Ruth Linhart | Japanologie | Biographieprojekt Imai Yasuko


Herbst in Hamamatsu, ein Reisetagebuch

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Das Krönungskonzert von Mozart

3. November, Montag

Das war heut was! Jetzt ist es halb zehn, heimgekommen bin ich um sieben Uhr. Fast die ganze Zeit habe ich diesem pasocon, meinem Computer, gewidmet! Heute begann ich mit den regelrechten Interviews von Frau Imai. Um sie aufzunehmen, verwende ich den PC. Alles schien gut zu gehen. Ich überprüfte die Aufnahmen im Heim und es funktionierte.

Trotzdem war nichts in den Dateien, als ich zu Hause die Interviews abhören wollte! „Null byte" Ich konnte es nicht glauben. Aber es war so. Wie oft ich auch den PC herunterfuhr und wieder neu startete, keine Sekunde von Imai senseis Stimme am PC. Ich rief Hans im Büro an, er solle mich zurückrufen. Das tat er, der Gute. Ich hockte eine halbe Stunde mit dem Telefon der Frau S. im Wohnzimmer auf dem Boden, aber Hans konnte mir über die weite Entfernung hinweg auch nicht helfen.

Anschließend probierte ich wieder und wieder, wie Hans es mir geraten hatte. Aber mit dem Programm namens Nero war es immer das Gleiche: Die Aufnahmen funktionierten, eine Datei wurde gespeichert, aber wenn ich sie das nächste Mal öffnete, war sie leer. Ich wechselte zum Aufnahmeprogramm, das Felix mir noch knapp vor der Abreise installiert hatte, zum Wave Lab. Mit dem scheint es jetzt zu klappen und ich bin schon etwas froher, denn ich würde die Aufnahmen so gerne mit dem Computer machen. Es ist viel einfacher als mit dem Kassettenrecorder.

Ich werde die Sensei morgen bitten müssen, mir alles, was sie mir heute erzählt hat, nochmals zu erzählen!


Sie wolle sich während des Interviews hinlegen, sagte sie, denn beim langen Sitzen täte ihr der o-shiri, der Hintern, weh. Ihr Kopf ruhte auf einem rosa Polsterl. In dem Heim ist sehr viel rosa und in Imai sans Zimmer auch, der Rollstuhl der Imai san ist dunkel rosa und ihr neues Buch ebenso.

Ich frage sie, ob ich ihr als Einstieg das Krönungskonzert von Mozart vorspielen solle. Ich hatte die CD dieser Musik mitgebracht, die Frau Imai besonders liebt. „Ja, bitte." Sie liegt auf dem Bett, hat die Augen zu, und lächelt leicht. Beim zweiten Satz, dem Larghetto, öffnet sie kurz die Augen und sagt: „Das war einfach zum Spielen, drum habe ich es so gerne gehabt." Die Noten dieses Konzerts, bzw. der Klavierfassung, gehören zu den wenigen Dingen, die sie mit ins Altersheim genommen hat.


Das heutige erste Interview ist Wien gewidmet. Ich frage sie über ihren einjährigen Aufenthalt dort, und das gefällt ihr offensichtlich. Sie redet lebhaft, sie lacht oft. (Da wird es wohl nicht so schlimm sein, wenn sie sich morgen noch einmal daran erinnern muss.) Vom Turnen, das heißt von der Rehabilitation im großen Aufenthaltsraum, rollt sie summend in ihr Zimmer zurück. Ich glaubte, meinen Ohren nicht zu trauen!

Schon sehr eigenartig, dass Imai san damals, als die Frauenbewegung bei uns auf dem Höhepunkt war, als wir mit unserem Frauendasein so unzufrieden waren, als ich so um meine Berufstätigkeit kämpfte, als ich zu ersticken drohte in der Bedrängnis von Haushalt und Kindererziehung. Dass sie genau damals fand, die Frauen in Wien und Österreich seien beneidenswert.

„Die Forderungen der Frauenbewegung in Europa waren wirklich übertrieben", traut sie sich zu sagen! Denn die Männer seien „mukô" – drüben im Westen - doch so lieb zu den Frauen. „Daiji ni sarete" werden die Frauen in Wien von den Männern, im Unterschied zu Japan. Daiji ni suru heißt „sorgfältig umgehen", „in Ehren halten", „liebevoll sorgen", „verwöhnen".

Sie meint, wenn sie in Europa gelebt hätte, dann hätte sie vielleicht doch heiraten wollen.

„Die Männer bieten Frauen in der Straßenbahn einen Platz an, sie nehmen ihnen schwere Lasten ab, sie lassen sie vorgehen."

