>Ruth Linhart | Japanologie | Biographieprojekt Imai Yasuko


Herbst in Hamamatsu, ein Reisetagebuch

Fotos | 25.10| 26.10| 27.10| 28.10| 29.10| 30.10| 31.10| 1.11| 2.11| 3.11| 4.11| 5.11| 6.11| 7.11| 8.11| 9.11| 10.11|
11.11|12.11| 13.11| 14.11| 15.11| 16.11| 17.11| 18.11| 19.11| 21.11| 22.11| 23.11| 25.11| 26.11| 27.11| 28.11

Rot tragen nur Geishas und Prostituierte

1. November, Samstag

Es ist wie Liebeskummer. Wenn ich beschäftigt bin, spüre ich nichts. Frühstück, Gesicht waschen, Wäsche waschen, staubsaugen. Ich erzähle Frau S., dass ich in meinem Zimmer eine kleine Kakerlake – gokiburi - gesehen habe. Sie gibt mir zwei gokiburi-Fallen. Ich spreche auch von der Spinne, die in meinem Bett war, und sie erzählt von den jorôgumo – von den Spinnen, die überall in den Büschen hängen. Schwarzgelb gestreifte große Spinnen, bis zu zehn Zentimeter groß, der Körper bis zu mehreren Zentimetern Durchmesser. Ach ja, jorô ist die Prostituierte. Weil die Spinnen so bunt sind, und mit ihren Farben locken, darum heißen sie so. Frau S. beteuert, dass sie die Spinnennetze jeden Tag zerstört, und dass sie jeden Morgen wieder da sind.

Ich habe Frau S. gebeten, heute Frau Imai zu besuchen und gemeinsam mit uns ein Stück Sachertorte zu essen, sonst wird diese Torte wirklich noch im Mülleimer landen. Sie schlägt vor, dass sie am Abend beim Heimfahren mit mir in den store einkaufen fährt, worüber ich froh bin, sonst müsste ich jetzt dorthin sausen.

Dann mache ich die Schiebetüre zu meiner Kammer zu, knie vor meinem Tischchen nieder, Hans schaut mich vom Foto her an, und es überfällt mich wieder. Ich könnte heulen. Welcher Teufel hat mich geritten, fünf lange Wochen fortzufahren? Ich kenne mich doch, ich weiß, dass ich Heimweh habe.

„Es ist schon eine Woche vergangen, wegen drei Wochen brauchen Sie keinen Tisch für mich zu kaufen", sagte ich zu Frau S.. Drei Wochen, was ist das schon! Ich muss schauen, dass ich von Imai sensei möglichst viel erfahre. Deswegen bin ich hier.


Nun ist es halb neun Uhr abends. Mir tut das Herz nicht weh! Hoffentlich hält dieser Zustand an.

Aha, Frau S. steigt die Stiegen in den ersten Stock hinauf. Sie ist neugierig und redet gern über andere, aber sie ist freundlich und entgegenkommend, wohlwollend. Und das ist angenehm. Sie lacht auch gerne. Man kann offen mit ihr reden. Ich hatte die Idee, sie zu bitten, sie bei verschiedenen Tätigkeiten fotografieren zu dürfen, beim Bügeln zum Beispiel. Dabei kniet sie an einem Bügelbrett, das sich zwanzig Zentimeter über dem Boden befindet. Kein Wunder, dass ihr das Bügeln iya, verhasst, ist!

Frau S. hat gesagt, sie geht jetzt die Winterkleider aus den Schränken herausräumen, weil heute keiner ihrer Männer da ist. Es ist Wochenende. Der Gatte ist in Ôsaka. Der Sohn ist in Nagoya und macht bei einem Marathonlauf von Nagoya bis Ise mit, wenn ich das recht verstanden habe. Hundert Kilometer! Wo er schläft, weiß die Mama nicht, aber er ist mit dem großen blauen Auto unterwegs, das der Papa nicht nach Ôsaka mitgenommen hat. Dieses Auto habe er bei Frau S.s jüngerer Schwester in Nagoya abgestellt. Die Puppen in den Glaskästen unter dem oshiire, die so zum Verstauben neigen, sind nicht von Frau S. gemacht, sondern Geschenke zur Geburt der Söhne, Geschenke der Schwiegermutter. Der ältere Sohn lebt in Tôkyô, meldet sich selten und ist „leider noch nicht verheiratet".

