Ruth Linhart | Japanologie | Biographieprojekt Imai Yasuko


Herbst in Hamamatsu, ein Reisetagebuch

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Die Männer „drüben“ sind liebenswürdig

4. November, Dienstag

Ich sitze im Zimmer der Imai san, der PC steht auf ihrem Bett, und in der Ferne ist die helle Stimme der Physiotherapeutin zu hören, die mit den alten Leuten turnt. Wobei meine sensei ja noch verhältnismäßig jung ist.

Heute war eine Versammlung, bei der das für das Essen des Garten Eden zuständige Komitee das Neujahrsmenü besprach. Imai san ist Mitglied und nahm teil. Daher konnte ich erst um halb vier Uhr kommen. Es bleibt also nicht viel Zeit für die Arbeit.


Wie schaut das Zimmer der Sensei aus?

Es ist eher klein, ebenerdig. Ein bis zum Boden reichender Vorhang verdeckt das Fenster, das fast die gesamte Front des Zimmers einnimmt. Schiebt man den Vorhang beiseite, blickt man auf eine Art überdachte Veranda hinaus, die im Rasen mündet. Ein Aggregat rauscht laut, wahrscheinlich die Klimaanlage. Das elektrische Licht brennt. Vor dem Fenster steht der , der Schreibtisch mit dem schräg aufgestellten pasocon der Imai san. Auf dem für das kleine Zimmer großen Schreibtisch liegt eine Glasplatte. Der Schreibtisch ist aus dunklem Holz und hat keine Schubladen - doch, links sind drei kleine Laden. Rechts unter dem Schreibtisch steht ein Kästchen mit Schubladen auf Rädern. Auf dem Schreibtisch links befindet sich ein Drucker, davor Papierkram. Die übrige Fläche ist mit Tabletts bedeckt, auf denen allerhand Dinge abgestellt sind: diverse Fläschchen, Wasser, ein Wiener Email Pillendöschen, ein Zigarettenetui, das tatsächlich für Pillen benützt wird und eine Zahnbürste in einem Glas. Weiters gibt es eine hübsche Tischuhr, vielleicht aus Wien, golden, aber elegant, sowie die Klingel für die helper san, die den nun schon vertrauten Klang des „Albumblatts an Elise" auslöst.

Neben dem Schreibtisch steht das geräumige verstellbare Bett. Wenn Imai san nicht darauf ruht, dient es als Erweiterung des Schreibtisches, als Ablage für alles Mögliche. Immer liegt darauf ein Kissen, neben dem Kissen der Telefonhörer, auf der anderen Seite ein Körbchen mit tissues, dünnen Papiertaschentüchern. Gegenüber vom Bett ist eine Nische mit einer Waschgelegenheit oder besser einer Art Abwasch, in der ständig schmutziges Geschirr herumsteht, Toilettenartikel, Wischtücher. Eine etwas verwachsene ältere Angestellte in rosa Arbeitsgewand räumt täglich einmal hier auf. Diese Nische ist von oben bis unten mit einem Spiegel ausgekleidet. Zwischen Bett und Nische steht ein Bücherregal mit Frau Imais Werken und anderen Büchern. Neben dem Waschbecken ist ein großer prall gefüllter Eisschrank platziert. Auf der anderen Seite des Zimmers befindet sich ein Kleiderschrank, der vom Boden bis zur Decke reicht. Dann gibt es ein zweites Bücherregal, daneben ein Stockerl, auf dem sich Post und andere Papiere stapeln, oben drauf liegen eine Wolljacke und weitere Papiertaschentücher.


Es ist wirklich schwer, die Zeit zu finden, um die Gespräche mit Imai san nachzutragen, die Fotos zu identifizieren und mich für die Gespräche am nächsten Tag vorzubereiten.