„Das ist zwar angenehm, aber das sind doch nur Äußerlichkeiten", wende ich ein. Damals, vor dreißig Jahren, sei es den Frauen in Österreich nicht viel besser gegangen als in Japan. Sie waren diejenigen, die Familie, Haushalt und Kinder versorgen mussten. Das Recht, berufstätig zu sein, sei auch den österreichischen Frauen nur zugestanden worden, wenn sie alleinstehend waren oder es finanziell unbedingt nötig war. Aber Imai san will darauf nicht eingehen. Sie bringt immer neue Beweise für die ihrer Meinung nach viel schlechtere Situation der Japanerinnen vor.

„Verheiratete japanische Männer haben Geliebte und Nebenfrauen."

„Österreicher auch."

„Ja, aber in Japan wird das ganz offen gemacht!"

„Bei uns auch."

An dieser Stelle läutet das Telefon. Ein Mitschüler aus der Volksschulzeit lädt sie zu einem Klassentreffen nach Tôkyô ein. Ich beruhige mich und schlüpfe wieder in meine Rolle als neutrale Interviewerin.

Ja, es hat der sensei in Wien wunderbar gefallen, und sie hat niemals Heimweh gehabt. Sie hat die Schönheiten der Stadt genossen, die Freiheit von der täglichen Verpflichtung, arbeiten zu gehen, all das Fremde, das sie sah. Auch das Alltagsleben in der ungewohnten Umwelt war für sie interessant. Sie wollte zumindest ein Jahr in der fremden Kultur sein, um diese wirklich zu erleben. Schon seit der Kinderzeit hatte sie sich nach dem Westen und nach der europäischen Kultur gesehnt. Sie finanzierte sich den Aufenthalt selbst, mit dem Geld, das sie mit ihrem ersten Buch über IshikawaTakuboku verdient hatte.

Sie erzählt von der Leberknödelsuppe, die ihr so schmeckte, und vom Tafelspitz mit Apfelkren, den sie dort aß, wo Schubert sein „Am Brunnen vor dem Tore" komponiert hatte. Vom Wein, den sie gerne trank und dass sie im Beethovenhaus erfuhr, wie man ihn macht, „dass man ihn nämlich mit Füßen tritt".

Sie erzählt von der Nationalbibliothek und der weißen Bibliothek von Stift Admont. Und dass sie erst nach und nach die Gotik von der Neugotik zu unterscheiden lernte.

Sehr genau hat sie die Spuren von Saitô Mokichi verfolgt, des berühmten japanischen Dichters, der hauptberuflich Neurologe war und in den zwanziger Jahren in Wien seine Dissertation über „Die Hirnkarte des Paralytikers" schrieb. Auf dieses Studienthema habe S. sie hingewiesen. Sie bearbeitete es aber nur, um auch einen wissenschaftlichen Zweck für ihre Reise zu haben, sagt sie. „In Wirklichkeit war der einzige Zweck asobi, Vergnügen."

Trotzdem besuchte sie eifrig alle Orte, die Saitô Mokichi in seiner Gedichtsammlung „Enyû, Vergnügen in der Ferne" und in seinen Tagebüchern beschrieben hat. So kam sie auch ins steirische Gesäuse nach Johnsbach und Gstatterboden im Ennstal.


Einige Tanka, die Saitô Mokichi über seinen Ausflug ins Gesäuse, bei dem ihn eine junge Österreicherin begleitet hat, verfasste, hat der Japanologe Alexander Slawik ins Deutsche übertragen:


„„Als die Sonne/ die Gipfel der hohen Berge/ traf,/ erkannte ich,/ wie groß die Ennsschlucht ist".


"Aus den Tiefen/ der Schluchten kommen/ Pferdeschlitten/ mit Schellen, die nun/ in den Bergen klingen".


„Als wir/ nach Johnsbach hinauf/ uns mühten,/ war auch der Friedhof/ tief im Schnee versunken".


Zum ersten Mal wurde Imai san eingeladen, ins Gesäuse mitzufahren, zum Krampusfest, und dann fuhr sie noch einmal, allein, schlief zwei Nächte im gleichen Gasthaus wie fünfundfünfzig Jahre früher Saitô Mokichi. Am Abend trank sie in der Gaststube Wein und tanzte mit den Dorfbewohnern.

Und dort im Gesäuse sah sie in der Abenddämmerung ein Reh oder einen Hirsch aus dem Wald hervorbrechen: „Da war ich wirklich glücklich!"


S. san holte mich mit dem Auto vom Eden no sono ab, weil es so schüttete. Morgen geht sie sehr früh aus dem Haus, kündigte sie an, arbeiten. Was arbeitet sie? Ich habe sie in der Zwischenzeit um eine Fotoserie gebeten und werde sie auch ein bisschen über ihr Leben interviewen. Mir scheint, sie ist im Unterschied zu Imai san, die eine Ausnahmeerscheinung ist, eine ganz typische japanische Frau. Und das ist auch interessant!


Anmerkungen

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Ruth Linhart | Japanologie | Biographieprojekt Imai Yasuko Email: ruth.linhart(a)chello.at