Bevor Frau S. in das obere Stockwerk verschwindet, sagt sie: „Jetzt können Sie sich herunten ausbreiten!"


Heute spazierte ich in der prallen Hitze bis zum Kaufhaus Apita. Ich schwitzte. Das Licht war grell. Ich musste die Sonnenbrille aufsetzen. Ich bewunderte die verschiedenen Blumen, die bei den Hauseingängen stehen. Es sind meistens nur ein paar Töpfchen mit Stiefmütterchen oder ein Busch mit einigen sazanka-Blüten.

Sazanka sind im Herbst blühende Kamelien. Aber in Japan liegt eben die Feinheit in der Kleinheit. Mit Frau Imai fuhr ich erst vor dem Abendessen ein bisschen hinaus, bis zu einer Plantage mit natsumikan. Im Wörterbuch steht „japanische Pampelmusenmandarine, Citrus natsudaidai", jedenfalls eine Art Orange, die meines Wissens nur in Japan vorkommt, mit dicker Schale und etwas bitterem Geschmack. Die wurm­stichigen Früchte lagen unter den Bäumen, klein und orange, große grüne hingen an den Zweigen. Frau Imai wollte, dass ich mit dem Rollstuhl in die lehmige Erde hinein fahre, damit sie die Früchte aus der Nähe betrachten könne. Eine am Boden liegende Orange nahmen wir mit. Alles um das Seireimikatahara-byôin gehört irgendwie zum Krankenhaus, auch ein Tennisplatz und etwas weiter weg ein Golfplatz.

Während des Abendessens erzählte mir Imai san, dass es im benachbarten Spital ein viel besseres Essen gebe, dass die Mahlzeiten in Schüsseln mit Deckeln serviert werden und daher heiß bleiben. Tatsächlich wird das Essen im Heim von der weit entfernten Küche in offenen Schalen und Schälchen in die Pflegestation geliefert, und ist natürlich bestenfalls lauwarm, wenn es ankommt. Auch das Plastikgeschirr stört Imai san. Im Spital gebe es Porzellangeschirr und Gläser.

Schlecht ist das Essen im Heim aber nicht, finde ich. Ich habe immer einen solchen Hunger, dass ich es bis zum letzten Reiskorn aufesse. Heute spendierte Imai san eine ichijiku, eine Feige, die sie im Vorbeigehen bei dem Geschäft neben dem Eingang zum Heim gekauft hatte – auf Schulden, weil wir beide kein Geld mithatten. Und dann, als Frau S. kam, servierte ich noch jeder von uns ein kleines Stück Sachertorte. Frau S. brachte Kaffeepäckchen mit, die sie ursprünglich für mich gekauft hatte, Einportionen-Säckchen gemahlenen Kaffees samt kleinen Filtertüten für jeweils eine Tasse.

Die Torte hätte ich mir besser sparen oder zumindest zur Hälfte sparen sollen. Imai san hat schon Freude daran, aber natürlich darf sie nicht zuviel davon essen. Frau S. erzählte, dass sich Imai san, als ich ihr zum siebzigsten Geburtstag eine große Torte schickte, damit den Magen verdorben hat. Imai san liebt süße Sachen. Beim Spazierengehen wollte sie icecream kaufen. Und während wir im Aufenthaltsraum sitzend arbeiteten, kam eine elegant gekleidete alte Dame, die mit ihr plaudern wollte. Sie brachte zwei Kuchen mit, die in einer Schachtel verpackt waren. Imai san aß noch knapp vor dem Abendessen einen der Kuchen aus Kastanien und Bohnen. In der Früh schenkte mir Frau S. einen kleinen Kuchen aus Süßkartoffelteig, der schmeckte sehr gut.

Als ich mit Imai san hinausging, stand die Sonne schon weit unten und warf rosa Abendlicht über die Gegend. Der Ginkobaum vor dem Heim ließ heute schon viel mehr gelbe Blätter auf den Gehsteig fallen, als vor einer Woche, aber zum Großteil ist er noch grün.

Auch im Heim wurde die Garderobe ausgewechselt, die Sommergarderobe wurde verräumt, die Wintergarderobe aus den Kästen geholt. Darum lag in Frau Imais Zimmer auch keine Jacke herum, und der prächtige Schal vom Haider Petkov, der ebenso wie die Sachertorte viel zu groß für die kleine Frau Imai ist, war verschwunden.


Mir kam vor, dass sie heute wieder besser beisammen war.

