Ruth Linhart | Japanologie | Biographieprojekt Imai Yasuko


Herbst in Hamamatsu, ein Reisetagebuch

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Eine kleine Schachtel aus Paulowniaholz

2. November, Sonntag

Heute war viel los, unter anderem überraschte mich Frau S. am Abend mit einem neuen Klapptisch, auf dem ich in meinem Zimmer aufrecht sitzend schreiben kann. Auch hat sie mir einen Polster aus dem Zimmer ihres Sohnes gegeben, weil sie beobachtet hat, dass ich mangels zabuton-Sitzkissen eine Wolldecke zum japanischen Sitzen verwende. Und sie hat eine Garnitur Bettwäsche zum Wechseln für mich gekauft. Die lag auf dem zusammengefalteten Stoß der Futon, die ich täglich in die tokonoma, die Ziernische schiebe. Im oshiire, im Wandschrank, in den sie gehören, haben sie keinen Platz, weil sich dort hunderttausend Dinge von Frau S. befinden. Besonders der Tisch freut mich sehr.

Dann habe ich ein Email von Thomas bekommen, das mich auch sehr freut. Er wünscht sich Kochrezepte aus Japan. Zwei Tage habe er mit Felix und Susanna seinen Geburtstag gefeiert, einmal mit mehr, einmal mit weniger Alkohol.


Frau T. holte mich schon eine Viertelstunde früher als vereinbart zum Sonntagsausflug ab. Der Tag war herrlich, blauer Himmel und warm. Da wir hier im Norden von Hamamatsu sind und der Meeresstrand im Süden ist, fuhr sie mit mir durch die ganze Stadt. Zuerst ging es in den Westen, bis zum großen See, dem Hamanako, und dann in den Süden und über die Hamanako-ôhashi. Das ist eine riesige, imposante Brücke, die frei über dem See hängt, gerade dort, wo dieser an das Meer grenzt. Zum genaueren Hinschauen bin ich aber nicht gekommen. Denn wir haben bald von Herrn T. und der komplizierten Familiensituation zu reden angefangen. So konnte ich nur in den seltenen Gesprächspausen in die Umgebung blicken, denn die japanische Konversation mit der Lenkerin absorbierte mich fast völlig. Jedenfalls handelt es sich um eine sicher mehrere Kilometer lange Brücke, die mitten im Blauen schwebt. Ein weißer sanft geschwungener Bogen, das Blaue davor der See und das Blaue dahinter das Meer, oder der Himmel, oder beides. Und sowohl diesseits wie auch jenseits der Brücke Schiffe, die auf der Meerseite von der Sonne silbern übergossen waren. Um die Brücke zu überqueren, musste Frau T. dreihundert Yen Maut zahlen, zirka zweieinhalb Euro.

Dann führte die Straße weg vom Meer, bis in die Gegend der Schule, in der Frau T. unterrichtet. Dort habe ich vor drei Jahren zwei ihrer Kolleginnen über den ikuji kyûka, den Kinderpflege-Urlaub, interviewt. Diese Schule ist auf Sand gebaut, und damals sagte Frau T., bei einem Erdbeben würde sie zusammenfallen wie ein Kartenhaus. Heute sprach sie auch einmal von Erdbeben, dass es hier, wo ich wohne, sicherer sei als in ihrer Wohngegend. Ich meine: „Ob das wirklich stimmt? Der einzige Vorteil, dass da oben, wo das Haus von Frau S. steht, kein Tsunami , keine Springflut hinkommt." Ich mache mit der Hand einen Bogen und deute mit „Tschtsch" das Geräusch des Tsunami an, mit dem in Strandnähe zu rechnen ist. Aber das ist kein Scherz für T. san. Sie ruft entsetzt: „Sagen Sie so etwas nicht, wo ich doch dort meinen Arbeitsplatz habe!" Wir parken das Auto gemeinsam mit zahlreichen anderen Sonntagsausflüglern an einem großen Parkplatz, von dem aus ein Streifen Strandkiefern – hamamatsu, danach heißt die Stadt – den Blick Richtung Meer verdeckt. Aber auch vor den Strandkiefern sieht man noch kein Wasser, denn wie einen Gebirgszug muss man eine hohe Düne überwinden, bis endlich das Meer zwischen den Sandhügeln auftaucht. Früher sollen es zwei Dünenzüge gewesen sein. Das Meer, das am Horizont glitzert und gleißt, hat die Tendenz, immer mehr der Küste zu verschlucken.