Jetzt ist es bald zehn Uhr. Ich kam heim, vor mehr als zwei Stunden, und wurde sofort in ein Gespräch mit Frau S. verwickelt. Und dann läutete auch gleich Frau M., eine Freundin der Frau S., und das Interview mit mir, das Frau S. gerade eben für irgendwann einmal angekündigt hatte, fand sofort statt. Und nun sitze ich hier, bin schon sehr müde und wollte wenigstens noch ein bisschen emailen, aber das geht nicht, weil die beiden Damen auf der anderen Seite der Schiebetür, dort, wo sich der PC von Frau S. befindet, noch beisammen sitzen und plaudern.


Das Wetter war wieder schön und Frau S. eilte wirklich um halb acht Uhr aus dem Haus. Ich stand auf und eilte zur Waschmaschine, um schnell meine sheets zu waschen. Ich hatte ja ein ziemliches Programm, auch Staub zu saugen, Haare zu waschen und die Imai-Gespräche nachzutragen. Aber das Schicksal wollte es, dass die Waschmaschine sich nicht so benahm wie erwartet. Ich plagte mich mit ihr, fürchtete, dass sie überlaufe, schöpfte Wasser heraus, ließ sie schließlich halbvoll mit Wasser und Bettwäsche angefüllt stehen und schrieb Frau S. einen Hilfebrief. Später stellte ich noch ein Stöckchen mit Azaleen dazu, das ich im drugstore kaufte.

Das war das eine. Es passierten noch eine Reihe kleinerer Missgeschicke, die Batterie meiner Armbanduhr ist leer, und bei der Post, zu der es mindestens zwanzig Minuten zu gehen ist, hatte ich mein Adressbuch nicht mit, sodass ich die Rechnung für das Takuboku-Buch, das gestern bereits bei Frau Imai angekommen ist, nicht zahlen konnte. Auf das entsprechende Formular sollte ich nämlich meine Wohnadresse eintragen. Ich weiß sie aber auswendig nicht! Beim Zurückgehen fragte ich in der Bücher- und Videohandlung, ob man hier das neueTakuboku-jiten, das Takuboku-Wörterbuch, das die Internationale Gesellschaft für Takuboku-Studien herausgegeben hat, bestellen könne. Ein ganz eifriger und hilfsbereiter Verkäufer, der alles recherchierte und zum Schluss kam, ja, es ginge. Aber das Buch kostet 4800 Yen, um die 40 Euro, und das traute ich mich nicht auszugeben. Es ist in dieser Vorstadtbuchhandlung nicht möglich, mit Visa-Karte zu bezahlen, und was mache ich, wenn mir die Yen ausgehen!

Worüber ich ständig grüble, ist diese freundliche Bereitschaft, auf Fragen einzugehen, die es in österreichischen Geschäften selten gibt.

Ist das hier nur so, weil ich eine Ausländerin bin? Oder sind die Leute einfach besser erzogen? Oder herzlicher? Etwas, das man den Japanern gar nicht nachsagt. Es ist einfach nett, wenn die Verkäuferin bei der Frage nach Cornflakes sofort mit mir zu dem Regal eilt, wo diese stehen. Und mich dabei noch dazu freundlich anlächelt. Es ist vor allem dieser freundliche Augenausdruck, der mich jedes Mal wieder erstaunt. Aufmerksam, freundlich, fast unterwürfig. Ich bin irgendeine uninteressante ältere Ausländerin, die können sich nicht erwarten, dass sie von mir etwas haben – niemand, mit dem ich zu tun habe, kann aus dieser Berechnung heraus mit mir nett sein.

Nach Hause gekommen, war ich frustriert, weil Frau Imai unser Rendezvous auf halb vier verschob, und ich mir ausrechnen konnte, dass ich nicht viel Material nach Hause tragen könnte, da sie um vier Uhr Rehabilitation hat, um fünf Uhr das Abendessen und um sechs Uhr Massage.


Um drei Uhr fuhr ich mit dem Bus ins Heim. Imai san war sehr munter und saß auch nicht so zusammengesunken in ihrem Sessel wie sonst oft.

