidigungsarmee jieitai in Hamamatsu einen wichtigen Stützpunkt, und ihre Flugübungen sind unüberhörbar. Premier­minister Koizumi gibt sich also modern und kulturbeflissen, hat graue Locken, ist schlank und sportlich, liebt die Oper, wie Yôko san sagte. Aber das sei alles nur PR. 2001, als er zum ersten Mal gewählt wurde, hat er sich mit großen Versprechungen und vor allem einer ungewöhnlichen Anzahl von acht weiblichen Ministern hervorgetan. Das hat ihm wahrscheinlich bei Imai san viel Sympathie eingebracht.


Jetzt gießt es draußen. Es ist Nacht, ich sitze in meinem Tatami-Zimmer und vor einiger Zeit kam der Sohn heim. Da knallte die Tür, bumm krach bauz. Er ist immer sehr kurz im Wohnzimmer nebenan und zieht sich bald in den ersten Stock zurück. Frau S. sagt, er habe in seinem Zimmer einen PC, aber aus finanziellen Gründen benütze er, was das Email anlangt, den im Wohnraum. Um acht Uhr briet Frau S. ein Truthahnschnitzel für den Burschen. Ich muss einmal fragen, wie der junge Mann heißt. „Als Kind war er so herzig," sagte Frau S., und zeigte auf das Bild, das im Wohnzimmer hängt: Der große Sohn im Alter von zirka elf Jahren umarmt den Kleinen, der fast noch ein Baby ist.

Nun ist es jenseits der Schiebetür still geworden. Es geht auf zehn Uhr zu. Frau S. stand um sieben Uhr auf, wie ich. Gegen Mittag verließ sie das Haus, um eine Freundin zu treffen und mit ihr zu essen. Sie macht mir nun fast jeden Abend einen Vorschlag, heute fragte sie, als ich vom Garten Eden nach Hause kam, ob ich mit ihr Sushi essen gehe, Sushi am Laufband. „Die kosten nur hundert Yen.". Aber ich war froh, zurück zu sein und hatte keine Lust. Frau S. saß lange vor dem PC und hämmerte fleißig. Ob es sich dabei um die Frage handelt, wie man Hamamatsu schöner machen kann?


Hamamatsu schöner machen ... Ich habe mir heute auf dem Weg nach Apita zum Bus gedacht, dass ich beim nächsten schönen Wetter den Fotoapparat mitnehmen werde, um die vielen Blumen samt Hintergrund zu fotografieren.

Habe ich schon geschrieben, dass ich jedes Mal, wenn ich über die Brücke bei der Stadtautobahn von einer Ampel zur anderen gehe, die Brücke im Erdbeben einstürzen sehe? Ich spüre direkt, wie mir der Boden unter den Füßen weg bricht, dieser raue unregelmäßige Asphalt.

Nach dem Erdbebengespräch gestern habe ich heute tatsächlich eine „Notfallstasche" eingepackt, die schwarze Reisetasche. Angeblich steht so eine Notfallstasche in jedem japanischen Haushalt. Ich habe Folgendes hinein gegeben: einen Waschbeutel mit den Medikamenten, das Geld, das ich nicht in der Handtasche bei mir trage, eine kleine Flasche Wasser, die ich am Abend in dem gelb beleuchteten Supermarkt gekauft habe, ein paar trockene Kekse, den Fotoapparat. Weiters muss im Ernstfall – der bitte nicht eintreten soll, jeden Abend bitte ich den lieben Gott inständig darum – unbedingt dieser kleine Reise-PC mit. Sicher, das Leben ist das Wichtigste, aber wenn es geht, sollte Pezi auch gerettet werden. In dem steckt schon so viel „Beute" aus Japan drin, dass mir angst und bang wird, wenn ich daran denke, dass er streiken könnte.


Imai san sagte, die Burschen – Männer sagt sie – unter den Pflegern benehmen sich affektiert, wenn ich da bin. Ob das stimmt? Es handelt sich um junge Burschen, der dicke ist wahrscheinlich schon über 30, aber drei habe ich gesehen, die sind sicher nicht älter als 25. Und Frau Imai sagt auch, dass die Pflegerinnen zum Teil freundlicher zu ihr sind, weil ein Gast da ist, und dass die alte Frau nebenan nicht so schreit, weil ich da sitze. Aber in den ersten Tagen hat die sich gar nichts daraus gemacht, dass ich da sitze. Ich vermute, sie hat irgendeine zusätzliche Medizin bekommen.