Ich ziehe mir für den Spaziergang über die Dünen Schuhe und Socken aus. Später sehe ich einen Japaner, der das auch macht - ein einziger Japaner geht am Strand barfuss. „Vielleicht wären es im Sommer mehrere", sagt T. san, die ebenfalls Schuhe und Strümpfe anlässt.

Barfuss durch den hellen Sand in Richtung Meer zu waten, ist wirklich angenehm. Hamamatsu ist für seine mächtigen Sanddünen berühmt. Hier, bei den Nakatajima-sakyû, den Nakatajima-Dünen, eine der Hauptsehenswürdigkeiten von Hamamatsu, wie ich heute erkannt habe, ist der Strand sicher fast einen Kilometer breit. In diese Dünen ziehen sich die Roten Seeschildkröten zum Laichen zurück.

„Die Plätze sind schon selten geworden", sagt T. san, „Und sie sind streng geschützt."

Die Wellen branden relativ sanft an den Sandstrand.

„Viele kommen hierher Wellen schauen, wenn ein Taifun ist," erzählt Frau T., die mit Vornamen Yôko heißt. Ungehindert kräuselt sich vor uns der Pazifische Ozean bis an die Küste „gegenüber", viele tausend Kilometer weit weg. Kalifornien dürfte dort sein, etwa die Gegend von Los Angeles. Ich sage, dass ich es liebe, das Meer anzuschauen, seinen Geruch, die Geräusche, die es erzeugt, die Weite. Yôko sagt, ja, das verstehe sie, diese Gedanken, dass jenseits des Meeres das Unbekannte sei, ein Ort der Sehnsucht, zu dem sich die Seele streckt. Fischerboote sausen am blendend hellen Horizont dahin und nahe dem Ufer einige Surfer. Schwimmen ist hier verboten. Wenig vom Ufer entfernt bricht der Grund mehrere tausend Meter in die Tiefe, und die Wucht des Wassers, das an diese lange fast gerade Küste heranbrandet, ist enorm. Die Verbotstafeln sind Japanisch und Portugiesisch beschriftet, denn in Hamamatsu gibt es sehr viele nisei oder sansei, Japaner, die in zweiter oder dritter Generation von Auswanderern nach Brasilien abstammen und bei den Firmen Yamaha, Suzuki, Honda oder Kawai arbeiten.


Die herbstlich gekleideten Sonntagsausflügler wirken nicht sehr aktiv, sie stehen in Gruppen herum, als ob sie auf etwas warteten, ältere Frauen mit Topfhüten, Männer, junge Familien. Nur die kleinen Kinder bewegen sich ein bisschen. Niemand Erwachsener probiert auf der bloßen Haut die Wassertemperatur - außer mir. Yôko hat eine Nylonplane mit, die sie am Sand ausbreitet. Dort sitzend, beobachtet sie mein in ihren Augen wahrscheinlich kindisches Treiben.

Ich setze mich neben sie, sie gießt Kaffee aus der Thermoskanne in Becher und erzählt. Der heftige Wind weht meine Haare über die Augen, sodass ich das Gesicht von Yôko nur durch einen Haarvorhang sehe. Sie beginnt zu weinen, und ich berühre flüchtig mit der Hand ihre Schulter, mehr traue ich mich nicht. Sie ist mager geworden, ihre schwarzen Haare hat sie heute zu einem Rossschwanz zusammengefasst, ihr oranges T-Shirt und die schwarze Jean sind verdrückt.


Ich fasse den Inhalt des Gesprächs kurz zusammen. Herr T., Yoshi san, ist der einzige Sohn eines Tempelpriesters. Der Tempel ist ein großer o-tera im Süden der Stadt. Wir fuhren an der Gegend vorbei. Früher brachten die Gläubigen der Gemeinde dem Priester Fische, die sie selbst fingen. Auf den Feldern werden Zwiebel gepflanzt und satsuma-imo, Süßkartoffel. Und auch diese bringen die Leute dem Priester, wenn er sie berät oder sonst etwas für sie tut. Die Haupteinkünfte bezieht ein buddhistischer Priester jedoch aus den Begräbnissen bzw. Totenfeiern.