Wir probierten neuerlich, ein Interview aufzunehmen und heute speicherte der pasocon die Bytes, Gott sei Dank! Hoffentlich hat das kleine Gerät auch so viel Kapazität, wie Hans berechnet hat. Der Wechseldatenträger (das sogenannte „Karterl") schrieb mir schon, dass er voll ist – nach einem Interview, und ich löschte eine Menge, was mir nicht so wichtig schien.

Ich löschte zum Beispiel, was Frau Imai über ihre Schwierigkeiten mit dem Wiener Stadtplan erzählte, und auch die Passage über die Wiener Juden. Dass sie sich über die Juden in Wien gewundert hätte, und dass diese sichtbar anders ausgeschaut hätten als die übrigen Wiener (als „die Wiener", sagte sie). Sicher meinte sie die Kleidung der orthodoxen Juden. Sie sagte auch, dass man ihr bei ihrem Wien-Aufenthalt erklärt habe, die Juden in Wien wären mit den burakumin in Japan zu vergleichen. Ich begann wie gestern, das von ihr Erzählte zu berichtigen, und selbst über Wien und die Juden zu referieren. Ich muss mich bei den Interviews mehr heraushalten!


„Was ist das Thema?" fragt Imai san, als wir mit dem Interview anfangen. „Noch einmal die Stellung der Frauen, Ihre Erfahrungen mukô – drüben -, und der Vergleich mit Japan."

„Die Männer drüben sind shinsetsu – freundlich, liebenswürdig", beginnt Imai san wieder. „Wenn man sie mit den durchschnittlichen japanischen Männern vergleicht. Die Männer in Japan haben vielleicht jetzt endlich begriffen, dass es nötig ist, zu den Frauen freundlich zu sein, aber bis zu der Zeit, als ich nach Wien ging, war das in keiner Weise der Fall."

Schwupps geraten wir in die gestrige Diskussion. Ich behaupte, dass zwischen den äußerlichen Höflichkeiten und der familieninternen Aufgabenteilung kein Zusammenhang besteht.

„„Da existiert ein Zusammenhang", besteht Imai san auf dem Standpunkt, den sie vor dreißig Jahren in Wien angenommen hat.

„Wissen Sie, welche Forderungen die Frauenbewegung drüben damals aufstellte?", frage ich.

„Anfangs wusste ich das nicht. Aber nach einer Weile bekam ich mit, dass die Frauen Berufstätigkeit für sich und Teilnahme an der Hausarbeit für die Männer forderten. Also hat es wahrscheinlich Männer gegeben, die Hausarbeit machten und vielleicht auch solche, die keine Hausarbeit machten. Aber die europäischen Männer haben sicher nicht gesagt, dass es schlecht ist, wenn Frauen das fordern und dass es hazukashii – zum Schämen ist."

„Doch, das war damals so."

„Aber es war sicher nicht so, wie in Japan, wo es blamabel war, wenn ein Mann im Haushalt etwas tat."

„Doch, auch das war damals bei uns so."

„Bei uns war es peinlich, wenn Männer im Haushalt arbeiteten, aber wenn Frauen das von ihnen forderten, war es eine noch größere Schande."

Der Wortwechsel macht mir klar, dass es sinnlos ist, wenn ich immer wieder probiere, Imai san als Verbündete für unsere (ich beziehe mich auf österreichische Frauen) Probleme vor dreißig Jahren zu gewinnen. Trotzdem versuche ich es nochmals:

Sensei, wissen Sie, warum die Frauen damals bei uns Arbeitsteilung bei der Hausarbeit von den Männern gefordert haben?"

„Meinem Verständnis nach, damit sich die Welt der Frauen und die Welt der Männer annähern."

„Vor allem, damit die Frauen berufstätig sein können," trumpfe ich auf, ernte aber nur ein: „Mhm....", und dann weiter: „In Japan haben die Frauen allgemein, als Gesellschaftsphänomen, nicht gearbeitet und haben es als selbstverständlich angeschaut, dass sie die Männer arbeiten lassen."