„Ich rufe die Antiquariate an!" schlug sie von selbst vor, als ich ihr von meiner Recherche bezüglich ihrer Bücher in Kyôto berichtete. Sie telefonierte nach Tôkyô und Fukuoka und organisierte, dass die Bücher zu ihr ins Heim geschickt werden. Das freut mich sehr.

Wir schlossen die Gespräche über die alten Familienfotos im Album ab, und ich musste eine große Holzschachtel mit einem flachen Deckel vom Bücherregal herunterholen. Viele der Fotos in der Schachtel habe ich ihr geschickt, etliche dokumentieren ihren Wien-Aufenthalt 1999. Drei Alben in A5-Größe sind mit Fotos der Abschiedsfeier anlässlich ihrer Pensionierung angefüllt. Ein paar Fotos sind sehr alt und zeigen die kleine Yasuko mit ihren KlavierlehrerInnen. Zwanzig Jahre hat sie ja Klavier gelernt und einige Jahre davon Pianistin werden wollen. Ich darf mir wieder einige Fotos ausborgen, damit Hans sie fotografieren kann.

„Rote Kleider hatte ich nicht, obwohl ich mich danach sehnte", erzählt sie, als wir Fotos betrachten, auf denen sie mit ihrer Mutter zu sehen ist, die nach dem Tod des Vaters bei der jüngeren Schwester in Mishima und bei ihrem Bruder in Matsumoto wohnte.

„Eine Freundin aus der Oberschule, die nähte, sagte: `Rot steht dir gut´. Sie machte mir einen Mantel in botan-iro, Päonien-Farbe. Einen sehr hübschen Mantel. Ich hatte ihn sehr gern. Aber meine Mutter sagte: 'Der ist zu rot, zu auffällig.' Danach genierte ich mich selbst auch damit und habe ihn nie mehr getragen. Das geht nicht spurlos an einem vorbei, wenn man so etwas gesagt kriegt. Grün war in Ordnung, aber rot ging nicht. Rot und andere starke Farben tragen nur Geishas und Prostituierte."


Imai sans Bruder heiratete 1967, in dem Jahr, als ich sie kennen­ lernte. Ich frage, ob sie zu dieser Zeit einen Freund hatte. „Atta ka mo shiremasen. Kann sein", sagte Frau Imai darauf. Schon früher hat sie mir erzählt, dass sie in ihrem Leben fünf renai hatte, fünf „Lieben". Mit dem letzten habe sie Schluss gemacht, als sie 1977 von Wien nach Japan zurückkehrte.

Heute zeigte sie mir unter anderem ein Foto von einem Treffen des Mitschülervereins der Sapporo nishi-kôkô, der Oberschule Sapporo West, aus dem Jahre 1996. "In der ersten Reihe von links sitzt mein erster richtiger Freund aus der Jugendzeit. Ich glaube, dass es gut war, dass er nicht mein Mann wurde." Auf dem Erinnerungsfoto sieht man in der ersten Reihe einen noch immer ziemlich attraktiven weißhaarigen Herren.


Später suchte sie gemeinsam mit Frau S. nach Ideen, wie sie ihr Buch verkaufen könnte. Ich sagte, sie soll auf der Adressenliste für Interessenten ihres Buches auch bei S. ein schwarzes Dreieck machen. Die mit dem schwarzen Dreieck will sie ersuchen, mehrere Bücher zu kaufen.

In ihrem Bücherschrank stehen außer ihren eigenen Büchern unter anderem „Daini no sei", Band 1-5, die japanische Übersetzung von „Das andere Geschlecht", von Simone de Beauvoir, „Fueminisumu wa chûgoku o dô miru ka - Wie sieht der Feminismus China" und "Sapporo shiden o hashita michi – konshaku - Die Wege der Straßenbahn von Sapporo, Gegenwart und Vergangenheit".


Fotos | 25.10| 26.10| 27.10| 28.10| 29.10| 30.10| 31.10| 1.11| 2.11| 3.11| 4.11| 5.11| 6.11| 7.11| 8.11| 9.11| 10.11|
11.11|12.11| 13.11| 14.11| 15.11| 16.11| 17.11| 18.11| 19.11| 21.11| 22.11| 23.11| 25.11| 26.11| 27.11| 28.11

Ruth Linhart | Japanologie | Biographieprojekt Imai Yasuko Email: ruth.linhart(a)chello.at