Als Yôko Yoshi kennenlernte, hatte er bereits mit den Eltern gebrochen. Er wollte nicht Nachfolger des Vaters werden, und seit Yôko ihn kennt, hatte er keinen Kontakt mit seinem Elternhaus. Yôko sprach darüber nicht mit ihm, denn sie merkte, dass das für ihn ein schwieriges Thema war. Yoshi wurde eine Art Adoptivsohn im Haus ihrer Eltern, das neben dem Haus ist, in dem sie selbst wohnen. Yoshi studierte Philosophie, unter anderem indische Philosophie. Wo, habe ich vergessen. In Japan wird das immer dazu gesagt, da die Universitäten einen unterschiedlichen Rang haben.

Yôko hat vier Jahre in Kyôto studiert und dann irgendwo auf der Izu-Halbinsel unterrichtet. In der Zeit, in der Yoshi Yôko umwarb, besuchte er sie dort öfters. Mit Anfang dreißig wurde Yôko schwer krank, Leberkrebs. Der Arzt sagte damals zu Yoshi, sie hätte nur mehr drei Monate zu leben. Zu diesem Zeitpunkt waren die beiden kurz verheiratet und ihre zwei Kinder noch sehr klein. Yoshi übernahm in den folgenden Jahren das Diätmanagement, stand früh auf, machte das Frühstück und das o-bentô, die Jause, und versorgte die Familie auch am Abend. Man ging früh schlafen. In diesen Jahren reisten sie gemeinsam, nach Nordeuropa und Südeuropa, nach Neu-Seeland und Thailand und Korea. 1996 fuhren sie mit Imai san eine Woche nach Wien und Prag. Später kam Yoshi mit Imai san nach Wien, als ihr „Pfleger" und Reisebegleiter. Frau Imai lernte das Ehepaar in einer Gruppe kennen, die dafür kämpfte, dass Mädchen die gleichen Bedingungen bei den Aufnahmsprüfungen in die Oberschule bekommen wie die Buben. Das Ehepaar hat sich auch stark für gleichartige Werk­erziehung für Buben und Mädchen eingesetzt.

Eines Tages schrieb uns Yoshi, dass er so froh sei, weil der Arzt zu Yôko gesagt habe, sie sei nun ganz gesund und brauche nicht mehr zur Kontrolle kommen. Die Kinder seien schon groß, seine Tochter habe gerade zu studieren begonnen, und er selbst mache eine Ausbildung als Japanisch-Lehrer für Ausländer. Nebenbei verfasste er Artikel über Gender-Themen, zum Beispiel darüber, wie unterschiedlich Literatur Buben und Mädchen im Unterricht vermittelt wird. Hier war ein Interessensschwerpunkt, an dem sich das Ehepaar mit Imai san traf, außerdem half ihr Yoshi viel und wurde fast so etwas wie Imai sans ehrenamtlicher Sekretär.

Dann brach der Kontakt plötzlich ab, und Frau Imai sagte, dass sein Vater gestorben sei und er nun, wie es in Japan der Brauch sei, als ältester Sohn, in seinem Fall noch dazu als einziger Sohn, den Tempel übernehmen müsse.

Irgendwann kam ein Email von ihm, dass ein Gewitter über sein Leben hereingebrochen sei und er uns vielleicht einmal mehr darüber erzählen könne. Im September darauf erhielt ich eine Postkarte vom Eiheiji, einem berühmten Zen-Tempel.