Ich wende ein: „Es war doch so, dass in Japan wie in Österreich in Wirklichkeit immer schon viele Frauen berufstätig waren, Arbeiterinnen in den Fabriken, Ehefrauen in Handwerksbetrieben, Frauen in der Landwirtschaft, Frauen in der Prostitution. Nur die Frauen der städtischen Mittelklasse waren nicht berufstätig."

„Bei den Frauen der Mittelklasse entstand aber Ende des 19. Jahrhunderts das Bewusstsein, das es nötig ist, berufstätig zu sein, damit es Gleichberechtigung für Männer und Frauen geben könne," kontert Imai san. „Nur, damals, als ich nach Wien kam, hatte ich davon und auch von der Women´s lib der siebziger Jahre keine Ahnung. Das habe ich alles erst später studiert."


Imai san wohnte in Wien vorerst bei meiner Schwester Ursula. Als sie dort im Herbst 1976 ankam, frisch aus Japan, erschrak sie.

„Auf der Eingangstür zur Wohnung war in Kreide ein riesiges Zeichen hingemalt, ein hijô ni ranbô na shirushi, ein außerordentlich gewalttätiges Zeichen. Ich brachte es mit dem Zeichen der Seeräuber in der `Schatzinsel´ von Stevenson in Verbindung. Aber Ursula erklärte mir, dass das das Frauenzeichen ist."

Und neben der Tür zu dem Zimmer, in dem Imai san die nächsten Monate wohnte, hing ein Poster der AUF, einer feministischen Gruppe namens „Aktion unabhängiger Frauen". Darauf seien Frauen mit Kindern auf dem Rücken, Bratpfannen und Kochlöffeln in der Hand und zu Berge stehenden Haaren abgebildet gewesen.

„Damals gab es in Japan auch schon feministische Gruppen, aber ein Poster mit Frauen, die einen so heftigen Selbstausdruck zeigten, das hat es, glaube ich, in Japan nicht gegeben. Ich war fassungslos. Gleichzeitig brachte mir das die Stellung der japanischen Frauen zu Bewusstsein. Und mehr als das, dass die japanischen Frauen sich selbst überhaupt nicht ausdrücken, verglichen mit europäischen Frauen. Es gab in Japan keine Voraussetzung für Selbstausdruck."

Sie selbst sei für japanische Verhältnisse eine Frau, die sich sehr direkt ausdrücke. Aber darum sei sie auch von klein auf in der Familie und von Freunden als „hen", komisch, abgestempelt worden. „Ich lernte von meinen Eltern, dass eine Frau immer `Ja´ sagen muss, ein `Nein´ gibt es einfach nicht."

„Ich lernte von meinen Eltern, dass eine Frau immer `Ja´ sagen muss, ein `Nein´ gibt es einfach nicht."

Als sie sofort nach ihrer Ankunft in Wien mit der Frauenbewegung konfrontiert wurde, war das für sie ein „taihenna karuchâ shokku" – ein heftiger Kulturschock. „In Wien wurden Frauen, die sich selbst ausdrücken, nicht verachtet," glaubt sie.

Bald war sie Zeugin einer Diskussion, bei der Ursula und ihre Freundinnen einen anwesenden Mann lautstark kritisierten und dabei sogar immer wieder heftig mit der Faust auf den Tisch trommelten. „Was mich schockierte und gleichzeitig faszinierte, das war, dass Frauen einen Mann kritisierten und ihm gegenüber ihr Anliegen so heftig vertreten haben, und dass das scheinbar nichts Besonderes war. So etwas war in Japan unvorstellbar."

Sie sagte den Frauen, dass sie ihre Situation beneidenswert finde. Die Frauen seien daraufhin verstummt, der Mann aber habe zu ihr gesagt: „Anata wa miryoku no aru onna da, Sie sind eine sehr reizvolle Frau."