Jedes Mal, wenn ich in diesen Palast namens Garten Eden eintrete, geht es mir gleich. Frau Imai sagt übrigens, der neue Leiter legt viel Wert auf alles, was man von außen sehen kann. Die Lobby wurde erneuert und verschönt, sie schaut aus, wie in einem Spitzenhotel, mit warmes Licht spendenden Lampen, gemütlichen Sitzgelegenheiten in Pastellfarben, sehr viel ist in Rosa gehalten, aber es gibt auch eine einladende gelbe Polsterbank. Frau Imai kritisiert, dass man mit dem Rollstuhl auf dem weichen rosa Teppichboden sehr schwer vorankommt. Jenseits des Eingangsbereiches ist der Boden mit blassrosa Linoleum bedeckt. Die Lifttüren sind intensiv rosa. Frau Imai verwendet auch ein rosa Briefpapier. Heute warf ich ihren Brief an Yanagizawa san, die Künstlerin, die ihren Buch­umschlag gestaltet hat, in dem Briefkasten vor dem Eingangstor. Yanagizawa san ist unzufrieden mit der Schattierung des Rosa, das der Verlag gewählt hat.


Jedenfalls denke ich mir jedes Mal, wenn ich über den Teppichboden in der Lobby des Garten Eden und über den rosa Linoleumboden schreite, sodann den pinkfarbenen Lift nehme und unten im Parterre in die Pflegestation komme, wenn ich dort durch den ersten großen Saal, der für solch eine Einrichtung relativ gemütlich ausschaut, gehe und weiter durch den verglasten Gang zum zweiten Teil der Pflegestation weiterwandere und hinaus auf das Grün und die Blumen blicke und schließlich zum hinteren Trakt des Pflegetraktes gelange, in dem Frau Imai wohnt – ich denke mir jedes Mal, ob ich es mir wirklich zumuten will, in Wien ehrenamtlich mit uralten und hilflosen Kranken zu arbeiten.

Wobei im Hospiz, der Sterbestation, die es hier auch gibt, nicht nur alte Leute sind. Ich glaube, das Beklemmende daran ist der Spiegel, den mir die BewohnerInnen vorhalten. „Das ist deine Zukunft!" flüstern sie mir zu.

„Das ist meine Zukunft." Imaginäre Plakate, große Schilder, Banner mit diesen Worten hängen überall, wohin ich schaue, sobald ich das Gebäude betrete.

Manche der alten Leute in der Pflegestation schlurfen gestützt auf einen Rollwagen herum. Aber die meisten sitzen in Rollstühlen. Ihr Kopf hängt nach hinten oder das Kinn auf die Brust, ihre diversen Körperteile sind mit Bandagen eingefascht, sie trenzen oder haben das Hosentürl offen, sie können nur mehr lallen, und die Pflegerinnen steigen im Kontakt mit ihnen auf das Niveau von Wickelbabies oder maximal Kindergartenkindern herunter. Die Kommunikationsebene ist hierarchisch gesehen ganz niedrig. Auf die Schnörkel höflicher Partikel, Vor- und Nachsilben und auf höfliche Varianten von Wörtern ein und derselben Bedeutung, die in der japanischen Sprache so viel über den zwischenmenschlichen Kontakt aussagen, wird verzichtet. „Nani o suru kai?" Was machen Sie denn da? „Sore wa ikemasen" Das darf man nicht! „Nani o shita?" „Was haben Sie denn da getan?" „Abunai yo!" Gefährlich!


Dieses Heim, oder zeitgemäßer gesagt, dieses PensionistInnenwohnhaus mit einer Betreuungsstation, ist schön. Auch wenn sich Frau Imai mit dem jetzigen Direktor nicht so gut versteht wie mit dem früheren! Er trägt mit Vorliebe, sagt sie, gelbe Krawatten und ist smart und slim wie Ministerpräsident Koizumi.