Nach dem Tod des Vaters sei Yoshi zuerst bei seinem „Nein" geblieben und lehnte es ab, den Tempel zu übernehmen, sagt Yôko. Im Zuge des Begräbnisses kam Yoshi jedoch in engeren Kontakt mit der Gemeinde, welcher der Tempel gehört - den danka-san. Die Gläubigen konfrontierten Yoshi mit Erzählungen über verschiedenartige Probleme, und die Tempelgemeinde drang in ihn, seine Verantwortung wahrzunehmen, um die Nachfolge zu kämpfen und den Tempel aus dem Schlamassel zu holen. Voraussetzung dafür war aber, dass Yoshi seinen sicheren Posten als Literaturlehrer an einer öffentlichen Oberschule und damit den geliebten Lehrerberuf an den Nagel hängen sollte. Außerdem musste er bereit sein, eine harte mehrjährige Ausbildung zum „obôsan", zum Priester, auf sich zu nehmen, die mit zeitweiliger Trennung von der Familie verbunden ist.

„Er konnte sich erst in der allerletzten Minute vor dem entscheidenden Datum dazu entschließen, zu kündigen. Seither ist er arbeitslos, denn während der Ausbildung zum Tempelpriester erhält er kein Geld und als öffentlicher Bediensteter hatte er auch keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld," erzählt Yôko. Sie erhält die Familie derzeit allein.

Die Familie, Yôko, Tochter und Sohn brachten den Vater zum Eiheiji-Tempel, dem „Tempel des ewigen Friedens", einem der zwei Haupttempel der Sôtô-Schule des Zen-Buddhismus. Der 1243 gegründete Tempel befindet sich in der Präfektur Fukui an der Nordküste von Zentral-Honshû, der Hauptinsel Japans.

Monatelang durfte Yoshi nun die Familie nicht kontaktieren. Eines Tages rief er an. Yôko erschrak. Er telefonierte aus dem Krankenhaus. Durch die ständige ungewohnte Sitzweise auf dem Boden bzw. das ständige Knien, durch den Mangel an Vitaminen und die einseitige vegetarische Ernährung, durch die Kälte und den wenigen Schlaf war er krank geworden. Konkret hatte er auf den Oberflächen der Füße, dort, wo sich Boden und Haut reiben, wenn man in japanischer Sitzweise kniet, offene Stellen, die nicht heilten, die Beine waren geschwollen. Er blieb sechzehn Tage im Krankenhaus. Das deckte die Versicherung Yôkos, die selbst ebenfalls Oberschullehrerin ist, ab. Denn Yoshi ist auch nicht mehr krankenversichert.

In diesem berühmten Tempel, der in jedem Reiseführer aufscheint, wurden die Zöglinge zahlreichen Abhärtungs- und Selbstfindungsritualen unterzogen. „Besonders schwierig für Yoshi war der Mangel an Schlaf", sagt Yôko. Nach drei Stunden Schlaf stundenlange Meditation. Wenn den Nachwuchsmönchen die Augen zufielen, Schläge mit dem Stock auf die Schulter.


Der Zen-Buddhismus mit seinen Ritualen, wie ihn zum Beispiel Suzuki Daisetsu so auflagenstark beschrieb, hat mich im Unterschied zu vielen anderen Westlern nie besonders beeindruckt. Dass die Methoden, die Suzuki in seinen Büchern erwähnt, auch heute noch in der Ausbildung des Klerus praktiziert werden, wäre mir nicht in den Sinn gekommen. Besonders schwierig für Yoshi sei auch der Mangel an jeglicher Privatheit gewesen. Als er nach einiger Zeit wieder schreiben durfte, bat er Yôko um Socken und um Schokolade. Die Schokolade wurde entdeckt, denn die Post wurde geöffnet.

„Ich frage mich, ob wir das alles gesundheitlich überstehen", sagt Yôko. „Yoshi ist sehr angeschlagen."

Ein halbes Jahr verbrachte Yoshi im Eiheiji. Etliche gaben auf, aber er hielt durch. „Er hat keine andere Möglichkeit. Er kann nicht mehr Lehrer werden, er kann nicht in seine alte Schule zurück. Wenn man einen Lehrerposten anstrebt, muss man gemeinsam mit jungen Universitätsabsolventen eine schwere Prüfung machen. Da hätte Yoshi keine Chance."

Er hat seinen Job aufgegeben - ohne Sicherheitsnetz. Ob er aber den Tempel seines Vaters übernehmen kann, steht noch in den Sternen, da es anscheinend viele rechtliche Schwierigkeiten gibt.