Beim Abendessen fragte ich Imai san, worüber man bei der heutigen Hausversammlung des Altersheimes gesprochen hätte: „Hauptsächlich über das Essen und konkret über das Neujahrsmenü, denn es hat im Heim eine Befragung zum Thema Essen gegeben."

Das ist ein Thema, das auch Imai san stark am Herzen liegt. Eines der Probleme dabei, oder sogar das größte Problem, sei die miso­shiru, die Miso-Suppe, die viele Japaner zum Frühstück essen. Die werde in jeder Gegend etwas anders zubereitet, und es sei sehr schwer, es den BewohnerInnen diesbezüglich recht zu machen. Nahtlos glitt sie hinüber in die Geschichte der Sushi. „Die gibt es erst seit der Edo-Zeit, damals war das eine Speise, die an Buden verkauft wurde". Als Imai san klein war, waren Sushi nichts so Besonderes, sagt sie, erst nach dem Krieg hätten sie sich als „jôtô na tabemono", als „feine Küche" etabliert.


Ich will noch kurz darauf eingehen, wovon das Gespräch mit Frau M. und Frau S. am Abend handelte. Frau M. ist zirka vierzig Jahre alt, hatte eine schwarze Hose und einen schwarzen Blazer an und eine große Aktenmappe bei sich. Sie ist alleinstehend und arbeitet als consultant für eine Firma. Am Abend macht sie das gleiche ehrenamtlich weiter, wofür sie am Tag bezahlt wird. „Das geht ineinander über", sagte sie. Frau S. arbeitet nur ehrenamtlich.

Die Aufgabe, die sich beide gestellt haben, heißt: „Wie machen wir aus Hamamatsu eine lebenswerte Stadt? Wie können wir Hamamatsu schöner machen?"

Ich sollte einerseits meine Eindrücke von Hamamatsu wiedergeben, und andererseits erzählen, welche Maßnahmen es in Wien, Österreich, Europa gebe, um das Leben in den Städten zu erleichtern. Mein Einwand, dass ich keine Fachfrau sei und über die Verhältnisse in ganz Europa nicht Bescheid wisse, wurde abgeschmettert.

Ein Thema war der öffentliche Verkehr. Das Bussystem in Hamamatsu ist teuer und unbefriedigend, sagten die beiden. Sämtliche Buslinien werden von einer einzigen Privatfirma geführt. Anscheinend war von der Stadt geplant worden, eine ringförmige Schnellbahn um die Außenbezirke zu legen, sodass die Berufstätigen und Schüler aus der Umgebung in einer Art „park and drive"-System schnell an ihre Arbeitsplätze gelangen könnten. Die zahlreichen sternförmigen Autobahnen, die die Stadt in alle Richtungen durchschneiden, sollten als Zubringer zu diesem Verkehrsmittel dienen. „Die Straßen wurden gebaut, für die Schnellbahn ist aber kein Geld mehr da."


Ich brachte den Mangel an Straßennamen vor und forderte einen Stadtplan, mit dessen Hilfe man sich auskennen würde. In Wien gebe es zusätzlich eigene Radwege und eine Karte mit diesen Radwegen. Auch mehr Gehsteige wären ein Gewinn - in Hamamatsu existieren im Gegensatz zu Wien verkehrssichere Gehsteige nur im neu gebauten Stadtzentrum. Die übrigen Straßen sind entweder zu schmal, um für Gehsteige Platz vorzusehen oder Autobahnen, in die Fußgänger nicht eingeplant wurden. Mit solchen Vorschlägen konnte ich reüssieren.