Die Zimmer der Alten sind keine Krankenzimmer, sondern fast alles Einzelzimmer mit allen möglichen Einrichtungsgegenständen. Auch in der Pflegestation kann man Privates haben, siehe das Zimmer von Imai san, und auch eigenes Essen, siehe ihr voller Kühlschrank. Es gibt die schönen Aufenthaltsräume, und das Personal, das sich viel mit den Alten beschäftigt. Ich gehe oft durch diese Räume, wenn ich für Imai san etwas besorgen oder zur Toilette muss. Die alten Leute sind tagsüber meistens nicht in ihren Zimmern. Man hat in den Aufenthaltsräumen die Möglichkeit unter Leuten zu sein und zum Beispiel doch allein zu essen, mit dem Rücken zu den anderen, die an einem entfernten Tisch sitzen, oder auch allein fernzusehen. Am Nachmittag sind die alten Leute oft um einen großen Tisch versammelt und es wird Beschäftigungstherapie gemacht: Basteln, Singen, Zeichnen, Spiele. Ich schaue nicht so genau hin, weil mir das zu neugierig scheint. Ich würde aber gerne eine Reportage machen.

Ich weiß nicht, wie groß diese Säle sind, jedenfalls riesig, aber unterteilt. Sie haben Holzböden in warmen braunen Farben, rötlich schimmernd, es gibt große Glasfenster, und von draußen schauen Blumen und Bäume und Gräser herein. Sobald es finster wird, werden die Vorhänge zugezogen. Im Trakt vor den Zimmern weitet sich der Gang zu einem weiteren kleineren Aufenthaltsraum dieser Art mit Tischen und bequemen Sesseln. Dort kann man essen oder arbeiten. In diesem Raum bieten ein großer Spiegel und zwei Waschbecken die Möglichkeit, zum Beispiel die Zähne hier heraußen zu putzen. Frau Imais „Abwasch" ist so voll mit Geschirr, dass sie wahrscheinlich dieses Angebot wahrnimmt. Jedenfalls stehen am Beckenrand Zahnputzbecher mit Zahnbürsten.


Imai san lässt sich verwöhnen, ich bringe ihr das Trenzerl und die Tabletten und den Tee, ich trage die Brille hin und her und drücke den Knopf, der die Helferinnen herbei ruft, und mache dies und das, was sie mir sonst noch anschafft.

Es ist so, dass ich diese Art Kontakt mit Alten oder Kranken gerne habe. Aber das ständige erinnert werden: „Nicht lange, und du bist auch so weit… Das steht dir auf jeden Fall bevor, wenn du nicht schon früher stirbst". Ob ich mir das wirklich geben soll?


Wien war prachtvoll, grandios, großartig ..." Imai san sucht nach Worten, um mir den überwältigenden Eindruck zu vermitteln, den Wien auf sie hatte. Wir setzen die Interviews mit einer Wiederholung der Themen von vorgestern fort: Die Erinnerungen an Wien.

„Das Stadtinnere ... So etwas hatte ich bisher noch nicht gesehen. Die Augen gingen mir über, alles drehte sich. Dieser Zustand dauerte mindestens ein halbes Jahr. Wie die Leute lebten, das war echter Luxus. Ich ging natürlich oft in die Oper. So ein Opernhaus zu genießen! Dieses Vergnügen, dieser Luxus, diese Pracht!"

Sie kaufte möglichst billige Plätze, auf der Galerie.

„`La Bohéme´ unter Karajan, `Hoffmanns Erzählungen´, das sah ich in der Volksoper, aber sonst war ich meistens in der Staatsoper. `Madama Butterfly´. Ja, den Kimono hatte die Butterfly verkehrt an, das war komisch. Aber ich musste weinen, weil die japanischen Frauen so arm sind."

Der Status der Frauen in Wien, die Oper, die Museen mit ihren Kunstwerken, das waren die Sachen, die ihr am meisten imponierten. In Wien lebte sie entspannt, sie genoss, dass die Stadt so ruhig ist.

„Aber Hamamatsu ist doch auch ruhig."

„Ja, das stimmt. Aber ... was ist es, das so anders ist? In Wien sind auch nicht alle Leute reich, viele Häuser sind alt. Aber das kulturelle Niveau ist höher".

„In Japan gibt es doch auch eine hoch entwickelte Kultur!"

„Der Unterschied liegt offensichtlich in den Umständen, wie man diese in das alltägliche Leben hereinholt".

Und dann sagt sie etwas, das mich erstaunt:

„Die japanische Kultur hat etwas Ordinäres an sich."

„Meinen Sie die Ukiyôe, die Holzschnitte, oder die erotischen Romane der Tokugawa-Zeit?" tappe ich verwirrt im Dunklen.