Nach dem halben Jahr Eiheiji durfte Yoshi zwanzig Tage nach Hause zu seiner Familie. Und nun ist er wieder in einem Tempel.

„Wenn ich mich nur an das Leben allein gewöhnen könnte!" weint Yôko. Sie kann sich in keiner Frage mit ihm beraten, und es tauchen so viele Probleme auf, mit dem väterlichen Tempel, mit den Kindern. Der Sohn ist sechzehn und revoltiert inzwischen.

Wie soll ich Yôko trösten? Was soll ich sagen? Dass es normal ist, dass Kinder hankôshin, Widerstand, entwickeln, in diesem Alter und besonders, wenn die Familie in der Krise ist. Dass das bei meinen Kindern auch der Fall war. Theoretisch ist dieser Zustand ganz gut zu erklären, aber wie ist er in der Wirklichkeit durchzustehen? Der Sohn schließt sich ab gegenüber der Umwelt: „Er sitzt im Wohnzimmer, hat den Fernseher offen und die Kopfhörer mit Musik in den Ohren und lernt so."

YYôko erzählt, dass es in Japan jetzt so viele Fälle von Kindern gebe, die nicht mehr in die Schule gehen, die einfach damit aufhören und nicht mehr dazu zu bringen sind. Bei ihrem Sohn ist das zum Glück nicht der Fall.

Mir scheint es logisch, dass der Sohn sich auflehnt. Er wird vielleicht auch einmal damit bedrängt, Priester zu werden. Momentan kann er nur gegen die Mutter revoltieren. „Er war ein Vater-Bub!" sagt Yôko. Der Vater hat sich ihm jetzt entzogen.


„Vielleicht ist es besser, eine neue Herausforderung anzunehmen, vielleicht wäre das Leben sonst zu tsumaranai, zu bedeutungsleer geworden, wenn wir nur zu zweit leben und das tun, was uns Spaß macht…", versucht sich Yôko mit denselben Überlegungen zu trösten wie unlängst Yoshi bei der Willkommensparty.

Viele von Yôkos Sorgen sind handfeste Existenzprobleme. Obwohl es mir nicht zusteht, sage ich einige Male, dass sie ja nicht kündigen solle. Davon ist anscheinend die Rede. „Aber ich muss an mich selbst auch noch denken!" seufzt sie.

Als tröstliche Variante schlage ich vor: „Wenn die Sache mit dem Tempel nichts wird, können Sie weiterhin als Lehrerin die Familie finanziell absichern und Yoshi san schreibt den Roman über sein Schicksal." Anfangs glaubte Yoshi anscheinend, er könne diesen Roman während seiner Ausbildung im Tempel tippen.

Ob ich übernächstes Wochenende nicht mitfahren möchte zu dem Tempel, in dem sich Yoshi jetzt aufhält? „Sehr gern."

„Wir können wahrscheinlich nicht mit ihm reden, vielleicht sehen wir ihn nur von weitem …".


Dann verlassen wir das silberblau glitzernde Meer, und Yôko führt mich in ein schönes Lokal mit Keramikausstellung. Wir essen takekago-bentô – ein Menü im Bambuskörbchen. Ich muss ehrlich sagen, dass ich hier sehr oft mit ungefülltem Magen aufstehe. Als ich am Abend heimkam, musste ich als erstes ein Marmeladebrot in mich hineinstopfen, eine Feige, eine Mandarine, und noch immer habe ich das Gefühl, dass in meinem Magen eine leere Ecke ist.


Schließlich brachte mich Yôko zu Frau Imai und kam auch noch mit zu ihr. Imai san saß in ihrem Rollstuhl und fuhr gerade in den Gemeinschaftsraum. Eine junge Schwester reichte ihr die blaue Tablette gegen Parkinson, die sie sechsmal am Tag einnehmen muss und sagte etwas in dem Tonfall, in dem einige Pflegerinnen mit den alten Leuten reden: Streng, befehlend. Damit kam sie bei Imai san schlecht an. Die antwortete scharf: „Ich habe in meinem ganzen Leben getan, was ich wollte, und das werde ich weiter so halten."