„In Europa wissen die Leute, wie man sich am Leben erfreut!" schwärmt Frau S.. In Japan sind die Geschäfte zwar länger offen als bei uns, aber die Restaurants und die Geschäfte sperren gleichzeitig zu. Frau S. erinnert sich an ihren Aufenthalt in Wien vor einigen Jahren. In Wien herrsche am Abend, zumindest im Stadtinnern, eine viel freundlichere Atmosphäre als in der City von Hamamatsu, in der um acht Uhr alles ebenso finster ist wie in den Vorstadtvierteln. In Wien seien Lokale bis spät geöffnet. Nach dem Konzert, Kino oder Theater könne man noch etwas trinken gehen. Das ist hier scheinbar nicht möglich, da um diese Zeit bereits alle Restaurants zugesperrt sind und die Rollläden heruntergelassen haben. Nur Bars haben noch offen, aber die wenden sich an ein männliches Publikum.

„Rollläden gibt es in Wien nicht. Dort sind die Geschäfte beleuchtet und man kann am Abend noch window shopping machen!" erzählt Frau S. ihrer Freundin, die selbst noch nie im Ausland war.

Zugunsten von Hamamatsu konnte ich vorbringen, dass es hier weniger Hundekot auf den Straßen gibt als bei uns, obwohl im Zuge des „pet-boom" die Hundebesitzer zahlreich sind. Ansonsten fiel mir auf die Frage, was mir hier gefällt, wahrheitsgemäß nur ein: „Das Meer, die Sandküste, der Hamana-See und die Blumen vor den Häusern."

Schon bevor Frau M. kam und dann nochmals mit ihr wurde das Thema Erdbeben ausführlich erörtert, beziehungsweise zeigte uns Frau S., wie erdbebensicher dieses Haus sei. Wenn sie doch noch zur Schwiegermutter nach Hokkaidô fahren müsste und während ihrer Abwesenheit ein Erdbeben wäre, sollte ich zur nahe gelegenen Hatsuoi-Volksschule laufen.

„Dort bekommen Sie immer Wasser und Reis."

„Und was ist, wenn das Erdbeben gerade stattfindet, wenn ich in der Dusche bin?" Die Frauen lachten und wussten darauf keine Antwort. Ich brauche mir aber keine Sorgen zu machen, versicherte Frau S.. Man habe Strom statt Gas im Haus, da könne gar nichts passieren, und die Möbel seien alle festgeschraubt.

„Kommen Sie, kommen Sie!" Und sie zeigte mir jedes Regal. Hier sei ich viel sicherer als etwa in den Häusern der Frau O. oder Frau T., auch, weil hier der Boden viel fester sei.

Tatsächlich denken die Japaner wirklich bei allem und jedem an Erdbeben und an Erdbebensicherheit. Herr S. schläft in der Unterhose und Frau S. fordert ihn immer wieder, aber vergeblich, auf, einen Pyjama anzuziehen. „Denn wenn er bei einem Erdbeben in der Unterhose hinausläuft, werden die Leute nach drei Jahren noch immer sagen: `Das ist der, der damals beim Erdbeben in der panty herumlief´, und der Sohn wird keine Braut kriegen, weil sein Papa in der Unterhose ins Freie ging …".

Bei solchen Gesprächen wird sehr viel gelacht. Gefährlich seien umfallende Möbel, die die Leute darunter einklemmen, sodass sie nicht vor Bränden fliehen könnten. „Auf diese Weise sind in Kôbe die meisten Leute gestorben", erzählte mir auch schon Frau T. bei unserem Ausflug.

Ein ganz anderes Thema war mein Sauberkeitsfimmel, den Frau S. immer wieder vorbringt. „Stell dir vor, wo Ruto san staubgesaugt hat: Hinter den Zierleisten. Ich wohne schon fünfzehn Jahre da, aber auf diese Idee wäre ich noch nie gekommen!" Und sie schüttet sich vor Lachen aus, während die Freundin nicht genau weiß, wie sie reagieren soll.


Ich habe mir eine Uhr um tausend Yen gekauft, am Abend, im depatô von Apita. In Wien trage ich nie eine Armbanduhr, aber hier komme ich ohne sie nicht aus. Wahrscheinlich gibt es in Wien mehr öffentliche Uhren als hier. Das habe ich bei den beiden Damen vom Verschönerungsklub für Hamamatsu gar nicht erwähnt!