„Ja, ja, aber auch die Gespräche der Männer. Die japanischen Männer glauben, dass solche Gespräche für die Frauen ein Vergnügen sind!"

„Wo, in Trinklokalen?"

„Nicht nur, auch ganz normale Gespräche."

Ich bin noch erstaunter.

„Japanische Männer reden doch in normalen Gesprächen überhaupt nichts Erotisches." Im Gegenteil, mir erschienen die japanischen Männer – etwa im Unterschied zu Italienern, Franzosen oder Polen - extreme „Flirtmuffel" zu sein.

„Und wie! " beharrt Imai san, in ihrem Pflegeheimbett liegend auf der Tatsache, dass japanische Männer mit Vorliebe erotische – eroppoi – und unanständige – gehin – Anspielungen sogar in die dienst­liche Konversation einfließen lassen. „Der Mann in Wien, der zu mir sagte: `Sie sind eine sehr reizvolle Frau´, der hätte ein Japaner sein können." In Wien sei sie manchmal von Männern angesprochen worden: „Haben Sie einen Freund?", was ihr in Japan wiederum nie passiert sei. Aber sie lernte bald, damit umzugehen. Die Männer jedoch, mit denen sie näher zu tun hatte, waren alle nicht „anlassig", sondern nur liebenswürdig, freundlich. „Vielleicht hängt das auch mit meinen ungenügenden Sprachkenntnissen zusammen. Jedenfalls fühlte ich mich immer wohl."

Imai san wiederholt, dass sich die männlichen Angestellten hier mir gegenüber aufspielen. Ob sie mich dabei als Frau oder als Europäerin betrachten oder beides eine Rolle spielt, das weiß sie nicht.

„Glauben Sie, das ist drüben im Westen nicht so?

„Nai deshô", sagt sie. Das sei wohl nicht so.

Dann kommt sie auf das Tanzen zu sprechen. Im Gasthaus im Gesäuse sei sie zum Tanzen aufgefordert worden. Walzer sei das wohl gewesen. Ich bin neuerlich erstaunt, da ich Imai san, obwohl ich sie seit 35 Jahren kenne, Kenntnisse im westlichen Gesellschaftstanz nicht zugetraut hatte.

„Wo haben Sie denn in Japan tanzen gelernt?"

„Ich habe in Japan schon vorher getanzt. Aber in Japan ist `dance´ `cheek dance´. Erst in dem Wirtshaus im Gesäuse habe ich gemerkt, dass es etwas anderes als cheek dance gibt."

„Am Arbeitsplatz. Nein, nicht direkt am Arbeitsplatz, sondern in einer Bar. Man geht mit den Kollegen hin, trinkt, wird beschwipst und tanzt. Wenn man nicht tanzt, wenn man bei erotischen Gesprächen nicht mittut, ist man keine richtige Frau. Darum ist es besser, bei solchen Gesprächen mitzutun, cheek dance zu machen, und auch wenn es nicht angenehm ist, so zu tun, als ob man es gerne hätte. Die Kollegen, die einen da zum Tanz auffordern, die wollen ja in Wirklichkeit nur von hinten die Hände auf die Hüften legen und den Hintern betatschen. Das ist für sie tanzen."


Von der deutschen Frau des Tempelpriesters vom Serain-Tempel in Hamamatsu erzählte mir Imai san auch. Bei dieser Frau studierte sie Deutsch für das Jahr in Wien. Die Deutsche hatte ihren Mann in Deutschland kennen- und lieben gelernt. Er war der zweite Sohn des Tempelpriesters. Als der für die Nachfolge vorgesehene Bruder, der älteste Sohn, „floh", kam der Vater nach Deutschland, um den zweiten Sohn zurückzuholen. Die deutsche Freundin sagte: „Wenn du nach Japan zurückgehst, komme ich mit." Die beiden heirateten und sie übernahm in Hamamatsu die Aufgaben als Priesterfrau.

Was Imai san besonders imponierte, war das Verhalten, das der Tempelpriester seiner deutschen Frau gegenüber an den Tag legte. Einmal in der Woche fuhr er mit ihr zu einem italienischen Lokal in Hamamatsu, das auch Imai san öfters frequentierte.