Manche Pflegerinnen sind sehr lieb, schauen mitfühlend und verhalten sich zart und freundlich. Aber nicht alle. Auch die Frau, die Dienst hatte, als ich heute ging, fuhr die alte Frau im Zimmer nebenan heftig an. Und der gestrige Pfleger schimpfte grob mit der Hundertjährigen, die so viel klagt und um Hilfe ruft.

Alle haben gemeinsam, dass sie mit ihren Klienten wie mit kleinen Kindern reden. Und das ist gerade bei Imai san gewiss nicht am Platz.

Als ich mich verabschiedete, wollte sie schon eine Weile ausgezogen werden, und drückte immer wieder die Klingel, mit denen sie die helper-san herbei ruft. Die hatte aber gar keine Chance, als Imai san läuten zu lassen, denn um diese Zeit wollten alle zu Bett gebracht werden. Die Töne des „Albumblatts an Elise" hallten ununterbrochen vom Gemeinschaftsraum herüber. Am Sonntag Abend scheint pro Abteilung der Pflegestation nur eine Pflegeperson Dienst zu haben.


Vom Freitag bis heute fand im Altersheim Garten Eden das alljährliche bunka-sai statt, das Kulturfest. Aus diesem Anlass wird das kulturelle Schaffen der Heimbewohner und Bewohnerinnen ausgestellt. Imai san hat sich bereit erklärt, etliche Stunden die Begrüßung der Gäste zu übernehmen. Yôko und mir stellte sie die Werke ihrer Kollegen und Kolleginnen im Heim vor. Neben Fotos und Tuschezeichnungen, Basteleien und Textilien lag auch das rosafarbene Probeexemplar von Imai sans neuem Buch „Onnatachi no yoake mae" (Frauen vor dem Tagesanbruch) und die zwei Bände der Anthologien mit Kurzgeschichten von Frauen, die Imai san gemeinsam mit anderen herausgegeben hat.

Das neue Buch beinhaltet hauptsächlich Arbeiten zur Frauenthematik, aber auch Erinnerungen an Männer, die ihr wichtige Impulse gegeben haben, wie zum Beispiel Shibata Seiichi, über den sie mir unlängst so viel erzählte. Er beeindruckte sie schon in der Schule als linker Agitator, wurde später Journalist und starb früh.

„Bevor ich in Wien war, hatte ich kein Interesse an Frauenproblemen. Aber ich nahm am gakusei undô teil, der Studentenbewegung um 1960, und hatte dort viele Freunde." "

„Den Unterschied hat für mich Wien ausgemacht", sagt sie. „Weil ich nach Wien ging, darum habe ich mich verändert." In Wien waren 1976 alle Frauen, die sie traf, berufstätig. „Nach Wien dachte ich mir, ich muss etwas für die Frauen in Japan tun."


In der Lobby des Altersheimes, die der eines noblen Hotels in nichts nachsteht, spielt jemand auf einem weißen Flügel. Einige helper san tragen statt ihrer rosa oder hellblauen Arbeitskleider und Schürzen schwarze Röcke und Blusen mit Spitzenkrägen oder Hosen und weiße Hemden und bieten Tee, Kaffee oder Kuchen an. Yôko san entschuldigt sich bald.

Wir kehren in Imai sans Zimmer zurück und wenden uns den drei Fotoalben ihrer Pensionierungsfeier zu.

„Zur Zeit der Pensionierung wohnte ich schon hier, im Garten Eden. Ein Jahr vorher zog ich in ein Appartement ein. Im letzten Arbeitsjahr fuhr ich von hier mit dem Auto zur Universität bzw. verkaufte ich das Auto dann, und zum Schluss fuhr ich mit dem Taxi."

Die Appartements für die alten Leute, die noch imstande sind, ihren Alltag selbständig zu gestalten, bestehen aus zwei Zimmern, Kochnische und Bad.

„Den Tatami-Boden ließ ich herausreißen und einen Holzboden legen." Aber Rheumatismus und Parkinson´sche Erkrankung schritten so schnell fort, dass sie bald die Übersiedlung in die Pflegeabteilung ins Auge fasste.