Es gab so viele und ganz hübsche Uhren um wenig Geld, dass mir die Auswahl schwer fiel. Ich wählte dann eine, die seriös ausschaut, nahm aber als omiyage, als Mitbringsel, noch einen Schlüsselanhänger mit blumenförmiger Uhr mit. Es hätte auch eine Marien­käferschlüsselanhängeruhr gegeben, deren Flügel man aufmachen kann, um die Uhr zu sehen. Vielleicht kaufe ich diese auch noch, aber wem soll ich sie schenken?

Es ist so viel zu tun! Und darum fahre ich morgen nicht nach Meijimura und auch nicht zum dritten Tôshôgû-Schrein außer jenem in Nikko und jenem bei Shimizu, zu dem uns S. san beim letzten Japan-Besuch geführt hat. Der Tôshôgû-Schrein in der Aichi-Präfektur, westlich der Shizuoka-Präfektur, in der Hamamatsu liegt, ist der Mutter des ersten Tokugawa-Shôgun Ieyasu gewidmet. Sie hat hier um einen Sohn gebeten und der Wunsch wurde ihr erfüllt. Zu diesem Ausflug in die Berge wollte mich Frau S. für morgen einladen, aber ich sagte ihr, ich hätte doch Meijimura abgesagt, weil so viel zu tun sei …

Sie tippt jetzt genau so fleißig draußen wie ich hier, nur klappern die Tasten ihres PC viel lauter als meine.


Das Buch von Doris Lessing „The sweetest dream" habe ich gestern noch fertig gelesen, wieder wie schon in den Nächten vorher bis ein Uhr nachts. Oft wusste ich kurzfristig gar nicht, wo ich mich aufhalte. Ich, kommend aus Österreich, liege mitten in der Nacht irgendwo in Japan auf Futon in einem Tatami-Zimmer und befinde mich geistig im afrikanischen Busch oder im London der sechziger bis achtziger Jahre. Das Buch hat mich sehr beeindruckt. Schade, dass ich so etwas nicht schreiben kann. Nein, das kann ich einfach nicht, das muss ich mir eingestehen. Ich kann keine zusammenhängende Geschichte schreiben. Sicher ist der Inhalt von Lessings Büchern auch zum Teil erlebt und beobachtet, zum Teil recherchiert und zum Teil erdichtet. Aber es gelingt ihr, das ganze Material in eine spannende durchgängige Geschichte zu gießen, mit diversen Schicksalen, die miteinander verwoben sind, mit der ganzen Zeitgeschichte drin und mit ihrer Meinung dazu, zu all den Entwicklungen, die wir, die jetzt Fünfzig- Sechzigjährigen auch erlebt haben. Am Schluss musste ich wirklich sehr lachen, als Jonny Lennox, der Stalinist, sich im Untergeschoß des Hauses seiner Exfamilie als Esoterik-Guru einnistete. Es hat sich alles so zugetragen, wie Lessing es schildert, und ist gleichzeitig doch sehr überspitzt. Was mir auch gut gefällt bei Doris Lessing, ist die menschliche Wärme und die Gutartigkeit im zwischenmenschlichen Kontakt, für die sie plädiert.


Anmerkungen

Fotos| 25.10| 26.10| 27.10| 28.10| 29.10| 30.10| 31.10| 1.11| 2.11| 3.11| 4.11| 5.11| 6.11| 7.11| 8.11| 9.11| 10.11|
11.11| 12.11| 13.11| 14.11| 15.11| 16.11| 17.11| 18.11| 19.11| 21.11| 22.11| 23.11| 25.11| 26.11| 27.11| 28.11

Ruth Linhart | Japanologie | Biographieprojekt Imai Yasuko Email: ruth.linhart(a)chello.at