„Er stieg zuerst aus dem Auto aus und benahm sich so, wie es die Männer in Europa machen. Er half seiner Frau aus dem Auto, machte hinter ihr die Autotüre zu, öffnete vor ihr die Restaurant-Tür und ließ sie zuerst hineingehen. Sie aßen und tranken nachher Kaffee, und er gab sogar Trinkgeld wie in Europa. Der Mann sprach Deutsch mit seiner Frau. Auch als er nach Hamamatsu zurückgekehrt war, fiel er nicht in das Benehmen der japanischen Männer zurück."


„Dass in Wien die alten Leute, wenn der Partner starb, weiter allein lebten und auf den Bänken der Stadt saßen, viele Stunden, und gedankenverloren vor sich hin schauten", auch das beeindruckte sie. Sie beobachtete die alten Leute an der Donau beim Nußdorfer Spitz, in dessen Nähe sie wohnte und in den Parkanlagen. „Überall, wo es grün war. Anfangs dachte ich, dass es in Wien besonders viele alte Leute gibt, weil man so viele alte Leute draußen sah. Aber die werden nur nicht im Haus versteckt, sondern gehen bis ins hohe Alter so viel wie möglich hinaus und vergnügen sich draußen." Sie beobachtete, dass alte Frauen schwere Einkaufstaschen die Stiegen hinaufschleppten. „Ein japanischer Bekannter wollte so einer alten Frau die Last abnehmen. Die hat das aber abgelehnt. Als ich das hörte, dachte ich: Das ist auch eine Art Unabhängigkeitssinn!"


Je näher der Zeitpunkt der Heimkehr nach Japan kam, desto weniger wollte sie zurück.

„Als ich im Frühjahr wegen der Abschlussarbeiten nach Japan musste, kam mir dieses Gefälle zwischen Europa und Japan zu Bewusstsein."

Ich wendete ein, dass das Leben in Wien sicher nicht so unbeschwert gewesen wäre, wenn sie jeden Tag hätte zur Arbeit gehen müssen, wie in Japan.

Imai san beharrt darauf: „Das Leben ist drüben freier. So Tag für Tag zur Arbeit zu gehen, ohne auf etwas anderes zu schauen, das gibt es dort nicht. Man hat Urlaub im Sommer und im Winter, und die Leute in der Stadt verstehen es, ihr Leben zu genießen."


Ab morgen muss ich Hans weniger klagende Emails schreiben, sondern ihm irgendwelche Sachen erzählen, die ich erlebe. Aber ich erlebe nicht viel, außer das nichijôseikatsu, das Alltagsleben, das in einem fremden Land immer interessant ist. Die Schuluniformen mit den superkurzen Röckchen zum Beispiel. Dort beim Mikatahara-Krankenhaus vom Heiligen Geist, dort gibt es auch eine seirei-christopher-daigaku, tankidaigaku, kôtôgakkô, chûgakkô, shôgakkô und wahrscheinlich auch einen yôjien, also eine Universität, Kurzuniversität, Oberschule, Mittelschule, Grundschule und einen Kindergarten des Heiligen Christopher. Vielleicht kommen die Mädchen mit dem modischen ausgefransten Haarschnitt und den karierten Faltenröckchen, die zirka 15 Zentimeter über den Knien aufhören, von dieser Oberschule. Und das wundert mich, denn in einer christlichen Schule würden bei uns so „unkeusche" Röcke wohl nicht erlaubt sein. Oberhalb der Röcke tragen die Mädchen dunkelblaue Blazer, Bluse und Pullover und unterhalb blaue Stutzen. Sie haben blaue Sporttaschen umhängen, die ziemlich voll und schwer zu sein scheinen. Eines der Mädchen, die gemeinsam mit mir auf den Bus Nr. 100 warten, ist unwahrscheinlich übergewichtig.


Vielleicht fahre ich übermorgen nun doch zum Meijmura. Wenn nicht, weil es regnet, werde ich „in die Stadt" fahren, und Imai san trotzdem einen freien Tag geben. Ich glaube, sie braucht das.


Hans ist verkühlt, er hat Halsweh und klingt auch so. „Weil ich ein Getränk mit Eiswürfeln getrunken habe." Es hat in Wien in der Früh am Balkon sechs Grad gehabt. Eine Pelargonie ist aufgegangen, eine Blüte", sagt Hans, und der Weihnachtskaktus blüht. Die Wohnung dürfte schon ziemlich verstaubt sein, weil Hans im Email schreibt, dass er mit dem Staubsauger durch die Wohnung gehen sollte.



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