„Ich entschied mich in Wien, ins Altersheim zu gehen. 1990 hat mir Frau K. ein Pensionistenwohnheim in Wien gezeigt. Und ich bemerkte, dass es gut wäre, in so einem Heim zu wohnen. Voraussetzung war, dass ich in Japan ein yûryô-rôjin-hômu, ein gebührenpflichtiges Altersheim, finde. In Japan waren Altersheime bis vor kurzem grundsätzlich nicht gebührenpflichtig, es war nicht üblich, dass man individuell zahlte, es war ein fukushi no sabisu – eine Wohlfahrtsleistung nur für arme Leute."

Wenn sie in Japan kein entsprechendes Heim gefunden hätte, wäre sie auch ins Ausland gegangen. „Das war mein letzter Lebensplan."

„Als ich 1990 von Wien heimkam, erkundigte ich mich, und es gab dieses Heim in Hamamatsu. Das Eden no sono - Garten Eden - ist das erste private Altersheim in Japan gewesen."

Man zahlt den Beitrag, um hier leben zu können und bis zum Tod gepflegt zu werden, im Vorhinein. „Medikamente kommen aus dem Spital und werden von der Krankenversicherung beglichen. Essen, Strom etc. zahle ich monatlich."

Oft tritt, während ich neben Imai san sitze, eine Frau schüchtern in ihr Zimmer und bringt ein Wäschestück aus Wäscherei oder Putzerei. Auch diese Leistungen sind gesondert zu bezahlen.

„Die Angestellten sagen, sie könnten es sich nicht leisten, hier zu wohnen. Ich habe mein Erspartes dafür ausgegeben."

Die Bewohner und Bewohnerinnen kommen aus ganz Japan, obwohl es jetzt schon einige Garten Eden-Heime und auch andere Pensionisten-, Alters- und Pflegeheime über das Land verstreut gibt. Im Garten Eden wohnen nur gut situierte Leute, Lehrer und Professoren oder Manager sowie deren Witwen. Auch Imai san war Universitätsprofessorin. Ein anderer Fall ist Frau Imais Bekannte K., die immer schon behindert war. Für sie hat ihr Vater gespart, damit sie hier leben kann.

„Ich hatte eine Dienstwohnung und wollte eigentlich nach der Pensionierung in eine andere Wohnung ziehen bzw. im Ausland Japanisch unterrichten. Aber aus diesen Plänen ist wegen der Krankheit nichts geworden, und ich übersiedelte hierher. Die Leute, auch Freunde von mir, meinen, ich sei zu bemitleiden, aber das stimmt nicht."

„Hat es nicht den Plan gegeben, dass Sie und Ihr Freundeskreis im Alter zusammenleben?"

„Ja, aber das war kûsô, eine Phantasterei. Ich bin mehr als zehn Jahre älter als die übrigen der Gruppe." „Die Gruppe" sind ihre Freundinnen O. san, A. san, Y.san und das Ehepaar T.


Hier mache ich einen kleinen Einschub, um zu erklären, warum Imai san mich mit „du" anspricht, während ich mit ihr „per Sie" bin. Das ist ein Unterschied, der im Japanischen sprachlich nicht bemerkbar ist. Wir sagen beide „anata" zueinander, was mit „du" oder mit „Sie" übersetzt werden kann. Auch die diversen grammatikalischen Merkmale der Höflichkeitssprache, die wir benützen, unterscheiden sich nicht.

Wir kennen einander seit Ende 1967 oder Anfang 1968. Ich habe Imai san als „sensei" kennengelernt und nach japanischer Sitte ist sie „sensei" für mich geblieben. „Sensei" heißt in diesem Fall soviel wie „Frau Professor" und drückt ein Hierarchiegefälle aus.

Im Laufe der Jahrzehnte ist die Beziehung mit Imai san freundschaftlich geworden. In gewissen Sinn sind wir „Freundinnen". Sie spricht von mir als „tomodachi" (Freundin) und sagt, dass zwischen uns „en ga aru" – eine Beziehung bestehe.

Aber es ist eine sehr japanische Freundschaft, die auf einer sozialen Rangordnung beruht.

Zeitweise hatte ich das Bedürfnis, diese Freundschaft auf eine gleichrangige Ebene zu heben. Ich fragte sogar einmal brieflich an, ob ich sie von nun an „Yasuko" nennen dürfe. Die Reaktion auf diesen Brief hatte zur Folge, dass ich bei der Anrede „sensei" blieb Nach japanischem Gefühl beruht unsere Freundschaft, um mit der berühmten Soziologin Nakane Chie zu sprechen, auf einem „oyabun-kobun"-Verhältnis.

„Die Beziehung zwischen zwei Individuen von höherem und niederen Status ist die Grundlage des Strukturprinzips der japanischen Gesellschaft. Diese bedeutsame Beziehung wird durch die traditionellen Begriffe oyabun und kobun ausgedrückt. Oyabun bezeichnet die Person mit dem Status eines Elternteils (oya) und kobun die mit dem Status eines Kindes (ko) … Die wesentlichen Elemente dieser Beziehung bestehen darin, dass der kobun von seinem oyabun Wohltaten oder Hilfe erfährt, … Umgekehrt ist ein kobun stets bereitwillig zu Diensten, wenn sein oyabun dies fordert", schreibt Nakane Chie. Und weiter: „Eine oyabun-kobun-Beziehung entwickelt sich im Verlaufe der Ausbildung … Ein oyabun spielt, wie das Wort schon sagt, die Rolle eines Vaters", oder wie bei mir die Rolle einer Mutter.

An einer anderen Stelle sagt Nakane Chie: „Es sei darauf hingewiesen, dass die Form der Anrede, einmal festgelegt, immer gleich bleibt."

Also ist es klar, dass Imai sensei für mich sensei bleibt, und eine sensei spricht man nicht mit „du" an.

Umgekehrt bin ich für alle, die mich über Imai san kennen, „Ruto-san".

Ruto-san" ist die 22-jährige Studentin, die sich Imai sensei als Begleiterin und Lehrerin bei ihrer Dissertation anvertraut hat.


Eine kleine Schachtel aus Paulowniaholz. Das Schächtelchen liegt in der größeren Schachtel mit den Fotos. Ich wollte es heute, als wir Fotos besprachen, auf die Seite geben, doch Imai san fragte, ob ich es nicht anschauen wolle. Es ist das Behältnis für die Nabelschnur und die Haare der neugeborenen Yasuko.

Die Nabelschnur ist ein zirka drei Zentimeter langes bräunliches vertrocknetes Etwas. Ein paar zwei, drei Zentimeter lange schwarze Haare liegen dabei. „Imai Yasuko" steht auf der Schachtel, in schönen japanischen Zeichen. Geburtsdatum: Shôwa acht, das ist 1933, 25. April, null Uhr fünfzig. Tierkreiszeichen der Neugeborenen tori, also Hahn. Auch Namen und Alter von Mutter und Vater sind angegeben. Und auf der Vorderseite der Schachtel wünscht ein goldenes Schriftzeichen kotobuki, Glück.


„Die Geburten waren damals gewöhnlich im eigenen Haus. Man ging nicht extra ins Spital. Aber eigentlich war alles möglich. Im eigenen Haus, mit und ohne Hebamme, im Krankenhaus, oder in der Einrichtung der Hebamme. Mein Bruder wurde jedenfalls zu Hause geboren. Die Hebamme war bei uns. Mein Vater freute sich sehr, weil endlich ein Bub kam, nach drei Mädchen. `Oki-nasai, oki-nasai! Steh auf! Steh auf!´ Ich erinnere mich, dass mein Vater mich weckte, weil ein Bub geboren wurde. `Itsumade nete irun­dschanai! Willst du denn überhaupt nicht mehr aufwachen!´ Ich glaube, es war Winter, Shôwa 14, 1939, vor dem Zweiten Weltkrieg."


Anmerkungen

Fotos| 25.10| 26.10| 27.10| 28.10| 29.10| 30.10| 31.10| 1.11| 2.11| 3.11| 4.11| 5.11| 6.11| 7.11| 8.11| 9.11| 10.11|
11.11| 12.11| 13.11| 14.11| 15.11| 16.11| 17.11| 18.11| 19.11| 21.11| 22.11| 23.11| 25.11| 26.11| 27.11| 28.11

Ruth Linhart | Japanologie | Biographieprojekt Imai Yasuko Email: ruth.linhart(a)chello.at